Der im 16. Jahrhundert erbaute Schaffhauser Munot zieht nicht nur Touristen an, das offene Obergeschoss des Bauwerks wird auch für Konzerte, Kinovorführungen und Feste genutzt. So hörten Anfang Juli 1'400 Personen in der spektakulären Kulisse die Band «Plüsch». Dass ihre Sicherheit nur unzureichend gewährleistet war, wussten die Besucher nicht.

Denn nach geltenden Bau- und Brandschutznormen wären solche Grossveranstaltungen auf dem Munot gar nicht zulässig. Lediglich ein einziger, gewundener Personenaufgang mit rutschigem Kopfsteinpflaster führt auf die Zinne, und die zusätzlichen Verbindungsschächte sind als Fluchtwege zu eng. Müssten im Notfall Menschen evakuiert werden, würde dies bei hoher Personenbelegung viel zu lange dauern, wie ein von der kantonalen Feuerpolizei veranlasstes Gutachten zeigt. Fazit der vom Zürcher Sicherheitsinstitut ausgeführten Untersuchung: Halten sich mehr als 320 Personen auf der Zinne auf, reicht der einzige Zugang bei weitem nicht aus, wenn Panik ausbrechen sollte.
Die kantonale Feuerpolizei, als Aufsichtsbehörde zuständig, gab den schwarzen Peter umgehend weiter. Sie teilte dem Stadtrat von Schaffhausen letztes Jahr in einem Brief mit, dass die Verantwortung für eine höhere Personenbelegung von der Stadt als Eigentümerin des Munots zu tragen sei: «Darüber hinaus begibt man sich in einen gesetzlich nicht geregelten Bereich, der nicht durch Ausnahmebewilligungen der städtischen oder kantonalen Feuerpolizei legalisiert werden kann.»

Das Thema Sicherheit wird gemieden Auf Anfrage betont die Stadtregierung, dass inzwischen in Zusammenarbeit mit dem Munotverein, der als Gastgeber in der Festung waltet, Sicherheitsmassnahmen getroffen worden seien: Für 80'000 Franken wurde eine Notbeleuchtung installiert, und der Verein hat die internen Dispositive für Veranstaltungen angepasst. Bei historischen Gebäuden seien die Brandschutzvorschriften nicht gleich anwendbar wie in einer Disco oder einer Turnhalle, sagt Stadtbaumeister Ulrich Witzig. Zudem bestehe in den Munot-Mauern kaum Brandgefahr. Ein zweiter Zugang und Fluchtweg - er könnte als Treppenschacht innen am Bauwerk eingebaut werden, wäre von aussen also nicht sichtbar - habe deshalb nicht Priorität. Auch der zuständige Stadtrat Peter Käppler beschwichtigt: «Veranstaltungen mit einem Sicherheitsrisiko lassen wir gar nicht zu.» Zudem habe bisher niemand eine mit dem Denkmalschutz verträgliche und finanzierbare bauliche Lösung präsentieren können. Was in Schaffhausen nicht möglich scheint, realisierte jedoch die Stadt Bellinzona in ihren historischen Schlössern: einen Lift und eine Treppe als zusätzlichen Zugang.

Der traditionsreiche Munotverein geniesst hohes Ansehen, sein Vorstand besteht aus lokaler Prominenz. Deshalb geniesse der Verein eine Sonderbehandlung durch die Stadt, ärgern sich andere Veranstalter. Der Munotverein sei seit Jahren mit der Verbesserung der Sicherheit beschäftigt, meint Präsident Urs Saxer. «Letztlich ist es eine Frage der Verhältnismässigkeit.» Die grösste Gefahr drohe bei einem Sabotageakt, sagt Saxer, davor könnten auch bauliche Massnahmen nicht schützen.

Das Thema Sicherheit auf dem Munot wird öffentlich tunlichst gemieden, obwohl die Problematik spätestens seit dem Expertengutachten bekannt ist. Vertraut man den Verantwortlichen, gibt es keinen Grund zur Sorge: «Wir haben die Situation im Griff», sagt Stadtrat Käppler.

Quelle: Nik Hunger
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