Überall war es dasselbe. Kaum stand das Jurtendorf, begann das Gerede: «Hast du gehört? Eine Sekte soll das sein.» – «Ich wusste es!» – «Und mit dem Rotlichtmilieu sollen die auch etwas zu tun haben!» – «Ein Skandal!» – «Die legt Kreise aus Steinen, bestimmt verhext die unser Tal!»

Andrea Weibel muss lachen, wenn sie von den Gerüchten erzählt, die ihr schon zu Ohren gekommen sind, seit sie in einer Jurte lebt; anfangs allein, später gemeinsam mit anderen im Jurtendorf, fast jeden Sommer an einem anderen Ort. Sie nimmt es gelassen, weil sie weiss, dass Gerüchte sich schnell in Luft auflösen. «Sobald die Leute mich und mein Projekt kennenlernen, sehen sie, dass ich keine Aussteigerin bin, sondern ganz normal», sagt sie und stapft über die nasse Wiese auf ihre weisse Doppeljurte zu.

Es ist garstig heute im luzernischen ­Luthern Bad, rund 15 Grad kühler als die Tage zuvor. Ein leichter Regen hat ein­gesetzt. Die 39-Jährige mit den braunen ­Augen und den fast hüftlangen Haaren verschwindet beinahe in ihrer wasserdichten Kluft. Die Fischerhosen wirken drei Nummern zu gross, der Regenmantel reicht bis über die Knie, die Gummistiefel sehen aus, als gehörten sie einem Mann. «Ja, Lisu, du willst auch nicht raus bei dem Wetter», sagt sie zum Kater, der schon in der trockenen Jurte hockt. Lisu hat ein Katzentürchen.

In der Jurte ist es hell und warm

Hier oben im Napfgebiet, auf 970 Metern über Meer, wenige Gehminuten oberhalb der Stelle, wo fünfmal täglich das Postauto wendet, soll bald ein festes Dorf aus 20 Jurten entstehen. Die Gemeindeversammlung hat der «Sonderbauzone Jurtendorf» im Frühjahr zugestimmt. «Der Gedanke ist reizvoll, mein Daheim in einem Tag ab­bauen und am nächsten Tag anderswo wieder aufbauen zu können. Aber ich bin dankbar, nie mehr einen Standort für das Jurtendorf suchen zu müssen.»

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In der Jurte ist es angenehm warm. Andrea Weibel hat den Holzofen eingeheizt. Das Innere der Jurte wirkt hell und luftig, der runde Raum ist mehr als drei Meter hoch und hat einen Durchmesser von sechs Metern. Der Boden ist aus hellem Holz, ein Holzgitter und gebogene Dachstangen bilden das Gerüst für die un­gebleichten Baumwolltücher. Über die Fens­ter und eine Plexiglaskuppel an der Decke fällt viel Licht ein. Ein breiter Durchgang führt in eine zweite Jurte, das Schlafzimmer. Die spartanische Einrichtung – kaum mehr als ein Salontisch aus Holz, ein Bett, antike Kommoden und ein paar Pflanzen steht hier – erinnert eher an einen Ferienbungalow auf Bali als an die dunklen Zelte aus der Mongolei. Andrea Weibels Partner Thomas Schär wohnt seit bald einem Jahr ebenfalls hier, obwohl ihm die Sache mit dieser Berner Nomadin anfangs ziemlich suspekt war.

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Gleich wird der Baggerfahrer hier sein. Auf der leicht abfallenden Wiese wird er die Standflächen für weitere 18 Jurten planieren. Die meisten sind für Kinder- und Familienlager, Kurse, Seminare und Besucher gedacht, die übrigen für Leute, die ganzjährig hier leben möchten. Wie viele das sein werden, ist noch offen, sechs oder sieben vielleicht. Das Vetorecht behält sich die frühere Primarlehrerin jedoch vor. «Viele denken: ‹So easy, ein Jurtendorf, ausspannen, zusammen sein, ein bisschen was tun, ein bisschen Esoterik.›» Auf solche Leute kann sie gut verzichten, zu viel ­Arbeit wartet im Jurtendorf, besonders im Sommer, wenn hier bis zu 80 Gäste weilen werden. «Ich will hier kein Esoterikzentrum, hier sollen sich Menschen aus allen Schichten und mit verschiedenen Lebensphilosophien wohl fühlen.»

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«Bloss nicht dogmatisch sein»

Andrea Weibel macht einen viel pragma­tischeren Eindruck, als man es von einer Jurtenbewohnerin vielleicht erwarten würde. Die Spiritualität sei ihr aber schon sehr wichtig, mit den Naturwesen in Verbindung zu treten oder ins Gebet zu gehen. Sie hat aber auch ein Handy – wenngleich es mit dem Empfang hier oben hapert –, ein Solarpanel, um hie und da Radio zu hören, checkt regelmässig ihre Mails und pflegt ihre Website. «Bloss nicht dogmatisch sein» lautet ihre Devise heute.

Früher war sie anders. Mit Mitte 20 zog sie mit einem Pferd von Solothurn los und bis nach Südfrankreich, ganz allein. Wahnsinnig romantisch habe sie sich das vor­gestellt, und dann war es vor allem «huere härt». Später träumte sie davon, mit anderen Selbstversorgern in einer Ruine zu leben, ohne Strom, ohne Auto, nur mit Eseln. Beinahe hätte es geklappt, wenn ihr ein Holländer nicht in letzter Minute die Ruine vor der Nase weggeschnappt hätte. «Viele Dinge hatte ich mir zu einfach vorgestellt», erklärt sie und lacht so, als hätte sie gerade ein peinliches altes Foto von sich entdeckt.

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Heute ist die Selbstversorgung kein vorrangiges Thema mehr. Was sie braucht, kauft sie unten im Dorf, den Kontakt zur Gesellschaft pflegt sie bewusst. Auch weiss Andrea Weibel inzwischen, dass es nicht nur harmonisch zugeht, wenn Menschen am selben Ort leben, wohnen und arbeiten. Gleichzeitig ist das aber eine der ­Sehnsüchte, die sie am meisten antreiben. «Wenn Menschen es schaffen, an einem Ort zusammenzuleben und wirklich für­einander da zu sein, liegt darin eine wahnsinnige Kraft.»

Die Regentropfen prasseln nun stärker auf das Jurtendach, es klingt wie das Knis­tern eines alten Plattenspielers. Hier drin fühlt sich die Natur näher an. «Die Jurte ist wie eine zweite Haut und dennoch ein wohliges Daheim.» Elf Jahre ist es her, seit Andrea Weibel plötzlich den Drang verspürte, eine Jurte zu bauen. Sie fand eine Bauanleitung und bestellte beim Schreiner 35 Quadratmeter Fichtenholz. Der habe grosse Augen gemacht, als sie mit ihrem kleinen VW Polo vorgefahren sei. Die ­riesigen Jurtentücher nähte sie in der ­Turnhalle des Schulhauses, wo sie damals unterrichtete. Zwei Monate später, die ­Wohnung hatte sie bereits gekündigt, fuhr sie mit allen Einzelteilen an den Waldrand. Nach ein paar Stunden stand ihr neues ­Zuhause.

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In keiner Wohnung habe sie sich zuvor so wohl gefühlt, trotz der kalten Dusche draussen. «Wenn ich bei meinen Eltern oder Freunden zu Besuch war, fragte ich hie und da, ob ich rasch unter die warme Dusche dürfe.» Heute stehen im Jurtendorf schon eine winzige Saunajurte und zwei Bio-Klos; eine Pflanzenkläranlage soll so schnell wie möglich folgen. Andrea Weibel setzt inzwischen voll aufs Jurtenbauen. 10 bis 15 Stück verkauft sie jährlich an Private, als Gartenhäuschen, Ausstellungsraum oder Kafistube. Ihr Partner ist Schreiner und unterstützt sie dabei.

Ein preisgekröntes Projekt

Mitte Februar belegte sie mit ihrem Projekt den dritten Rang beim nationalen Umweltpreis «Trophée de femmes». Damit werden Frauen ausgezeichnet, die sich im Umweltbereich engagieren. Andrea Weibel tut dies auf eine stille Art, ohne zu missionieren. Niemand müsse in einer Jurte am Waldrand wohnen. Doch wir müssten wieder eine Beziehung zur Natur aufbauen und uns als Teil davon sehen, selbst wenn wir zwischen Beton und Hochhäusern wohnen. «Nur zu dem, was wir gernhaben, ­tragen wir auch wirklich Sorge.»

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Auf der Strasse nähert sich jetzt ein ­ratterndes Motorengeräusch; Hänsu, der Bagger­fahrer, ist da. Andrea Weibel schlüpft in ihre Gummistiefel und eilt nach draussen. «Wo willst du deine Jurten haben?» – «So hier eine, da drüben eine und zwei da unten, wo sich die Ebenen abzeichnen», antwortet sie und zeigt mehr ungefähr als zielgerichtet auf die Stellen im Hang.

Hans nickt und gräbt die Baggerschaufel ein paar Zentimeter tief in die feuchte Erde. Sie verzieht ihr Gesicht, als ob sie ­zuschauen müsste, wie jemand eine schmerzhafte Spritze bekommt. Wenige Minuten später ist das erste «Bödeli» fertig. «Das schmerzt schon ein wenig», sagt ­Andrea Weibel und schaut auf die braune Narbe im Gras, auf der bald eine Jurte ­stehen wird.