«Der Staat hat mein Leben zerstört. Statt zu erkennen, dass ich invalid geworden war, verstiess man mich aus der Gesellschaft.

1952, mit neun, hatte ich Hirnhautentzündung. Ich erlitt bleibende Schäden, war in der Motorik eingeschränkt, hatte Konzentrations- und Schlafstörungen. Das wollte niemand wahrhaben. Erst 1987, 35 Jahre später, diagnostizierte man Arbeits­unfähig­keit wegen Meningitis in der Kindheit.

Nach der Schulzeit wollte man mich zum Arbeiten zwingen. Es hiess, ich sei arbeitsscheu, ein Simulant. Ich konnte mich nicht erklären. Mit knapp 20 durfte ich nicht mehr nach Hause, der Kanton Aargau verfügte ein Kontaktverbot zu meiner Mutter. Weil ich mich nicht daran hielt, versorgte man mich für fast zwei Jahre in der Anstalt für Schwererziehbare in Dielsdorf.

Anfang der sechziger Jahre hatte ich keine Bleibe, ich ging in den Wald. Mein Hab und Gut hatte Platz in zwei Plas­tik­säcken. Ich hauste in Erdhöhlen. Bei Regen spannte ich eine Blache vor eine Scheiterbeige oder verkroch mich in der Kanalisation. Ich lebte wie ein Tier. Ein Tier auf der Flucht.

Ich habe nie Weihnachten oder Geburtstag gefeiert, nie soziale Kontakte gehabt. Ich erhielt weder IV noch Sozialhilfe. Auf Abfallhalden sammelte ich Flaschen. Vom Pfand kaufte ich mir Essen. 40 Jahre lang.

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Bei Minustemperaturen schmerzte mein Körper fürchterlich. Dann habe ich in Gasthäusern gegessen, in Pensionen übernachtet. Natürlich konnte ich nicht bezahlen. Ich wurde wegen Zechprellerei verurteilt. Wahrscheinlich Hunderte Mal. Statt dass mir ­jemand geholfen hätte, wurde ich bestraft. Insgesamt verbrachte ich etwa 15 Jahre in Anstalten, Gefängnissen und Zuchthäusern.

Wenn ich einem Richter von meiner Invalidität erzählte, wurde ich ausgelacht. Es hiess, ich sei uneinsichtig, ein Vagabund, ein Lump. Man nahm mir meine Gesundheit, mein Obdach, meine Menschenwürde. Man gab mir jahrzehntelang nicht einmal einen Ausweis. Ich war sozusagen inexistent.

1979 lernte ich eine Frau kennen, bald wurde sie schwanger. Als ihre Familie von meinem Leben erfuhr, verstiessen sie mich. Meine Tochter heisst Claudia, sie wurde 1980 im Spital in Brugg geboren. Ich habe sie nie gesehen.»

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