Manche Äpfel fallen weit vom Stamm. Vater Eisenhut hatte Sportgeräte hergestellt, die in der Schweiz jedes Kind aus dem Sportunterricht kennt. Sein Sohn Otto pflanzte schon als Bub im Toggenburg Gemüse an und verkaufte es, um sein Taschengeld aufzubessern. Später wurde er Gärtner.

Als 24-Jähriger kaufte er ein grosses, teilweise steil abfallendes Grundstück in San Nazzaro auf der Südseite des Lago Maggiore, um dort Christbäume zu ziehen. Das war 1955, und den Quadratmeter Land gabs damals für ein paar Rappen.

Sonnige Sommer und kalte Winter sind typisch für das Klima in Gambarogno. Es gibt im Winter Wochen, in denen die rund 30'000 Quadratmeter keinen Sonnenstrahl sehen. Dennoch sinkt die Temperatur selten unter den Gefrierpunkt. In Kombination mit dem sauren Boden ist der Ort perfekt für Magnolien und Kamelien – und so wurden diese schon bald zum Steckenpferd des Christbaumzüchters.

Heute, fast sieben Jahrzehnte später, wacht Reto Eisenhut über das ehemalige Grundstück seines Vaters, das mittlerweile ein öffentlich zugänglicher botanischer Garten ist. Er ist auf sympathische Art verwildert, die Pflanzen, die Otto Eisenhut einst aus aller Welt importiert und als kleine Sträucher gesetzt hatte, sind zu Bäumen herangewachsen, manche zehn Meter hoch.

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Zitrusfrüchte statt Christbäume

Im Frühling ist der ganze Hang über Wochen ein Blütenmeer. Christbäume sind längst kein Thema mehr. Stattdessen wachsen alle Arten von Zitrusfrüchten, die «Milchkühe» der Anlage. «Die boomen richtig», sagt Eisenhut. Die Magnolien seien aber ein Verlustgeschäft. Mit den Kamelien kommt er «gerade so raus». Der gelernte Baumschulist züchtet diese zwar nicht selber – «das wird heute nur noch in China und in Grossbritannien gemacht» –, aber er vermehrt und veredelt sie. In Gewächshäusern, denen man ansieht, dass sie in die Jahre gekommen sind.

Botanischer Garten von Gambarogno

Ins Geschäft kommt Reto Eisenhut mit Zitrusbäumen.

Quelle: Diana Ulrich
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Reto Eisenhut, der in San Nazzaro mit fünf Mitarbeitenden und endloser Geduld veredelt, schneidet und pflegt, wird knurrig, wenn er über die Infrastruktur spricht: Blumen und Bürokratie scheinen sich nicht gut zu vertragen. Neue Gewächshäuser bauen? Scheitert an den fehlenden Baubewilligungen, an Leuten in politischen Ämtern, die den Eisenhuts nicht grün sind. Also arbeitet Sohn Reto mit dem weiter, was Vater Otto angelegt hat. Zum Glück fliessen zwei Bäche übers Grundstück. Die Wasserversorgung ist also kein Problem. Alles andere wird irgendwie zurechtgebastelt, ist entweder alt oder provisorisch. Aber es funktioniert.

Zwischen Computer und Garten

Fast 1000 verschiedene Kameliensorten wachsen im Garten, 700 davon verkauft er. Wie viele er wirklich kennt? «Wahrscheinlich so 650», sagt Eisenhut. Vermutlich kokettiert er. «Mein Vater war besser mit den Pflanzen, als ich es bin, er wusste und konnte mehr», sagt der Sohn, der mehr Zeit hinter dem Computer verbringen, Offerten schreiben und Buchhaltung machen muss. «Mein Vater war 15 Stunden am Tag im Garten. Das kann ich mir nicht mehr leisten.»

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Kamelien im Botanischen Garten von Gambarogno

Vielfältig: Von der Kamelie gibt es über 20'000 Sorten.

Quelle: Diana Ulrich

Otto Eisenhut kannte sich nicht nur gut mit den Blumen aus, er organisierte auch kleinere und grössere Kamelienanlässe in der Region. Und liess damit einen alten Brauch aufleben: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts huldigte man in Locarno mit einem alljährlich stattfindenden Kamelienfest der prächtigen Blume, die ursprünglich aus dem asiatischen Raum stammt und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Weg in die Gärten von Locarno fand. Eisenhuts Neuauflage der Kamelienschau dürfte die Inspiration für die Camelie Locarno gewesen sein, die jeweils im März stattfindet – wenn nicht gerade Corona grassiert.

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Kamelienfans aus aller Welt

Die Sammlerinnen und Kenner aus aller Welt, die die grosse Kamelienschau besuchen, schauen auch gerne im Parco Botanico von Reto Eisenhut vorbei. Da ist alles vertreten, «vom Bau-Chnuschti bis zum Top-Banker», sagt der 51-Jährige. Pflegetipps müsse er kaum geben. «Kamelienfans sind meistens Profis. Die wissen ganz genau, was sie suchen. Man kennt sich untereinander.» Oft reist ein Kunde um die halbe Welt, um in Gambarogno eine ganz bestimmte Sorte zu kaufen. Sogar die Gartenjournalisten der BBC waren schon mit einem Kamerateam vor Ort.

Reto Eisenhut träumt von dem Tag, an dem Touristen eine Gartenreise durchs Tessin machen können, «mit fünf, sechs Stationen, von denen jede anders ist». Die Brissago-Inseln zum Beispiel seien durch ihre idyllische Lage einzigartig, und der botanische Garten der Villa Taranto auf der anderen Seite des Sees sei das Gegenteil seiner Anlage: «Dort ist alles wunderschön geordnet, nach Farben, in geometrischen Konzepten», sagt Reto Eisenhut. Und fügt hinzu: «Wir stehen für das Wilde, Ursprüngliche.»

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Magnolien im Botanischen Garten von Gambarogno

Die Magnoliensträucher, die Otto Eisenhut vor Jahrzehnten gepflanzt hat, sind heute Bäume.

Quelle: Diana Ulrich

Ausflugstipps

  • Der Parco Botanico von Reto Eisenhut in San Nazzaro ist täglich für Besucherinnen und Besucher geöffnet. Der Eintritt für Erwachsene beträgt 5 Franken. Informieren Sie sich vor Ihrem Besuch auf der Website, um coronabedingte Änderungen auszuschliessen. Reto Eisenhut betreibt auch einen Pflanzenversand. Infos dazu auf: eisenhut.ch
     
  • Der Parco delle Camelie in Locarno ist für Besucherinnen und Besucher gratis zugänglich. Der Park beherbergt fast 1000 Kameliensorten, die im März und April am schönsten blühen. Er wurde von der International Camellia Society mit dem «Gardens of Excellence»-Award ausgezeichnet. Das diesjährige Kamelienfest Camelie Locarno ist wegen Corona abgesagt. Informieren Sie sich vor dem Besuch des Parks auf: ascona-locarno.com
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Tipps: Kamelien im eigenen Garten

  • Der März ist der perfekte Monat, um Kamelien vom Winterquartier ins Freie zu zügeln – denn winterhart sind Kamelien in der Deutschschweiz nur an windgeschützten Orten oder in einem gut mit Styropor oder Holzwolle eingepackten Topf. Ihre fleischigen Wurzeln sterben bei Temperaturen unter minus 5 Grad. Die Zweige hingegen ertragen kurzzeitig bis zu minus 15 Grad.
     
  • Falls die Kamelie schon im Winterquartier zu blühen beginnt, ist das kein Problem. Man sollte lediglich darauf achten, dass sie nicht zu warm bekommt. Der Wintergarten eignet sich deshalb nicht als Winterquartier. Die einfallende Sonne wärmt zu stark, und die Kamelie könnte ihre Knospen verlieren.
     
  • Mit dem Umtopfen wartet man am besten bis in den Mai, also nach der Blütezeit. Wenn man die Kamelie in den Garten pflanzen will, sollte man eine Stelle mit humos-sandigem Boden wählen. Biswind mag sie nicht, und auf Morgensonne reagiert sie mit braunen Blättern. Junge Triebe, die noch im Haus gewachsen sind, muss man langsam an die Sonne gewöhnen, der Pflanze zu Beginn also etwas Schatten spenden.
     
  • Die Kamelie kommt aus Gegenden, in denen im Frühling Monsun herrscht. Im Frühling darf man sie deshalb ausgiebig giessen, am besten mit Regenwasser. Aber Achtung: Wenn man sie im Sommer zu stark giesst, bekommt sie braune Blätter.
     
  • Obwohl die ersten Kamelien in Europa aus China kamen, ist die robustere Japanische Kamelie für private Liebhaber ohne spezielles Fachwissen besser geeignet. Von der Camellia japonica sind rund 7000 Sorten bekannt und unterscheidbar. Ihre Hauptblütezeit ist Ostern. 
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