Ein Mann hängt Schlangen an Haken auf. Den zuckenden Tieren stopft er einen Schlauch in den Schlund und lässt Wasser laufen, bis ihre Organe platzen. Den halbtoten Schlangen wird dann die Haut abge­zogen. Die Bilder aus Indonesien schockten.

Die SRF-«Rundschau» zeigte schon 2010 weitere Qualmethoden: Waranen band man die Beine zusammen, sie wurden tagelang in Säcken transportiert und dann erschlagen.

So brutal diese Methoden, so begehrt sind Reptilienhäute in der Luxusindustrie. Weil sie so geschmeidig sind und wegen ihrer exotischen Zeichnung.

250 beteiligte Schweizer Firmen

Die Schweiz ist einer der grössten Handelsplätze für Produkte aus Reptilienleder. Hier geschäften mehr als 250 Firmen mit Erzeugnissen aus Häuten von Alligatoren, Schlangen, Krokodilen und Waranen. Hauptabnehmer ist die Uhrenbranche. Sie verarbeitet pro Jahr über eine Million Lederteile von Alligatoren zu Uhrenarmbändern. Daneben werden rund 150'000 Stück andere Exotenleder ein- und wieder ausgeführt. (siehe Infografik am Artikelende) Sie gelten als problematischer.

Im Modebereich spielen vor allem zwei Firmen eine wichtige Rolle: die französische Kering-Gruppe und die schweizerische Richemont. Diesen ­Modegiganten gehören Label wie Gucci und Cartier, die unter anderem Schuhe aus Schlangenleder oder Ta­schen aus Krokodilleder führen.

Kering betreibt Verteilzentren im Tessin, Richemont in der Westschweiz. Beide Firmen wickeln grössere Teile ihres Warenverkehrs über die Schweiz ab, teils via Zollfreilager Betrug am Zoll Die Grenze zieht Gauner aller Art an – vermutlich nicht zuletzt, um Steuern zu sparen. Kering wird ­wegen krasser «Steuer­optimierung» über ihren Tessiner ­Holdingsitz strafrechtlich verfolgt. Die Firma schuldet dem italienischen Staat Milliarden. Sie hat ihren Sitz vor kurzem zurück nach Italien verlegt. Auf wiederholte Fragen des Beobachters reagierte Kering nicht, Richemont äusserte sich nur sehr ­allgemein.

Dabei gibt es Erklärungsbedarf. Der Schweizer Tierschutz STS hat in einem umfangreichen Bericht festgestellt, dass viele der Reptilien mit Methoden getötet werden, die hierzulande strafbar sind. Die Quälerei Import von Qualprodukten Kommt bald das Verbot von Pelz, Foie gras & Co.? sei nur deshalb legal, weil die Herkunftsländer in Asien und Afrika kaum Tierschutzgesetze kennen.
 

«Leder wird unter tierquälerischen Bedingungen gewonnen und mit dem Swissness-Label reingewaschen.»

Martina Munz, SP-Nationalrätin


In der Schweiz werden Reptilien­lederimporte aber nur darauf abgeklärt, ob sie gegen das Artenschutzgesetz ­verstossen. Manche Importeure glaubten fälschlicherweise, alle bewilligten Produkte seien unter akzeptablen Bedingungen hergestellt. Daher fordert der STS einen generellen Verzicht auf Reptilienleder.

Die Schweiz als grosser Handelsplatz für Reptilienleder könne mit ihrer Gesetzgebung international Einfluss auf das umstrittene Geschäft nehmen, findet die Schaffhauser SP-­Nationalrätin Martina Munz. Heute werde das «unter tierquälerischen Bedingungen gewonnene Leder mit dem Swissness-Label reingewaschen».

Eine Deklaration soll helfen

Munz forderte ein Importverbot – ohne Erfolg. Nun will sie mit einer Motion wenigstens durchsetzen, dass Reptilienleder genauer deklariert werden muss, nämlich nach Herkunftsland, Art der Haltung und Wildfang oder Zucht. «Damit sollen die Konsumentinnen und Konsu­menten besser informiert werden und sich auch eher gegen solche Produkte entscheiden können.»

Der Bundesrat lehnt die Motion ab, im Nationalrat rechnet sich Munz aber Chancen aus. Sie arbeitet ausserdem an einem Label für kontrollierte Reptilienlederwaren.

Doch ist die Situation wirklich so schlimm, wie Tierschützer behaupten? «Der Umgang mit den Reptilien hat sich in den letzten Jahren in den grossen ­Exportländern Indonesien, Vietnam und Malaysia verbessert», sagt Mathias Lörtscher vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Er habe sich vor Ort selber ein Bild machen können.

Besser, aber nicht gut

Die Schweiz ­engagiere sich ausserdem bei der ­Welt­organisation für Tiergesundheit für mehr Tierschutz bei Reptilien. Kürzlich habe die Organisation Tötungsempfehlungen publiziert, sagt Mathias Lörtscher. Dazu gehören etwa die Ver­wendung von Bolzenschussgeräten oder das elektrische Betäuben vor dem Tötungsakt.

Auch die Branche habe ­reagiert. Verschiedene Firmen – allen voran Kering – würden sich in Südost­asien für einen besseren Umgang mit Reptilien einsetzen. Etwa mit Workshops, bei denen sie den Mitarbeitern von Farmen und Schlachthöfen tierfreundliche Tötungsmethoden zeigen.

Die grosse Nachfrage bedrohe viele wild lebende Schlangenpopulationen, sagen Tierschützer. BLV-Experte Lörtscher widerspricht: «Die Wildfänge in Indonesien und Malaysia stellen aus Sicht des Artenschutzes heute kein Problem mehr dar und sind nachweislich nachhaltig.» Jahrzehntelange in­ter­nationale Kon­trollen hätten in Asien gewirkt. Die Schlangenjagd ermögliche der oft ­armen lokalen Bevölkerung ­zudem ein wichtiges Einkommen.
 

«Der Umgang mit den Reptilien hat sich in den letzten Jahren in den grossen ­Exportländern Indonesien, Vietnam und Malaysia verbessert»

Mathias Lörtscher, Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen


Nach wie vor unbefriedigend sei aber die Situation in weiten Teilen Afrikas und Südamerikas. Von dort stammen viele Krokodilhäute. Lörtscher geht deshalb davon aus, dass «ein ­gewisser Teil» der in der Schweiz ­gehandelten Reptilienleder auf nicht tierfreundlichen Methoden basiert.

Die Uhrenbranche setzt auf Alliga­torenleder, das aus Zuchtbetrieben in den USA stammt. Die Swatch Group und IWC Schaffhausen haben alle anderen Reptilienleder verbannt. Als einzige der angefragten Firmen antwortete Richemont-Tochter IWC ausführlich auf die Fragen des Beobachters: Man habe hohe Standards bei der Nach­haltigkeit und kontrolliere die Lieferkette sorg­fältig. Zudem könnten die Kunden bei Uhrenarmbändern meist zwischen ­Leder, Stahl und Textilien wählen.

«Viele Länder haben nicht gleich hohe Tierschutzstandards wie die Schweiz»

Tierschützer kritisieren auch die Zustände auf den Alligatorenfarmen im Süden der USA. Die Tiere werden dort auf ­engem Raum und – damit sie friedlicher sind – in völliger Dunkelheit gehalten. Hierzulande ist das verboten. Ansonsten sei diese Haltung «vergleichbar mit derjenigen von Intensivmast von Nutztieren in der Schweiz Tierhaltung Den Himmel sehen die «Optigal»-Hühner der Migros nie », sagt der Experte des Bundes, Mathias Lörtscher, der ­solche Betriebe besucht hat.

Dass es seit ­Jahren Kritik an der Alligatoren­haltung gibt, höre man «zum ersten Mal», heisst es bei Swatch. IWC Schaffhausen schreibt dagegen, «dass viele Länder nicht die gleich hohen Tierschutzstandards haben wie die Schweiz».

Einzelne Firmen wie das Luxuslabel Chanel verzichten inzwischen vollständig auf Reptilienprodukte. Bei der Schweizer Kundschaft sei Exotenleder verpönt, heisst es aus der Modebranche. Der Schuhhersteller Navyboot hat daher umgestellt und produziert seine «Schlangenlederoptik» aus Rindsleder.
 

«Wir können in der Schweiz ohne Gewissensskrupel Produkte aus Reptilienleder verkaufen, denn es ist nachhaltig, legal und reguliert.»

Dieter Spiess, Ehrenpräsident des Verbands Schuh Schweiz


Andere Branchenvertreter scheinen weniger sensibilisiert. Der Präsident des Schweizerischen Uhrenverbands wollte sich zu Reptilienleder nicht ­äussern. Der Präsident des Verbands des schweizerischen Leder-Gross­handels war wiederholt nicht erreichbar. Die Genfer Luxusuhrenfirma Rolex, die Krokodil- und Schlangenarmbänder anbietet, mag das Thema nicht kommentieren. Der Modekonzern Bally ­reagierte nicht auf eine Anfrage.

Kein Problem sieht Dieter Spiess, Ehrenpräsident des Verbands Schuh Schweiz: «Wir können in der Schweiz ohne Gewissensskrupel Produkte aus Reptilienleder verkaufen, denn es ist nachhaltig, legal und reguliert.» Die Reptilien kämen aus kontrollierten ­Farmen Fragwürdige Labels Die Pelz-Heuchelei . Von Wildtierfängen und Qualmethoden will er nichts wissen.

Infografik: Schweizer Import und Export von Lederprodukten

Schweiz: Importierte und exportierte Lederprodukte

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Quelle: Anne Seeger und Andrea Klaiber

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