Eine Familie aus Ostermundigen wollte ihr Wohnzimmer modernisieren. Sie wählte einen Boden aus Anhydrit, versiegelt mit Epoxidharz. Schon bald roch es nach Bittermandeln, und die Familienmitglieder klagten über Kopfschmerzen. Ein Spezialist für Wohngifte analysierte die Raumluft und fand hohe Werte von Benzylalkohol und Benz­aldehyd. Letzterer verursachte den Geruch, der entstanden war, weil man das Epoxidharz falsch ver­arbeitet hatte. Es konnte in den Anhydritboden eindringen, oxidierte und erzeugte den schädlichen und stark riechenden Benzaldehyd. Um das Problem zu lösen, musste der Boden entfernt und neu eingebracht werden.

Fälle, wie sie Fachleute für Wohngifte immer wieder antreffen. «Vor allem nach Renovationen oder beim Bezug eines Neubaus kommt es bei Bewohnern zu Reaktionen auf frisch eingebaute Materialien», sagt Reto Coutalides, Inhaber der Bau- und Umweltchemie AG in Zürich und Bern. Er und sein Team sind spezialisiert auf das gesunde und nachhaltige Bauen sowie auf Schadstoffmessungen.

Die Symptome sind oft Kopfschmerzen

Hauptgrund für die Probleme der Bewohner sind meist Lösungsmittel in Lacken, Farben, ­Bodenbelägen oder Fugendichtungen. Dünsten sie aus, können sie bei Menschen zu Reaktionen führen. Grenzwerte für solche Giftstoffe in Wohnräumen gibt es bis heute nicht, im Gegensatz zu Grenzwerten für Arbeitsplätze in der ­Industrie. Die Einführung wurde vor gut zehn Jahren von der Regierung in Bern verworfen.

Typische Symptome, die Wohngifte auslösen, sind Müdigkeit, Kopfschmerzen, tränende Augen, Unwohlsein oder Hustenreiz. Leidet man während längerer Zeit und immer beim Aufenthalt im gleichen Raum darunter, sollte die Raumluft getestet werden. Eine einfache Möglichkeit ist ein Testkit, das es für 249 Franken zu kaufen gibt. Dieses stellt man im ent­sprechenden Raum auf und schickt es nach 14 Tagen ins Labor. Zeigt der Test einen Verdacht an, müssen Fachleute beigezogen werden. Diese prüfen die Luft und nehmen Proben von Materialien, die für die Probleme verantwortlich sein könnten. Ist die Ursache gefunden, können Massnahmen ergriffen werden.

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Mieter haben einen schweren Stand

Wer ein Haus oder eine Wohnung frisch ab Plan kauft, kann schon bei der Auswahl der Materia­lien auf unbedenkliche Produkte achten. Sicher­heit schafft auch der Kauf eines Objekts mit dem Label «GI Gutes Innenraumklima».

Auch bei der Renovation eines Hauses kann man bereits bei der Planung auf die richtige ­Materialwahl achten. Ein auf gesundes Bauen spezialisiertes Architekturbüro oder ein Berater für Raumlufthygiene gibt Rat und überwacht auch die Ausführung am Bau. Wer selber renoviert, sollte nur Materialien kaufen, die mit entsprechenden Labels versehen sind.

Schwieriger ist die Situation für Mieter, denn sie müssen dem Vermieter erst glaubhaft machen, dass ein Mangel vorliegt. «Wichtig ist es, Be­weise zu sichern», sagt Felicitas Huggen­berger, Geschäftsführerin des Mieterverbands Zürich. Sie empfiehlt, neutrale Fachleute bei­zuziehen. In Frage kommen die Umwelt- und Gesundheitsämter der Gemeinden, die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) oder Umweltorganisationen wie der WWF. Solche Organisationen sind gemäss Huggenberger vor allem bei späteren Verhandlungen vor der Schlichtungsstelle wichtig: «Können die Fachleute aufzeigen, dass Wohngifte vorhanden sind, handelt es sich um einen Mangel, den der Vermieter beheben muss.»

Links

www.baubio.ch

www.labelinfo.ch

www.umweltinstitut.org

www.wohngifte.admin.ch

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Buchtipp

Reto Coutalides: «Innenraumklima»; Werd-Verlag, 2009, 208 Seiten, CHF 59.-