Die Trennscheibe heult, Funken sprühen: Innert einer Minute hat Heinz Wied­mann das Metallgestell in Einzelteile zerlegt und in der Altmetallmulde entsorgt. Wiedmann ist Fachleiter Bauteile bei der Stiftung Chance in Zürich. Mit fünf Helfern räumt er an diesem Montag die ehemalige Militärunterkunft im Schulhaus Stumpenboden in Feuerthalen bei Schaffhausen aus. Nicht alle Teile landen in der Mulde: Die Pissoirs beispielsweise und einige der Toilettenschüsseln schrauben Heinz Wiedmanns Mitarbeiter sorgfältig ab, um sie auf Palette zu packen und in den grossen weissen Lieferwagen zu verladen. «Solche Bauteile können wir nach der Aufbereitung gut wiederverkaufen», sagt Marco Britt, Bereichsleiter bei der Stiftung. Einige Wochen zuvor hat Britt das Gebäude, das nun zu einem Kinderhort umgebaut wird, inspiziert und ein Angebot für die Rückbauarbeiten eingereicht. Heute ist er vor Ort, um das Team in die Details der dreitägigen Arbeiten einzuführen.

Der im Sommer 2013 eröffnete Bauteilbereich der Zürcher Stiftung ist eine von zehn Bauteilbörsen im Land. Bis zu 45 Stellensuchende finden im Zürcher Projekt Arbeit. Betreut werden sie von drei Mitarbeitern der Stiftung ­Chance, die sowohl pädagogisch wie auch fachtechnisch ausgebildet sind. Ähnliche Unternehmen gibt es in Bern und Basel.

Die Kombination mit einem Arbeitsintegrationsprojekt ist typisch für die Bauteilbörsen in der Schweiz. «Mehr als 50 Prozent der Einnahmen der meisten Börsen stammen aus den Betreuungsbeiträgen – nur deshalb können wir die Bauteile trotz all der Handarbeit zu günstigen Preisen anbieten», sagt Stefan Tschannen. Er leitet die Berner Bauteilbörse und ist Präsident des Dachverbands Bauteilnetz Schweiz, in dem die Börsen organisiert sind.

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Vorbild der Bauteilbörsen ist die Automobilbranche

In der ehemaligen Militärunterkunft in Feuer­thalen gehen die Arbeiten unterdessen plan­mäs­sig voran, und Marco Britt ist zufrieden: «Wenn wir, so wie hier, frühzeitig für den Rückbau beigezogen werden, ist das optimal. Dann können wir genau auswählen, welche Mate­rialien wir für eine Weiterverwendung mitnehmen und was direkt entsorgt werden muss.» Oft kämen die Anfragen aber sehr spät, oder die ­potenziellen Auftraggeber seien der Meinung, die Bauteilbörse erledige den Ausbau kostenlos. «Wir bieten zwar Stellensuchenden eine Beschäftigungsmöglichkeit, müssen aber kostendeckend arbeiten», sagt Marco Britt. Deshalb stellt er, wie andere Abbruchunternehmen auch, den Aufwand in Rechnung – nur mit dem Unterschied, dass möglichst viele Bauteile nochmals genutzt werden. Vorbild für die Arbeit der Bauteilbörsen ist die Automobilbranche: Dort ist die Wiederverwendung noch brauchbarer Teile seit Jahrzehnten üblich.

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Brauchbares Material gäbe es genug unter den jährlich rund zwölf Millionen Tonnen Bauabfall in der Schweiz. Doch ein Grossteil landet in Deponien, der Kehrichtverbrennung oder im Alteisen. Gemäss Bauteilnetz gibt es dafür zwei Hauptgründe: Zum einen kennen viele Bauherren – und auch Baufachleute – die Bauteilbörsen nicht, zum anderen möchten sie den Rückbau so schnell wie möglich erledigen und lassen deshalb lieber Bauarbeiter mit Brech­eisen und Vorschlaghammer anrücken. «Dabei wäre ein Rückbau mit Wiederverwertung oft günstiger, da ein Teil der hohen Entsorgungskos­ten wegfällt», sagt Bauteilnetz-Präsident Stefan Tschannen.

Die Arbeit der Bauteilbörsen ist nicht nur kos­tengünstig, sondern auch ökologisch sinnvoll. Berechnungen zeigen, dass durch den Ausbau der Teile und deren Neunutzung in der Schweiz jährlich 36 Millionen Kilowattstunden Strom und 8000 Tonnen CO2 gespart werden – obwohl heute nur ein minimaler Teil der Abbruchmaterialien wiederverwertet wird. Das entspricht dem Stromverbrauch von 8000 Haushalten und so viel CO2, wie 2000 Autos pro Jahr bei einer Fahrstrecke von je 20'000 Kilometern ausstossen. Eingespart wird einerseits durch den Wegfall von Energie für die Neuproduktion der Bauteile, anderseits durch kurze Transportwege vom Ausbau bis zum Wiedereinbau.

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WC nach dem Reinigungsbad wie neu

Inzwischen sind die Feuerthaler Palette mit den Pissoirs und WC-Schüsseln in Zürich-Oerlikon eingetroffen. Dort betreibt die Stiftung Chance in einer ehemaligen Industriehalle eine Werkstatt und einen Laden für den Wiederverkauf der Bauteile. Die Pissoirs und WC-Schüsseln landen zuerst einmal im Reinigungsbad. Hier werden sie zwei Tage lang in einer Flüssigkeit versenkt, die Kalk und Urinstein löst. Danach sind sie wieder blitzsauber und sehen aus wie neu. So wie die Pissoirs und WC-Schüsseln durchläuft jedes gebrauchte Bauteil eine ausführliche Prüfung, bevor es gereinigt und instand gestellt wird. «Wir geben für alles, was wir verkaufen, eine Funktionsgarantie», sagt Marco Britt. So werden zum Beispiel Kochherde, Geschirr­spüler und Backöfen zuerst auf ihre elektrische Funktionstüchtigkeit geprüft, bevor Reinigung und Reparatur erfolgen.

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Sind sie fertig aufbereitet, landen die Bauteile im benachbarten Laden. In grossen Regalen lagern dort Sanitärkeramik und Spiegelschränke, daneben Kochherde, Kühlschränke, Geschirrspüler und Waschmaschinen. Ein Geschoss höher stehen in einem separaten Raum mehrere Einbauküchen und warten auf Käufer. Die Preise sind günstig (siehe links): Eine wie neu aussehende WC-Schüssel vom Schweizer Hersteller Laufen kostet 80 Franken; im Handel würde man dafür 380 Franken zahlen. Auch die Einbauküchen wechseln für wenig Geld den ­Besitzer: Für 1300 Franken ist eine komplette Kombination samt Waschbecken, Backofen und Keramikkochfeld zu haben.

Besonders gut laufen in der Zürcher Bauteilbörse Spiegelschränke, Sanitärapparate, Keramikkochfelder und Holzöfen. Zu finden sind aber auch Raritäten: etwa formschöne alte Waschbecken oder Badewannen mit Füsschen. «Die gehen schnell und zu einem sehr guten Preis weg», sagt Marco Britt. Die meisten Käufer kommen aus der Region. Alle Produkte werden aber auf der gemeinsamen Online-Plattform des Dachverbands Bauteilnetz aufgeschaltet.

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Auf Occasionen spezialisierte Handwerker

Handwerklich begabte Käufer bauen die Produkte selbst ein, ­andere beauftragen Profis. Einfachere Montagen übernehmen die Bauteilbörsen gegen Bezahlung auch in Eigen­regie, oder sie helfen bei der Vermittlung von passenden Handwerkern. Denn längst nicht ­ ­alle Baufachleute sind bereit, mit gebrauchten Teilen zu arbeiten. Zum einen, weil sie nicht gerne auf die Marge verzichten, die es für neue Bauteile gibt, zum anderen aus Angst vor Garantieansprüchen. «Verschiedene Handwerker haben aber die Nische entdeckt und sich auf die Installation gebrauchter Bauteile spezialisiert», sagt Stefan Tschannen von Bauteilnetz Schweiz.

Künftig könnte die Nachfrage nach gebrauchten Bauteilen noch zunehmen, denn immer mehr Gebäude werden nach strengen ökologischen Standards wie Minergie-P-Eco oder Minergie-A gebaut. Dabei ist auch die graue ­Energie – so bezeichnet man die Energie, die von der Produktion bis zur Entsorgung für ein Bauteil aufgewendet werden muss – ein wichtiges Thema. «Da gebrauchte Produkte diesbezüglich viel besser abschneiden als neue, wird die Ökobilanz eines Baus positiv beeinflusst», sagt Fachmann Stefan Tschannen.

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Den Mitarbeitern der Stiftung Chance dürfte die Arbeit also nicht so schnell ausgehen. Und Potenzial wäre bereits heute da: «Gerade in Einfamilienhäusern, wo oft nur einzelne Bauteile benötigt werden, könnte man mit gebrauchten Teilen viel Geld sparen und die Umwelt schonen», sagt Bereichsleiter Marco Britt. Das Angebot bereits entdeckt haben Wirte von Bars und Restaurants: Beschädigen Gäste ein Pissoir, beschaffen sie sich den Ersatz oft güns­tig in einer Bauteilbörse. Gut möglich, dass ein Soldat, der einst im Feuerthaler Schulhaus übernachtet hat, in einer Zürcher Bar dasselbe Pissoir benutzt wie damals im WK.

Schnäppchen – nicht nur für Bauherren

Die Schweizer Bauteilbörsen bieten fast alle wichtigen ­Bauteile an. Eine zufällige ­Auswahl (Stand Juli/August 2014):

  • Steamer für Einbauküche voll verchromt; Fr. 300.–
  • Doppelflügelfenster mit Holzrahmen; Fr. 250.–
  • WC-Schüssel für Wandmontage; Fr. 80.–
  • Doppellavabo Fr. 140.–
  • Zimmertür Holz furniert; Fr. 50.–
  • ausziehbare Estrichtreppe Holz; Fr. 95.–
  • Parkett, Eiche massiv pro Quadratmeter Fr. 20.–
  • Heizungsradiator 70 cm breit; Fr. 50.–
  • Elektrowandboiler150 Liter Inhalt; Fr. 280.–
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