«Es ist Zeit für einen Entscheid», sagt Stefan Wicki, «wir warten seit 17 Jahren auf den Stollen.» Der Elektroingenieur der Firma Onyx kennt das ganze Hin und Her um den Wynauer Stollen. Die Tochterfirma der Berner Kraftwerkgesellschaft BKW betreibt drei Wasserkraftwerke an der Aare. Zwei davon bei Wynau, einem Dörfchen im Oberaargau zwischen Solothurn und Olten.

Wer das von Autobahnen, Hauptstrassen und Bahntrassees zerschnittene Siedlungsgebiet verlässt und auf einer Landstrasse zur Aare fährt, blickt westlich von ­Wynau über eine idyllische Flusslandschaft. Hier könnte mit dem Bau eines unterirdischen Stollens die Leistung des Elektrizitätswerks nahezu verdoppelt werden. «Das gäbe sauberen Strom aus Aarewasser für mindestens 10'000 weitere Haushalte», sagt Wicki. Der Stollen ist das letzte grosse Energieprojekt an der Aare. Doch es ist blockiert, Naturschützer sind dagegen.

Einer der Kritiker ist Helmut Barner, Lehrer aus ­Wynau. «Es ist inakzeptabel, dass der letzte naturnahe Aareabschnitt im Berner Mittelland zerstört werden soll», sagt er. Barner ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Aare. «Wir wollen kein Restwässerchen, sondern einen ursprünglichen und rauschenden Mittellandfluss.» Falls Onyx am Stollen festhalte, würden die Naturschützer sich weiter zur Wehr setzen. Notfalls bis vor Bundesgericht, das ihnen in der gleichen Sache schon einmal recht gab.

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Der Streit um das Stollenprojekt ist ein Paradebeispiel für die zuwiderlaufenden Interessen von Naturschützern und Stromproduzenten. Die Aare ist nicht nur ein iden­titätsstiftendes Gewässer, sondern auch das Herz der Schweizer Energieversorgung. Mit Aarewasser betriebene Turbinen liefern einen Sechstel des aus Wasserkraft produzierten Stroms. Auch die Atomindustrie setzt auf den Fluss. Die Keimzelle der schweizerischen Nutzung von Atomenergie, das 1988 ins Paul-Scherrer-Institut integrierte Institut für Reaktorforschung, wurde in Würenlingen an der Aare errichtet. Und drei der fünf Atomkraftwerke werden direkt mit Aarewasser gekühlt, im AKW Gösgen zirkuliert Wasser aus dem Fluss im Kühlturm.

Die ersten Wasserkraftwerke entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts. Seither ist fast jeder Meter des Flusslaufs ausgebaut worden. Ein Wehr reiht sich ans nächste. Vom Oberlauf bis zur Mündung in den Rhein stehen 90 Laufkraftwerke. Das Potential zur Energiegewinnung ist zu 99 Prozent ausgeschöpft. Noch mehr Energie im grossen Stil gibt der Fluss nicht her. Mit einer Ausnahme: dem Stollenprojekt in Wynau, sagen die Kraftwerkbetreiber.

Die Stromproduktion hat dort eine lange Tradition. Am Abend des 23. Januar 1896 leuchten im nahen Langenthal zum ersten Mal Glühbirnen. «Strom aus Wynau bringt die Lampen zum Glühen und erhellt die Amts­gasse taghell», schreibt die «Oberaargauer Zeitung». Um mehr aus dem Aarewasser herauszuholen, wird am gegenüberliegenden Solothurner Ufer in Schwarzhäusern ein zweites Werk errichtet. Seine vier Turbinen gehen 1925 ans Netz.

Noch wird die Kraft des Wassers aber nicht auf der ganzen Breite des Flusses genutzt. Erst in den 1980er Jahren machen sich die Ingenieure daran, das zu beheben. Sie planen zwei Ausbauetappen: In einem ers­ten Schritt soll das alte Kraftwerk Wynau ein Wehr erhalten, das die Aare staut. So könnte mehr Wasser auf die Turbine ge­leitet und die Stromproduktion gesteigert werden. Der zweite Schritt sieht vor, Wasser auf eine zweite Turbine tiefer im Untergrund zu leiten. Das höhere Gefälle würde die Energieausbeute steigern. Das Wasser soll danach durch einen fast drei Kilometer langen Stollen flussabwärts nach Murgenthal und dort wieder in die Aare fliessen. Die Opposition gegen das Wehr ist gering, nach vierjähriger Bauzeit geht 1996 eine neue Turbine ans Netz. Der Stollen hingegen wird zum Zankapfel.

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Die Sorge der Naturschützer gilt dem «Aarekehr», einer Flussschlaufe zwei Kilometer unterhalb des Wehrs. Der Flusslauf wendet an dieser Stelle in einer spitzen Kurve gegen Süden und nach ein paar hundert Metern in einer langen Kurve Richtung Murgenthal und Rothrist wieder nach Osten. In diesem Abschnitt verwandelt sich die ­kanalisierte und schnell fliessende Aare in ­einen breiten und naturnahen Fluss. An Kiesbänken wirbelt das Wasser auf. Das sorgt für besonders sauerstoff­reiches Wasser, was vielen Tieren und Pflanzen, die in der Aare sonst rar geworden sind, zugutekommt. Man findet hier seltene Rotalgen sowie Eintags- und Köcherfliegen. Abwechslungsreiche Ufer bieten den Fischen Gelegenheit zum Laichen. Biber nagen an den Bäumen. Zwei kleine Inseln runden das idyllische Bild ab.

«Das Stollenprojekt würde diese naturnahe Landschaft zerstören, weil es dem Aarekehr zu viel Wasser entziehen würde», sagt Helmut Barner. Besonders in trockenen Zeiten könnte sich das verheerend auswirken, Lebensraum für Tiere und Pflanzen ginge verloren.

Als das Wynauer Aareknie 1996 in das Bundesinventar schützenswerter Landschaften aufgenommen wird, erhalten die Umweltschützer Oberwasser. Sie erheben beim Bundesgericht Einsprache gegen das vom Kanton schon genehmigte Stollenprojekt und erhalten recht. 2003 bewerten Gutachter der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission den Landschaftsschutz als wichtiger als die Steigerung der Stromproduktion. Die Onyx stellt das Projekt zurück. Vorübergehend.

2011 ändert die Reaktorkatastrophe von Fukushima, ­Japan, die Ausgangslage. Der Bundesrat beschliesst den Ausstieg aus der Atomenergie. Strom aus Wasserkraft soll einen Teil des Atomstroms ersetzen. Die Firma Onyx holt den Stollenplan aus der Schublade. «Das Projekt passt zur Energiestrategie des Bundes und des Kantons. Es leis­tet einen wichtigen Beitrag zur Energiewende», sagt Stefan Wicki. Die Firma hat eine rechtsgültige Konzession der Kantone Bern und Solothurn. Was fehlt, ist die Baubewilligung. Darum wird das Projekt derzeit überarbeitet.

Für die Argumente der Gegner hat Stefan Wicki kein Verständnis. «Es bleibt genügend Wasser, wir halten alle Vorschriften zu den Restwassermengen ein.» Der Stollen könnte die Aareschlaufe sogar aufwerten, sagen manche Gewässerfachleute. Denn eine konstant bleibende Wassermenge stoppe die Erosion der Inseln.

Helmut Barner hingegen befürchtet, dass im Aarekehr zu Trockenzeiten nicht mehr genügend Wasser fliessen würde. Zudem ärgert ihn die technische Sichtweise der Ingenieure: Falls die Inseln wegen der natürlichen Ero­sion verschwänden, dann solle man diesen Prozess nicht künstlich aufhalten. «Man kann diese Inseln doch nicht retten, indem sie trockengelegt werden.»

Eine juristische Auseinandersetzung scheint unausweichlich, falls die Onyx am Projekt festhält und ein Baugesuch einreicht. Ob es so weit kommt, hängt auch von der erwarteten Wirtschaftlichkeit ab.

«Die Rentabilität bereitet uns mehr Sorgen als die Opposition», sagt Daniel Roulier von der Mutterfirma BKW. Zurzeit seien die Strompreise so tief, dass Investitionen in neue nicht subventionierte Kraftwerke kritisch seien, führt der Leiter Public Affairs aus. Staatlich subventionierter Ökostrom aus dem Ausland verdirbt den Schweizer Produzenten das Geschäft. Die Kraftwerke Oberhasli, an denen die BKW hälftig beteiligt sind, haben kürzlich das Projekt «Pumpspeicherwerk Grimsel 3» nahe der Aarequelle wegen mangelnder Rentabilität sistiert.

Gut möglich, dass dem rund 100 Millionen Franken teuren Stollen in Wynau das gleiche Schicksal droht. «Wir sind am Rechnen», sagt Stefan Wicki. Die Würfel sollen vor Ende Jahr fallen.