Was wächst denn da am Wegesrand? Seit einigen Jahren nimmt das Interesse an Wildpflanzen markant zu. «Feldbotanik für Einsteiger» und andere Botanikkurse für Laien sind ein Renner. Exkursionen und Reisen zu heimischen Lebensräumen und deren Pflanzenwelt sind jeweils schon kurz nach Ausschreibung ausgebucht. Die Nachfrage nach Wildpflanzen und die Sensibilität für diese heimischen Gewächse seien «grösser denn je», sagt Patricia Willi, Wildstaudengärtnerin aus Eschenbach LU. Dazu habe auch das Internationale Jahr der Biodiversität beigetragen, das 2010 das Interesse an den wildwachsenden Pflanzen neu geweckt habe.

Der Berner Botaniker Adi Möhl ist überzeugt, dass ein breites Pflanzenwissen auch praktischen Nutzen hat: Wer essbare Wildpflanzen kenne, könne damit seine Küche bereichern. Und Heilpflanzen helfen bei so manchen Leiden. «Aber das ist nicht alles», sagt Möhl, der botanische Exkursionen und Reisen im In- und Ausland leitet. Und da gerät er ins Schwärmen: «Wer einmal die Sternhärchen des Trugdoldigen Habichtskrauts gesehen, die bloss einen Millimeter grossen Blüten des Kahlen Bruchkrauts mit der Lupe entdeckt oder den gedrehten Samen des Reiherschnabels auf der Hand gehalten hat, der ist meist so fasziniert, dass er fast unersättlich wird.»

Insekten und Kleintiere profitieren

Neben der verborgenen Schönheit üben auch andere Aspekte der Wildpflanzen ­eine grosse Anziehungskraft auf die Menschen aus. Die Cleverness zum Beispiel, mit der ein­zelne Arten ihren Fortbestand sichern. So kann der Gefleckte Aronstab seinen Kolben aufheizen, um Duftstoffe zu entsenden, die Insekten zur Bestäubung seiner Blüten anlocken. Und die Gewöhnliche Bienen-Ragwurz lockt mit ihrem Aussehen Bienenmännchen in eine Sexfalle und drückt ihnen bei dieser Gelegenheit ihren Pollen auf den Kopf.

Etwa 3000 Pflanzenarten sind in der Schweiz bekannt. Und sie verfolgen verschiedenste Strategien. Gehölze und Wildstauden frieren im Winter oberirdisch ab und treiben im Frühjahr neu aus. Es gibt aber auch einjährige Wildpflanzen, die innerhalb nur eines Jahrs keimen, wachsen, blühen, Samen bilden und danach absterben. Oder zweijährige, die im ersten Jahr keimen, ­eine Rosette bilden und Kräfte sammeln für die Blüte im zweiten Jahr. Manche Wildpflanzen bleiben ihrem Standort treu verbunden, andere besiedeln gerne neues Terrain.

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Seit einigen Jahren kommt die heimische Flora vermehrt im Gartenbau zum Einsatz. «Das Bedürfnis nach mehr Naturnähe in den Gärten hat zugenommen», sagt Clemens Bornhauser, Landschaftsarchitekt und Experte für Bio- und Naturgärten beim Verein Bioterra. Das spricht für den Einsatz von Wildpflanzen, denn die haben meist ­einen grösseren ökologischen Wert als Zuchtformen. Die heimische Flora bietet den Insekten Nektar und den Vögeln Samenkörner und Beeren. Sie liefert Futter für Schmetterlingsraupen und Unterschlupfmöglichkeiten für Kleintiere im Winter.

«Mit Wildpflanzen lassen sich poetische und zugleich moderne Gartenbilder gestalten, die die Gefühle vieler Leute ­ansprechen», sagt Clemens Bornhauser. So kom­binieren innovative Gärtner Trocken­mauern, Wildblumenwiesen, Kiesflächen, Schwimmteiche und andere Naturgartenkomponenten ganz bewusst mit formalen oder klassischen Gartenelementen wie Prachtstaudenbeeten, verschiedenen Rosentypen oder Formgehölzen.

Angesichts der Artenvielfalt stehen Gartenbesitzer bei der konkreten Umsetzung vor der Qual der Wahl: Welche Wildpflanzenart kommt wohin? Und wie wird sie gepflegt? Bornhauser empfiehlt, in einer Ecke des Gartens mit Experimenten anzufangen. Dazu eignen sich Schattenpartien, die man gut mit Farnen, Buschwindröschen oder Waldgeissbart gestalten kann.

Einigen Arten muss man Grenzen setzen

Bei der Bepflanzung grösserer Flächen oder beim Anlegen von Trockenstandorten sei es ratsam, einen Fachmann beizuziehen, sagt Bornhauser. Zum Beispiel bei einer Magerwiese. Ist diese erst einmal gut entwickelt, gestaltet sich die Pflege umso einfacher: Im Juni erfreut man sich an Margeriten, Wiesensalbei und Gräsern. Nach dem Absamen schneidet man die Wiese mit der Sense und lässt sie nachwachsen. Einzelne Arten blühen sogar erneut, bevor im September der zweite Schnitt erfolgt.

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Etwas aufwendiger sind Kiesflächen, die man auch Ruderalstandorte nennt. Hier wachsen zwar Arten, die mit sehr wenig Nährstoff und Wasser zufrieden sind. Doch Achtung: Wildpflanzen können sich – im Gegensatz zu vielen durch Zucht veränderten Gewächsen – selbständig fortpflanzen und produzieren keimfähige Samen. Einige von ihnen sind dabei sehr ­erfolgreich und breiten sich aus. Um sie im Zaum zu halten, schneidet man einfach rechtzeitig ihre Samenstände ab.

Andere Pflanzen sind weniger vermehrungsfreudig und bleiben dort, wo man sie hingesetzt hat. Deswegen ist es wichtig, die Pflanzen zu kennen – damit man beim Jäten diejenigen stehen lässt, auf deren Blüte man sehnsüchtig wartet.

Wildpflanzen auf dem Balkon

Warum Wildpflanzen?
Mit schmucken Geranien, die schon aus der Ferne zu sehen sind, können Wildpflanzen nicht mithalten. Ihre Blüten sind kleiner, meist filigran und pflegen einen kürzeren Auftritt. Wildpflanzen auf dem Balkon eignen sich für Menschen, die mit Freude die Natur beob­achten, gerne Besuch von Schmetterlingen und Bienen bekommen und im Winter keine kälteempfindlichen Pflanzen in den Keller schleppen wollen.

Das richtige Gefäss
Wildpflanzen kann man auch in der kalten Jahreszeit draussen lassen, sofern sie in frostsichere Töpfe gesetzt werden. Plastik­gefässe eignen sich auch wegen ihres geringen ­Gewichts sehr gut.

Das richtige Gewächs
Bei der Wahl der Pflanzen ist die Lage des Balkons ausschlaggebend. Viele haben Süd-, Südwest- oder Südostlage und sind ideal für wärmeliebende Arten: Das Rosmarinblättrige Weidenröschen, die Skabiosen-Flocken­blume, die Herzblättrige Kugelblume oder auch Mauerpfefferarten fühlen sich hier ­ besonders wohl. Bei West- und Nordwestlage eignen sich wegen der oft starken Westwinde kleinwüchsigere Wildblumen, Farne und Gräser. Bei Nord- und Nordostlage sind Schattenpflanzen zu empfehlen, etwa das Vielblütige Salomonssiegel, die Süsse Wolfsmilch, der Rundblättrige Steinbrech oder die Grosse Sterndolde.

Die richtige Saat
Wer gerne experimentiert, kann Wildpflanzen selber aussäen. Von nicht bedrohten Arten darf man vom Spaziergang ein paar Samen mitnehmen oder vielleicht in einem Naturgarten sammeln. Danach sofort aussäen, aber nicht erschrecken, wenn sich während Monaten nichts tut in der Saatschale: Es gibt sogenannte Kaltkeimer, die zuerst eine ­Kälteperiode brauchen, bevor sie ge­deihen. Wichtig bei der Anzucht ist es, die jungen Pflänzchen nicht der vollen Sonne auszusetzen und die Feuchtigkeit gut zu regulieren.

Buchtipps

Reinhard Witt: «Das Wildpflanzen-­Topfbuch. Ausdauernde Arten für Balkon, ­Terrasse und Garten»; Naturgarten-Verlag, 2010, 44 Seiten, CHF 29.90

Brunhilde Bross-Burkhardt: «Wildpflanzen im naturnahen Garten»; Cadmos-Verlag, 2013, 96 Seiten, CHF 19.90

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