Video: Trekking auf dem Grossen Aletschgletscher

Video: Caroline Fink*

Einmal im Leben muss man den Aletschgletscher überqueren, den grössten Gletscher der ­Alpen. Warum? Weil es eine wunderschöne, einfache Tour mitten im Unesco-Weltnaturerbe ist. Auch Gletscher-Greenhorns schaffen sie pro­blemlos. Und weil der Schwund der Gletscher dramatisch ist und man sie begehen sollte, solange das noch möglich ist.

Seit Beginn der Industrialisierung um 1850 bis Mitte der 1970er Jahre verloren die Alpengletscher im Schnitt etwa einen Drittel ihrer Fläche und die Hälfte ihres Volumens. Inzwischen sind weitere 20 bis 30 Prozent des Eisvolumens geschmolzen. Forscher rechnen mit dem fast vollständigen Abschmelzen mancher Gletscher noch in diesem Jahrhundert. Also nichts wie los.

Aktuelle Studie: Gletscher schmelzen immer schneller

Eine neue Studie des globalen Gletscher-Überwachungsservices (WGMS) mit Sitz an der Universität Zürich macht Sorgen: Seit Beginn des 21. Jahrhunderts sind die Gletscher so rasant geschmolzen wie noch nie seit Messbeginn im Jahr 1600. Der Eisverlust findet demnach nicht nur in den Alpen, sondern auf der ganzen Welt statt und wird sich auch ohne weiteren Klimawandel fortsetzen.

«Die Eisdecke der beobachteten Gletscher nimmt momentan jährlich zwischen einem halben und einem ganzen Meter ab», so das Fazit der Studie. Die Veränderungen könnten bedrohliche Folgen haben für die Trinkwasserversorgung ebenso wie für die weltweiten Küstenregionen, sind die Wissenschaftler überzeugt.

zu einem ausführlichen beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF)
zu den Publikationen des WGMS

Die Touristen lassen wir zurück

Gestartet wird auf dem Jungfraujoch, 3454 Meter über Meer. Mehr als 2000 Besucher kommen täglich hier hoch. Viele Japaner und Inder. Wegen des Panoramas. Der Ausblick über den Jungfraufirn zum Konkordiaplatz und weiter zum Aletschgletscher ist schlicht grandios.

Staunen und schauen, das tun die Touristen auf der Aussichtsterrasse, unsere Gruppe aber überschreitet die Absperrung und taucht ein ins Abenteuer Gletscherwelt. Stundenlang stapfen wir hinab auf dem Jungfraufirn, über Schnee und Eis, dann auf dem Grossen Aletschgletscher über blankes Eis. Angeseilt. Man ist dem Tempo des Bergführers ausgeliefert. Oder besser gesagt: Das Schritttempo bestimmt den Rhythmus. Gänsemarsch.

Es ist fast etwas gespenstisch. Manchmal leuchtet das Eis eigentümlich blau aus den Spalten.

Quelle: Caroline Fink

Mit der Zeit wirds meditativ. Nirgends fühlt man sich so klein wie auf einem Eisriesen. Die Gedanken schweifen ab, kreisen, kommen wieder zurück. Das gleichmässige Wandertempo, das jeden guten Bergführer auszeichnet, bleibt. Die Gedanken werden langsamer, Ruhe breitet sich aus. Ich höre nur noch meinen Atem und das Kratzen der Steigeisen. Und spüre die gewaltige hochalpine Welt um mich herum. Die Kraft der Berge. Als ob die eisige Pyramide des Aletschhorns, 4195 Meter hoch, mich anstupsen will. Vorwärtsschieben. Das Aletschhorn gilt als kältester Berg der Alpen, ein Prachtexemplar.

Aber wirklich abschweifen darf ich nicht. Es gilt trotz allem, achtsam zu sein: Man muss im Tempo bleiben, sonst ­ruckelt es plötzlich am Seil, oder man stolpert über einen Eisbrocken. Oder übersieht eine Gletscherspalte, was gar nicht gut wäre.

Nach etwa drei Stunden gelangen wir zum Konkordiaplatz auf 2730 Meter, wo die drei Gletscher Jungfraufirn, Grosser Aletschfirn und Ewigschneefeld zum Grossen Aletschgletscher zusammenfliessen. Sie bilden eine 900 Meter dicke Eisschicht. Unglaublich.

Die wichtigsten Informationen zum Video

Das Video für den Beobachter zum Grossen Aletschgletscher entstand von Caroline Fink im Zusammenhang mit ihrem Filmprojekt «Aletsch – Eine kurze Geschichte über Mensch und Eis». Ein Kurzfilm, der ab 2016 im Rahmen von Bergfilmfestivals zu sehen sein wird.

Caroline Fink ist Fotografin, Filmerin und Autorin, spezialisiert auf Berge, Bergsport und Reisen. Jüngst ist das Buch «Die Viertausender der Schweiz» von ihr und Marco Volken erschienen.

Der im Video porträtierte Bergführer Hanspeter Berchtold führt seit Jahrzehnten Gäste auf Gipfel und über Gletscher. Unter anderem ist er für das Pro Natura Zentrum Aletsch tätig. Gleichzeitig ist er Präsident des Walliser Bergführer Verbands und Gastgeber im Swiss Historic Hotel Ofenhorn in Binn/VS.

Schwindelfrei – oder mutig

Hier ist der Geburtsort des Grossen Aletsch, 23 Kilometer lang, 27 Milliarden Tonnen schwer. Vor 150 Jahren war er noch drei Kilometer länger und 300 Meter dicker. Alle zehn Jahre verliert er etwa 50 Meter. Die Eisströme verbinden sich zu einer riesigen weis­sen Fläche mit schmalen schwarzen Bändern in der Mitte, den Moränen, die durch den mitfliessenden Schutt gebildet werden. Ein irgendwie harmonisches Bild. Concordia ist in der römischen Mythologie die Göttin der Eintracht und Harmonie. Passt.

Der Aufstieg zur Konkordiahütte über die an der Felswand montierten Stahltreppen mit Handlauf verlangt Schwindelfreiheit – oder Mut. 150 Meter über dem Gletscher (knapp 470 Stufen) befindet sich die Hütte auf einer prächtigen Aussichtskanzel. Die Lötschenlücke, ein vergletscherter Gebirgspass und Übergang ins Oberwalliser Lötschental, scheint zum Greifen nah, daneben das mächtige Aletschhorn. Bei ihrer Eröffnung im Jahr 1877 stand die SAC-Hütte nur 50 Meter über dem Aletschgletscher. Weil das Eis zurückgeht, wird der Zustieg immer schwieriger, die Treppe muss jedes Jahr um einige Meter nach unten verlängert werden. Der Unterhalt der Hütte wird dadurch immer teurer.

Die Treppe zur Konkordiahütte (rechtes Bild) muss stetig verlängert werden, da der Gletscher schrumpft.

Quelle: Caroline Fink

Am nächsten Tag geht es auf einem schmalen, steilen Pfad auf der Seitenmoräne wieder hinab auf den Gletscher. Er ist stellenweise mit Schotter, Schutt und Sand bedeckt. Eine Mondlandschaft. Einsamkeit und Leere. Die Gedanken schweifen wieder. Fast etwas gespenstisch. Manchmal leuchtet das Eis in einem eigentümlichen Blau aus den Spalten. Ab und an plätschert es, Gletscherbäche. Es rumort; ist das der Gletscher, der sich mit 200 Metern pro Jahr talwärts bewegt? Er ist ständig in Bewegung, die Landschaft in stetem Wandel. Sogenannte Gletscher­tische zeugen davon, Steine auf einem Sockel aus Eis.

Nach etwa vier Stunden ist der Gletscherrand am Märjelensee erreicht. Spalten klaffen zwischen Hang und Eis, Schmelzwasser sprudelt, Abbruchkanten lauern und erlauben Blicke in eine dunkle, gähnende Tiefe. Nach kurzem Aufstieg über die Seitenmoräne bietet sich von der nun nordisch anmutenden Seenlandschaft nochmals ein herrlicher Ausblick zurück über die gesamte Route der letzten zwei Tage. Der flache Eisstrom schwingt sich eingebettet zwischen majestätischen Bergen als weisses Band sanft zu Tal. Wie lange noch?

Die wichtigsten Informationen zur Tour

  • Ausgangspunkt: Jungfraujoch, 3454 Meter über Meer
  • Übernachtung: Konkordiahütte, 2850 Meter über Meer
  • Endpunkt: Fiescheralp, 2212 Meter über Meer
  • Distanz: 18 Kilometer
  • Dauer Tag 1: 4 bis 5 Stunden
  • Dauer Tag 2: 5 bis 6 Stunden
  • Saison: Juni bis Oktober
  • Anforderung: gesunde Kondition für fünfstündige Wanderung in dünner Luft
  • Ausrüstung: komplette Wanderausrüstung plus Steigeisen, Klettergurt, Teleskopstöcke (Bergführer ist empfohlen)



Eine Auswahl an Bergschulen:

Wie aus dem Bilderbuch: Der Grosse Aletschgletscher in seiner ganzen Pracht.

Quelle: Caroline Fink