Die Pandemie hat viele nach draussen in die freie Natur getrieben. Besonders an Wochenenden türmen sich in Parkanlagen, an Fluss- und Seeufern Abfallberge. Das weiss auch die Interessengemeinschaft saubere Umwelt. Das Littering-Problem habe sich seit Beginn der Pandemie vielerorts verschärft, warnt sie. Besonders umweltschädlich: weggeworfene Zigarettenstummel.

«Die Situation an den See- und Flussufern ist alarmierend», sagt Fabienne McLellan von Ocean Care. Die NGO aus Wädenswil sammelte dort am und im Zürichsee anlässlich des Cleanup Days im September 2021 Abfall ein, darunter 20'400 Zigarettenstummel. 2020 waren es bei einer Putzaktion am Stadtzürcher Utoquai sogar 52'000 Kippen.

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«Wo viel Alkohol konsumiert wird, ­fallen die Hemmungen und damit oft die gute Kinderstube.»

Fabienne McLellan, Ocean Care

Und das war noch lange nicht alles. Die Taucher, die an den Aktionen teilnahmen, konnten längst nicht alle Stummel aus dem See fischen, sagt McLellan. Das Problem sei: Der Wind trage die gedankenlos weggeschnippten Zigarettenfilter fort. Und was im Wasser lande, werde dann von der Strömung weggeschwemmt. Die Filter einzusammeln, sei mühselig, aber notwendig. Denn eine einzige Zigarette kann bis zu 1000 Liter Wasser verschmutzen.

Todesurteil für Fische

Schädlich ist vor allem das Nikotin. Es kann für Fische und andere Organismen im Wasser tödlich sein. Ein Stummel pro Liter Wasser kann für 50 Prozent der darin schwimmenden Fische das Todesurteil sein, zeigen Untersuchungen. Für kleinere Wasserorganismen wie Bachflohkrebse seien schon bedeutend geringere Konzentrationen lebensgefährlich.

Besonders in kleinen Gewässern im Stadtgebiet oder in Naherholungsgebieten sei das problematisch, sagt Anke Schäfer vom Schweizerischen Zentrum für angewandte Ökotoxikologie. Für Menschen bestehe dagegen keine Gefahr. Dafür sei die Konzentration der Giftstoffe zu klein.

Allerdings zeigen Studien, dass in Städten wie Berlin, wo das Trinkwasser zu 100 Prozent aus Quellen im Stadtgebiet stammt, die Trinkwasserqualität leiden kann. In der Schweiz gebe es dazu keine Daten, sagt Schäfer. Eine Gefährdung der Menschen durch das Trinkwasser halte sie in der Schweiz aber für unwahrscheinlich, da die Städte in der Schweiz deutlich kleiner seien als Berlin.

43'000 Zigarettenstummel fischten Helfer an einem einzigen Nachmittag aus dem Genfersee.

Auch die Zigarettenfilter, die ins Wasser gelangen, sind problematisch. Sie bestehen aus dem Kunststoff Celluloseacetat und sind biologisch kaum abbaubar. Es kann bis zu 15 Jahre dauern, bis sie sich zersetzen.

Sie sind ein wichtiger Grund dafür, dass die Gewässer durch Mikroplastik verschmutzt werden. Hinzu kommt, dass viele Raucher nicht nur die Stummel, sondern auch die leeren Zigarettenpackungen achtlos wegschmeissen. Und mit ihnen die Plastikhülle.

Täterschaft Partyvolk

Die Verschmutzung durch Zigaretten hatte schon vor der Corona-Krise bedenkliche Ausmasse angenommen. So fischten Helfer in Genf 2018 an einem einzigen Nachmittag 43'000 Stummel aus dem Genfersee. Kein Wunder, Kippen waren schon damals die häufigste Abfallkategorie in der Schweiz, wie aus dem Swiss Litter Report hervorgeht.

Besonders schlimm sei die Situation nach Grossveranstaltungen wie etwa dem Züri-Fäscht, sagt Fabienne McLellan von Ocean Care. Sie fänden nun wieder statt und könnten die Problematik weiter verschärfen. «Littering kommt auch mit dem Partyvolk. Wo viel Alkohol konsumiert wird, fallen die Hemmungen und damit oft die gute Kinderstube. Abfall wird nicht mehr sachgerecht entsorgt.»

Lahme Politik

Beim Problem mit den Filtern will auch der EVP-Nationalrat Nik Gugger ansetzen. Er fordert ein Verbot von Einwegfiltern für Zigaretten. Die Hersteller sollen auf umweltfreundliche Alternativen wechseln. «Biologisch abbaubare Öko-Filter sind ein erster Schritt», sagte Gugger in einem Interview mit dem «Blick».

Der Bundesrat hat beantragt, die Motion abzulehnen. Die Umweltschäden seien nicht eindeutig belegt. Ein Verbot bedeutete «im Vergleich zum Umweltnutzen einen unverhältnismässigen Eingriff in die Handels- und Gewerbefreiheit». Die Landesregierung will auf freiwillige Massnahmen der Wirtschaft setzen.

Diese Argumentation sei fadenscheinig, sagt McLellan von Ocean Care. Sie verlangt, dass Tabakfirmen sich zumindest an den Reinigungskosten beteiligen. Frankreich machte zuletzt vor, wie das aussehen könnte. Die Tabakindustrie soll dort 80 Millionen Euro pro Jahr zu den Reinigungskosten beitragen. In der Schweiz sind Zigaretten – nach Essens- und Getränkeverpackungen – der grösste Kostenpunkt bei der Reinigung für Gemeinden, heisst es in einem Bericht des Bundesamts für Umwelt.

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