Den Arbeitsplatz kann man sich aussuchen, nicht aber die Kollegen dort. «Sie gehören ins Paket, das einem mit dem Job überreicht wird», sagt der Hamburger Karriereberater Martin Wehrle. Diese Zweckgemeinschaft birgt Zündstoff, zumal man gegen 2000 Stunden im Jahr miteinander verbringt.

Überall gibt es Kolleginnen und Kollegen, mit denen man gern zusammenarbeitet. Aber eben auch solche, die man am liebsten ins Pfefferland verfrachten würde: die Sekretärin, die immer gleich eingeschnappt ist; den Jungspund, der sich stets beim Chef einschleimt; die Marketingfrau, die alles besser weiss; und erst den Kollegen vom Verkauf mit seinem falschen Grinsen (siehe nachfolgende «Typologie»).

Launen und Macken, Eigen- und Un­arten nerven. Sie können aber auch weiter reichende Folgen haben, wie bei jenem Vorfall in einer Schweizer Behörde: Der Abwart, ein wortkarger Einzelgänger, tauchte drei Wochen unerreichbar in die Ferien ab – ohne jemandem zu sagen, wie man die Dachfenster im Amtshaus öffnet. Die Belegschaft schmachtete in ärgster ­Hitze und fluchte im Zehnminutentakt über den verknorzten Brummbären.

Die Episode mag harmlos anmuten ­angesichts dessen, was beispielsweise ein Intrigant anrichten kann: Er schreckt auch vor Bespitzelungen, Anschuldigungen und Ver­leumdungen nicht zurück – ein Brunnenvergifter. Der Intrigant ist laut Experten die gefährlichste Gattung der nervenden Kollegen. Gefährlich deshalb, weil schwer einzuschätzen ist, welche Leute er für seine Zwecke eingespannt hat. Im schlimmsten Fall hat er sogar den Vorgesetzten geimpft, um sich selber aus der Schusslinie zu nehmen. Das klingt dann etwa so: «Im Ver­trauen, der Projektleiter ist total überfordert. Also wundere dich nicht, wenn er demnächst zu dir kommt und klagt, dass es nicht rundläuft in unserem Team.»

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Am wirksamsten: Konfrontieren

Auch wenn es unbequem und unangenehm ist: Die Konfrontation mit den betriebsinternen Nervensägen sei immer das Beste, sagt Urs Tschanz, Geschäftsführer der Schweizer Personalentwicklungsfirma Diacova. Wenn einen etwas stört oder man den Eindruck hat, dass bestimmte Verhaltensweisen oder Charakterzüge schädlich sind für die Zusammenarbeit und fürs Unternehmen, sollte man die entsprechenden Kollegen direkt darauf ansprechen.

Geeignet dafür sind die Grundregeln der gewaltfreien Kommunikation: sachlich beobachten, Gefühle ausdrücken, Bedürfnisse mitteilen, Lösungen vorschlagen. Also nicht: «Du schiebst seit Wochen eine ru­hige Kugel, und wir anderen müssen das ausbaden. Bring dich gefälligst besser ein!» ­Sondern: «Die letzten drei Mal hast du dich für Zusatzarbeiten nicht gemeldet. Das finde ich unfair, schliesslich haben wir abgemacht, die Arbeit im Team gerecht zu verteilen. Ich schlage vor, dass wir darüber ab jetzt Protokoll führen.» Die Faust­regel: Suchen Sie das Gespräch höchstens dreimal; wenn es dann nicht fruchtet, wenden Sie sich an die nächsthöhere Instanz.

Was man selber tun kann

Fachmann Martin Wehrle vertritt beim Umgang mit nerv­tötenden Kollegen diesen Grundsatz: Wie man den anderen wahrnimmt, wird immer auch von der eigenen Sicht der Dinge beeinflusst. Bevor man sich auf den lamentierenden Kollegen oder die erbsenzählende Kollegin einschiesst, ­sollte man sich also fragen, welchen Anteil man selbst da­ran hat. Es gebe eine Wechselwirkung zwischen den eigenen Erwartungen und dem Verhalten des Gegenübers – wer den anderen als Feind betrachtet, braucht sich nicht zu wundern, wenn dieser sich eines Tages auch so verhält.

Wehrles Gegenstrategie, die zugegebenermassen Überwindung kostet: Liebe deinen schlimmsten Kollegenfeind wie einen Freund! Bring ihm Achtung und Respekt entgegen. Eine Garantie für den Erfolg gibt es nicht, aber es ist gut möglich, dass sich der Gehasste mit der Zeit kooperativer verhält.

Im Übrigen hilft nach Martin Wehrles Ansicht auch, sich eines klarzumachen: Rolle und Position eines Kollegen sind ­etwas anderes als dessen Persönlichkeit. «Wenn der andere also einen Standpunkt vertritt, den man für idiotisch hält, muss er deshalb noch lange kein Idiot sein.»

Typologie

Nervende Kollegen: Wie wir sie knacken, was wir von ihnen lernen

Die Solistin

Eigentlich fände sie ihre Arbeit toll – wenn bloss die Leute um sie herum nicht wären. Deshalb arbeitet die Solistin (oder der Solist) still und leise vor sich hin, als wäre sie allein auf der Welt. Informationen speichert sie im Kopf, denkt aber nicht daran, sie weiterzugeben: Sonderwünsche von Kunden etwa, verschobene Termine. Zu­dem hortet sie Wissen, über das nur sie verfügt; einen Stellvertreter aufbauen, Kollegen einweihen – wozu die Mühe?

Das Gegenrezept laut Berater Martin Wehrle: der Teamverweigerin gezielte Fragen stellen und auf einer Antwort beharren. Übrigens kann man von ihr auch lernen. Der Kölner Coach Volker Kitz sagt: «Die glorifizierte Teamarbeit bringt oft unsägliche Reibungsver­luste mit sich.» Manchmal sei es für alle besser, wenn jeder einfach seinen Job macht.

Quelle: Silke Werzinger

Der Besserwisser

Er weiss alles besser, kann alles besser, und das Eklige dabei ist: In den allermeisten Fällen hat er auch recht. Aber nicht nur seine Überlegenheit macht ihn unbeliebt, sondern die Art und Weise, wie er es rüberbringt. Denn der Besserwisser kann das Belehren und Dozieren nicht lassen.

Da hilft nur eines: «Es braucht jemanden, der den Besserwisser zu nehmen weiss», rät Arbeitspsychologe Urs Tschanz. So könne man ihn ins Team ­integrieren und von diesem schlauen Kopf profitieren. Klappt das nicht, besteht die Gefahr, dass gute Ideen versanden und der Besserwisser zum Eigenbrötler wird, der sich als verkanntes Genie fühlt. Eines, das mit ansehen muss, wie Vorschläge umgesetzt werden, die er bereits vor einem halben Jahr gemacht hat – aber auf ihn hat ja mal wieder keiner gehört.

Quelle: Silke Werzinger

Die Arbeitsscheue

Volker Kitz sieht die Arbeitsscheue als eigentlich vorausschauenden Menschen – sie betreibt schon früh Altersvorsorge: «Damit sie als Rentnerin nicht in ein tiefes Loch fällt, fängt sie bereits ab 30 an, ihre Arbeitsleistung kontinuierlich herunterzufahren.» Beliebter Trick: den Blick senken, wenn der Chef Aufträge verteilt.

Gegenmittel für Kollegen: dem Chef fest in die Augen schauen und dann den Blick auf die ­Arbeitsscheue heften – der Vorgesetzte wird seinen Auftrag ­instinktiv dort abladen. Was wir laut Kitz vom Arbeitsscheuen lernen können: den «künstlichen Stress und Theaternebel» kritisch zu hinterfragen. Vieles lasse sich ruhiger und mit ­weniger Wirbel genauso gut ­erledigen. «Gut gearbeitet hat, wer am Ende die besten Ergebnisse liefert, und nicht, wer den grössten Aufwand betreibt.»

Quelle: Silke Werzinger

Der Schleimer

Neben ihm wirkt jeder, der über den Chef ein kritisches Wort verliert, wie ein Königsmörder, sagt Martin Wehrle. Und das ist Gift für ein kons­truktives Klima. Kommt dazu, dass der Schleimer jeden noch so schlechten Vorschlag des Chefs garantiert lobt.

Doch man kann kontern: Zwingen Sie den Schleimer, inhaltlich Position zu beziehen – statt nur unkritisch zu jubeln. Und sagen Sie in dessen Anwesenheit nichts, was der Chef nicht ­wissen darf. Volker Kitz siehts pragmatisch: Der Schleimer findet alles «megahypergrandios», was der Chef sagt und tut. Das möge auf die Kollegen unsympathisch wirken, lehre aber Folgendes: Es ist einfacher, mit dem Chef zu arbeiten als gegen ihn. Wer alles ver­fluche, was von oben komme, mache sich das Leben schwer – und sicher niemals Karriere.

Quelle: Silke Werzinger

Die Intrigantin

Sie arbeitet oft am zielstrebigsten und effektivsten, wie Volker Kitz beobachtet hat. Allerdings hat sie nicht die Unternehmensziele vor Augen, sondern ihre privaten: nämlich andere schachmatt und sich selbst attraktiv in Szene zu setzen. Kitz: «Das meint sie meist nicht einmal böse; für sie ist der Arbeitsplatz ein Abenteuerspielplatz, wo der ganze Spass darin besteht, die anderen von der Rutschbahn zu stossen.» Doch Vorsicht: Bei der Intrigantin, die sich oft leutselig gibt und zu begeistern weiss, sollte man wachsam sein und sich stets fragen, was sie in Tat und Wahrheit gerade im Schilde führen könnte.

Die Gegenstrategie: der Intrigantin niemals glauben, was andere gesagt haben sollen. Und sie bei Fehlauskünften gemeinsam blossstellen, schlägt Martin Wehrle vor.

Quelle: Silke Werzinger

Der Choleriker

Vorsicht, Explosionsgefahr: «Der Choleriker poltert los, wenn Sie eine Minute zu spät zu einem Termin kommen oder eine Minute zu früh – oder pünktlich, aber nicht gesehen haben, dass er noch telefoniert», sagt Volker Kitz. Und der Unberechenbare mache ande­re gern vor Publikum zur Schnecke – das ist inakzeptabel.

So geht man mit ihm um: Reagieren Sie nicht sofort. Sprechen Sie den Choleriker lieber tags darauf unter vier Augen an, rät Kitz. Sagen Sie ihm ruhig, aber deutlich, dass Sie sein Verhalten nicht tolerieren. Doch sogar vom Choleriker kann man lernen, wie Urs Tschanz sagt: «Ein Choleriker zeigt seine ­Gefühle.» Das mache ihn fassbarer und wirkungsvoller als jemand, der nur rational ­argumentiert. Sein Verhalten sei aber nur dann unschädlich, wenn er lerne, seine Emotionen zu steuern.

Quelle: Silke Werzinger

Die Mimose

Wie der Choleriker reagiert auch die Mimose emotional. Was sie bekümmert, ist hingegen nicht offensichtlich. Sie frisst vieles in sich hinein und kann auch tagelang beleidigt sein. In solchen Fällen will sie gefragt werden: «Was hast du denn?» Die Mimose bezieht laut Volker Kitz alles auf sich. So gesehen ist es eigentlich egal, was die Kollegen tun oder unterlassen.

Der Experte weiss trotzdem Rat: Es empfiehlt sich gemäss Volker Kitz, das gekränkte Verhalten der Mimose nicht persönlich zu nehmen. Was wir von ihr lernen können: im Arbeitsleben höflicher und respektvoller miteinander umzugehen. Und wer klug ist, nutzt das ­Potential dieser feinfühligen Menschen: Meist besitzen sie die Gabe, sich in andere ­hineinzuversetzen und deren Perspektive einzunehmen.

Quelle: Silke Werzinger

Buchtipp

Volker Kitz, Manuel Tusch: «Das Frustjobkillerbuch. Warum es egal ist, für wen Sie arbeiten»; Campus-Verlag, 2008, 254 Seiten, CHF 14.90