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Selbstwertgefühl«Ich bin mit mir unzufrieden»

Das Gefühl, nutzlos und unwichtig zu sein, plagt viele Menschen. Was lässt sich gegen die subtile Unzufriedenheit unternehmen?

Ein schwaches Selbstwertgefühl entsteht oft, weil man sich zu sehr daran orientiert, was man sein könnte.
Von

Frage von Silvia M.: «Ich habe Mühe mit mir selbst. Das ist mein hauptsächliches Lebensgefühl, seit ich denken kann. Dabei stehe ich mitten im Leben und bin erfolgreich. Was kann ich tun?»

Antwort von Christine Harzheim, Psychologin und systemische Familientherapeutin:

Bevor man herausfindet, wer man sein kann, muss man herausfinden, wer man ist! – Diesen Schritt sollte man nicht überspringen. Sonst geht es einem so, wie es Albert Einstein beschreibt:

 

«Wenn ein Fisch danach beurteilt wird, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist.»

 

Albert Einstein

Halten Sie inne und nehmen Sie sich Zeit zu entdecken, was Sie ausmacht, ohne sich zu bewerten.

Viele Menschen orientieren sich nicht an dem, was sie sind. Nicht an dem, was sie wahrnehmen, fühlen und denken – sondern an einer Idee davon, was sie sein könnten, sollten oder sein wollen. Schlanker, schöner, souveräner, lockerer, jünger, männlicher, extravertierter.

Wenn diese Wünsche nicht nur punktuell auftauchen, sondern zur alles durchdringenden Lebensstrategie werden, sind Frust und Leid nicht weit. Ein solches Leben ist kräftezehrend. Man ringt um Veränderung und beobachtet und bewertet sich permanent kritisch. Sobald man nachlässt mit der Kon­trolle und einfach ein wenig «ist», entstehen Gefühle von Scham, Unzulänglichkeit und Wertlosigkeit.

«Ich» ist dann nicht die sichere Insel, von der aus man Beziehungen eingehen und wo man sich erholen kann. «Ich» bedeutet für diese Menschen jenen Ort, an dem sie sich selber unerbittlich in den Rücken fallen.

Sich selbst annehmen, wie man ist

Die meisten von ihnen streben nach Per­fektion und sind leistungsfähig. Sie haben Selbstvertrauen und wissen, was sie können. Trotzdem empfinden sie sich als im Grunde wertlos. Sie sind gefangen im Dauerkampf von Bewertung und Bemessung an einer Scheinrealität und zahlen dafür einen hohen Preis. Stress, Erschöpfung, zunehmende Isolation und selbstzerstörerisches Verhalten sind die Folgen.

Der US-Psychiater Arnold B. Reisser hat das «Paradoxon der Veränderung» formuliert:

 

«Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist – nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist.»

 

Arnold B. Reisser, Psychologe

Heilende Veränderung wird also da möglich, wo man den zwanghaften Versuch aufgibt, ein anderer zu sein – und stattdessen lernt, sich anzunehmen, wie man ist.

Das fällt vielen von uns schwer. Die meisten wachsen in einem kritisch bewertenden Umfeld auf. Es ist nicht einfach, sich ohne Bewertung kennenzulernen, etwas über sich zu erfahren und dies anzunehmen. Eltern, Lehrer und Partner konfrontieren uns immer wieder mit Bewertungen und Veränderungsanregungen. «Ich bin» als legitimer Zustand wird heute nicht mehr ausreichend goutiert. «Mehr, schneller, effizienter, erfolgreicher» lautet in vielen Lebensbereichen die Vorgabe.

Was tun? – Eine Haltung, die einen fried­licheren Zugang zu sich selbst ermöglicht, ist die Achtsamkeit. Das bedeutet, dem Leben und seinen Facetten bewusst, akzeptierend und im Augenblick zu begegnen. Achtsamkeit orientiert sich nicht an dem, was war, sein wird oder sein könnte, sondern an dem, was man aktuell wahrnimmt, fühlt und denkt.

1979 hat Jon Kabat-Zinn das MBSR-Programm (Mindfulness-Based Stress Reduction) entwickelt. Es bietet Techniken zur Achtsamkeit, die erfolgreich im therapeutischen Bereich und zur Stressreduktion eingesetzt werden.

Achtsamkeit ist der Schlüssel zum Glück

Die Achtsamkeitsübungen bestehen aus Meditationen, Yoga- und Atemübungen, die die Wahrnehmung des Augenblicks und des Körpers schulen. Teil dieser meditativen Übungen ist es, Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken kennenzulernen und einen neuen, achtsamen (nicht wertenden) Umgang mit ihnen zu finden. Negative und entwertende Gedankenmuster werden relativiert («Ich bin nicht identisch mit meinen Gedanken») und unterbrochen.

Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen die positiven Auswirkungen dieser Achtsamkeitsübungen auf die körperliche und die psychische Befindlichkeit.

Werden sie regelmässig geübt, erhöht sich die Fähigkeit, sich und andere zu akzeptieren und gelassener durchs Leben zu gehen.

Weitere Informationen

  • Buchtipp: Jon Kabat-Zinn: «Im Alltag Ruhe finden. Meditationen für ein gelassenes Leben»; Verlag Knaur, 2015, 240 Seiten, CHF 14.90. Hier bestellen.
     
  • Internet: MBSR Verband Schweiz – Stressbewältigung durch Achtsamkeit.
Veröffentlicht am 07. Juli 2015