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DelikteSo ticken Einbrecher

Durch Literatur und Filme geprägt haben wir falsche Vorstellungen von der Vorgehensweise bei Einbrüchen. Bild: Thinkstock Kollektion

Einbrecher machen Angst. ­Dennoch wissen die meisten Menschen viel zu wenig über Tricks und Strategien der Diebe.

von Susanne Loackeraktualisiert am 2017 M07 07

Man sieht ihn vor sich: den schwarz gekleideten Einbrecher, Strumpfmaske über dem Gesicht, Glasschneider in der Hand. Er kommt mitten in der Nacht, steht plötzlich im Schlafzimmer.

In der Schweiz hat man gute Gründe, sich vor Einbrechern zu fürchten: Jeden Tag schlagen sie durchschnittlich 130-mal zu. Alle elf Minuten einer. Jeder dritte Fall von Diebstahl steht in Zusammenhang mit einem Einbruch; es gibt mehr als zehnmal so viele Einbrüche wie Fälle von Trickdiebstahl – auch wenn diese in der medialen Berichterstattung allgegenwärtig sind.

Die grosse Angst jedoch, der Dieb schleiche sich mitten in der Nacht ins Haus, wenn die ­Bewohner schlafen, ist meistens unbegründet. Grundsätzlich möchten Diebe nicht gesehen werden, vor allem aber möchten sie keine Bewohner im Haus oder in der Wohnung antreffen. Die meisten Einbrüche geschehen tags­über, wenn die Bewohner wahrscheinlich bei der ­Arbeit sind (siehe Grafik «Zu diesen Zeiten sich Einbrecher am aktivsten»). Wenn im Herbst die Uhren auf Winterzeit gestellt werden, nutzen Diebe die Möglichkeit, nach Einbruch der Dämmerung, aber noch vor der Rückkehr der Bewohner, zuzuschlagen. Die polizeiliche Kriminalstatistik der Schweiz (PKS) zeigt diese Häufung sehr deutlich. Sie beschränkt sich allerdings auf private Häuser und Wohnungen; im Geschäftsbereich ist der Unterschied zwischen Sommer und Winter weit weniger augenfällig.

Einstieg durch die Balkontür

Die Statistik zeigt eine ganze Reihe von weiteren Befunden, die nicht dem Klischee entsprechen: Nicht Einfamilienhäuser sind besonders gefährdet, im privaten Bereich wird häufiger in Mehrfamilienhäuser eingebrochen. In Mehrfamilienhäusern werden auch nicht zwingend die Parterrewohnungen am meisten heimgesucht, sondern auch diejenigen in den mittleren Stockwerken, weil sie den Einbrechern zwei Fluchtwege offen lassen. Wohnungen im obersten Stock sind dann besonders gefährdet, wenn klar ersichtlich ist, dass die Bewohner in den Ferien sind und die Diebe sicher ungestört bleiben. In Einfamilienhäuser dringen die Einbrecher gemäss einer Studie der Basler Versicherungen am häufigsten durch Fens­ter oder Balkontüren ein.

Die Schweiz ist ein beliebtes Ziel für Kriminaltouristen. Die Einbrecher sind oft in Gruppen organisiert, häufig sind auch Kinder und Jugendliche unter den Tätern. Der emeritierte Strafrechtsprofessor Martin Killias führt die «Beliebtheit» der Schweiz darauf zurück, dass hier «das mildeste Strafrecht Europas» gelte. Ausserdem würden, so Killias, nur rund sieben Prozent der Einbrecher erwischt. Nicht alle Häuser oder Wohnungen sind gleichermassen einbruchgefährdet. Die wichtigsten Faktoren – einige sind gegeben, andere lassen sich mit mehr oder weniger Aufwand beeinflussen:

Lage: Gebiete in der Nähe eines Autobahn­anschlusses sind grundsätzlich gefährdet: Einbrecherbanden schätzen Autobahnkreuze, weil diese mehrere Fluchtwege bieten. Weniger beliebt sind Objekte ohne direkte Zufahrt, weil man das Diebesgut wegtragen muss. Auch Objekte in einer Sackgasse sind für Einbrecher heikel, weil ihnen eine einzelne Person – auch zufällig – den Fluchtweg abschneiden kann.

Abschreckende Vorkehrungen: Je mehr ­­und je bessere mechanische Sicherheitseinrichtungen gut sichtbar vorhanden sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit eines Einbruchs. Findet sich ein weniger gut gesichertes Objekt in der unmittelbaren Nachbarschaft, kann es gut sein, dass die Einbrecher darauf ausweichen.

Sichtbarer Wohlstand: Eine Villa ist für einen Einbrecher lohnender als eine kleine Wohnung in einem günstigen Quartier. Allerdings verfügt die Villa meist über gute Einbruchsicherungen.

Chancen auf Bargeld: Je grössere Chancen auf Bargeld ein Einbrecher sich ausrechnet, ­des­to grösser ist die Einbruchsgefahr. Technische Geräte wie Fernseher werden heute viel seltener gestohlen als früher, weil es schwieriger ist, sie wieder loszuwerden und weil ihr Wiederverkaufswert stark abgenommen hat.

Sichtschutz: Dichte, hohe Hecken sind ein super Sichtschutz – auch für Einbrecher. Besonders praktisch ist die Kombination aus Hecke und Nachtbeleuchtung: Da können Einbrecher geschützt vor Nachbarsblicken, aber bei guter Sicht, ans Werk gehen. Steht zudem im Garten ein kleiner, nicht abgeschlossener Schopf mit Leiter und Hacke, freuen sie sich umso mehr.

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Nach einem Einbruch ist der Schreck meistens gross. Eine Hausratversicherung federt zumindest den materiellen Wert des gestohlenen Guts ab. Guider zeigt seinen Mitgliedern, worauf sie bei der Versicherungsdeckung achten sollten, welche Zusätze sich lohnen können und ob Mieter für Einbruchschäden haften.

Wie wird eingebrochen?

Einbrecher suchen immer den einfachsten Weg, um in ein Haus oder in eine Wohnung zu gelangen – mehr als die Hälfte aller Einbrüche passieren mit lediglich einem Schraubenzieher als Werkzeug. Oft brauchen die Diebe allerdings nicht einmal eine Tür aufzubrechen: Offen stehende Fenster und Balkontüren sind eine willkommene Einladung. Selbst geschlossene Fens­ter bieten keinen besonders guten Schutz: Die meis­ten ent­sprechen dem, was man im Fach­jargon «30-Sekunden-­Fenster» nennt: mit wenig Werkzeug in einer halben Minute zu knacken.

Die kantonalen Polizeistellen bieten entweder kostenlose oder relativ günstige Beratung, wenn man ein Haus oder eine Wohnung mit einfachen Mitteln einbruchsicherer machen möchte (siehe Interview mit Rolf Mohn zur Realität bei Einbrechern). Ein Rundgang mit einem Profi kann einem die Augen öffnen. Ein Beispiel: Vor allem Frauen fürchten sich vor grossen Glasflächen, beispielsweise zum Balkon hin. Doch Einbrecher wollen möglichst unverletzt bleiben und unter keinen Umständen verräterische Blutspuren zurücklassen. Sie wählen deshalb oft die weniger grosse Glasfläche, die nach dem Einschlagen Zugriff auf einen Türgriff oder einen im Schloss steckenden Schlüssel erlaubt.

Allerdings greifen Einbrecher eher selten zu dieser Methode, um in eine Wohnung oder ein Haus zu gelangen: Glasbrüche machen entgegen den Befürchtungen vieler Leute lediglich fünf Prozent der Fälle aus. Am häufigsten werden Fenster oder Türen mit Schraubenzieher, Stemmeisen oder Kuhfuss aufgehebelt. Oft drehen Einbrecher auch überstehende Zylinderschlösser ab oder schrauben billige Schliessbleche ab, um dann ebenfalls das Zylinderschloss abzudrehen.

Hilfsbereitschaft dreist ausgenützt

Neben dem klassischen Ein­bruch, bei dem der Dieb mög­lichst niemandem begegnen möchte, gibt es neuerdings auch Formen von Einbruch­ Trickdiebstahl. Ein der Polizei wohlbekanntes Muster ist folgendes: Mitten am Tag läutet es, vor der Tür steht eine schwangere Frau. Ihr sei schlecht, sagt sie, ob sie ein Glas Wasser haben könne. Die Hausfrau, allein zu Hause, eilt in die Küche. Inzwischen macht sich der Komplize der Schwan­geren, der sich bis zu diesem Moment hinter der Haus­ oder Türecke versteckt hat, ins Wohnzimmer, und nimmt iPad, Laptop oder Portemonnaie mit. Diese Variante ist deshalb so fies, weil sie unsere Hilfsbereit­schaft schamlos ausnützt. Niemand möchte hartherzig sein, aber da die Methoden der Diebe immer dreister werden, ist auch immer mehr Vorsicht angebracht.

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