Spätestens mit dem Ausbruch der aktuellen Pandemie wurde der Welt in Erinnerung gerufen, wie störungsanfällig unsere global vernetzte, hochmobile und ökonomisch durchrationalisierte Gesellschaft geworden ist. Und wie schnell sich alles ändern kann, was uns noch vor kurzem als selbstverständlich, als garantiert erschien.

Die Corona-Krise ist gleichsam das metaphorische und unübersehbare Zeichen dafür, dass unser ganzes System des immer entfesselteren Wirtschaftens und Wirkens auf diesem Planeten an die Grenzen des Tragbaren gekommen ist. In diesem Sinn kann die Pandemie durchaus als ein Symptom gedeutet werden, dass der hochkomplexe Organismus Welt vor einem «Burn-out» steht und ganzheitlich therapiert werden muss.

Tatsächlich zeigen sich die Probleme seit den 2000er-Jahren immer deutlicher. Wichtige Stichworte dazu sind:

  • Vergiftung und Zerstörung von Gewässern, Urwäldern und Fruchtfolgeflächen
  • zunehmende Naturkatastrophen auch als Folge der Klimaerwärmung
  • wachsende Verteilkämpfe um Ressourcen und Landreservenein
  • ungelöstes Bevölkerungswachstum in vielen Ländern
  • ein von der Realwirtschaft gefährlich entkoppeltes Finanzsystem
  • sich vertiefende ethnische, religiöse und ideologische Konflikte
  • eine immer extremere Kluft zwischen Ärmsten und Reichsten 
  • ein wachsendes Misstrauen und zunehmende Proteste gegen die Eliten
  • eine gefährliche Abhängigkeit von digital funktionierenden Prozessen

Man braucht kein Prophet zu sein und muss auch keine apokalyptischen Schriften zitieren, um nüchtern festzustellen: Wenn wir es nicht schaffen, in all diesen Bereichen schnell genug nachhaltige Gesundungsschritte zu erzielen, steuern wir schon in wenigen Jahren auf gewaltige Konflikte und Katastrophen zu. 

Es ist also nicht absurd, wenn der Gedanke eines nötigen grossen Umbruchs, eines Neustarts zu einer nachhaltigeren Gesellschaft an Popularität gewinnt. Aber hat Klaus Schwab, der Gründer des Weltwirtschaftsforums WEF, mit seiner Forderung nach einem «Great Reset» auch ein aussichtsreiches Rezept für diesen Neustart bereit? Oder steckt womöglich eine sinistre Verschwörung der Eliten hinter diesen Plänen, um die Welt jetzt nach ihrem Gusto umzugestalten? 

Grosse Worte, aber keine Lösung

Zweifel an beiden Fragen sind angebracht. Denn dass etwas geschehen muss, ist seit langem bekannt und alles andere als neu. Es ist ja nicht so, dass es keine Warnzeichen gab. 

Seit über 50 Jahren werden die Herausforderungen, denen sich die Weltgemeinschaft zu stellen hat, in der Endlosschleife diskutiert. Beispiele dafür sind die Warnungen vor der Bevölkerungsexplosion durch den Biologen Paul Ehrlich 1968. In seinem Buch «Die Bevölkerungsbombe» zeichnete er das düstere Bild einer Zukunft als Elendsplanet, wenn es nicht gelinge, die Weltbevölkerung auf 3 Milliarden zu beschränken. Heute sind es fast 7,8 Milliarden.

Nur vier Jahre später erschien der Report des Club of Rome von Dennis und Donella Meadows über «Die Grenzen des Wachstums». Mehrheitlich lineare Computerprognosen in den Bereichen Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Ernährung, Ressourcen und Umweltzerstörung. Der Bericht wies in einigen Bereichen (Bevölkerungsprognosen, Umweltzerstörung) korrekt auf einen kritischen Punkt um die Jahrtausendschwelle hin, ab dem das gesamte ökologische Gleichgewicht instabil würde. In anderen Analysen – etwa zu den Ölreserven – erwiesen sich die Prognosen als komplett falsch und als viel zu pessimistisch. Dennoch gaben «die Grenzen des Wachstums» den Startschuss für weltweite Umweltbewegungen und für ein vernetztes, globales Denken.

Der Druck wuchs, das rücksichtslose Ausbeuten des Planeten zu bremsen. Der damalige US-Präsident Jimmy Carter gab die Studie «Global 2000 – der Bericht an den US-Präsidenten» in Auftrag. Das Werk dokumentierte 1980 den Grad von Ressourcenverknappung und Umweltzerstörung und prognostizierte «bis zum Jahr 2000 ein Potenzial globaler Probleme von alarmierendem Ausmass». 

Ernüchternde Resultate

Nur zwölf Jahre später, 1992, trafen sich Vertreter von 172 Staaten in Rio de Janeiro an der bis dato grössten Uno-Konfe-renz für Umwelt und Entwicklung und verabschiedeten die «Agenda 21» – ein Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert. Unter dem Zuckerhut wurde das Zauberwort «nachhaltige Entwicklung» geprägt und die Forderung aufgestellt, Wachstum müsse auf möglichst unschädliche Weise erzielt werden können.

Die Resultate waren ernüchternd, auch wenn es einige Fortschritte gab. Im Gewässerschutz gelang es in vielen Ländern, die Belastung von Flüssen und Seen dank Kläranlagen deutlich zu reduzieren. Die Smog-Glocken der Siebzigerjahre über vielen Städten sind mindestens in den wirtschaftlich führenden westlichen Ländern verschwunden. Im Bereich Produktion wird heute in immer mehr Bereichen auf rezyklierte Stoffe und energiesparendere Prozesse gesetzt, und Abfälle müssen getrennt und wiederaufbereitet werden. 

Ein Rezept nach altem Muster

Doch all diese Erfolge wurden durch das furiose Wachstum überkompensiert. Fakt ist: Seit den Siebzigerjahren hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt, und der Konsum weltweit hat sich mehr als verzehnfacht. «Die ökologischen Bedingungen der Welt», bilanzierte Ernst Ulrich von Weizsäcker zur 50-Jahr-Feier des Club of Rome, «haben sich dramatisch verschlechtert.»

Eine Gesundungskur wird immer dringlicher, und der Preis dafür mit jedem Jahr des Wartens höher. Denn die kurze Historie zeigt, dass allein mit hehren Absichtserklärungen, technischen Rezepten und mehr ökologischen Vorschriften die nötige Kurskorrektur nicht zu haben sein wird. 

«Die Welt funktioniert eher wie ein Organismus, dessen einzelne Organe ideal zusammenarbeiten müssen.»

The Great Reset
Quelle: Daniel Stolle

Und nun also zeigte Covid-19 plötzlich, dass Dinge auch schnell gehen können. Dass es möglich ist, dass Menschen ihr Verhalten ändern, wenn der Druck nur gross genug ist. Kein Wunder, probieren einige Regierungen aus, was noch so gehen könnte, um vielleicht auch andere Ziele zu erreichen, von denen man sich ein besseres, ökologischeres, vor allem aber besser steuerbares Miteinander erhofft. Etwa mit mehr Digitalisierung, aber auch mit mehr Überwachung und Kontrolle. 

Und wie immer gibt es klare wirtschaftliche Interessen hinter solchen Plänen. Daraus aber abzuleiten, dass der «Great Reset» in weltverschwörerischer Absicht Regierungen und Wirtschaftseliten eint, wäre jedoch zu einfach gedacht. 

Es ist vielmehr der normale Gang der Dinge, vorab die Symptome zu bekämpfen, aber kaum je die Ursachen anzugehen. Schwabs Analyse der aktuellen Probleme im gemeinsam mit Co-Autor Thierry Malleret publizierten Buch ist in weiten Teilen schlüssig. So schreibt er, die Pandemie habe gezeigt, dass «soziale Sicherheit effizient ist» und es «nicht im besten Interesse der Gesellschaft sein mag, immer mehr Verantwortung in Bereichen wie Gesundheit und Bildung an Private auszulagern». Er erachtet auch eine stärkere «Regionalisierung» als wahrscheinlich und nötig. Ja, es könnte nicht klarer formuliert werden: «Hyper-Globalisierung hat ihr politisches und soziales Kapital verspielt, sie zu verteidigen, ist politisch nicht länger haltbar.»

Zu enges Win-win-Denken

Doch hinter dem Rezept für den «Great Reset» steckt dennoch die alte Denkweise: mehr desselben, nur besser. Und natürlich gesteuert von global tätigen Banken, Finanzinstituten und Techfirmen, die sich zum Ziel setzen, Geld und Güter der Welt nach einer grünen Agenda neu zu verteilen. Ein Schelm, wer nicht nur Gutes dabei denkt.

Anvisiert wird eine «vierte industrielle Revolution», die alle entscheidenden Lebensbereiche transformieren soll. Regierungsprogramme, Wohnen, Energie, Produktion von Gütern und Lebensmitteln, Finanzen, Medizin, Mobilität. Gesetzt werden soll unter anderem auf Biotechnologie, intelligente ökologische Steuerungssysteme und auf umfassende digitale Überwachungs- und Kontrollmechanismen. Das Ziel ist, alle Ressourcen – die Menschen sind mitgemeint! – weltweit zu erfassen und alles so zu steuern, dass die Welt nachhaltiger, resilienter und im Idealfall auch noch gerechter für alle wird.

Für all diese Innovationen sieht Schwab in der Corona-Krise ein «Zeitfenster», um einen «Great Reset» jetzt anzustossen und ganz nebenbei dafür zu sorgen, dass neue Arbeitsplätze entstehen und die Wirtschaft auch in Zukunft prosperieren kann. Mit anderen Worten: Schwab hofft, Win-win-Situationen zu schaffen, die genügend technologische Innovationen ermöglichen, um ansonsten genauso weiterfahren zu können wie bisher. Also immer mehr Konsum, immer mehr Reisen, immer mehr Autos, immer mehr Rendite, nur eben alles möglichst nachhaltig. Und weitgehend kontrolliert durch digitale Systeme global tätiger Konzerne und deren Stakeholder. 

Die Illusion der neuen Konsumwelt

Doch diese Rechnung kann nicht aufgehen, selbst im günstigsten Fall nicht. Denn ein komplexes System einer wie immer definierten Gesellschaft kann stets nur in Teilbereichen und für begrenzte Zeit durch hierarchischen Befehl gesteuert werden. Die Welt funktioniert eher wie ein Organismus, dessen einzelne Organe ideal zusammenarbeiten müssen, ohne deren individuelles Funktionieren einzugrenzen. 
Will man das Verhalten der Menschen verändern in Richtung Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung, muss auch in Rechnung gestellt werden, an welchen Werten und Zielen sich die Menschen je nach ihrer Kultur und den regionalen Gegebenheiten orientieren. 

Diese Tatsache blenden interessanterweise auch die Vertreter einer idealistischen linken Weltsicht aus, die der Utopie einer gleichgeschalteten, perfekten Welt mit offenen Grenzen huldigen. Sie glauben, alle Ungerechtigkeiten liessen sich politisch beseitigen, damit möglichst alle so leben können, wie man es in den Wohlstandsländern gewohnt ist – nur eben mit ökologischem Fussabdruck. Sie ignorieren wie Schwab das Grundproblem: Wir haben mit unserem Lebensstandard im Westen weltweit Ansprüche ausgelöst, die auch in der besten aller Welten nie allen erfüllt werden können. Erst recht nicht, solange das problematische Bevölkerungswachstum in Drittweltländern kaum wirklich angesprochen werden darf.

«Weder der sinnbefreite Konsumismus noch der längst ausufernde Reisetourismus werden hinterfragt.»

The Great Reset
Quelle: Daniel Stolle

Der Entwurf von der glücklichen, weltweiten Konsumgesellschaft mit höchsten Freiheiten für alle bei grösstmöglicher Gerechtigkeit bleibt ein Traumbild. Der globale American Dream ist nicht einlösbar für immer mehr Menschen bei schwindenden natürlichen Ressourcen.

Auch ein Weiter-So in Grün kann deshalb nicht funktionieren, solange nur die Geräte intelligenter, aber die Menschen laut IQ-Messungen eher dümmer werden. Das sollten Politik, Medien und Lehrinstitute eingestehen. 

Aber diese Wahrheit anzusprechen, dazu fehlt es der Politik, der Wirtschaft und leider auch den meisten Medien an Mut. Wir halten weiterhin daran fest, dass die Welt in allererster Linie ein Möglichkeitsraum für die Realisierung individueller Lebensträume sein soll. Und dass es für alles eine technische Lösung geben kann. Deshalb reden sich viele auch ein, mit Elektrofahrzeugen wäre der überbordende Autoverkehr plötzlich kein Problem mehr. 

Die Lehren von Corona

Nun führt uns die Pandemie aber vor Augen, dass uns jederzeit eine Krise erreichen kann, die nicht nur Luxuswünsche platzen lässt, sondern die Erfüllung von Grundbedürfnissen in Frage stellt. Wir alle konnten sehen, was es braucht, damit in einer Krise die wesentlichsten Dinge für das Leben überhaupt noch funktionieren: verlässliche Dienstleistungen, Produktionslinien und Distributionskanäle für Güter und Lebensmittel des täglichen Bedarfs, leistungsfähige Spitäler mit ausreichend Personal und genügend Polizei- und Ordnungsdienste, um Kontrollen sicherzustellen.

Kurz: Ein wirklicher Reset müsste genau dort ansetzen. Raus aus der Wohlfühlzone im fünften Stock der Bedürfnispyramide und zuallererst sicherstellen, dass die Grundbedürfnisse auch in Krisenzeiten abgedeckt werden können. Dass für die Gesellschaft wichtige Arbeiten etwa in Pflege, Sicherheit, Entsorgung und Recycling attraktiver bezahlt werden. Dass tragbare Modelle entworfen werden, um Renten und Sozialleistungen auch künftig sicher finanzieren zu können. Etwa durch Finanztransaktionssteuern, um die junge Generation nicht zusätzlich zu belasten.

Hier hat Schwab recht: «Covid-19 eröffnet den Gesellschaften eine Zwangspause, um zu reflektieren, was wirklich wichtig ist.»

Leider wird kaum etwas davon in den «Great Reset»-Plänen angesprochen oder konkretisiert. Weder der sinnbefreite Konsumismus von kurzlebigen Modeartikeln noch der längst komplett ausufernde Reisetourismus werden grundlegend hinterfragt.

Wir stimmen täglich ab

Wenn der gegenwärtige, gefährlich zerstörerische Kurs aber geändert werden soll, muss diese Denkweise angesprochen werden. Denn gerade in westlichen Staaten ist es nicht so sehr die Politik, die den Kurs mit Geboten und Verboten vorgibt, sondern unser aller Kauf- und Konsumverhalten, mit dem wir gleichsam täglich abstimmen, welche Welt wir uns gestalten.

Darzustellen wäre deshalb, dass wir mit einer neuen Denkweise nicht nur verzichten müssen, sondern auch einiges gewinnen können. Sie liesse sich zusammenfassen im Sprichwort «Denke global, handle lokal», dem Leitgedanken der Umweltbewegungen der Siebzigerjahre. Der Satz wurde vor über 100 Jahren geprägt von Patrick Geddes, einem schottischen Stadtplaner, der neue, revolutionäre Wege einschlug, um Elendsquartiere in Städten zu verbessern. Sein Ansatz: Durch kleine Änderungen in Städten die Lebensqualität für die Menschen vor Ort verbessern, indem etwa Freiräume zum Flanieren und zur Erholung geschaffen werden. Hinter diesem Denken steht ein ganzheitliches, auch spirituelleres Verständnis eines erfüllten Lebens. Glück und Wohlbefinden – etwa in der Natur – soll man nicht in immer weiterer Ferne suchen müssen, sondern möglichst nah im alltäglichen Leben erfahrbar machen.

Ein neues Denken ist nötig

Es gibt Zeichen der Hoffnung, dass solche Werte mindestens in den Wohlstandsländern an Kraft gewinnen könnten. So gibt es in mehreren Städten – etwa in Paris – bereits Pläne, Strassen und Plätze möglichst vom Autoverkehr zu befreien, den Moloch Verkehr zurückzubinden und dafür nahe Grün- und Erholungszonen für die Bevölkerung zu schaffen.

Dafür brauchte es eine neue, möglichst breit verankerte Sichtweise. Den Menschen sollte dafür in Erziehung, Schule und Politik wieder mitgegeben werden, dass Glück sich nicht einfach einstellt mit der Teilhabe am konsumistischen Leben. Dass es sich nicht messen lässt in Geld und BIP-Statistiken, sondern sich ausdrückt in der Zufriedenheit und dem Respekt gegenüber allen Formen des Lebens. 

Dieses neue Denken stellt sich nicht ein durch laute Forderungen an die Politik oder an ein System. Es liegt vielmehr an uns allen, das Leben als solches wieder mehr zu schätzen, als vorab in materiellen Zielen zu denken. Und das Beste daran: Wir alle können sofort damit beginnen.

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Dominique Strebel, Chefredaktor

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