Für einen ersten Eindruck vom Alpinwandern braucht man keinen Gipfel zu besteigen – ein Ausflug ins Internet genügt. Auf www.hikr.org finden sich unzählige Tourenbeschreibungen und Bilder. Da liest man etwa: «Die lange Traverse ist zu Beginn recht abschüssig. Der Schnee ist hart gefroren, und ein zweiter Pickel wäre nicht störend gewesen.» Oder: «Aufstieg durchs Chalttäli: schwierige Wegfindung; verfehlt man den Weg, findet man sich rasch in unwegsamem Gelände, wo ein Rückzug schwierig ist.»

Schnell wird einem klar, was Ueli Mosimann, Bergführer und Autor von Alpinwanderführern, meint, wenn er von der «Ernsthaftigkeit des Geländes» spricht: Bei Alpinwanderungen, vor allem solchen in den höheren Schwierigkeitsgraden, begibt man sich in eine Umgebung, wo schon kleine Fehler zu gefährlichen Situationen führen können. Aber genau das ist laut Mosimann auch der Reiz dieser Sportart: «Hier bewegt man sich in wildem, attraktivem Gelände, wo man noch Abenteuer und Herausforderung findet.»

Berg- und Alpinwanderskala: T1 bis T6

Beim Alpinwandern ist man, wie beim Bergwandern auch, meist in Gehgelände unterwegs, muss also nur selten klettern. Die Wege sind aber oft steil und ziemlich ausgesetzt – etwa auf einem Grat, wo es links und rechts in die Tiefe geht. Erhöhte Schwierigkeit bieten ausserdem Schneefelder oder gar Gletscher, die überquert werden müssen, und einfachere Kletterpassagen. Eine gute Orientierung über den Schwierigkeitsgrad einer Tour bietet die Berg- und Alpinwanderskala, die von T1 bis T6 geht. T1 bezeichnet die einfachsten Wanderwege mit gelber Markierung. Weiss-rot-weiss markiert sind die Wege für Bergwanderungen (T2) und anspruchsvolle Bergwanderungen (T3). Ab Schwierigkeitsgrad T4 spricht man von Alpinwandern.
 

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Alpinwandern T4

weiss-blau-weisse Markierungen (falls vorhanden), recht exponiert, heikle Grashalden, einfache Firnfelder, apere Gletscherpassagen.

Anforderungen: Vertrautheit mit exponiertem Gelände; gewisse Fähigkeit, das Gelände beurteilen zu können; gutes Orientierungsvermögen; alpine Erfahrung.
 

Anspruchsvolles Alpinwandern T5

weiss-blau-weisse Markierungen (falls vorhanden), exponiert, anspruchsvolles Gelände, Gletscher und Firnfelder mit Ausrutschgefahr.

Anforderungen: sichere Geländebeurteilung und sehr gutes Orientierungsvermögen; Erfahrung im hochalpinen Gelände; elementare Kenntnisse im Umgang mit Pickel und Seil.
 

Schwieriges Alpinwandern T6

meistens nicht markiert und weglos, sehr exponiert, Schrofengelände, Gletscher mit erhöhter Ausrutschgefahr.

Anforderungen: ausgezeichnetes Orientierungsvermögen; ausgereifte Alpinerfahrung; Vertrautheit im Umgang mit alpintechnischen Hilfsmitteln.

Die Vorbereitungen für eine Alpinwanderung sind wegen der erhöhten Schwierigkeit und wegen des Gefahrenpotentials noch akribischer zu machen als bei einer Bergwanderung (siehe Artikel zum Thema). Dazu gehören die dem eigenen Können (und dem der Begleiter) angepasste Routenwahl, das genaue Kartenstudium, das Sammeln von Informationen zur Route (Wanderführer, Internet, vor Ort) und das kurzfristige Einholen möglichst genauer Wetterprognosen. Zusätzlich zur üblichen Ausrüstung für Bergwanderungen (siehe Artikel zum Thema) ist für Alpinwanderungen folgendes Material unerlässlich: gute, stabile und eingelaufene Bergschuhe (keine weichen Trekkingschuhe), aktuelle Wanderkarten im Massstab 1:25 000, Höhenmesser, Kompass, Stirn- oder Taschenlampe. Je nach Tour und Verhältnissen lohnt es sich, auch Helm, Gamaschen, Pickel, Steigeisen oder ein Seil mit einzupacken. Unersetzlich ist die Erfahrung: Dazu gehört der gekonnte Umgang mit dem Kompass genauso wie die Fähigkeit, unter einer dünnen Schneedecke verborgene Bäche zu erkennen, die für einbrechende Wanderer zur Todesfalle werden können.

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Die allermeisten Alpinwanderer würden die nötige Erfahrung und Ausrüstung mitbringen, stellt Bergführer Mosimann zufrieden fest. Zu seiner Freude entdecken neuerdings auch viele Junge das Alpinwandern: «Die wählen oft Hardcore-Routen im Schwierigkeitsgrad T5 oder T6», sagt er. «Das ist zu einer neuen Spielart des Bergsports geworden. Und die Tourengänger sind sich deren Gefahrenpotential durchaus bewusst.» So kann eine Alpinwanderung, obwohl oder gerade weil sie einem oft alles abverlangt, zum einzigartigen und unvergesslichen Erlebnis werden. Und so liest man in den Tourenberichten auf www.hikr.org Sätze wie diesen: «Den Abend konnte ich in vollen Zügen geniessen und meine verrückte schöne Tour Revue passieren lassen.»n

Im Zweifelsfall besser mit Führer

Für Wanderer, die über wenig Bergerfahrung verfügen und sich das erste Mal auf eine Alpinwanderroute wagen, kann es sich lohnen, einen Bergführer zu engagieren: der eigenen Sicherheit zuliebe und auch um für allfällige spätere Alleingänge vom Wissen des Führers zu profitieren. Der finanzielle Aufwand dafür hält sich in Grenzen, vor allem wenn sich eine Gruppe die Kosten teilt. Je nach Schwierigkeit und Länge der Tour betragen die Tagesansätze eines Bergführers zwischen 500 und 600 Franken (zuzüglich Anreise- und Übernachtungsspesen).

Einen Bergführer findet man unter www.4000plus.ch, der Internetseite des Schweizer Bergführer­verbands. Viele Bergsteigerschulen bieten ­geführte Touren an, denen sich auch Einzelne zu verhältnismässig günstigen Konditionen ­anschliessen können.

Zwei Touren für trainierte Einsteiger

Zentralschweiz

Chelenalphütte SAC–Bergseehütte SAC; Schwierigkeit T4, zirka 3,5 Stunden

Oberhalb der Chelenalphütte helfen Fixseile über einfache Felsstufen. Anschliessend weitgehend weglos über grobes, aber nicht schwieriges Blockgelände bis zur Bergseehütte.
Literatur: Marco Volken, Remo Kundert: «Alpinwandern Zentralschweiz, Glarus, Alpstein»; SAC-Verlag, 2006, 352 Seiten, Fr. 47.90

 

 

Berner Alpen

Hahnenmoospass–Äugigrat– Ammertenspitz–Engstligenalp; Schwierigkeit T4, zirka 4 Stunden

Auf einem aus dem Stein gehauenen Pfad (mit Ketten zur Sicherung) über den Äugigrat, dann über weitere Steilstufen (zum Teil mit Treppenkonstruktionen) zum Gipfel des Ammertenspitz. Abstieg zur Engstligenalp.
Literatur: Ueli Mosimann: «Alpinwandern rund um die Berner Alpen»; SAC-Verlag, 2007, 296 Seiten, Fr. 47.90