Beobachter: Stefanie Wettstein und Lino ­Sibillano, wieso fürchten sich viele Menschen vor dem Einsatz von Farbe in den eigenen vier Wänden?
Stefanie Wettstein: Viele Leute verstehen die Hülle der Architektur als etwas Unantastbares. Farbliche Akzente setzen sie lieber mit Kissen und Accessoires. Darüber hinaus fürchtet man den Aufwand, eine Wand allenfalls wieder überstreichen zu müssen. Dabei ist der gar nicht so gross.
Lino Sibillano: Die Leute fühlen sich unsicher, weil Farben eine starke Wirkung haben. Ein ­gewisser Respekt vor Farbe ist sicher gut, aber er darf nicht zur Hemmschwelle werden. Man sollte ihn eher als Hinweis zu mehr Sorgfalt ­betrachten.

Beobachter: Sorgfalt womit?
Wettstein: Die Kunst ist es, den richtigen Farbton zu finden. Häufig probiert man etwas aus und merkt, dass der Ton nicht genau stimmt – und dann den richtigen zu treffen ist nicht einfach. Darum ist es sinnvoll, von Anfang an einen fachkundigen Maler oder Farbgestalter beizuziehen.
Sibillano: Eine weitere Schwierigkeit ist, dass man sich für einen Farbton entscheidet, aber nicht weiss, wie er im Raum wirkt. Hier herrscht zu Recht eine gewisse Unsicherheit.

Beobachter: Und aus diesem Grund entscheiden sich die meisten Leute für die neutrale Variante Weiss.
Sibillano: Dass Weiss neutral sei, ist ein absoluter Irrglaube. Weiss hat nämlich eine ausgesprochen starke Präsenz. Wenn man sich für Weiss ­entscheidet, hat man eben auch einen Farbentscheid getroffen.

Beobachter: Und wieso entscheiden sich die meisten dann ausgerechnet für Weiss?
Wettstein
: In den letzten 50 Jahren hat sich Weiss im Wohnen als Standard durchgesetzt. Vorher war das überhaupt nicht so, im Gegenteil: Weiss kam kaum zum Einsatz.

Beobachter: Wie geht man am besten vor, wenn man ­bereit ist, sich von der weissen Wand zu ­lösen?
Sibillano: Wichtig ist, erst einmal über die gewünschte Atmosphäre eines Raums nachzudenken, ohne bereits eine bestimmte Farbe im Kopf zu ­haben. Was tut man in diesem Raum, wie möchte man sich hier fühlen, welche Stimmung soll herrschen?
Wettstein
: Man sollte sich für die Farbwahl Zeit nehmen, Varianten durchdenken. Will man alles streichen? Macht man vielleicht Abstufungen? Verwendet man mehrere Farben? Wenn man ­eine Idee hat, ist es gut, sich von den Farbtönen grossflächige Muster zu machen, die man an verschiedenen Stellen und mit unterschiedli­chem Licht studieren kann.
Sibillano
: Will man es wirklich gut machen, sollte man den Raum analysieren. Wie verlaufen Licht und Schatten, wie ist das Zimmer gegliedert und proportioniert, wie bewegt man sich darin? Man muss Boden, Decke, Einbauten und Materialien mit einbeziehen und sich überlegen, wo welche Farbigkeit hingehört.

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Beobachter: Eine solche Analyse überfordert einen Laien doch völlig.
Sibillano: Das stimmt. Wenn man ein raffiniertes Farbkonzept will, lässt man sich am besten von einer Fachperson beraten, die all die wichtigen Aspekte einer Farbgestaltung kennt und ein ausgeprägtes Empfinden für Farbe und Räume hat. Es kann aber reichen, nur zu Beginn einen Farbgestalter beizuziehen, der einem hilft, die richtigen Fragen zu formulieren und die gewünschten Farbwelten zu eruieren.

Beobachter: Worauf sollte man beim Streichen der ­Wohnung achten?
Wettstein: Nicht nur der Farbton, sondern auch das Farbmaterial spielt eine wichtige Rolle. Deshalb sollte man auch die technische und ästhetische Qualität eines Anstrichs bedenken. Ob Ölfarbe, Leimfarbe oder Dispersion – neben der unterschiedlichen Optik hat die Qualität auch Einfluss auf das Raumklima. Auch hier kann ein Farbgestalter helfen.

Beobachter: Zurück zum Farbton: Was ist dran an ­Faustregeln wie «Rot putscht auf» oder «Grün beruhigt»?
Sibillano: Viele Menschen haben klischeehafte Vorstellungen von Farben, und von manchen Ratgebern werden einem auch bereitwillig Rezepte vermittelt. Doch jede Farbe hat so viele Nuancen, da lassen sich keine allgemeinen Regeln über die Wirkung von Rot, Blau oder Grün aufstellen.

Beobachter: Welchen Einfluss haben Farben auf die ­Raumwirkung?
Wettstein: Farben können weitaus mehr, als bloss ­einen Raum kleiner oder grösser wirken zu lassen. Sie beeinflussen die Stimmung des Raums. Dabei geht es um Nuancen in der Atmosphäre. Farben können einen Raum gemütlich, streng, luftig oder verträumt machen. Das hängt natürlich auch vom Raum selbst, von der Einrichtung und von seiner Nutzung ab. Aber mit Farbe kann man all das, was der Raum mit sich bringt, unterstützen und verstärken.
Sibillano: Mit Farben kann man auch sehr gut von ­gewissen Mängeln eines Raums ablenken. Oder man macht einen vermeintlichen Mangel zur Stärke. So kann man einen kleinen Raum etwa dunkel ausstreichen, so dass er eine geheim-nisvolle Tiefe bekommt oder zu einem wertvollen Schmuckkästchen wird.
Wettstein: Durch eine gekonnte Farbgebung können auch ungeliebte Elemente positiv umgedeutet werden. Wir hatten an unserer Schule zum Beispiel ein Lehrerzimmer mit einem grässlichen grünen Nadelfilzteppich. Eine Studenten­gruppe hat dann eine Tapete entworfen, die diese Farbe aufnimmt, und nun kann man sich den Raum ohne Teppich nicht mehr vorstellen. So kann man zu Hause auch mit ungeliebten Kacheln in Küche oder Bad vorgehen. Das störende ­Element wird dann Teil eines farblichen Gesamtkonzepts und erhält so eine ganz neue Qualität.
Sibillano: Es gibt viele solche Strategien, wie man mit Farbe auf eine gegebene Situation reagieren kann: etwas aufnehmen, einen Kontrast schaffen, übertönen, hervorheben, inszenieren… Hier lässt sich mit Farbe unglaublich viel er­reichen.

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Beobachter: Welche Wirkung haben Farben auf unser Wohlbefinden?
Sibillano: Ich bin davon überzeugt, dass Räume, die mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit gestaltet ­wurden, grundsätzlich eine angenehme Atmo­sphäre besitzen und auch zum Wohlbefinden beitragen.

Beobachter: Welches sind die häufigsten Laienfehler beim ­Arbeiten mit Farbe?
Sibillano: Der häufigste Fehler ist, dass die meisten nichts machen und ihre Räume einfach weiss lassen. Sie vergeben sich damit eine riesige Chance, die Raumqualität zu steigern und ­differenzierte Lebens- und Wohnatmosphären zu kreieren.
Wettstein: Häufig passiert es, dass Leute sich für eine Farbe entscheiden, Angst bekommen, es werde zu bunt, und dann Weiss reinmischen. So er­halten sie einen pastellenen, süssen Ton. Wie gesagt: Das Mischen eines raffinierten Farbtons ist eine Kunst für sich.
Sibillano: Ein weiterer Irrtum ist, dass man auf einen dunklen Raum zwingend mit heller Farbe re­agieren muss. Dunkelheit ist auch eine Qualität. Wenn man zum Beispiel eine verschattete Ecke gut ausarbeitet, kann diese sehr atmosphärisch werden und Tiefe evozieren.

Beobachter: Was halten Sie vom ewigen Argument, dass man als Mieter in seiner Wohnung halt nichts verändern darf?
Wettstein: Man sollte sich nicht scheuen, das Gespräch mit den Vermietern zu suchen, Argumente vorbringen und vielleicht eine Skizze machen. Mit den meisten wird man sich einigen können. Und Farbe zu überstreichen ist nun wirklich kein grosser Aufwand, zumal Miet­wohnungen ja sowieso alle zehn Jahre neu ­gestrichen werden.

So wird das Einrichten kein Krampf

  • Dem eigenen Gefühl vertrauen: Erschreckend viele Menschen richten sich nicht nach den ­eigenen Bedürfnissen ein, sondern folgen dem in Magazinen, Katalogen und Showrooms vorgelebten Mainstream. Die Individualität bleibt auf der Strecke. Die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und etwas wagen ­lautet die Devise.

  • Den Dingen Zeit lassen: Nichts Schlimmeres und Steri­leres als eine frisch bezogene und bereits fertig eingerichtete Wohnung. Eine richtige Wohnwelt wächst mit den Jahren. Möbel, mit denen man unter Umständen ein Leben verbringt, findet man nicht auf die Schnelle, man entdeckt sie, gräbt sie aus, begegnet ihnen unverhofft. So entstehen Wohnwelten, deren Charakter sich mit demjenigen der Bewohner weiterentwickelt, die Geschichten erzählen und die Spuren der Zeit stolz als Trophäen des Lebens präsentieren.

  • Qualität ist langfristig billiger: Billige Ware hat den Nachteil, dass sie meist schnell kaputtgeht und ersetzt werden muss, ergo teuer ist. Auch bei einem kleinen Budget sollte man deshalb lieber auf weniger, dafür hochwertige Einrichtungsstücke setzen, die man lange besitzt, die Charakter entwickeln und an denen man noch nach Jahren Freude hat. Das gilt besonders für Laminatböden: Als günstige ­Alternative rasch ausgewählt, werden sie schnell hässlich und müssen bald ersetzt werden, während ein Echtholzboden ­immer ­schöner wird und über Jahrhunderte hält.

  • Alles ins rechte Licht rücken: Das Licht ist das A und O in der Wohnumgebung. Eine einzige Leuchte kann in einem noch kahlen Raum Atmosphäre und ein wohnliches Zentrum schaffen. Neonlicht hingegen ist ein absolutes No-Go, selbst in ­Küche oder Bad. Mehrere unterschiedliche Lichtquellen kreieren Lichtinseln, struktu­rieren den Raum und schaffen Gemütlichkeit.

  • Nur die grosse Geste bringts: Ein Väschen auf dem Tisch, drei Windlichter auf dem Sims und eine Laterne am Boden – kleinteilige Accessoires, über die Wohnung verteilt, wirken ­beliebig und haltlos. Schaffen Sie schöne Gruppen von ­verwandten Gegenständen, ­ins­zenieren Sie diese. Seien Sie grosszügig mit Blumen­sträussen und Kerzen.

  • Auch mal adieu sagen können: Besitz sollte nicht zu Ballast werden und einen träge ­machen. Deshalb tut es immer wieder gut, Dinge loszulassen, weiterzugeben, sich zu erleichtern und Platz für Neues zu schaffen.
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Haus der Farbe

Das Kompetenzzentrum «Haus der ­Farbe» setzt sich mit Farbe in Architektur, Design und ­Kommunikation auseinander und fördert auch die ­gestalterische Arbeit in Handwerksbetrieben.

www.hausderfarbe.ch