Am 7. Juli 2010 knallte es. Eine Baggerschaufel traf am Rand der Grube auf ein explosives Gemisch: Die Verbindung von schlagempfindlichem Chlorat und einer unbekannten, brennbaren organischen Substanz ging in die Luft. Schwarze Brocken hochgiftigen Mülls schossen wie Projektile gegen die Führerkabine des Baggers und bis ans Hallendach in zehn Metern Höhe. Anton Aeby, Sicherheitsbeauftragter der Sanierungsfirma BCI Betriebs-AG, erinnert sich: «Die Heftigkeit der Explosion hat uns überrascht.»

Trotzdem ging der Unfall glimpflich aus. Der Maschinist erlitt leichte Schnittwunden, Dach, Bagger und Überwachungskameras wurden beschädigt. Zwar waren Bevölkerung und Umwelt nicht gefährdet, wie sofortige Luftanalysen durch die Feuerwehr und spätere Staubanalysen rings um die Deponie ergaben. Doch die Sicherheit der rund 30 Arbeiter vor Ort wurde durch die unerwartet heftige Detonation in Frage gestellt. Verbesserungen waren nötig. Für zehn Monate ruhten die Arbeiten, bis die notwendigen Massnahmen mit den Behörden abgeklärt und umgesetzt waren.

Die Sondermülldeponie Bonfol liegt im Jura, nahe der Landesgrenze.

Quelle: BCI Betriebs-AG

15 Jahre lang Giftmüll versenkt

Wie ein industrielles Denkmal steht ein 150 mal 122,5 Meter grosses weisses Bogendach in der idyllischen Wald- und Feldlandschaft des Bauerndorfs Bonfol JU. Das Dach überspannt gut die Hälfte der Deponie, deren Fläche vier Fussballfeldern ­entspricht. Im «Schwarzbereich» wabert gespenstischer Dunst. Dieser Ort darf nur mit Schutzkleidung betreten werden. Sein Name passt zur pechschwarzen Farbe des Chemiemülls, in den bereits ein drei Meter tiefes Loch gegraben wurde.

Keine Menschen in der Aushubhalle, während gegraben wird – das ist die neue Losung nach der Explosion. Seit Mai dieses Jahres wird der Aushub fortgesetzt, mit ­einigen Neuerungen. Statt unten in der Halle thront Baggerführer Zehadin Ajgeraj im Nebengebäude auf einem Podest. Sessel, Pedale, Steuerknüppel, Armaturenbrett – alles ist wie in einer echten Führerkabine. Von dieser erhöhten Warte aus ­manövriert Ajgeraj den Bagger, mit dem er Aushub verlädt. Seine Arbeit überprüft er auf zwei Flachbildschirmen, die körnige Aufnahmen der acht Kameras auf und um den Bagger zeigen. «Zu Beginn war es ­ungewohnt, da man die Bewegungen der Maschine weniger spürt», sagt der Polier der Baufirma Marti, die für den Aushub der Abfälle verantwortlich ist.

«Fast jeder Meter wird überwacht»

Rund 114'000 Tonnen Abfälle hat die chemische Industrie von Basel zwischen 1961 und 1976 in die ehemalige Tongrube gekippt. Niemand weiss, was genau im Untergrund lagert. Die Stoffe stammen aus der Produktion von Farbstoffen, Pharmazeutika, Waschmitteln und Agrochemikalien. Aber auch Laborchemikalien oder alte Militärbatterien lagern hier. Alles wurde unsortiert und undokumentiert versenkt; dies zu einer Zeit, als deutsche Chemiefirmen bereits die ersten Sondermüll­öfen bauen liessen. Umweltorganisationen kritisieren bis heute, dass die Chemiefirmen auf genaue Stoffanalysen verzichten.

Doch die Deponie füllte sich mit Wasser, bis in den achtziger Jahren Schadstoffe ausliefen. Gemäss der Altlastenverordnung von 1998 wird die Deponie seit April 2010 saniert; die 350 Millionen Franken dafür zahlt die Basler Chemie. Der Schutz der rund 30 Arbeiter, der Bevölkerung und der Umwelt steht im Zentrum. Dafür wurden Schaumsprinkler, Wärmebildkameras, ein Netz aus 75 Schadstoff-Messstationen im Grundwasser installiert. Umweltschützer setzten vor Gericht durch, dass die BCI die Abluft aus der Halle verbrennen musste. Nach der Explosion kamen der ferngesteuerte Bagger und ein Schredder dazu. Die Aufrüstung kostete mehrere Millionen Franken.

Abfall wird ins Ausland exportiert

Der Aushubkran war schon von Anfang an ferngesteuert. Sein Greifer packt sich eine Fuhre – Fässer, Filterreste aus Stoff und auch lose Substanzen. Rasselnd fallen sie in eine Sortierwanne, wo Fachleute von fern einen ersten Augenschein nehmen. Von dort wird die schwarze Mixtur in den Schredder gebaggert, auf einen Wagen geschüttet und in die Vorbereitungshalle gefahren. Erst jetzt kommen Menschen mit dem Sondermüll in Kontakt, um ihn für den Transport in die Verbrennungsanlagen in Deutschland und Belgien vorzubereiten.

Über diese Arbeiter wacht Karl Mosimann auf der Leitwarte. Seit 30 Jahren arbeitet der Betriebsleiter der Chiresa AG – einer auf die Entsorgung industrieller Abfälle spezialisierten Firma – mit toxischem Müll. Er sitzt mit seinem Kollegen Olivier Renger vor einem Dutzend Bildschirmen, in Rufdistanz zu den Kran- und Baggerführern. So können sie die Abfallfuhren reibungslos von einer Halle in die nächste übergeben. «Fast jeder Meter hier wird überwacht», sagt Mosimann – zur Sicherheit der Arbeiter. «Die Leute müssen sich auf uns verlassen können», sagt Renger. «Wir erinnern sie, wenn nötig, das Tor zu schliessen, und stellen sicher, dass keine ferngesteuerten Maschinen bewegt werden, während sie in der Halle sind.»

Die beiden Vermummten heben mit einem Kran einen Eisendeckel auf einen roten Transportcontainer. Einer fährt diesen mit dem Gabelstapler in die Dekontaminierungsschleuse. Dort spritzen die Männer ihn mit dem Schlauch ab – erst jetzt darf er die Halle verlassen.

Im Umkleidebereich steht Gerätewart Lothar Weber bereit. Er hilft den Männern, sich aus den Schutzanzügen zu schälen, damit sie diese nicht berühren müssen. An der Decke kleben Pin-up-Fotos, «damit die Jungs stillhalten, während ich ihnen den Reissverschluss am Hals öffne», sagt Weber grinsend. Die Arbeiter sind schweissgebadet. Maximal anderthalb Stunden bleiben sie im Schwarzbereich. «Für uns ist das normal», sagt Renger. «Wir wurden monatelang für diese Arbeit geschult.»

Im Laborcontainer unterzieht Chemielaborant Theo Rüd Proben aus dem geschredderten Müll einer ganzen Reihe von Tests: Gibt es giftige Gase? Radioaktive Strahlung? Rüd ermittelt grob, welche chemischen Elemente vorhanden sind, bestimmt Säure- und Basengehalt und identifiziert explosive Substanzen mittels eines Fünfkilogewichts, das er auf die Probe fallen lässt: funkt es, ist eine hochreaktive Substanz wie Chlorat vorhanden. Diese Inhaltsanalyse deckt mögliche Gefahren auf und ermöglicht die optimale Vorbereitung für den Transport. In Öfen in Deutschland und Belgien wird der Sondermüll bei 1200 Grad verbrannt. Übrig bleiben etwa 30 Prozent nichtreaktive Schlacke, die in Endlagern vergraben wird.

Arbeitsunterbruch auf der Leitwarte: Ein Schlauch am Bagger ist kaputt, Ersatz muss in Pruntrut besorgt werden. Wie auf jeder Baustelle läuft nicht immer alles nach Plan. In der Aushubhalle zieht ein vermummter Arbeiter das Kabel der Transportlore hinter sich her, da die Automatik einer Kabelrolle defekt ist. «Wir haben Respekt vor der Gefahr, sind aber nicht dauernd nervös», sagt Polier Ajgeraj. Auch der Umgang mit Gefahr wird irgendwann zur Routine. Laut Geschäftsführer Michael Fischer ist eine weitere Explosion trotz allen Vorkehrungen nicht ausgeschlossen. «Doch unsere Massnahmen garantieren den Schutz von Menschen und Umwelt.»

Umweltverbände bleiben skeptisch

Was diesen Punkt betrifft, ist das Collectif Bonfol (CB), ein Zusammenschluss von Umweltverbänden, Gewerkschaften und französischen Grünen, nach wie vor skeptisch. CB-Mitglied und Altlastenexperte Martin Forter bemängelt etwa, dass bis heute nicht bekannt sei, welche Schadstoffe bei der Explosion in die Umwelt gelangt seien. Das Collectif fordert deshalb genauere Schadstoffanalysen sowie die Fernsteuerung weiterer Maschinen im Schwarzbereich. Michael Fischer hält dagegen, dass die Schutzmassnahmen mit Spezialisten überarbeitet worden seien. «Wir sind überzeugt, dass wir die richtigen Massnahmen getroffen haben.»

Es geht dabei auch ums Geld. Jeder Tag, an dem die Arbeit ruht, kostet die Basler ­Chemieindustrie 20'000 Franken. Auch für die anderen beteiligten Firmen fallen ­Kosten an. Wegen der Explosion sind die Abbauarbeiten zehn Monate in Verzug.

Auch Fernand Gasser, der Bürgermeis­ter von Bonfol, sähe eine weitere Verzögerung nicht gerne. «Am Anfang war die Explosion ein Schock», sagt der Landwirt. «Wir wurden aber sofort informiert, und zum Glück war es nicht so schlimm.» Die meisten im Dorf seien zufrieden, dass die Deponie saniert wird und endlich – nach 20 Jahren der Negativwerbung – verschwindet. «Wir möchten, dass Bonfol endlich nicht mehr nur wegen der Sondermülldeponie bekannt ist.» Die Bürger beratschlagen derzeit diverse Vorschläge, wie sich «Bonfol nach der Deponie» aufwerten liesse: mit einem Alterstagesheim, einem Naturinformationszentrum oder einer Verschönerung des Dorfkerns. Das versprochene Geld dazu stammt, wie könnte es anders sein, von der Basler Chemie.

Giftmüll in Bonfol: 50-jährige Altlast

1961–1976
Auf 20'000 Quadratmetern werden rund 114'000 Tonnen Sonderabfälle in eine alte Tongrube gekippt. Sie stammen von der Basler Chemieindustrie, aus dem Kanton Bern, vom regionalen Gewerbe und von der Armee.

1976
Die Deponie wird stillgelegt und mit einem Tondeckel versiegelt.

1986–1995
Auslaufende Chemikalien belas­ten das Grundwasser. Die Anlage wird um ein Drainagesys­tem, eine neue Abdeckung und eine vierstufige Kläran­lage erweitert.

Ab 1995
Risikoanalysen zeigen keine akute Gefährdung für Mensch und Umwelt. Umweltschützer halten jedoch die Messungen für ungenügend.

1998
Verordnung über die Sanierung von belasteten Standorten (AltlV) tritt in Kraft.

2000
Der Kanton Jura fordert die definitive Sanierung gemäss AltlV.

Mai 2000
Greenpeace besetzt das Areal.

Juli 2000
Die Basler Chemie willigt in die Totalsanierung ein.

2003
Einreichung Sanierungsprojekt gemäss AltlV. Es entspricht laut Collectif Bonfol (CB) weder den Arbeitsschutz- noch den Umweltgesetzen.

2005
Der Kanton Jura genehmigt das Sanierungsprojekt.

2006
Einsprache durch CB

2008
Erteilung der Baubewilligung; Gerichtsverfahren gegen das Sanierungskonzept

April 2010
Erster Abfallaushub

7. Juli 2010
Lokale Explosion in der Aushubhalle

18. Mai 2011
Wiederaufnahme des Aushubs der Abfälle