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Arbeit«Jeder Dritte, der krank ist, geht trotzdem zur Arbeit»

Wir müssen lernen, mit mehr Selbständigkeit umzugehen, sagt der Arbeitspsychologe Andreas Krause. Sonst endet die neue Freiheit am Arbeitsplatz im Chaos.

Normale Mitarbeiter arbeiten heute wie Unternehmer – oft ohne sich Grenzen zu setzen.
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Andreas Krause, 45, ist seit 2006 Professor für angewandte Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten.

Beobachter: Warum gehen so viele ­Angestellte krank zur Arbeit?
Andreas Krause: Dahinter steckt das Phänomen der interessierten Selbst­gefährdung. Jeder Dritte, der krank ist, geht trotzdem zur Arbeit. Das verlangt kein Chef. Die Mitarbeiter tun es von sich aus. Wir Angestellten denken inzwischen wie Unternehmer. Und wir wollen unsere Kollegen und Kunden nicht hängenlassen.

Beobachter: Dieses Phänomen ist doch nicht neu. Es nennt sich Ehrgeiz.
Krause: Klar, aber es gibt Unterschiede. Die heutige Arbeitswelt ist nicht mehr wie früher, als der Chef dem Mitarbeiter sagte, was er zu tun hat. Die Hierar­chien sind flacher geworden. An­gestellte erhalten Zielvorgaben, ge­koppelt mit mehr Verantwortung und Autonomie, können sich etwa ihre ­Arbeitszeit frei einteilen. Der Chef ­interessiert sich nicht mehr für den ­Arbeitsprozess. Dadurch verschiebt sich die Verantwortung. Die Mitarbeiter müssen selbst schauen, wie und in welcher Zeit sie ihre Aufgaben schaffen. In kritischen Situationen arbeiten sie dann härter, auch wenn das der Chef nicht verlangt.

Beobachter: Oder man hat Angst, die Stelle zu verlieren.
Krause: Leider ist der Druck auch für diejenigen Mitarbeiter grösser, die nicht sehr autonom arbeiten. So machen Callcenter Vor­gaben, wie viel Prozent der Kunden­anrufe in welcher Zeit mit ­welcher Kundenzufriedenheit zu beantworten sind. Oder ein Pöstler muss die Aus­lieferungen an jedem Tag bis 16 Uhr abgeschlossen ­haben – unabhängig von der Anzahl Briefe und Pakete.

Beobachter: Autonomie bedeutet also mehr ­Verantwortung, mehr Eigeninitiative, mehr Druck?
Krause: Nicht nur. Die Entwicklung hin zur Autonomie ist auch ein Fortschritt. So lassen sich Arbeit und Familie besser vereinbaren. Der Chef hält nicht überall den Finger drauf. Doch Veränderungen bergen auch Risiken: Normale Mitarbeiter arbeiten wie Unternehmer, oft ohne sich Grenzen zu setzen. Früher gab es autoritäre Führungskräfte, denen die Arbeitnehmer ge­horchen mussten. Punkt. Dafür spürten sie wenig vom wirtschaftlichen Druck, dem ein Unternehmer aus­gesetzt ist. Heute wird aber jeder Mitarbeiter mit dem Erfolg oder Miss­erfolg der Firma konfrontiert. Nicht mehr der Chef rückt dem Angestellten auf die Pelle, heute ist es der wirtschaftliche Druck.

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Beobachter: Wir müssen immer mehr arbeiten?
Krause: Das Problem ist, dass Arbeitnehmer vielfach alleingelassen werden. Man muss seine Ziele selber erreichen, ­selber nach Lösungen suchen. Wenn ­etwas schiefgeht, löst das Ohnmachtsgefühle aus. Viele wissen oft gar nicht mehr, wer denn nun Druck macht. ­Also versucht man den Stress selber zu verringern, indem man arbeitet, obwohl man krank ist oder eigentlich freihat.

Beobachter: Wie schützt man sich am besten vor sich selber?
Krause: Wer häufiger auch am späten Abend und an den Wochenenden arbeitet, wer Medikamente zum Abschalten nimmt, muss sich fragen: Will ich ­dieses Spiel eigentlich mitmachen oder will ich gegensteuern?

Beobachter: Was soll ich tun, wenn ich nicht mehr kann?
Krause: In einem modernen Unternehmen muss man zu seinem Chef oder seiner Chefin gehen können, wenn der Druck zu gross wird. Diese Möglichkeit gibt es nicht automatisch, man muss sich dieses Recht herausnehmen. Oft wird aber nur darüber gesprochen, wie noch effizienter gearbeitet werden kann. Dabei würde schon ein kurzes Gespräch mit Kollegen helfen, um ­besser Prioritäten zu setzen und so den Stress aufzufangen.

Veröffentlicht am 02. Februar 2016