Noch hängt die Hitze in den Häusern, strahlt von den Strassen ab. An der Einfahrt zum Bauhaus in Schlieren stauen sich Autos – und dies um sieben Uhr abends. Das Baucenter ist fest in Frauenhand. Es ist «Women’s Day», Kurstag für Heimwerkerinnen. Mehr als 100 Frauen haben sich angemeldet, die Workshops sind seit Wochen ausgebucht.

Im Innern des 18'500 Quadratmeter grossen Industriegebäudes herrschen tropische Temperaturen. Die Frauen scheint das nicht zu stören. Sie unterhalten sich lebhaft, tragen Sommerkleidchen und Flipflops, einige sind perfekt frisiert und geschminkt. Die Bandbreite reicht von der flippigen 20-Jährigen mit Rastafrisur bis zur gepflegten Dame vom Zürichberg. Doch heute geht es nicht um Mode und Frisuren. Sondern darum, wie man Parkett verlegt, ein Badezimmer fliest und Wände streicht. Die Frauen sind gekommen, um sich Inspiration und fachmännischen Rat zu holen.

Wer sich umschaut, kommt nicht umhin zu fragen: Sind Frauen die neuen Heimwerker? Tatsächlich haben Do-it-yourself-Märkte neuerdings vor allem Frauen im Auge. Das Geschäft mit den Heimwerkerinnen boomt, sie machen bereits mehr als 40 Prozent der Kundschaft aus. «Der Frauenanteil steigt kontinuierlich», sagt Thomas Jud, Geschäftsführer der Bauhaus-Filiale in Schlieren. Und Frauen seien ein Kundensegment mit hohem Potential. Umfragen zeigen, dass die Initiative für ein Umbau- oder Neubauprojekt in Haus oder Garten oft von ihnen ausgeht. «Frauen sind federführend, wenn es um die Verschönerung der eigenen vier Wände geht», sagt Jud. Umso intensiver wird das schöne Geschlecht umworben. Die Workshops, eigentliche Crashkurse im Heimwerken, sind Teil dieser Marketingoffensive – und äusserst erfolgreich. «Wir könnten die Kurse doppelt so oft anbieten», sagt Jud, «und wären immer noch ausgebucht.»

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«Die sieht ja wie eine Pistole aus»

Offiziell geht es heute darum, «Hemmschwellen abzubauen». «Stellen Sie Fragen», sagt Jud bei der Begrüssung, «genieren Sie sich nicht.» Für die Ansprache ist er auf eine Stehleiter geklettert. «Und vergessen Sie nicht: Am Schluss gibts einen Apéro, ein Kursdiplom und eine Überraschung, die Sie nach Hause nehmen können.» All das will verdient sein. Es gilt, die Ärmel hochzukrempeln.

Die Kursleiter stellen sich vor, Männer, bestandene Handwerker, die tagsüber in ihren signalroten Gilets die Kunden beraten. Die Gruppen bewegen sich an ihren Werkplatz in der riesigen Halle. Dort ist schon alles vorbereitet: Werkzeug, Material und improvisierte Werkstätten stehen bereit.

Der Theorie- und Frageteil ist kurz, nun sollen die Frauen Hand anlegen. «Wer möchte auch mal?», fragt Plättlispezialist Simon Maier, nachdem er demonstriert hat, wie man mit der Silikonpresse Fugen dicht macht. «Die sieht ja wie eine Pistole aus», meint eine Teilnehmerin. Die erste Freiwillige meldet sich. Von wegen Frauen trauen sich nicht. Alle wollen sie einmal, keine zeigt Hemmungen, Werkzeug in die Hand zu nehmen, sich die Hände schmutzig zu machen. Und die Damen löchern die Profis mit Fragen. Alle fordern die ultimativen Tipps, die Lösung für ein konkretes Problem. «Soll ich die Plättli von oben nach unten fugen?», will eine wissen. «Wie kriege ich die Übergänge so hin, dass man nichts davon sieht?», eine andere.

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Der Verdacht, dass diese Frauen keine blutigen Anfängerinnen sind, liegt nahe. «Vorkenntnisse für unsere Workshops sind absolut keine nötig», schwächt Thomas Jud ab. Die Workshops seien für Anfängerinnen geeignet, passieren könne nichts, die Arbeitsschritte seien ungefährlich.

«Achtung, Finger!»

Im Parkettverleger-Kurs muss ein Kursleiter eingreifen: «Achtung, Finger!», ruft Tobias Wenger der eleganten Dame in Weiss zu, die beim Zuschneiden des Laminats mit höchster Konzentration bei der Sache ist – und beinahe ein Detail, den linken Zeigefinger, ausser Acht gelassen hätte. Der Begeisterung der Dame mit dem «von» auf dem Namensschild tut dies keinen Abbruch: Sie scheint sich inmitten von muskelbepackten, tätowierten Handwerkern so wohl zu fühlen wie bei einem Empfang im Golfklub.

Auch Marianne Amann sieht man nicht an, dass sie ebenso gern mit Werkzeug hantiert wie mit der Nagelfeile. Die jugendlich wirkende 60-Jährige hat eine kleine Immobilienfirma geerbt – und bringt ihre Wohnungen gleich selber in Schuss. «Beim Wändestreichen kommen mir die besten Ideen», schwärmt sie. Zum Malworkshop hat sie ihre beiden zukünftigen Schwiegertöchter mitgeschleppt, «weil wir wissen wollten, wie man Struktur auf die Wand bringt und sie mit Ornamenten verschönert». Ihr schwebt eine Wand in Terrakotta mit Wölkchen vor. «Sie wissen schon, im italienischen Landhausstil.»

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Heimwerken ist schick geworden. Renovieren und neu einrichten ist längst Teil des modernen Lebensstils. Magazine geben im Monatsrhythmus aktuelle Wohntrends vor, in Do-it-yourself-TV-Shows greifen Moderatorinnen, die wie Models aussehen, selbst zu Bohrer, Hammer und Pinsel. Ihre Botschaft ist simpel: «Hey, es braucht nicht viel mehr als einen Kübel Farbe, und deine Wohnung sieht toll aus!» Die richtig angesagten Farben werden in der Bauhaus-Filiale prominent präsentiert – mit dem Plakat eines deutschen Wohnmagazins, von dem eine blondgelockte Expertin lächelt.

Claudia Maeder geht es heute nicht um einen neuen Anstrich. Die 50-Jährige, die im IT-Bereich einer Versicherung arbeitet, hat sich für den Bodenleger-Kurs angemeldet – und hofft auf einen praktischen Nutzen. Sie hat vor, den Kellerraum ihrer Eigentumswohnung in ein bequemes Gästezimmer zu verwandeln. Ein Korkboden, so kam sie nach einiger Recherche zum Schluss, sei für den Raum, der über keine Heizung verfügt, genau das Richtige. Im Internet hat sie sich schlaugemacht. «Aber jetzt will ich es noch genauer wissen», sagt sie und lacht.

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Und, weiss sie am Ende des zweistündigen Workshops genug? «Natürlich hätte man einiges noch vertiefen können, aber fürs Erste reicht es. Ich weiss jetzt, wie ich die Bildung von Feuchtigkeit verhindern kann und was ich beim Türabschluss beachten muss.» Gemeinsam mit einer Freundin will sie sich ans Projekt Korkboden wagen. Ihrem Mann, dem sie jegliches Talent für Handwerkliches abspricht, kommt dabei eine Statistenrolle zu: «Er bringt uns dann den Kaffee.»

«Nichts, was Frauen nicht genauso gut können»

Vertauschte Rollen sind heute gar nicht mehr so selten. «Bei uns zu Hause bin ich es, die mit Bohrmaschine und Stichsäge hantiert und kleinere Reparaturen erledigt», sagt Cristina Sobhy, eine zierliche 37-Jährige. Auch Möbel hat die Sekretärin und Mutter von zwei kleinen Kindern schon selbst gezimmert. Das Wichtigste sei, «keine Hemmungen zu haben, etwas falsch zu machen». Aus Fehlern habe sie viel gelernt, und beim zweiten Mal klappe es meist besser.

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Auch Gabriela Hüppi, 46, kennt keine Berührungsängste. «Wie heisst es doch so schön: Selbst ist die Frau!», sagt die alleinerziehende Mutter mit den vom Triathlon-Training gestählten Muskeln. «Es gibt nichts, was Frauen nicht genauso gut könnten wie Männer. Eigentlich können wir es ja meistens besser.» Sie ist eine jener Frauen, die schon als Kind lieber mit dem Papa ein Vogelhäuschen gezimmert als mit der Mama einen Kuchen gebacken haben – und noch Jahrzehnte später jeden durchschnittlich begabten Mann in die Tasche stecken.

Dass ihr Handwerker nie mehr ein X für ein U vormachen können, findet Gabriela Hüppi «cool» – und praktisch, weil sie «nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit auf sie angewiesen» sei. Auch ein finanzieller Aspekt spielt mit: «Selbermachen kommt mich viel günstiger.» Nach dem Workshop fühlt sie sich imstande, unterstützt von einer Freundin und dem 16-jährigen Junior, zwei Zimmer ihres Hauses in Angriff zu nehmen: Der fleckig gewordene Teppich muss einem pflegeleichten Plättliboden weichen.

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Zwei Stunden Beobachten genügt, um das Klischee, dass Frauen weniger geschickt mit Hammer und Bohrer umgehen, für immer zu vergessen. Frauen können Männern in Sachen Heimwerken sehr wohl das Wasser reichen – und oft mit ihrem Know-how auftrumpfen: Manch eine Kursteilnehmerin konnte es sich nicht verkneifen, dem Workshopleiter einen kleinen Verbesserungsvorschlag zu unterbreiten.

Nur hin und wieder wird man daran erinnert, dass in den Overalls keine Kerle stecken. Etwa wenn jemand fragt: «Müssen wir diese Overalls wirklich anziehen? Wir sehen ja aus wie Michelin-Männchen.» Und jemand antwortet: «Sieht doch heiss aus, darin könnten wir glatt auf den Catwalk.» Selbstverständlich würden sich Männer auch den spitzen Schrei, das verlegene Gekicher verkneifen, wenn beim Zuschneiden eine Fliese zu Bruch geht. Beim abschliessenden Apéro dann ist man wieder ganz Frau, nippt am Prosecco, schiebt Häppchen in den rotgeschminkten Mund und schwärmt der Freundin von der neusten Eroberung vor – der Bohrmaschine.

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Heimwerker-Kurse für Frauen

Workshops für Frauen finden in einigen der grossen Baucenter statt. Am besten erkundigt man sich in der Filiale vor Ort.

  • Women's Day von Bauhaus: handwerkliche Workshops für Frauen (Garten/Holz/Plättli/Farben). Ort: Bauhaus AG, 8952 Schlieren ZH, Telefon 044 738 18 18, www.bauhaus.ch. Kosten: gratis
  • OBI-Frauenworkshops zu diversen Themen (Malen, Wände, Keramik­platten, Bad und Küche, Laminat, Maschinen, Montage). Kosten: gratis. Anmeldung in der ­Filia­le. Kurse in Bülach, Volketswil, Renens, Aigle, St. Gallen, Winterthur, Basel, S. Antonino, Schönbühl und Oftringen
  • Migros-Klubschule: diverse Kurse in der ganzen Schweiz (Platten verlegen, Keramikplatten legen, malen, mauern, Reparaturen). Weitere Infos und Kursorte: www.klubschule.ch