Marcel Engeli lenkt seinen Fiat Panda gemächlich durch die Dämmerung. Der Mond steht über dem Wald, die ersten Vögel zwitschern. Es ist fast fünf Uhr morgens, Engeli seit Stunden in der Region rund um Winterthur unterwegs. Aus den Boxen schallt ein Hudigääggeler, sein rechter Zeigefinger wippt im Takt. «Da sind wir.» Er steigt aus und lässt den Blick über die Wiesen schweifen. «Schöner als im Näscht», brummelt er unter seinem Schnurrbart. Marcel Engeli ist 74 und seit 50 Jahren Jäger.

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Diese Stimmung zwischen Tag und Nacht, wenn in der Stadt die Ampeln noch orange blinken und auf dem Land erst in wenigen Ställen Licht brennt, kann süchtig machen. Doch Engeli ist nicht deshalb so früh unterwegs. Der frühere Möbelhändler hat eine Mission.

Pro Jahr 1700 Tiere zerfetzt

Von April bis Juli setzen Rehe ihren Nachwuchs ins hohe Gras. In den ersten Lebenswochen rennen die Kleinen bei Gefahr nicht weg, sondern ducken sich. Vor natürlichen Feinden wie dem Fuchs sind sie trotzdem recht gut geschützt, denn sie riechen nach nichts. Den Mähmaschinen der Landwirte aber sind sie ausgeliefert. Jahr für Jahr geraten in der Schweiz rund 1700 Bambis zwischen die Klingen. «Das will keiner sehen, da kommen dir die Tränen», sagt Engeli.

Im besten Fall sterben die Kitze sofort, oft müssen sie aber von ihrem Leiden erlöst werden – von Jägern wie ihm. Engeli will so viele Kitze wie möglich vor diesem Schicksal bewahren. Deshalb ist er in der «Bambi-Saison» fast jede Nacht auf der Pirsch. «Mir geht es um einen gesunden Wildbestand. Nur die Kranken und die Schwachen werden später geschossen», sagt er. Und: «Wer diese Tierli nicht sehr gern hat, tut sich das nicht an, Nacht für Nacht.»

Er greift zum Nachtsichtfeldstecher. «In dieser Wiese hat es oft Kitze drin, gestern habe ich hier eine Geiss gesehen.» Die Gräser wiegen sich im Wind, der Bauer will heute mähen. Der Himmel wird heller und heller.

Ein Rehkitz liegt im Feld.

Dieses Rehkitz hatte Glück und konnte vor den Mähmaschinen gerettet werden.

Quelle: PASCAL MORA

Zeit für Bruno Holliger und Cordula Sanwald, alles für die Suche bereit zu machen. Rehkitzretten ist keine One-Man-Show, sondern Teamarbeit. Die beiden sind Engeli mit einem separaten Auto gefolgt. «Rehkitzrettung Schweiz», steht darauf – ein Verein mit rund 400 Freiwilligen in der ganzen Deutschschweiz. Warum sie sich für die Bambis die Nächte um die Ohren schlagen? «Weil man die Natur um diese Uhrzeit ganz neu erlebt. Weil es der Seele guttut. Und weil es einem einfach ein tolles Gefühl gibt», sagt Sanwald, im richtigen Leben Kommunikationsfachfrau.

Um die Kitze zu orten, kommen Drohnen mit Wärmebildkameras zum Einsatz. Jeder helle runde Fleck auf dem Wärmebild könnte eines sein. Zu sehen sind sie nur, solange die Umgebung kühler ist als die Körperwärme des Tiers. Sobald die Sonne aufs Feld scheint, funktioniert das nicht mehr. Und Drohnen-Akkus halten nicht ewig. «Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit», sagt Holliger. Er ist Informatikingenieur – und Drohnenpilot.

«Das will keiner sehen, da kommen dir die Tränen.»

Marcel Engeli, Jäger und Rehkitzretter

Jäger Marcel Engeli über Rehkitze, die von Mähmaschinen zerfetzt wurden.

Quelle: PASCAL MORA

Die Bauern geben Jäger Engeli am Vorabend Bescheid, er trommelt das Team zusammen und koordiniert. Bei gutem Heuwetter kann es vorkommen, dass das Trio in einer Nacht über 15 Wiesen absucht. Für die Landwirte ist der Service gratis. Eine Drohne kostet 4000 Franken oder mehr. «Viele verdrehen die Augen, wenn ich sage, dass ich in meiner Freizeit Drohnen fliege. Wenn ich aber erzähle, dass ich Rehkitze rette, finden es alle ganz toll», sagt Holliger.

Er holt das gute Stück aus dem Kofferraum, packt es aus der selbstgezimmerten Holzkiste und legt den Landeplatz auf den Boden. Seine Kollegin Cordula Sanwald platziert derweil den Bildschirm auf einem Stativ und schaltet die Walkie-Talkies ein. Dann steigt die Drohne auf. Surrend und blinkend fliegt sie in etwa 70 Metern Höhe über die Wiese. Alle schauen gebannt auf den Bildschirm. «Da, das könnte eines sein», sagt Sanwald. Ein runder weisser Fleck ist deutlich zu sehen.

Bruno Holliger steuert die Drohne exakt über die Stelle, Cordula Sanwald stapft ins Feld. Und Marcel Engeli wartet mit einer Holzkiste. Falls ein Kitz in der Wiese liegt, wird er es hineinpacken, mit einem Tuch bedecken, darüber dicke Äste legen und am Waldrand deponieren. Hat der Bauer gemäht, wird es wieder freigelassen. Die Muttergeiss findet ihr Kitz dann über Rufe wieder.

«Viele verdrehen die Augen, wenn ich sage, dass ich in meiner Freizeit Drohnen fliege. Wenn ich aber erzähle, dass ich Rehkitze rette, finden es alle ganz toll.»

Bruno Holliger, Drohnenpilot

«Noch ein paar Schritte in diese Richtung», weist der Pilot über Funk die Helferin an. «Noch drei, zwei, eins, jetzt bist du da. Und?» – «Nichts, ein Erdhaufen», kommt es aus dem Feld zurück. Das Ganze wiederholt sich noch dreimal. «Die Rehe hören auch nicht mehr auf mich. Ich habe denen sicher viermal gesagt, wir kommen heute mit der Presse und sie sollen gefälligst ihre Kitze hier ablegen», brummt Engeli. Doch eigentlich ist er froh. In dieser Wiese wird sicher kein Kitz vermäht. «Fahren wir weiter.»

Über enge Kurven und schmale Strässlein geht es zur nächsten Wiese. «Dort, schau, der hat gemäht», raunt Engeli plötzlich und schickt ein Schimpfwort hinterher. Er lässt die Scheibe runter und schaut durch den Feldstecher zum einige Hundert Meter entfernten Waldrand. «Da liegt etwas, es bewegt sich nicht. Der hat sicher eins erwischt, gopferteli!» Zeit zum Nachschauen bleibt keine. Zu gern würde er alle Bauern überzeugen, bei der Kitzrettung mitzumachen. «Sie müssen ja nur anrufen.» Das wäre auch in ihrem Interesse: Ein verendetes Kitz im Heu kann den ganzen Viehbestand vergiften.

Das Kitz fiept, die Geiss bellt

Nächster Halt irgendwo bei Kollbrunn. Das Gras ist etwas höher und die Chance grösser, dass eine Geiss ihr Kitz zur Welt gebracht hat. Die Drohne steigt erneut in den Himmel, kurz darauf zeigt sich ein Punkt auf dem Bildschirm. Und tatsächlich: «Kitz! Kitz!», tönt es aus dem Walkie-Talkie. Marcel Engeli packt die Kiste und macht sich auf den Weg.

Zusammengerollt, schläft das Jungtier im Gras. Engeli trägt Gummihandschuhe und nimmt noch ein Büschel Gras in die Hände, um ja keinen menschlichen Geruch auf das Kitz zu übertragen. Er hebt es auf – die Rufe des Kleinen gellen durch die Dämmerung. Und noch während sie die Kiste mit dem Kitz zum Waldrand tragen, erscheint die Muttergeiss und bellt.

Gutes Verhältnis mit den lokalen Bauern

«So, und jetzt schau ich, ob der Leuenberger schon auf ist. Dort kriegen wir bestimmt einen Kaffee», sagt Marcel Engeli und greift zum Handy. Es ist noch nicht mal sechs Uhr. Der Leuenberger Thomas ist wach – und tischt dem Suchtrupp Kaffee mit Eierkirsch auf. «Das ist im Fall eine Ausnahme, das machen wir nicht immer», sagt Engeli.

Leuenberger, ein Bär von einem Mann, dessen Kopf beinahe die Decke berührt, nickt. Er hat 2006 den Hof der Eltern übernommen. 46 Milchkühe leben hier, ausserdem betreibt er Ackerbau. Solange er denken könne, habe man die Wiesen vor dem Mähen nach Kitzen abgesucht oder versucht, sie daraus zu vertreiben. Verblenden und Verwittern nennt sich das. Der Jäger stellt dabei weisse Fahnen ins Feld und sprüht sie mit Duftstoffen ein. Den Rehgeissen ist das suspekt. Sie holen ihre Kitze raus – oder auch nicht. «Das Abfliegen mit der Drohne ist viel sicherer», sagt Leuenberger.

Auch ihm sei schon ein Kitz in die Maschine geraten. «Bei den modernen Maschinen fährst du wie mit einem Riesenschiff über den Ozean, da merkst du das nicht einmal.» Warum nicht alle Bauern die Wiesen absuchen? «Man kann halt nicht am Morgen spontan entscheiden: So, jetzt mähe ich dort noch schnell», sagt er. Und: «Viele arbeiten mit externen Lohnunternehmen zusammen, die zum Beispiel die Ballen machen. Das wird schnell kompliziert.»

Marcel Engeli hat Verständnis. Er freut sich aber über jeden, der trotzdem mitmacht. In seinen Revieren sind fast alle Bauern mit im Boot, man habe ein gutes Verhältnis, erzählt er. «So, und jetzt muss ich los. Hast du eigentlich nichts Besseres zu tun, als Eierkirsch auszugeben?», frotzelt er und stupst den Hünen mit dem Ellenbogen in die Seite. Drei Felder abgeflogen, ein Kitz gerettet – der Jäger ist zufrieden.

Bambi: Hirsch, Reh oder was?

Rehkitze werden landläufig gern als Bambis bezeichnet. Das Bambi aus dem Kinderbuch von Felix Salten ist tatsächlich ein kleines Reh. Im beliebten Disney-Film hingegen wächst Bambi zu einem Weisswedelhirsch heran, dort ist Bambi also ein Hirschkalb. Fälschlicherweise wird es in der deutschen Übersetzung aber als Rehkitz bezeichnet. So entstand der verbreitete Irrglaube, Hirsche seien männliche Rehe.

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