Ein Gewerbebau im Kanton Aargau, ein schmuckloses Büro, das auch schon mehr Angestellte gesehen hat. Von hier aus organisierte der Treuhänder Rolf B. jahrelang Firmenbestattungen. 

Das Geschäft florierte, bis 2015 die Staatsanwaltschaft zuschlug. Rolf B. wurde verhaftet und sass neun Monate in Untersuchungshaft. 2018 wurde er wegen Anstiftung zur Misswirtschaft und zur Unterlassung der Buchführung in 126 Fällen sowie mehrfacher Begünstigung zu einer teilbedingten Gefängnisstrafe von 22 Monaten verurteilt. Zudem muss er die Verfahrenskosten von 165'000 Franken tragen und den Gewinn in Höhe von 189'000 Franken abliefern. 

 

Beobachter: Wie kommt man als Treuhänder in das Geschäft mit Firmenbestattungen?
Rolf B.: Ich habe diese Tätigkeit schon 25 Jahre lang ausgeübt, ohne dass es je Probleme mit der Justiz gab. Früher übernahm ich die Mandate zum Teil selbst, später brachte ich die Firmenbesitzer, also die Vororgane, mit den Firmenbestattern, den Endorganen, zusammen. Ich betrieb also eine Art Personalvermittlung. 

Und worin bestand Ihre Arbeit?
Mein oberstes Ziel war immer, die Bonität des Firmeninhabers zu sichern. Dabei war mir meistens bewusst, dass die Firmen Schulden hatten, aber ich habe mich nicht weiter darum gekümmert. Die Inhaber solcher Firmen stammen zum grössten Teil aus dem Balkan. Viele von ihnen sind gute Handwerker, aber von Betriebsführung verstehen die meisten nichts. 99 Prozent der Betriebe, die bei mir landeten, hatten keine Buchhaltung. Und wie soll man einen Betrieb sanieren, wenn man keine Buchhaltung hat?

Sie verdienten Geld mit illegalen Geschäften und auf Kosten der Gläubiger Gläubiger So kommen Sie zum Geld
Ich war mir damals der strafrechtlichen Relevanz nicht bewusst. Schliesslich war ich ja nicht derjenige, der die Schulden angehäuft hatte. 

Und moralische Skrupel hatten Sie nicht?
Klar half ich den Firmenbesitzern, ihre persönliche Bonität Bonitätsauskunft Warum bin ich nicht kreditwürdig? zu retten, indem ihr Name nie direkt im Zusammenhang mit dem Konkurs ihrer Firma erschien. Aber moralische Bedenken hatte ich eigentlich nur in den Fällen, in denen Sozialabgaben nicht bezahlt wurden. Heute ist mir klar, dass es absolut nicht geht, dass Firmen Sozialabgaben und Mehrwertsteuer nicht zahlen und ihre übrigen Gläubiger hängenlassen.
 

«Von schamlos ausnutzen kann absolut nicht die Rede sein.»

Rolf B., Firmenbestatter


Wie lief denn ein typisches Geschäft bei einer Firmenbestattung ab?
Ab 2012 hatte sich immer mehr herumgesprochen, dass es da einen Treuhänder gibt, der Probleme lösen kann. Da rannten mir die Inhaber von finanziell angeschlagenen Firmen fast die Bude ein. Ich war ab diesem Zeitpunkt kaum noch im Büro, denn das Geschäftliche wickelte ich praktisch immer in einem Restaurant ab. Dort traf ich die Firmeninhaber und den Bestatter, klärte die Bezahlung und liess sie eine Vollmacht unterschreiben, mit der ich dann beim Notar die Firma auf den Bestatter umschreiben lassen konnte. Dabei änderten wir meist auch noch gleich den Firmenzweck, den Namen und das Domizil. Diese Treffen dauerten jeweils kaum mehr als eine Stunde. 

Und was kostete eine Firmenbestattung bei Ihnen?
Der Bestatter und ich erhielten durchschnittlich je etwa 1500 Franken. Dann kamen die Kosten für den Notar und das Handelsregister sowie die Domizilgebühren dazu. Im Durchschnitt kostete eine Firmenbestattung 3500 bis 5000 Franken. Meistens wurde bar bezahlt, und ich verteilte das Geld gleich.

Und woher nahmen die verschuldeten Firmenbesitzer das Geld, um ihre Firma bestatten zu lassen?
Ich legte immer Wert darauf, dass dieser Betrag nicht aus der Firmenkasse kam, sondern privat bezahlt wurde. Aber überprüfen konnte ich das natürlich nicht.

Wer waren die Leute, die die Firma dann endgültig bestatteten?
Bei den meisten handelte es sich um Randständige, die hohe Schulden hatten. Das fing mit einem an und sprach sich in der Szene sehr schnell herum. Ich bekam immer wieder Anrufe von Leuten, die für mich arbeiten wollten. Insgesamt arbeitete ich mit sechs verschiedenen Bestattern zusammen. 

Und Sie nutzten schamlos aus, dass diese Leute dringend Geld brauchten.
Von schamlos ausnutzen kann absolut nicht die Rede sein. Sie waren in keiner Art und Weise von mir abhängig. Die meisten haben auch jede Menge «Bestattungsmandate» von anderen Treuhändern übernommen. Ich wies sie zudem immer darauf hin, dass sie Ärger bekommen könnten, wenn sie zum Beispiel die Betreibungen nicht abholen Betreibungen Wie Sie das Schlimmste verhindern würden. 

Sie vermittelten also das Personal für die Firmenbestattungen und waren fein raus…
Was denken Sie! Da gab es ja noch die Gläubiger der grösstenteils maroden Firmen. Und wenn diese die Firmenbestatter nicht fanden, dann riefen sie mich an. An manchen Tagen klingelte das Telefon pausenlos! Ich musste mir dabei die übelsten Drohungen gefallen lassen. 
 

«In der Untersuchungshaft kam ich zur Einsicht, dass ich es mit dem Bestattungswesen übertrieben hatte.» 

Rolf B., Firmenbestatter


Und weshalb flog Ihr Geschäftsmodell schliesslich auf?
Die meisten Firmenbestatter kamen irgendwann auf die Idee, ihr Honorar durch Bestellungsbetrügereien über die «neuen» Firmen aufzubessern. Sie bestellten dann zum Beispiel 20 iPhones auf den Namen der neuen Firma, ignorierten die Rechnungen und verschacherten die Geräte gleich wieder. 2014 entdeckte die Staatsanwaltschaft Zürich bei der Untersuchung eines Drogendelikts, dass der Verdächtige auch als Firmenbestatter tätig war. In der Folge liess man auch mein Telefon abhören und eröffnete gegen mich eine Strafuntersuchung wegen Anstiftung zu Konkursdelikten. Der strafrechtliche Druck auf die geschäftsführenden Organe im Falle eines Konkurses wurde danach kantonsüberschreitend massiv erhöht. Heute ist der Staatsanwalt bei den meisten Konkursen «stiller Partner». 

Sie haben in einem abgekürzten Verfahren in einen Deal eingewilligt und eine teilbedingte Strafe von 22 Monaten akzeptiert. Warum eigentlich?
Zum einen kam ich in der Untersuchungshaft zur Einsicht, dass ich es mit dem Bestattungswesen übertrieben hatte. Ich bezeichne mich selbst als erfahrenen Treuhänder und bin leider meiner Verantwortung und meinen Sorgfaltspflichten nicht ganz nachgekommen. Zusätzlich hatte ich nach der Haftentlassung eine Hirnblutung, und auch meine Frau ist zwischenzeitlich schwer erkrankt. Ein ordentliches Gerichtsverfahren hätte zu einem jahrelangen Abnutzungskampf mit ungewissem Ausgang geführt. Letztlich wurde mir alles zu viel, und ich habe in einen Deal eingewilligt.

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Thomas Angeli, Redaktor

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