Beobachter: Sie haben in einer aktuellen Studie mehr als 200 Anwendungen von perfluorierten Chemikalien (PFAS) aufgespürt, oft bisher unbekannte. Hat Sie das überrascht?
Juliane Glüge: Ja, die schiere Menge hat uns sehr überrascht. Es gibt PFAS in Kletterseilen, in Bodenreinigungsmitteln, in Gitarrensaiten, Kunstrasen oder Munition. Bis jetzt gab es keine ähnlich grosse Übersicht über PFAS-Anwendungen. Deshalb hat die Arbeit international grosses Interesse ausgelöst.


Alle Menschen haben PFAS im Blut. Müssen wir uns Sorgen machen?
Ja, leider schon. Bei vielen ist die Konzentration von PFAS im Blut so hoch, dass eine gesundheitliche Beeinträchtigung möglich ist. Erhöhte Konzentrationen der Substanzen PFOA und PFOS im Blut können zum Beispiel die Wirkung von Impfungen vermindern, die Neigung zu Infekten erhöhen, die Cholesterinwerte steigern und bei Babys ein verringertes Geburtsgewicht zur Folge haben.


Diese Chemikalien bauen sich nicht ab. Was bedeutet das?
Alles, was wir jetzt freisetzen, reichert sich in der Umwelt an. Wenn einmal ein Level überschritten ist, das zu besorgniserregenden Effekten in Menschen und Umwelt führt, ist es unmöglich, das wieder rückgängig zu machen. Man kann es nicht mehr aufhalten.

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Gerät das Problem ausser Kontrolle?
Das weiss ich nicht. Das hängt auch davon ab, wie jetzt die Regulierung vorangeht.


Klimawandel, Insektensterben, Pestizide, Mikroplastik und jetzt noch PFAS. Das überfordert viele.
Dennoch muss man alle Probleme jetzt angehen. Wenn wir heute nichts gegen die weite Verbreitung von PFAS unternehmen, haben wir in 30 oder 40 Jahren ein noch grösseres Problem. Es ist also nebst den anderen globalen Problemen ein Thema, das jetzt viel Aufmerksamkeit braucht.


Es gibt auch PFAS-freie Produkte, zum Beispiel bei Outdoorjacken. Laut Stiftung Warentest sind sie aber etwas weniger wasserdicht als PFAS-Jacken.
Ja, das kann sein. Die Frage ist aber, ob es immer nötig ist, die bestmögliche Wasserdichte zu haben. Wenn Feuerwehrleute bei Buschbränden über Stunden das Löschwasser abbekommen, ist es sicher extrem wichtig, dass sie die bestmögliche Ausstattung haben. Wenn ich aber bei Regen zum Einkaufen gehe, brauche ich keine Jacke, die öl- und fettabweisend ist und langem Starkregen standhält. Wer trotzdem eine kauft, muss damit leben, dass er Menschen und Umwelt schadet.

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Liegt da die Macht der Konsumentinnen?
Ja. Wer PFAS-freie Produkte kauft oder verlangt, hilft der Industrie auf die Sprünge. Selbst in Kosmetika habe ich PFAS gefunden. Das will niemand.


Können die Konsumenten allein das Problem aus der Welt schaffen?
In erster Linie muss die Industrie handeln. Es wäre schön, wenn mehr Unternehmen darauf achten würden, was für Chemikalien sie in ihren Produkten einsetzen.


Soll die Industrie für PFAS-Verschmutzungen haften?
Ich fände es gut, wenn die PFAS-Hersteller Rückstellungen bilden müssten, um Folgeschäden abzufedern, die sie verursacht haben. Es sollte nicht so sein, dass Firmen mit der Herstellung von PFAS Profit machen und ihn an die Aktionäre auszahlen, für die Schäden aber die öffentliche Hand aufkommen muss. Da stellen sich schon Gerechtigkeitsfragen. In der Bundesverfassung steht ausserdem explizit, dass die Verursacher von Umweltverschmutzungen die Kosten der Beseitigung zu tragen haben.

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Wer hat versagt?
Die Hersteller haben Substanzen auf den Markt gebracht, deren Gesundheitsrisiko sie nicht genügend abgeklärt haben. Damit haben sie ihre Pflichten verletzt. Die Europäische Chemikalienagentur hat einige PFAS bereits als «besonders besorgniserregende Stoffe» eingestuft, die Bewertung von vielen weiteren steht aber noch aus.


Was, wenn sich nichts ändert?
Die Kosten des Nichthandelns sind enorm. Trinkwasserversorger bekommen Probleme wegen kontaminierten Grundwassers, die Gesundheitskosten steigen. Der Gewinn der PFAS-Hersteller ist im Vergleich dazu gering. Das müssen sich Regierungen vor Augen halten.

Zur Person

Juliane Glüge

Juliane Glüge ist Umweltnaturwissenschaftlerin an der ETH Zürich.

Quelle: Privat
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