Sie lässt sich nichts anmerken, obschon auf ihre Kosten ein zotiges Männerwitzchen gemacht wurde. Blickt mit ihren weit aufgerissenen Augen auf den Brunnen unter sich, wie sie das seit 255 Jahren tut. Mit frostigem Lächeln, den nackten Oberkörper nur beiläufig ­bedeckt. Weiss Gott keine Schönheit sei sie, die Wassernixe, mokiert sich der Mann im dunklen Blazer und mit den zerzausten grauen Haaren. «Aber diese Unterhosen!»

«Ich wollte einen Ort schaffen, an dem sich der Gemeinschaftssinn zurückgewinnen lässt.»

Gion Caminada, Architekt

Das Rostrot der Nixenwäsche hat der Architekt Gion A. Caminada auf eine Säule beim neuen Saalbau des Gasthauses am Brunnen in Valendas übertragen. Das Projekt im Ort am Bündner Vorderrhein stellte er im letzten Sommer fertig. Es umfasste zum einen die Renovierung des geschichtsträch­tigen Engihus, vor dem der Dorfplatz mit dem grössten Holzbrunnen Europas liegt. Ergänzt ­wurde das fast 500-jährige Gebäude durch einen Anbau mit Saal, für den ein Stall weichen musste.

Auf die Spielerei mit der Säulenfarbe achtet man erst auf den zweiten Blick. Überhaupt: Dass es sich beim Saaltrakt, der sich im Rücken der gleichmütigen Wasserjungfrau in den Dorfkern zwängt, um einen Neubau handelt, merkt der schnelle Betrachter nicht auf Anhieb. ­Damit würde man manchen Architekten beleidigen – bei Gion Caminada, ETH-­Professor und ein Arrivierter der Gilde, ist das Gegenteil der Fall: «Wenn jemand fragt, wann dieser Hausteil eigentlich gebaut wurde, ist das für mich das grösste Kompliment.»

Ferien im Baudenkmal

Dass im Türalihus seit kurzem wieder ­gewohnt werden kann, verdankt Valendas der Stiftung «Ferien im Baudenkmal». Das vor zehn Jahren vom Schweizer Heimatschutz lancierte Konzept strebt die ­Verknüpfung von Denkmalschutz und Tourismus an: Die Stiftung übernimmt leerstehende historische Liegenschaften, renoviert sie sanft und vermietet sie dann als Ferienwohnungen. Damit können ­wertvolle Baudenkmäler vor dem Verfall gerettet werden. Gleichzeitig wird eine Sensibilisierung für die re­gional geprägte Baukultur angestrebt.

Seit dem Start des Programms im Jahr 2008 wächst das Angebot kontinuierlich. Zurzeit stehen 28 Wohnungen in 22 Objekten in ver­schiedenen Regionen der Deutschschweiz zur Auswahl; das nächste Ziel ist, in der Romandie Fuss zu fassen.

Auch bei der Nachfrage wird ein jährliches Wachstum von rund zehn Prozent verzeichnet. Die Eckwerte für 2014: rund 1700 Per­sonen haben in den Ferienwohnungen der ­Stiftung insgesamt 11'800 Logier­nächte gebucht. Gemäss Kerstin Camenisch, ­Geschäftsführerin der Stiftung, sind die Gäste vom Profil her «eher urban, ­kultur- und geschichtsaffin». Häufig ­kämen sie aus der Architektur- und ­Designerszene.

  • Weitere Informationen: www.magnificasa.ch

«Mehr als bloss ein ästhetischer Ort»: Ein Gästezimmer am Dorfplatz.

Quelle: Stephan Rappo

Gion Caminada ist in seinem nicht ganz taufrischen Volvo mit Verspätung beim Treffpunkt vorgefahren, hat im Vorbei­gehen ein paar Hände geschüttelt, als wärs ein Auftritt auf der Bühne. Das Zeitbudget ist knapp, und so rauscht der 58-Jährige im Eiltempo durch sein neuestes Vorzeigeprojekt. «Mich hat interessiert …»: So beginnt beinahe jeder Satz, wenn er das ­architektonische Konzept für die Wiederbelebung des Engihus darlegt. Oder dann enden seine Ausführungen mit dem Gegenteil davon. Die neuen Teile von den hergebrachten abgrenzen? Bewusst den Kontrast suchen? «Das interessiert mich nicht.» Angestrebt hat der ­Architekt vielmehr «eine Ganzheit aus Altem und Neuem».

Äusserlich betont der weisse Kalkputz die Einheit von Gasthaus und Saal. Im ­Innern greifen die Elemente früherer und jetziger Nutzungen ineinander. Sichtbar wird das in den acht Gästezimmern im alten Gebäudeteil. Nur schon die niedrigen Türen zeigen: In den Räumen bleibt die Vergangenheit spürbar. Dazu hat ­Caminada punktuell moderne Akzente gesetzt – Designsessel, stylische Lampen, in der Dusche bunte Keramikkacheln. Kleine Details, die im Grossen für die Leitfrage stehen, die den Meister bei der Belebung von historischer Bausubstanz am meisten interessiert: «Was kann das Neue im Wechselspiel mit dem Alten?»

«Bewusst den Kontrast suchen? – Das interessiert mich nicht!»

Gion Caminada, Architekt

Verbindungen schaffen: zwischen Zeit­epochen, Innen- und Aussenräumen, Figuren- und Säulenfarben – das ist das zentrale Thema beim Caminada-Projekt in Valendas. Aber nicht nur in architektonischer Hinsicht. «Ich wollte nicht bloss einen ­ästhetischen Ort schaffen», sagt der preisgekrönte Architekt, «sondern einen, an dem sich verlorener Gemeinschaftssinn zurückgewinnen lässt.» Einheimische und Gäste sollen sich im «Haus am Brunnen» begegnen. Dort soll – gesellschaftlich wie kulturell – der Puls des abgelegenen Dorfs wieder schlagen. ­Eines Dorfs, das so gar nichts mit der Aufgeregtheit der touristischen Hotspots Flims und Laax auf der anderen Talseite zu tun hat – obwohl es bis dort bloss wenige Kilometer sind.

Die Dorfretter sanieren seit 10 Jahren

Das Bauvorhaben hat rund vier Millionen Franken gekostet. Dahinter steht die Stiftung Valendas Impuls, die sich für eine nachhaltige Dorfentwicklung einsetzt. Die Initiative zur Renaissance kam vor rund zehn Jahren aus dem Dorf selber – für Gion Caminada der entscheidende Punkt: «Die Erneuerung ­gelingt nur aus eigener Kraft.»

Diese Erfahrung machte der Architekt in seiner Heimatgemeinde Vrin, ein paar Ecken von Valendas entfernt im Lugnez. Seit den 1990er Jahren gilt Vrin als Modell, wie sich ein ressourcenschwaches Bergdorf von innen heraus stärken kann. Caminada verwirklichte in diesem Prozess eine Reihe von Gebäuden, die die örtliche Baukultur weiterentwickelten. Das Engagement hat ihm weitherum Renommee eingetragen – und Vrin den Wakkerpreis.

Nur kein Museum: das für Feriengäste umgebaute Türalihus.

Quelle: Stephan Rappo
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Räucherkammern und Designermöbel

Seine gehobene Klasse als Architekt ­untermauert Gion Caminada aber nicht durch Extravaganzen. Und wenn, dann zurückhaltend. Im Gasthaus am Brunnen führt eine Zimmertür unvermittelt in eine verrusste Räucherkammer, ein Überbleibsel aus dem ältesten Hausteil von 1517. Was sollen die Besucher dort? «Nichts. Nur wahrnehmen und empfinden, wie die Zeit sich verändert hat.» Dann hat der Mann im dunklen Blazer und mit den zerzausten Haaren genug erklärt, der nächste Termin wartet.

Würde die Brunnennixe dem davonbrausenden Volvo nachschauen, bliebe ihr kühler Blick am Türalihus hängen. Das Haus mit dem Türmchen prägt den Platz mit dem grossen Brunnen, auch wenn es etwas abseitssteht. Bestimmt ist es der missmutigen Wasserjungfrau schon einmal aufgefallen, denn seit kurzem steht es in seiner ganzen Pracht da: frisch gekalkt und mit neuen Vorfenstern. Vier Jahre hatte der Umbau des Baudenkmals gedauert. Neues ­Leben hinter alte Mauern zu bringen war hier genauso das Ziel wie beim Gasthaus am Brunnen. Aber der Umgang mit der historischen Substanz wurde anders gehandhabt.

«Die Jungen aus dem Ort nutzten das leerstehende Haus als eigene Welt.»

Ramun Capaul, Architekt

«Re­parieren statt rekonstruieren», so beschreibt Architekt Ramun Capaul, der mit Gordian Blumenthal für die Erneuerung zuständig war, das Motto. In seinem Kern geht das Türalihus ins 15. Jahrhundert zurück und ist in fünf Bauphasen bis 1775 zu einem der markanten Patrizierhäuser gewachsen, die bis heute das Dorfbild von Valendas kennzeichnen. Ein herrschaftliches Bürgerhaus mit Aufstockungen und Anbauten, mit verzierten Fenstern und einer Sonnenuhr.

Ramun Capaul steht davor, schiebt sich die Ärmel seiner braunen Cord­jacke hoch und erklärt in schönstem Bündner Dialekt: «Wir wollten die Bausubstanz aus den fünf Epochen, die das Haus geprägt haben, so weit instand setzen, dass eine Neunutzung möglich war. Aber nicht museal auf einen einzigen Zeitraum fixiert, sondern als Nebeneinander der verschiedenen Fassungen.» Der Architekt aus Lumbrein, also ein Lugnezer wie Gion Caminada, zeigt fast schon liebevoll auf «sein» Haus und erklärt ausführlich die verschiedenen Entstehungsphasen anhand der Fassade. Seit Kollege Caminada die gemeinsame Dorfbegehung beenden musste, ist er deutlich gesprächiger geworden.

70 Jahre stand das Haus leer, dann nahm sich der Schweizer Heimatschutz des Türalihus an. Seit 2007 gehört es der Stiftung Ferien im Baudenkmal, die gefährdete Baudenkmäler rettet, um da­rin Ferienwohnungen anzubieten. Das Büro Capaul & Blumenthal sanierte das Haus mit dem Ziel, «aus einem denkmalpflegerischen Ansatz die architek­tonischen Qualitäten herauszuschälen und zu verstärken, ohne es auf den Standard eines Neubaus zu bringen».

Der 46-Jährige öffnet die schwere Holztür, die ins enge Treppenhaus zu den zwei neuen Wohnungen führt. ­Ramun Capaul zupft an seinem graumelierten Bart und führt aus, dass der ­Erhalt der ursprünglichen Materialien wie auch der geschichtlichen Authentizität Massstab ihrer Arbeit gewesen sei. So gibt es unterschiedliche Temperaturbereiche im Haus: Die Erschliessungsräume sind unbeheizt, die Schlafräume nur leicht temperiert. Wer es warm haben möchte, muss die restaurierten Holzöfen einheizen.

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Historischer Dorfrundgang

Valendas im Vorderrheintal verfügt über ein Ortsbild von nationaler Bedeutung. Es ist geprägt von einer erstaunlichen Anzahl stattlicher Patrizierhäuser. ­Entstanden sind sie in der Zeit, als das nahe am Schnittpunkt von internatio­nalen Alpenrouten gelegene Bauerndorf vom Transitverkehr lebte. Daneben ­kamen die adligen Bewohner, namentlich das Geschlecht der Marchion, bis ins 18. Jahrhundert durch Söldnerdienste zu einem guten Einkommen. Dieses investierten sie nicht zuletzt in die Erweiterung ihrer Residenzen. In einem Rundgang durch Valendas lassen sich diese Zeit­zeugen und weitere historische Bauten entdecken. Die Route mit Start und Ziel beim Dorfplatz führt über 14 Stationen (siehe Plan, oben). Heute leben in Valendas und in den umliegenden Weilern rund 300 Einwohner. Seit 2013 gehört das auf einem ­Plateau über der Rheinschlucht gelegene Dorf zur Fusionsgemeinde ­Safiental.

  • Weitere Informationen: www.safiental.ch und www.valendasimpuls.ch
Quelle: Stephan Rappo

Uralter Russ an den Wänden

Russgeschwärzte Wände in der Küche zeugen von der früheren Nutzung – doch dem Komfort wurde nicht ganz abgeschworen. Heute kocht man auf einem Glaskeramikherd. Auch das Bad wurde sanft renoviert. Man duscht unter bemalten Holzdecken in freigestellten Duschschalen. «Wir haben die Einrichtung bewusst neu gestaltet und alles von einheimischen Handwerkern fertigen lassen», erklärt Ramun Capaul. Mit Liebe zum Detail: So sind die Waschtröge aus Verru­cano-Stein aus der Region. Den ursprünglichen Geist spürt der Besucher sofort: Die Türen sind niedrig, die Räume dunkel, die Wände einen halben Meter dick. Auf der Tour durchs Haus entdeckt man immer wieder Neues. Zuoberst im Turmzimmer sind die Kritzeleien nicht entfernt worden. «Werner verliebt», steht in den Verputz geritzt. Capaul sagt: «Erst wollten wir alles übermalen. Aber auch diese Kritze­leien gehören zu diesem Gebäude. Die Dorfjugend hat das leerstehende Haus als ihre eigene Welt genutzt.»

Nicht alle verstehen diese sanfte, manchmal fast ironische Version der Renovation. Eine Frau aus dem Dorf habe bei der ersten Besichtigung nach der Wiederinstandstellung des Türalihus gesagt, das sei doch wohl nicht ­fertig: «Es sieht ja alles noch gar nicht richtig neu aus.» Ramun Capaul lacht: «Ein schönes Lob.» Wäre doch der Florentiner Wassernixe bei ihrer letzten Renova­tion im Jahr 2011 ein lächelnder Mund ins Gesicht gepinselt worden – dann strahlten sie jetzt alle um die Wette: das neue Gasthaus am Brunnen, das Türalihus und sie selber. Aber so ist der Glanz eindeutig beim alten Gemäuer.