«Okay, i chume.» Reto Pauli legt den Hörer auf. Ein letzter Blick über den Arbeitsplatz, einer auf den Bildschirm: Die Notizen liegen bereit, das richtige Dossier ist aufgerufen. Beim Hinausgehen rückt er schnell den Besucherstuhl zurecht. Ordentlich soll es aussehen, einladend irgendwie.

Kommt er dann nach ein, zwei Minuten zurück mit seinem Gast, schiebt er beim Hineingehen noch kurz das Schild an der Tür von «frei» auf «besetzt». «Hocket ab. U de, wie geits so bi Euch?» Es geht, meistens. Es muss. Manchmal geht es auch gut. Und manchmal geht es gar nicht.

Reto Pauli ist ein freundlicher Mensch. Einer, der mitfühlt, wenn er wieder eine dieser himmeltraurigen Geschichten zu hören bekommt, die von familiären Problemen und finanziellen Sorgen handeln, weil der Vater plötzlich den ganzen Tag zu Hause ist oder das Einkommen der Mutter fehlt. Reto Pauli ist einer, der helfen will, der tut, was er kann. Aber auch einer, der gern lacht, wenn es etwas zu lachen gibt.

So richtig gern sitzt trotzdem niemand in seinem Büro. Daran ändern auch die aufgehängten Poster von Sydney und von einem Südseestrand nichts. Wer von ihm aus dem kalten Warteraum geholt, durch das triste Treppenhaus begleitet und schliesslich in das Büro gebeten wird, der ist hier, weil er seine Arbeit verloren hat und eine neue sucht: Reto Pauli ist Personalberater und Spartenleiter Gastronomie und kaufmännische Berufe im RAV, im Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum Biel-Seeland und Berner Jura.

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«Wie steht es um Ihr Französisch?»

«U de, wie geits so bi Euch?» – «Ach, es geht ganz gut.» Die junge Frau ist keiner der schwierigen Fälle. Ihre Stelle als Verkäuferin hat sie selber gekündigt. Die 35 Tagessätze, die ihr die Arbeitslosenkasse deshalb als Bestrafung für die selbstverschuldete Arbeitslosigkeit streicht, die «Einstelltage», nimmt sie klaglos hin. Sie sucht einen Job «im Büro» und macht eine entsprechende Ausbildung. «Im Moment suchen viele in diesem Bereich Arbeit», dämpft Pauli Hoffnungen. «Wie steht es eigentlich um Ihr Französisch?» – «Das kann ich nicht.» – «Das sollte man hier in der Gegend halt schon können.» – «Ich weiss», sagt die Frau. Vielleicht wäre ein Einsatz in einer Übungsfirma eine Idee, räsoniert Pauli, «damit könnten Sie praktische Erfahrungen sammeln, wenn Sie Ihr Diplom mal in der Tasche haben. Aber vorläufig machen Sie mal so weiter wie bisher mit Ihren Arbeitsbemühungen. Sie sind auf dem richtigen Weg.»

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«Das Schlimmste kommt erst. Noch geht es der Baubranche einigermassen gut.»

Reto Pauli, RAV-Personalberater

Schnellstmöglich zurück an die Arbeit

Was will man anderes sagen als Personalberater am Fuss des Juras, in einer Stadt, wo schon heute jeder Zwanzigste keine Stelle mehr hat? Wo man froh ist, solange bei der Arbeitslosenquote die Zahl vor dem Komma noch eine Fünf und keine Sechs ist? «Unser oberstes Ziel ist es, die Leute so schnell als möglich wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren», erklärt Reto Pauli. Ab sechs, sieben Monaten Arbeitslosigkeit, da werde es problematisch. «Je länger jemand weg ist, desto schwieriger wird es, eine Stelle zu finden.»

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Und was sagt man dann, in einer Gegend, wo sich täglich 20, manchmal 30 Personen arbeitslos melden müssen, viele davon ohne Berufslehre, Ausländer, aber immer häufiger auch KV-Angestellte, Architekten, Geschäftsführer? Wie erhält man da die Hoffnung aufrecht?

Reto Pauli weiss, wie es sich anfühlt, auf dem Stuhl vis-à-vis einem RAV-Berater zu sitzen. Gut sieben Jahre ist es her, da sass er selber da. Pauli, gelernter «Touristiker», wie er es nennt, arbeitete für einen grossen deutschen Ferienanbieter. Dann kamen der 11. September und das Grounding der Swissair, und so stand am 23. Oktober 2002 schliesslich der Gang zum RAV an, Zentralstrasse 63, Biel, Anmeldung im fünften Stock – bitte alle notwendigen Unterlagen mitbringen. Pauli allerdings hatte Glück, es war sein erster und letzter Besuch als Arbeitsloser. Das RAV suchte Mitarbeiter, und sein Profil passte auf die Anforderungen. Acht Tage später sass er in einem Kurs für angehende RAV-Personalberater, «PBs», wie die Funktion intern heisst.

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«Man muss sein Möglichstes tun, um die Klienten zu motivieren, damit sie sich nicht hängenlassen»: Corinne Auderset, RAV-Personalberaterin

Quelle: Alexander Jaquemet

Manchmal liegt die Hoffnung, die ein «PB» vermitteln kann, in einem ausgeschnittenen Inserat. «Rufen Sie doch dort einmal an», sagt Beraterin Corinne Auderset und drückt ihrem Gegenüber den Zettel in die Hand. Gesucht wird eine Betreuerin für ein betagtes Ehepaar. «Vielleicht wäre das etwas für Sie.»

Die Frau in ihrem Büro, Anfang 60, hat früher ein kleines Lebensmittelgeschäft geführt, jetzt ist sie beim RAV gemeldet, und ihre «Rahmenfrist», die 400 Werktage, während deren sie eine Arbeitslosenentschädigung zugut hat, diese Frist geht unerbittlich ihrem Ende entgegen.

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Auderset kontrolliert das Blatt mit den «Arbeitsbemühungen», ein Protokoll dessen, was die Frau im vergangenen Monat unternommen hat, um eine Stelle zu finden. In der Rubrik «Ergebnis der Bewerbung» steht auf fast allen Zeilen nur ein Wort: «Absage». Oder auch einfach «noch keine Antwort», das bedeutet letztlich fast das Gleiche.

Jetzt lässt sich die Frau zur Pflegehelferin ausbilden. Daneben steckt sie in einer «arbeitsmarktlichen Massnahme», einem Programm in einem Pflegeheim, wo sie schnuppern kann, wie sich der – vielleicht – neue Beruf anfühlt. «Es ist nicht alles angenehm», sagt sie, «aber es gefällt mir. Das war eine gute Idee von Ihnen.» Corinne Auderset lächelt kaum merklich.

«Das Schwierigste an diesem Job ist, für immer wieder neue Menschen, die einem gegenübersitzen, innert kurzer Zeit einzuschätzen, was sie eigentlich brauchen», sagt Corinne Auderset später, als ihre Klientin wieder gegangen ist. «Und man muss sein Möglichstes tun, um sie zu motivieren, damit sie sich nicht hängenlassen.»

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Die Strafen verordnet jemand anders

Motivieren, immer wieder motivieren. Fünf, sechs, sieben Rat- und Stellensuchenden pro Tag zuhören, nachfragen, Vorschläge machen. Aber auch: fordern, kontrollieren und wenn nötig streng sein. Längst nicht alle Klienten sind einfach, «und manche versuchen auch ganz einfach, das System auszunutzen», sagt Reto Pauli. Mehr als ein «tiefer einstelliger Prozentsatz» der Klienten sei das aber nicht, und Möglichkeiten, sich gegen Leute zu wehren, die gar nicht arbeiten wollen, die habe man.

Wer sich drei Verfehlungen leistet – etwa indem er zu einem vereinbarten Beratungsgespräch nicht erscheint, sich nicht genügend um Arbeit bemüht oder eine vom RAV angeordnete Bewerbung nicht abschickt –, wird sanktioniert. «Das muss sein», sagt Reto Pauli, und er ist froh, dass er diese Sanktionen nicht selber anordnen muss. Das übernimmt der Rechtsdienst: «Damit sind wir PBs etwas aus der Schusslinie.» Einen Notfallknopf gibt es trotzdem in jedem Büro.

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Rund 180 Dossiers führt jede Personalberaterin und jeder Personalberater im RAV Biel. Vor ein paar Monaten waren es zeitweise gar über 200. Beim Staatssekretariat für Wirtschaft, dem Seco, erachtet man 130 Dossiers als ideal. Dabei hat man in Biel mit dem Segen des Kantons in den vergangenen Monaten kräftig aufgestockt: Allein im laufenden Jahr stieg die Zahl der Beraterinnen und Berater von 8 auf 19.

«Eines unserer Jahresziele lautet, dass dieses Jahr kein PB ein Burn-out hat.» Diego Sägesser sagt das, und der Leiter des deutschsprachigen Teils des RAVs Biel-Seeland meint das keineswegs ironisch. Der Job ist geradezu klassisch krisenresistent, aber auch nicht mehr: Wer jetzt neu beim RAV anfängt, erhält einen bis Ende 2012 befristeten Vertrag. Wenn es der Wirtschaft wieder bessergeht, werden die «PBs» auf Arbeitssuche sein.

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Bis dahin haben sie noch viel zu beraten, zu viel, und viel zu wenig zu vermitteln. Den rund 3000 Stellensuchenden in der Wirtschaftsregion Biel-Seeland stehen zurzeit nur rund 120 offene Arbeitsplätze gegenüber. «Und das Schlimmste kommt noch», sagt Reto Pauli. «Noch geht es der Baubranche einigermassen gut.» Sollten aber neben den Hunderten meist schlecht qualifizierten Industriearbeitern noch Bauarbeiter in grossen Mengen auf der Strasse stehen, dann… Richtig zu Ende denken mag er dieses Szenario nicht.

«Sie haben uns von einem Grossauftrag erzählt...»: Stefan Tanner (links) und Jozef Lakacovic vom RAV im Gespräch mit Beat Bolzhauser, Geschäftsführer der Stadler Stahlguss AG.

Quelle: Alexander Jaquemet
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Kontakte pflegen mit den Patrons

Vielleicht hilft bei diesen Aussichten nur eines: grenzenloser Optimismus. Stefan Tanner hat ihn. Er ist der Chef des Bereichs Arbeitsmarkt-Support im RAV. Gelfrisur, locker gebundene Krawatte, immer einen Schlüsselbund in der Hand und ständig auf Achse. Tanner und seine drei Mitarbeiter beschaffen die Jobs, die die Personalberater dann vermitteln können. Es ist kommunikative Knochenarbeit mit nur einem Ziel: Arbeitgeber davon zu überzeugen, dass sie, wenn sie eine offene Stelle haben, erst einmal beim RAV und nicht bei einem Stellenvermittler anklopfen. Für Tanner heisst das: telefonieren, die Ohren offenhalten, Kontakte pflegen, Türklinken polieren.

Etwa bei Beat Bolzhauser. «Service après-vente» nennt Tanner das Gespräch beim Geschäftsführer der Stadler Stahlguss AG im Industriequartier Mett: vorbeischauen, sich erkundigen, ob mit den bisher vermittelten Arbeitskräften alles gut läuft – und herausspüren, ob man bald wieder mit offenen Stellen rechnen darf.

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Es sind widersprüchliche Interessen, die in Bolzhausers Büro zusammenkommen. Auf der einen Seite Firmenchef Beat Bolzhauser, der für einen möglichst tiefen Lohn gute Arbeitskräfte möchte. Auf der anderen Seite Stefan Tanner und sein Mitarbeiter Jozef Lukacovic, die genau wissen, wie viele ungelernte Kräfte sie anbieten können. Leute, deren Biographie möglicherweise nicht erst durch die Kündigung einen Knick erhalten hat. Zum Teil auch Alkoholkranke, Depressive, Verzweifelte mit finanziellen oder familiären Problemen.

Immerhin kommen die beiden nicht mit leeren Händen. Sie können Bolzhauser einen «Einarbeitungszuschuss» anbieten: Stellt die Firma einen ungelernten Arbeiter an, übernimmt das RAV während maximal sechs Monaten einen Teil der Einarbeitungskosten. «Das wird in den nächsten zwei Jahren das Modell sein», sagt Bolzhauser, und Tanner und Lukacovic schauen sich kurz an. Gedacht sei das eigentlich schon nur für ungelernte Arbeitskräfte, sagt Stefan Tanner schnell.

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Dann wechselt er das Thema: «Sie haben uns doch bei unserer letzten Begegnung von einem Grossauftrag erzählt, den Sie erwarten. Dürfen wir fragen, was daraus geworden ist?» Der Auftrag ist da, aber die Hoffnung, die Bolzhauser den beiden RAV-Mitarbeitern macht, ist klein: «Vorerst hilft uns dieser Auftrag, Kurzarbeit zu vermeiden.» Tanner und Lukacovic schauen etwas betreten. «Aber in der zweiten Jahreshälfte 2010 gehen wir von einem steigenden Volumen aus», fügt Bolzhauser hinzu, und die Mienen hellen sich wieder auf. Lukacovic macht sich eine kurze Notiz. Er wird nicht bis in die zweite Jahreshälfte 2010 warten, bis er wieder einmal anklopft.

Dann verabschiedet man sich. Beat Bolzhauser eilt zur nächsten Sitzung. Jozef Lukacovic fährt zu einer Bäckerei, in der er eine offene Stelle zu finden hofft.

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Stefan Tanner fährt zurück ins Büro, zu einer Lagebesprechung. Er kennt in der Region die hinterste und letzte «Bude», und das Unglück, das er schon seit Tagen hat kommen sehen, wird eintreffen. Weber Benteli, die zweitgrösste Akzidenzdruckerei der Schweiz, wird in den nächsten Tagen die Bilanz deponieren. 260 Angestellte stehen auf der Strasse. 260 Schicksale, 260 Dossiers mehr für das RAV. Auch das wird gehen, irgendwie. Es muss.