Sein Gesang hallt laut durchs Treppenhaus. Martin Meuli hangelt sich ­mühelos durch die Oktave, während er auf der Holztreppe nach oben poltert. Dann macht er es sich am langen Konferenztisch in seinem Büro bequem. «Jaja, ich tanze immer auf vielen Hochzeiten», sagt der Bündner und nimmt das grüne Chirurgenkäppi vom Kopf. Gerade kommt er aus dem Operationssaal, hat eine Viertelstunde Zeit bis zum nächsten Eingriff.

Martin Meuli, 59, ist Chef der Chirurgie am Zürcher Kinderspital, bekannt für seine unerschütterlich gute Laune – und seinen Mut zur Innovation. Als einer der weltweit Ersten operiert er Ungeborene im Mutterleib am offenen Rücken. Ausserdem steht sein revolutionäres Behandlungskonzept für schwerverbrannte Kinder kurz vor der Einführung. «Wir haben leider immer wieder Patienten verloren, denen wir mit den klassischen Methoden nicht helfen konnten», sagt er. Unter der Leitung des Zell­biologen Ernst Reichmann züchtet Meulis Team nun aus einem kleinen Fetzen, hinter dem Ohr entnommen, neue Haut. Und die hat alles, was es braucht, Blutgefässe, Lymphkapillaren, Melanozyten für den UV-Schutz – und sie löst, weil vom Kind selbst, keine Abstossungsreaktionen aus. In ein paar Wochen soll die Methode zum ersten Mal zum Einsatz kommen.

«Manchmal bin ich der brave Doktor»

Was motiviert einen Arzt dazu, sich auf ein derart anspruchsvolles Gebiet zu spezialisieren? «Ach, wissen Sie, ich halte es da mit J. F. Kennedy: Ich mags, wenn es brenzlig wird und niemand so richtig weiss, was los ist.» Dabei helfe, dass er prinzipiell neugierig und nicht ängstlich sei. Immer wenn er etwas ganz genau erklären möchte, wechselt er von Mundart auf besonders deutlich gesprochenes Hochdeutsch. «Dass ich Probleme mag, heisst nicht, dass ich mich schnell langweile. Manchmal bin ich auch gern der brave Doktor für kleine Probleme.» Dann schneidet er, wie etwa jeden zweiten Tag, Blinddärme heraus, operiert Leistenbrüche oder macht in der Notfallabteilung seine Runde.

Es klopft an der Tür. Meuli stürzt den letzten Rest Kaffee herunter, verspricht, in zirka einer Stunde zurück zu sein, und verschwindet in Richtung Operationssaal.

«Iar sin mir schu glatti Siacha»

Vor drei Jahren operierte er erstmals ein ungeborenes Kind im Mutterleib, das an einem offenen Rücken litt, Spina bifida. Die Arbeit an diesen kleinsten aller Patienten ist höchst filigran, die Babys sind 400 bis 500 Gramm schwer, die Organe entsprechend winzig. Sehr anspruchsvoll ist nur schon der Weg zum Patienten durch die Bauchdecke der Mutter, Gebärmutter und Fruchtblase. Diese müssen nach der Operation wieder normal funktionieren. Un­behandelt, führt der offene Rücken bei den Kleinsten häufig zu einem Wasserkopf, Blasenfunktionsstörungen und einem Leben im Rollstuhl.

90 Minuten später ist Meuli zurück, schon von weitem kündigt er sich wieder mit Stimmübungen an. Er hat eine pro­fessionelle Gesangsausbildung und wäre beinahe Opernsänger geworden. Dann entschied er sich doch für den «bürgerlichen Weg». Nun trägt der Herr Doktor Jeans und Hemd und setzt sich wieder an die lange Seite des massiven Tischs, den er selbst entworfen hat. Die Blinddarmopera­tion sei gut verlaufen, der Chirurg ist noch immer voller Energie.

«Man fragt mich manchmal, warum ich immer so zufrieden bin», sagt er. Genau ­erklären könne er das nicht, aber Grübeln oder düstere Seelenzustände seien ihm fremd. «Da hatte ich wohl einfach Glück», ob man es nun Charakter, Lebenseinstellung oder die biochemische Zusammensetzung in seinem Hirn nennen wolle.

Vielleicht spielt auch der Job eine Rolle. Wer tagtäglich mit schwerkranken Kindern und Eltern im Ausnahmezustand zu tun hat, regt sich weniger über Alltagsbanalitäten auf: «Kleinigkeiten bringen mich selten auf die Palme.» Wenn er sehe, wie sich manche im Verkehr ereiferten, da denke er jeweils: «Iar sin mir schu glatti Siacha.» «Geniesse den Tag», das sei sein Motto. Es habe sich bei seiner Arbeit herauskristallisiert; weil alles plötzlich zu Ende sein kann.

Mit Kindern wollte Meuli ursprünglich gar nicht arbeiten. «Was für ein Mist», habe er als Assistent gedacht, als er für einige Wochen zu den schreienden ­Babys versetzt worden sei. Doch schon nach wenigen ­Tagen merkte Meuli, dass die Kinder und er es verdammt gut miteinander können. «Ich mag ihre direkte, offene Art.»

Meuli lacht laut, als er sich an eine ehemalige Sekretärin erinnert: «Als ich meine Ernennung zum Chefarzt bekam, sagte sie, eigentlich sei ich ja auch noch ein grosser Bub.» Meuli hält einen Moment inne: «Und sie hatte recht.» Dass Kinder nicht kalkulieren, dass ihnen Diplomatie und Gemauschel fremd seien, das fände er unheimlich erfrischend.

Dann kommt eine Anfrage aus Katar

Nur eigene Kinder hat der Chefarzt nicht. Vielleicht spiele es schon eine kleine Rolle, wenn man täglich sehe, was Kindern alles zustossen kann. «Wie, verzeihen Sie, total verschissen das dann leider Gottes manchmal laufen kann.» Aber vor allem seien die Karriere seiner Frau und seine eigene so parallel verlaufen, dass einfach keine Zeit für Nachwuchs blieb. Meulis Frau Claudia ist ebenfalls Chefärztin und Professorin, sie hat die plastische und die Handchirurgie am Kantonsspital Aarau unter sich. Doch in der Freizeit sprechen die beiden selten über die Arbeit.

Inzwischen ist es halb sechs, ans Kadermeeting ist Meulis Assistentin an seiner Stelle gegangen. Dafür klingelt das Telefon. Ein schwerverbrannter Jugendlicher aus Katar werde ans Kinderspital Zürich verlegt, erfährt Meuli. Internationale Anfragen bekomme das Kispi immer wieder. Der ­gute Ruf dringt bis in die Golfstaaten.

Der Umgang mit den Eltern sei manchmal anspruchsvoll. «Aber ich verstehe das. Es sind meist Menschen in Extremsitua­tionen.» Die Devise am Kinderspital sei, immer bei der Wahrheit zu bleiben, Dia­gnosen also nicht zu verschleiern oder zu beschönigen. Die jahrzehntelange Routine hilft, schwierige Situationen zu beurteilen. «Und gleichzeitig sind wir uns der Grenzen des Machbaren immer bewusst.»

«20 Kilo leichter sein»

Das Telefon klingelt wieder. Es ist niemand mehr da, deshalb muss Meuli ran. Diesmal geht es um ein viel zu früh geborenes Baby, das dringend eine Operation benötigt. Meuli unterhält sich mit einem Kollegen in fliessendem Italienisch über die Grenzen der Neonatologie. Nach einer Viertelstunde ist auch die Verlegung des winzigen Patienten organisiert.

Was würde Meuli an sich verändern, wenn er könnte? Er überlegt. Mit einem Schmunzeln schaut er auf seinen Bauch und sagt: «Ach, wenn es ohne Anstrengung ginge, hätte ich nichts dagegen, 20 Kilo leichter und durchtrainiert zu sein.»

Ein abgekämpft aussehender Kollege klopft an, er kommt zur Sitzung, an die Meuli auch gleich muss, doch das Zimmer nebenan sei verschlossen. Meuli zieht ­einen grossen Schlüsselbund aus der ­Tasche, zeigt auf einen Schlüssel: «Schau, auf dem steht Sesam», sagt er. Der Kollege lächelt und verschwindet. Meuli sieht jetzt auch ein bisschen müde aus. Arbeitstage von 12 bis 14 Stunden sind normal in der Klinik. Er erzählt noch kurz, wie er die ­Musik, das Klavierspielen vermisst. Dann muss er zum nächsten Termin.