Beobachter: Herr Mohn, viele Menschen fürchten sich vor ­Dingen, die statistisch äusserst selten sind.
Rolf Mohn: Solche Ängste gehen oft auf die Kindheit zurück. Viele Leute haben zum Beispiel grosse Angst davor, nachts alleine durch den Wald zu gehen. Dabei passiert nachts im Wald ganz einfach nichts. Man kann Kindern in der Schule so lange vom bösen Mann im Auto erzählen, bis sie glauben, jeder Mann in einem ­Auto sei böse. Klar braucht es Prävention, aber sie muss realitätsnah sein, und sie sollte nach Möglichkeit nicht nur Angstbotschaften vermitteln.

Beobachter: Und im Bereich Wohnen?
Mohn: Fernsehkrimis und Kriminalromane sind bei Frauen höchst beliebt. Viele sind überzeugt, die dort übliche Darstellung von Einbrüchen sei Realität. Das sitzt tief. Ich verstehe diese Ängs­te zwar, aber sie sind unbegründet. Das Paradebeispiel: Frauen fürchten sich extrem vor Einbrechern, die irgendein Instrument ­dabeihaben, mit dem sie eine kreisrunde Öffnung in eine grosse Glasfläche schneiden, um ins Haus einsteigen zu können. In der Realität hat kein Einbrecher ein solches Werkzeug. Abgesehen davon sind heute die meisten Scheiben doppelt verglast.

Beobachter: Gibt es auch das umgekehrte Beispiel: zu wenig Respekt vor häufigen Einbruchsarten?
Mohn: Ganz banal: Unsere Einstellung zum Thema Absperren ist mangelhaft. Wir schliessen die Türen ab, wenn wir zur Arbeit fahren, lassen aber die Balkontür sperrangelweit offen, wenn wir rasch zur Nachbarin gehen. Dann plaudert man eine halbe Stunde, bleibt zum Kaffee. Oder man lässt das Kippfenster offen, weil man ja nur rasch zum Briefkasten geht. Es ist noch immer so: Gelegenheit macht Diebe. Wenn man die ­eigenen vier Wände verlässt, auch nur für kurze Zeit, sollte es keine gekippten Fenster und keine offenen Türen geben.

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Beobachter: Viele Frauen haben Angst davor, nachts von einem Einbrecher überrascht zu werden.
Mohn: Männer auch, sie geben es bloss nicht so offen zu. Die Angst, nachts überfallen zu werden, ist in vielen Köpfen vorhanden – dieser Fall ist in unseren Breitengraden aber sehr selten. Der Fensterbohrer ist noch am ehesten der Einbrecher, dem es egal ist, wenn er jemanden im Schlaf überrascht. Fensterbohrer waren vor einiger Zeit recht häufig, heute nicht mehr so. Aber auch ­Fensterbohrer möchten lieber niemanden antreffen. Deshalb sollte man Einbrechern durch die Raumgestaltung den Eindruck vermitteln, dass jemand zu Hause ist.

Beobachter: Wenn man nun zu Hause ist und einen Einbrecher hört?
Mohn: Man sollte sich auf keinen Fall nur zurückziehen, sondern sich mit allen möglichen Mitteln bemerkbar machen. Schreien geht unter Umständen nicht «auf Befehl». Drehen Sie das Radio im Zimmer möglichst laut, poltern Sie. Ich selber habe einen Taschenalarm auf dem Nachttischchen liegen, der klingt wie eine Alarmanlage, also ziemlich laut. Wenn ein Einbrecher so etwas hört, ergreift er in aller Regel die Flucht.

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Beobachter: Kommen Einbrecher alleine oder in ­Gruppen?
Mohn: Sowohl als auch. Gerade osteuropäische Kriminaltouristen kommen häufig zu zweit oder zu dritt – da sind auch Frauen und Kinder mit im Team. Die scheuen sich abr noch viel mehr vor einer Konfrontation als die männlichen Ein­brecher.

Beobachter: Wie ticken Einbrecher?
Mohn: Wir wissen relativ wenig da­rüber, weil wir nur bei knapp 15 Prozent aller Einbruchsfälle jemanden festnehmen. Diese Straftäter wissen auch, dass sie nicht mit uns reden müssen. In Deutschland ist man weiter, dort finden im Strafvollzug regelmässige Befragungen statt. Aus diesen weiss man, dass sich Einbrecher zuerst Wohnungen oder Häuser suchen, für die sie gar kein Werkzeug benötigen. Braucht der Dieb Werkzeug, wählt er ein leises Vorgehen, eines, das ihn nicht in Verletzungsgefahr bringt. Den Stein nehmen und eine Scheibe einschlagen – mit dem Risiko, die Nachbarn aufzuscheuchen –, das ist so ziemlich die letzte Option.

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Beobachter: Wie können wir die Schweiz sicherer machen?
Mohn: Ein bestehendes Haus sicher zu machen, kostet schnell 6000, 7000 Franken. Das ist viel Geld. Mein Wunsch wäre es deshalb, vor allem Neubauten sicherer zu gestalten. Dazu müsste auch die Versicherungswirtschaft konkrete Anreize schaffen: Hochglanzbroschüren zum Thema Sicherheit nützen wenig. Es braucht viel mehr konkrete Anreize, die die Umsetzung erleichtern.

Rolf Mohn leitet die Beratungsstelle bei der Kantonspolizei in Aarau und berät auch Privatpersonen, die die Sicherheit in ihrer Wohnung oder ihrem Haus verbessern möchten.

Quelle: Thinkstock Kollektion
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Gaunerzinken

In Zeiten mobiler Kommunikation sind die ­uralten ­Zeichen, mit denen ein Einbrecher dem anderen Informationen übermittelt, selten geworden. Heute schicken sich Kriminelle Bilder. Früher signalisierten sie mit den Gaunerzinken etwa «Hier gibts Geld», «Nichts mehr da, es wurde schon eingebrochen» oder «Hund im Haus». Die Gaunerzinken stammen aus dem sogenannten Rotwelsch, einer Art Geheimsprache, die nicht sesshafte Gruppierungen verwendeten. Sollten Sie an Ihrem Brief­kasten oder an der Tür ­rätselhafte Zeichen finden, putzen Sie sie weg und informieren Sie die Nachbarn.