Vielleicht sollten die Werkbetriebe Frauenfeld ihren Installateuren einfach bessere Argumente mit auf den Weg geben. «Irgend so ein Bundes­gesetz» sei der Grund, weshalb er an der Fotovoltaikanlage einen neuen Zähler montieren müsse, erklärte ein Elektriker, als er bei Kurt Eggmann vorstellig wurde. Dieser hatte drei Monate zuvor auf seinem Hausdach eine kleine Fotovoltaikanlage montiert, mit der er einen Teil seines Energiebedarfs deckt.

Bis der Installateur vor der Tür stand, rechnete Eggmann mit einem einfachen Zähler ab: Schien die Sonne, so floss der überschüssige Strom ins öffentliche Netz, und der Zähler lief rückwärts. Wenn Eggmann Strom aus dem Netz bezog, drehte der Zähler ganz normal vorwärts.

Dass er nur drei Monate nach der Inbetriebnahme einen neuen Zähler montieren und dafür auch noch 134 Franken bezahlen sollte, leuchtete Eggmann nicht ein, ­zumal «irgend so ein Bundesgesetz», das bestimmte Zähler vorschreiben würde, gar nicht existiert.

Nach einem mehrwöchigen Behördenparcours, stapelweise Korrespondenz und viel Ärger endete die Sache doch noch gut für den Solarstromproduzenten: Der Zähler sei nötig, weil man ihm künftig den sogenannten ökologischen Mehrwert (siehe nachfolgende Box «Das Solarstromsystem») mit 28 Rappen pro Kilowattstunde eingespeisten Solarstrom vergüte, erklärten ihm schliesslich die Werkbetriebe Frauenfeld. Eggmann freuts – auch wenn die Sonne rund zwei Monate lang täglich scheinen muss, bis er die Kosten für den Zähler amortisiert hat.

Kontrolle kostet 450 Franken pro Stunde

So glimpflich wie Kurt Eggmann kommen private Solarstromproduzenten längst nicht immer davon. Wer in der Schweiz ­eine Fotovoltaikanlage bauen und betreiben will, braucht Ausdauer, ein gesundes finanzielles Polster und eine hohe Frustrationstoleranz. Behörden und Elektrizitätswerke zeigen gegenüber Projekten für private Fotovoltaikanlagen bestenfalls ein ver­haltenes Interesse. In weniger guten Fällen vergällen sie den Ökostromproduzenten mit Vorschriften und Gebühren die Freude an ihrer Anlage.

Für Andreas Stämpfli etwa ist das Mass langsam voll. Er hat aus purem Idealismus eine rund 300 Quadratmeter grosse Fotovoltaikanlage mit einer Leistung von 39 Kilowatt installiert – «mit handelsüblichen, standardisierten Bestandteilen», wie er betont. Der Berufsschullehrer aus Steffisburg hatte deshalb wenig Verständnis, als ihm das Eidgenössische Starkstrominspektorat mitteilte, die drei montierten Wechselrichter müssten obligatorisch durch das Amt geprüft werden. Zu den Kosten von 1300 Franken kamen 1100 Franken für einen Bericht eines unabhängigen Instituts hinzu, das die Anlage im Hinblick auf eine Anmeldung für die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) zu einem Stundenansatz von 450 Franken begutachtete. 2400 Franken Gebühren, bloss um eine Anlage zu zertifizieren, die aus lauter handelsüblichen Teilen besteht und von einem Elektriker mit eidgenössischem Fachausweis aufgebaut wurde? Stämpfli verstand die Welt nicht mehr: «Hätte ich mein Geld auf der Bank gelassen, hätte ich wohl eine bessere Rendite und ganz sicher weniger Ärger.»

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Beim angesprochenen Inspektorat verteidigt man sich. Die Rahmenbedingungen würden stark durch die Verordnungen und damit die Politik vorgegeben, sagt Urs Huber, Leiter der Abteilung Planvorlagen. Daneben zeige sich, «dass bei den Abnahmekontrollen immer wieder Mängel festgestellt werden». Immerhin: Aufgrund der vielen Gesuche hat das Inspektorat die Gebühren kürzlich um 15 Prozent gesenkt.

«Die Schweiz ist kein Sonnenland»

Dennoch fristet Strom aus der Sonne auch im Jahr eins nach Verkündung der Energiewende ein Schattendasein. Nur wenige Stromversorger fördern die Fotovoltaik ­aktiv und mit namhaften Beträgen. Der Verband Schweizerischer Elektrizitäts­unternehmen (VSE), präsidiert von Kurt Rohrbach, Verwaltungsrat der Bernischen Kraftwerke AG (BKW) und vehementer Atomkraftbefürworter, gibt sich skeptisch: «Die Schweiz ist kein Sonnenland», schreibt der Branchenverband in seinem Bericht «Wege in die neue Stromzukunft»: «Fotovoltaik ist von allen Erneuerbaren heute noch die teuerste Quelle.»

«Stimmt so nicht», stellt der Thuner Solarunternehmer und Grünen-Politiker Peter Stutz trocken fest: «Der Strom aus grossen neuen Fotovoltaikanlagen kostet heute nur noch unwesentlich mehr als der Haushaltstarif, nämlich 23 Rappen pro ­Kilowattstunde. Nur die alten Anlagen produzieren teurer.» Stutz hat in den vergangenen Jahren mit seiner Firma verschie­dene Solaranlagen realisiert, auch in Zusammenarbeit mit dem lokalen Versorger Energie Thun. Ein Mix aus 20 Prozent Solarstrom und 80 Prozent Strom aus einem Wasserkraftwerk der Aare kostet dort im Hochtarif lediglich 20,2 Rappen.

Stromprodukte, bei denen ein bestimmter Anteil Solarstrom fix beigemischt wird, seien neben der KEV wohl die einzige Möglichkeit, die Fotovoltaik effektiv zu fördern, findet auch David Stickelberger, Geschäftsführer des Branchenverbands Swissolar. Das Problem ist einfach: «Das Angebot übersteigt die Nachfrage deutlich.» Diese Beobachtung bestätigt man auch beim VSE: «Wir gehen davon aus, dass etwa dreimal mehr zertifizierter Solarstrom angeboten als nachgefragt wird», sagt Mediensprecherin Anita Kendzia. Das sei «kein Wunder», kontert da Solarbranchenvertreter David Stickelberger: «Die EWs gehen noch immer von der naiven Annahme aus, dass sich die Kunden dafür interessieren, wie ihr Strom produziert wurde, und entsprechend bereit sind, für Solarstrom mehr zu bezahlen.» Das sei jedoch kaum der Fall, entsprechend klein sei die Nachfrage.

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Was das für den einzelnen Solarstromproduzenten bedeuten kann, musste Hannes Niklaus aus Laufen BL erfahren. Im Februar 2012 nahm er auf seinem Hof eine Fotovoltaikanlage mit einer Leistung von 140 Kilowatt in Betrieb, mit der er rund 30 Haushalte mit Strom versorgen kann. In der Planungsphase suchte Niklaus nach Abnehmern für seinen Ökostrom – und kassierte Absage um Absage. Die Axpo, die Interesse bekundet hatte, zog sich zurück, drei lokale EWs zeigten ihm die kalte Schulter. Die BKW machte immerhin ein Angebot: Bis zur Aufnahme in die kostendeckende Einspeisevergütung hätte der Berner Energiekonzern einen Preis für den gelieferten Strom bezahlt, der 80 Prozent der KEV-Gelder entspricht. Einziger Haken bei der Sache: Das Angebot gilt nur für ­Anlagen bis 100 Kilowatt. Die BKW-Leute stellten Landwirt Niklaus deshalb vor die Wahl: Entweder er klemmt 40 Kilowatt seiner Anlage ab, oder er erhält nur den normalen Tarif für den eingespeisten Strom.

Die Stromversorger wollen abwarten

Niklaus verzichtete. Für einen kleinen Teil des Stroms hat er private Abnehmer gefunden, die ihm den ökologischen Mehrwert vergüten. Ein weiteres Kontingent übernimmt die nahegelegene Ricola AG, rund 75 Prozent kaufen die St. Galler Stadtwerke. Angesichts der zögerlichen Förderung der Fotovoltaik hat Niklaus jedoch von Anfang an vorsichtig kalkuliert: «Wenn ich innerhalb von zehn Jahren KEV-Beiträge erhalte, sollte dank der kostengünstigen Grossanlage und vielen Eigenleistungen wenigstens kein Verlust entstehen.»

Die Fotovoltaik als rentable Energiequelle? Das sei frühestens in 20 Jahren der Fall, glaubt man beim Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen. Die Stromversorger wollen nun erst einmal ­abwarten, bis die Technik ohne ihr Zutun besser und billiger geworden ist – «und erst später massiv ausbauen».

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Der Bund fördert die erneuerbaren Energien mit einer kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV). Derzeit stapeln sich über 20'700 Gesuche um Förderung, die Wartefrist beträgt mehrere Jahre. Bis Betreiber von Fotovoltaikanlagen in die KEV auf­genommen werden, können sie ihren Solarstrom ins normale Stromnetz einspeisen. Abnehmer irgendwo im Land können ihn dann als Solarstrom beziehen und zahlen dafür einen Aufpreis – schliesslich hat er einen öko­logischen Mehrwert. Mit dem Zuschlag entschädigt der Abnehmer den Erzeuger für die höheren Produktionskosten. Um den ökologischen Mehrwert in Rechnung stellen zu können, braucht der Produzent jedoch einen Herkunftsnachweis. Dieses Zertifikat garantiert, dass eine bestimmte Strommenge von einem bestimmten Energieträger (wie Fotovoltaik) hergestellt wurde.