1. Home
  2. Wirtschaft
  3. Butter: Schweizer zahlen, Saudis sahnen ab

ButterSchweizer zahlen, Saudis sahnen ab

Die Schweizer Butterhersteller verkaufen ihre Überschüsse zu Dumpingpreisen in den Nahen Osten. Den Verlust wälzen sie auf die hiesigen Konsumenten ab. Diese berappen rekordhohe Margen.

Überschüssige Schweizer Milch wird grösstenteils zu Butter und Magermilchpulver verarbeitet und im Ausland «entsorgt».
von aktualisiert am 05. Juli 2018

Da können die Billiglinien von Migros, Coop oder Aldi einpacken. Selbst ihre günstigste Schweizer Butter ist doppelt so teuer wie in Saudi-Arabien. Obwohl es das gleiche Produkt ist.

Die Hersteller Emmi und Cremo exportieren überschüssige Butter am liebsten in Länder, die keinen Zoll auf Milchprodukte erheben. Saudi-Arabien war 2017 deshalb der grösste Abnehmer. Die Türkei und der Libanon folgen auf den Plätzen zwei und drei, zeigt die Zollstatistik.

Die Milchverarbeiter exportierten letztes Jahr 1633 Tonnen Butter, die in der Schweiz niemand kaufen wollte. Zu Tiefstpreisen, die hiesige Bauern in den Ruin treiben würden. Damit die Rechnung trotzdem aufgeht, werden die Schweizer Konsumenten zur Kasse gebeten. Sie müssen für Butter rund 80 Prozent mehr zahlen als etwa die Konsumenten in Deutschland. Bei der Milch rund 50 Prozent mehr. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Landwirtschaft.

Die Branche spricht von «Entsorgen»

Es gibt zu viel Milch in der Schweiz. Doch die Konsumenten profitieren nicht einmal jetzt. Denn die überschüssige Milch wird grösstenteils zu Butter und Magermilchpulver verarbeitet und im Ausland «entsorgt», wie es im Branchenjargon heisst. Der Export müsse sein, weil sonst die hiesigen Butterpreise Milchpreis Für die Bauern ist nichts in Butter «unweigerlich und flächendeckend» sänken, schrieb der Verband der Schweizer Milchbauern (SMP) in seinem Geschäftsbericht.

Mit andern Worten: Im Milchmarkt bestimmt nicht das Angebot den Preis. Wenn es zu viel Milch gibt, muss sie verschwinden. Nur so ist das hohe Schweizer Preisniveau zu halten.

Wegen des Überangebots an Milch haben sich in den Tiefkühllagern bis Ende Mai bereits 6939 Tonnen Butter angesammelt. Das ist rund ein Drittel mehr als im Vorjahr. Bis zu 3500 Tonnen sollen in diesem Jahr exportiert werden, sagt die grösste Butterherstellerin Emmi. Weil die Preise im Ausland viel tiefer sind, resultiert pro exportierte Tonne ein Verlust von rund 5000 Franken.

Trotzdem verteidigen die Schweizer Milchproduzenten das Minusgeschäft. «Wenn es statt Butterexporten vermehrt Mengenrabatte im Inland gäbe, wären die Verluste noch höher», sagt SMP-Sprecher Reto Burkhardt. Er glaubt auch nicht, dass die Schweizer Konsumenten bei tieferen Preisen mehr Butter kaufen würden.

Preisanstieg überprüft

«Die Butterpreise sind stärker gestiegen als der Milchpreis. Die Verarbeiter oder die Detailhändler haben ihre Marge erhöht», sagt Pierre-André Pittet. Der Bereichsleiter Wirtschaft des Milchbauernverbands hat überprüft, wie stark die Ladenpreise gestiegen sind, seit die Bauern pro Liter Inlandmilch 3 Rappen mehr erhalten. Laut Pittet kostet das Kilo Butter seit der Erhöhung im Oktober 64 Rappen mehr. Davon erhielten die Bauern aber nur 39 Rappen. «Rund 25 Rappen behält sonst jemand.»

Migros und Coop bestreiten, dass sie mehr einnehmen. Sie hätten nur die höheren Preise der Butterhersteller weitergegeben. Cremo will sich dazu nicht äussern. Bei Emmi heisst es, die Preiserhöhungen seien wegen gestiegener Kosten erfolgt. Von überhöhten Margen könne keine Rede sein. Laut Emmi sind die Herstellungskosten von Schweizer Butter höher als in der EU, weil Löhne und Standortkosten höher sind und Emmi kleinere Mengen herstellt als EU-Molkereien.

Marge viermal so hoch wie in der EU

Diese Argumente überzeugen Jacques Chavaz nicht. Der ehemalige stellvertretende Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft zeigte im Dezember in einer Studie auf, dass die Schweizer Butterhersteller ihre Margen seit 2012 deutlich erhöht haben. «Es ist schon sehr auffällig, wie stabil der Butterpreis bleibt, selbst wenn Milch und Rahm günstiger werden», sagt der Agraringenieur.

Im mehrjährigen Durchschnitt seien die Schweizer Buttermargen rund viermal so hoch wie in der EU, heisst es in der Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft. «Das lässt sich nicht nur mit höheren Personalkosten und teureren Maschinen erklären. Sondern hauptsächlich mit fehlendem Wettbewerb im abgeschotteten Schweizer Buttermarkt», sagt Chavaz.

Dass die Butterhersteller wegen der hohen Zollschranken an «Wettbewerbsfähigkeit verlieren», bestätigte selbst der Bundesrat, als es im Parlament letztmals um die hohen Butterpreise ging. Das System ändern wollte er aber nicht. Stattdessen gibt es einen Geldschacher um die Milchüberschüsse, die die Konsumenten über hohe Preise querfinanzieren müssen.

Wenn heute ein Bauer mehr Milch als vertraglich abgemacht abliefert, erhält er für den produzierten Überschuss nur halb so viel. Statt des Richtpreises von 68 Rappen für einen Liter Inlandmilch (A-Milch) gibts bloss 34,6 Rappen. Diese sogenannte C-Milch muss im Ausland abgesetzt werden.

Interesse an billiger C-Milch

Emmi hat derzeit so viel C-Milch in den Büchern, dass sie Geld braucht, um die Milch im Ausland loszuwerden. Dafür kassiert der Konzern ab Juli bei seinen Milchlieferanten pro Liter Milch einen Rappen ein – unabhängig davon, ob es A-Milch, C-Milch oder die Zwischenstufe B-Milch ist. Zudem werde Emmi mehrere hundert Tonnen Butter auf eigene Rechnung exportieren, sagt eine Emmi-Sprecherin.

Doch warum produzieren die Bauern überhaupt C-Milch, wenn sie dafür kaum Geld erhalten? «Weil einige Verarbeiter ein Interesse an der billigen C-Milch haben. Sie warnen die Bauern zu spät vor einer drohenden Überproduktion und können so ihre Maschinen besser auslasten», sagt Bauer Roland Werner.

Der Präsident der Thur Milch AG mahnte seine Milchlieferanten schon Anfang Jahr, die Menge zu senken. Er machte klar, dass individuell abgerechnet wird und Mehrmengen hart sanktioniert würden. Das habe in seinem Verbundsgebiet viel geholfen. «Die Landwirte können die Milchmenge steuern, indem sie schlachtreife Kühe früher weggeben, die Kälbchen mit Muttermilch statt Pulvermilch tränken oder weniger Kraftfutter geben.»

Natürlich sei die Milchmenge nicht exakt steuerbar, Kühe seien ja keine Maschinen. «Doch wenn man den Bauern die richtigen Anreize gibt, produzieren sie auch keine Milch, die als Billigbutter im Nahen Osten landet.»

«Jeden Freitag direkt in Ihre Mailbox»

Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

Jeden Freitag direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter

Bitte melden Sie sich an, um zu diesem Artikel zu kommen­tieren.

2 Kommentare

Sortieren nach:Neuste zuerst
malima-martha
Warum geben wir die Butter nicht an die "Guetslihersteller" ab. Denn dann profitieren wir alle davon: haben die gute Butter in den Biskuits und müssen dafür weniger Palmöl importieren. Das dient der Umwelt und uns.
dahartmann*******
Wenn 2020 die Trinkwasserinitiative https://twitter.com/Trinkwasser_ch zur Abstimmung kommt, unbedingt JA ankreuzen. Dann können derartige Fehlleistungen endlich wirksam korrigiert werden.