Callcenter-Mitarbeiter gehören mit durchschnittlich 25 Franken Stundenlohn nicht zu den Grossverdienern. Wer aber bei Callworld in St. Gallen an der Strippe sitzt, kann selbst von solchem Entgelt nur träumen. Festbeschäftigte erhalten 22 Franken brutto, Angestellte auf Abruf bekommen CHF 15.60.

Wie in der Branche üblich, lockt auch Callworld mit der Aussicht auf Boni. Doch das mickrige Gehalt aufbessern ist nicht einfach. Während viele Callcenter pro Verkaufsabschluss einen Bonus zahlen, gilt bei Callworld ein Punktesystem, mit dem sich der Lohn steigern lassen soll.

Die Kehrseite: Jede Stunde ohne Verkauf mindert die Chance auf mehr Lohn massiv. Abschlüsse zu tätigen scheint bei Callworld zudem schwieriger als üblich. «Wir wurden auch schon vor Schichtende nach Hause geschickt, weil es nicht genügend Adressen gab», erzählt eine Mitarbeiterin. «Und obwohl es nicht unsere Schuld war, erhielten wir keinen Lohn für die verlorene Zeit.» Besonderes Pech hat, wer nachmittags Wein vertreiben muss. Der lässt sich tagsüber kaum verkaufen.

Ausstempeln für den Gang zur Toilette

Das Bonussystem ist zugleich ein Malussystem. Wer am Arbeitsplatz isst, sich nicht rechtzeitig im Einsatzplan einträgt oder einen Kopfhörer «unsachgemäss» behandelt, dem werden Punkte abgezogen. Ebenfalls lohnwirksam bestraft wird, wer ein «Käppli jeglicher Art» trägt oder in Trainerhosen erscheint. Das Baseballkäppli kostet 100 (beim ersten Mal) bis 500 (beim dritten Mal) Punkte. Wer einer Order des Vor­gesetzten nicht nachkommt, verliert 1500 Punkte. «Um das auszugleichen, müsste ich 15 Termine für einen Vertreter der Allianz abmachen können», rechnet ein Angestellter vor. Weiter drückt auf den Lohn, dass selbst für den Gang aufs WC ausgestempelt werden muss und sogar das Aufstarten des Computers nicht zur Arbeitszeit zählen soll. Zudem werden alle Gespräche auf­gezeichnet, ebenfalls ein klarer Verstoss gegen das Arbeitsrecht.

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Andere Callcenter zahlen deutlich höhere Löhne, die Telekomfirma Sunrise etwa, die vor kurzem einen Gesamtarbeitsvertrag mit der Gewerkschaft Syndicom abgeschlossen hat. Allerdings vergibt auch sie Aufträge an Callworld. Sunrise-Kommunikationschef Michael Burkhardt legi­timiert die Zusammenarbeit damit, dass Callworld Mitglied des Branchenverbandes Callnet und damit zur Einhaltung des Ehrenkodexes der Branche verpflichtet sei.

Auch der Weingrosshändler Schuler lässt von Callworld Kunden suchen. Lohnabrechnungen zeigen, dass ein Callcenter-Agent bei 90 Arbeitsstunden und einem Monatsumsatz von 40'000 Franken magere 22 Franken pro Stunde erhält. Im hauseigenen Callcenter in Seewen-Schwyz garantiert Schuler 25 Franken Grundlohn.

Von Missständen will Callworld-Chef Jürg Hüppi nichts wissen. «Wir werden im Rahmen des SQS-Gütesiegels Telemarketing seit 2009 jährlich geprüft. In sämtlichen Audits kam es bis dato zu keinen Beanstandungen», betont er. Wenig erstaunlich, denn: «Unsere Audits erfolgen grundsätzlich angekündigt und stichprobenartig. Dabei schauen wir uns vor allem Prozesse und Abläufe an sowie das Einhalten des Branchenkodexes gegenüber den Kunden», erklärt SQS-Geschäftsleitungsmitglied Felix Müller. «Arbeitsrechtliche Aspekte oder die Lohnsituation der Angestellten stehen nicht in unserem Fokus.»

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Auch die Prüfung der Tripartiten Kommission (TPK) vor zwei Jahren habe keinerlei Verletzung der Lohn- und Arbeits­bedingungen ergeben, kontert Callworld-Chef Hüppi. Die St. Galler TPK bestätigt dies nicht, da man keine Aussagen zu Einzelfällen machen könne. Die Zustände in St. Gallen haben die Gewerkschaft Syndicom alarmiert, die dieser Tage bei Callworld vorstellig werden will. «Wir sind froh um jede Meldung von Betroffenen», sagt Regionalsekretärin Nicole Weber. «Nur so besteht die Chance auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen.»