Man kann sich fast nicht sattsehen an der exotischen Blütenpracht. In allen Formen und Farben wuchern die Orchideen aus Töpfen und Gläsern, ranken von Bäumen herab, verströmen ihren süsslichen Duft nach Veilchen oder Vanille. Im feuchtwarmen Tropenhaus der Stadtgärtnerei Zürich ist im Winter Hochbetrieb, die Primadonnen der Pflanzenwelt belieben jetzt zu blühen.

«Das ist eine Dendrochilum von den Philippinen», sagt Hugo Junker stolz. Er zeigt auf eine Orchidee mit Dutzenden von filigranen, elfenbeinfarbenen Kleinblüten, elegant angeordnet auf überhängen­den Blütenständen. «Und hier: eine Oncidium aus ­Gua­temala.» Sein Blick ruht auf einem besonders schönen Exemplar mit rot-orange gemusterten Blüten. Hugo Junker, der Orchideenexperte der Gärtnerei, kennt alle Arten seiner Sammlung und weiss von jeder, aus welcher Ecke der Welt sie stammt und wie man sie zum Blühen bringt.

Die Vielfalt ist riesig: Mit rund 35'000 Arten stellen die Orchideen rund 15 Prozent aller Blütenpflanzen. Hinzu kommt etwa eine Million Züchtungen, die klingende Namen tragen wie «Phalaenopsis Malibu Bistro» oder «Cymbidium Coral Candy». Weil sich die Orchideenarten einfach kreuzen lassen, ist der Phantasie der Züchter keine Grenze gesetzt. Nach Lust und Laune mischen sie Farben und Formen und entwickeln stets neue Kreationen: Blumen, die aussehen wie überdimensionierte Stiefmütterchen, rüschenbesetzte Schönheiten von barockem Sex-Appeal oder auch Gewächse, die in Form und Farbe an Spinnen oder ähnliches Getier erinnern.

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Solch vielfältigen und extravaganten Züchtungen ist es zu verdanken, dass die Orchideen in den letzten Jahren äusserst beliebte Zimmerpflanzen geworden sind. Allein der grösste Schweizer Orchideenproduzent, Meyer Pflanzenkulturen AG in Wangen ZH, liefert jedes Jahr 800'000 Pflanzen aus. Daneben wird der Markt von Produkten aus Holland, Deutschland oder Fernost überschwemmt. «Die meisten im ­Handel erhältlichen Orchideen sind heute Massenware wie alles andere auch», sagt Hugo Junker. «Sie sind derart hoch­gezüchtet, dass sie ständig blühen und extrem pflegeleicht sind.»

Vor allem Phalaenopsis, auch «Malaienblume» genannt, steht schon länger hoch im Kurs. Blumenfachgeschäfte, Baumärkte, Grossverteiler bieten sie an, und sogar bei Ikea steht sie im Regal. Sie ist sehr günstig – auch wenn sie zum Zeitpunkt des Verkaufs bereits vier bis fünf Jahre alt ist und um den halben Globus transportiert wurde.

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Ihre Odyssee beginnt in Fernost, in einem Reagenzglas in Taiwan. Hightech-Firmen betätigen sich dort als eigentliche Kopierstationen: Aus wenigen embryonalen Stammzellen erschaffen sie im Labor Hunderttausende von Klonen, die dann im sterilen Laborglas auf hormonbehandelten Nährböden zu jungen Pflänzchen heranwachsen – alle Produkte identisch, alle perfekt. Nach rund zwei Jahren sind die extravaganten Blumen fit für die grosse Reise: Per Flugzeug gelangen sie in einen Aufzuchtbetrieb in Holland, Deutschland – oder eben in Wangen bei Zürich.

Wilde Orchideen sind geschützt

Flinke Arbeitskräfte topfen die Phalaenopsis jetzt um, stellen sie zu Millionen anderer Pflanzen in beheizte Gewächshäuser. Flutlichter ahmen tropisches Sonnenlicht nach, Klimaanlagen blasen feuchtwarme Luft in den Raum, Wassersprüher sorgen für Kunstregen. Nun dauert es nochmals zwei Jahre, bis die Orchideen erstmals blühen. Erst jetzt werden sie in Plastik verpackt und per Lastwagen zu den Verkaufsstellen gebracht.

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Auch in der Stadtgärtnerei Zürich kann man die Phalaenopsis kaufen. Lieber sind  Hugo Junker indes andere Arten: seltene Züchtungen und vor allem die Wildformen. 1200 wilde Arten gibt es in der Stadtgärtnerei; viele davon wurden im Regenwald
gesammelt und in die Schweiz gebracht, zu einer Zeit, als man dafür noch keine Sondergenehmigungen brauchte. Heute sind wild wachsende Orchideen global geschützt und dürfen nicht mehr aus den Ursprungsländern ausgeführt werden. Zu oft wurden die Bestände geplündert, zu viele Spezies sind schon ausgestorben (siehe nachfolgenden Hinweis «Seltene Pflanzen»).

In der Stadtgärtnerei Zürich kennt Hugo Junker die Eigenheiten jeder einzelnen seiner Lieblingspflanzen.

Quelle: Gian Marco Castelberg
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«In der Wildnis wachsen die meisten Orchideenarten als Epiphyten auf Bäumen», erklärt Hugo Junker. «Das muss man wissen, wenn man sie zu Hause zum Blühen bringen will.» So ist zum Beispiel ein Überfluss an Nährstoffen Gift für die Pflanzen. Denn auf den Urwaldbäumen ist das Leben ausgesprochen karg; nur mit dem Regenwasser werden geringe Mengen an Nährstoffen angespült. Orchideen haben denn auch keine normalen Wurzeln, sondern dicke, grünlich graue Luftwurzeln, mit denen sie sich einerseits am Baum festklammern und anderseits das wenige Regenwasser aufnehmen, das entlang der Rinde herabläuft. Deshalb sollte man die Asketen zu Hause keinesfalls in normale Erde setzen, sondern in ein nährstoffarmes Rindensubstrat. Vor allem aber dürfe man die Pflanzen nicht zu häufig giessen, sagt Junker. «99,5 Prozent der serbelnden Orchideen wurden ersäuft», gibt er zu bedenken (siehe nachfolgende Pflegetipps).

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Zum Keimen braucht es einen Pilz

Eingefleischte Orchideenliebhaber wissen das natürlich längst. Sie kultivieren ihre Lieblinge nicht im trockenen Wohnzimmer, sondern in feuchtwarm klimatisierten Gewächshäusern oder Wintergärten. «Es gibt immer mehr Liebhaber, die seltene Arten und Hybriden sammeln», weiss Hugo Junker. Als Mitglied der Schweizerischen Orchideen-Gesellschaft kennt er viele von ihnen. Rund 800 Mitglieder hat der Verein; darunter auch einige Angefressene, die versuchen, Orchideen aus Samen aufzuziehen oder gar zu züchten.

Leicht ist das nicht, denn Orchideensamen lassen sich nicht einfach aussäen. «Sie keimen in der Natur nur, wenn sie vom Wind genau auf einen speziellen Pilz geweht werden», erklärt Junker. Der Grund: Die Samen sind extrem klein und verfügen über kein Nährgewebe. Sie müssen sich ihre Nährstoffe anderswo beschaffen und zapfen das Pilzgeflecht an, das ihnen in der ersten Zeit als Pseudo-Wurzelwerk dient.

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Zu Hause nachmachen lässt sich das nicht. Trotzdem schaffen es einige wenige Züchter, die Minisämchen zum Leben zu erwecken. So zum Beispiel Roland Amsler, einer der bekanntesten Orchideen­experten der Schweiz. Er hat in Sirnach TG einen  Zuchtbetrieb aufgebaut und lebt inzwischen gut von seiner Leidenschaft. In seinem Tropenhaus empfängt er pro Jahr über 100 Gruppen, die Vorträgen lauschen oder sich beibringen lassen, wie man Orchideen kultiviert. Andere kaufen Pflanzen in Töpfen, Gläsern, Kistchen oder auf ein Rindenstück gebunden, trinken beim «Orchideen-Amsler» einfach einen Kaffee oder heiraten gar im Tropenhaus.

Stolz ist Roland Amsler vor allem auf die Pflanzen in den abgesperrten Nebenräumen: Rund 4000 wilde Arten kultiviert er hier, «alle legal erstanden», wie er betont. Daneben wachsen Hunderte von seltenen Kreuzungen, die im eigenen Labor entstanden sind.

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Die Brutstätte seiner Orchideen sieht aus wie ein gut gesichertes Chemielabor. Hunderte rund 15 Zentimeter hohe Gläser liegen und stehen herum, ein Steamer ist zu sehen, eine Laborkammer mit sterilem Luftfilter, ein Computer. Alles ist mit diversen Alarmanlagen gesichert. «Hier keimen die Orchideensamen», sagt Roland Amsler und zeigt in eines der Gläser. Rund 400-mal pro Jahr sät er die staubkorngrossen Samen aus. Ein zähflüssiger Nährboden nach einer geheimen Rezeptur sorgt für die Nahrung, die Klimaanlage für kontrollierte tropische Bedingungen. Aus einer einzigen Samenkapsel könnte Amsler hier über 20'000 Jungpflanzen ziehen. In freier Natur hingegen würde gerade mal ein halbes Prozent der Samen auf den richtigen Pilz fallen und keimen.

Die im Glas aufgezogenen Jungpflanzen wird Amsler später in Töpfchen setzen und dann viele Jahre lang hegen und pflegen. Einige davon wird er verkaufen, mit anderen wird er seine Zuchtexperimente fortführen.

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Es ist Ende 2010, in der Stadtgärtnerei Zürich finden schon zum sechsten Mal die Zürcher Orchideentage statt. Hugo Junker stellt sie alle aus: seine Lieblinge, die Wildformen, aber auch die Züchtungen. Unscheinbare Spezies sind zu sehen, mit winzigen Blüten, die man kaum sieht. Frauenschuhe in allen Farben. Blumen, die mit Zucker bestreuten Lilien gleichen. Oder auch elegante purpurne Blumen auf bambusähnlichen Stängeln.

Im Nebenraum gibt es auch Orchideen zu kaufen. Phalaenopsis-Pflanzen sind dieses Jahr wieder besonders beliebt – Malaienblumen, in Plastik eingeschweisst, geklont und aufgezogen in Taiwan, umgetopft in Holland, ausgepackt in Zürich.

Der illegale Handel bedroht Orchideenarten

Heute sind weltweit rund 35'000 Orchideenarten bekannt. Wie viele in Tat und Wahrheit existieren, weiss aber niemand: Jährlich finden Botaniker neue Arten, jährlich verschwinden allerdings auch unzählige Arten. Vor allem die Abholzung des tropischen Regenwalds stellt eine grosse Gefahr dar. «In gewissen Gebieten wächst auf jedem Hügel eine andere Art», sagt der Orchideenspezialist Roland Amsler. «Wird der Hügel abgeholzt, stirbt auch die Art aus.»

Auch das illegale Einsammeln wild wachsender Orchideen dezimiert die Bestände. Weltweit werden jährlich zwei Millionen wilder Orchideen gehandelt, schätzt der WWF. Zwar sind die Arten global geschützt und dürfen nicht aus den Herkunftsländern ausgeführt werden. Trotzdem versuchen Sammler und Touristen immer wieder, Orchideen zu schmuggeln. «In vielen tropischen Ländern wie zum Beispiel Thailand kann man Orchideen an jeder Strassen­ecke kaufen», sagt Roland Amsler, der sich selber hüten würde, dort eine Pflanze zu erstehen. Zudem schleusen Händler Wildpflanzen in die legalen Handelskanäle ein, indem sie sie eine Zeit lang lagern und dann als Zuchtpflanzen deklarieren. Und auch im Internet werden Wildarten gehandelt.

Der WWF rät aus diesen Gründen dringend davon ab, ­seltene Wildformen an Pflanzenbörsen oder im Internet zu kaufen. Doris Calegari, Expertin für Artenschutz beim WWF Schweiz, stellt klar: «Es ist für den Laien praktisch ­unmöglich, wild gewachsene Pflanzen von Zuchtorchideen zu unterscheiden.» In den Blumengeschäften hingegen sei der Kauf von Orchi­deen normalerweise unprob­lematisch.

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Pflegetipps: So bereiten Orchideen lange Freude

Folgende Ratschläge gelten für die meisten Zuchtorchideen, aber nicht für alle. Wer es genauer wissen möchte, findet im Handel zahlreiche Bücher über Orchideen.

Temperatur und Luftfeuchtigkeit
Die Mehrheit der Zuchtorchideen gedeiht bei normaler Zimmertemperatur und Luftfeuchtigkeit. Weniger hochgezüchtete Arten benötigen hingegen in der Regel ein tropisches, feuchtes Klima. Diese kann mit einem Luftbefeuchter oder durch feines Besprühen erreicht werden.

Licht
Orchideen nie ins direkte Sonnenlicht stellen! Wichig ist jedoch viel indirektes Licht. Ideal ist daher ein Platz am Nordostfenster.

Substrat
Die meisten Orchideenarten wachsen unter natürlichen Bedingungen auf Bäumen. Daher benötigen sie auch im Topf ein spezielles ­Orchi­deen­substrat aus Rindenmulch.

Giessen und düngen
Orchideen dürfen nicht im Wasser stehen, da sie meist Luftwurzeln haben, die schnell faulen. Daher nur einmal pro Woche giessen und darauf achten, dass das Wasser gut abfliessen kann. Noch besser ist es, die Pflanze einmal pro Woche für eine halbe Stunde in ein Wasserbad zu stellen und dann trocknen zu lassen. Gedüngt werden dürfen Orchideen nur mit speziellem Orchideendünger.

Umtopfen
Die meisten Orchideen wachsen am besten, wenn sie jährlich nach dem Verblühen umgetopft werden. Relativ kleine Töpfe genügen.

Was tun, wenn sie nicht blühen?
Hauptblütezeit der Orchideen ist im Winter. Viele Arten blühen jedoch erst nach einer Kühl- oder Trockenphase. Sechs bis acht Wochen bei einer Temperatur von rund 15 Grad sind für viele Arten ideal; dazu stellt man die Pflanze im Herbst an einen kühlen Ort in der Wohnung oder an einen Schattenplatz auf dem Balkon.