In der Bar: Dreitagebart, die Haare mit Gel wild in Form gebracht, auf dem Shirt ein kleines Mammut. Das Emblem eines Schweizer Outdoor-Ausrüsters suggeriert: Aufgepasst, hier sitzt ein verwegener Abenteurer am Tresen. Eine Frau gesellt sich zu ihm – in einer hellgrünen, figurbetonten Softshell-Jacke mit dem Ske­lett des Urvogels Archäopteryx auf dem Ärmel. Auch dieses Markenlogo deutet an: Die Lady scheut weder Wind noch Wetter.

Die Bekleidung, die ursprünglich für den Einsatz in unwirtlicher Natur entwickelt wurde, erobert das urbane Leben. Das bestätigt Patrizia Bieri, Verkäuferin beim Outdoor-Laden Transa in Zürich und seit 13 Jahren in diesem Geschäftsbereich tätig: «Heute kauft rund die Hälfte unserer Kundschaft Outdoor-Bekleidung vorwiegend für den städti­schen Gebrauch.» Da die teureren Produkte oft nicht nur beque­mer seien, sondern auch den modischeren Schnitt hätten, bediene sich diese Klientel eher im oberen Preissegment. So ist zum Jobprofil der 29-Jährigen die Modeberatung dazugekommen.

Wer das Abenteuer nicht nur in der Bar, sondern auch auf dem Berg sucht, tut gut daran, sich nicht nur mit dem Schnitt, sondern auch mit der Funktionalität seiner Bekleidung auseinanderzusetzen. Denn die richtige Ausrüstung trägt viel zu einem ungetrübten Naturerlebnis ohne böse Überraschungen bei. Das Schlagwort heisst Multifunktionalität. Eine Wanderausrüstung sollte warm halten, vor Wind und Regen schützen, möglichst leicht sein und im Rucksack nur wenig Platz beanspruchen. Klingt unmöglich? Ist es aber nicht: dank Hightech-Material und dem sogenannten Zwiebel- beziehungsweise Dreischichtenprinzip.

Zur ersten Schicht gehört alles, was auf der Haut getragen wird – also Unterwäsche und Shirts. Sie müssen den Schweiss schnell aufnehmen, grossflächig verteilen und verdunsten lassen beziehungsweise zur nächsten Schicht weiterleiten. Das verhindert, dass die Körperoberfläche aus­kühlt. Über diese Eigenschaft verfügen vor allem synthetische Materia­lien, Misch­gewebe und Merinowolle. Letztere ist laut Patrizia Bieri sehr gefragt. Denn erstens wird die Wolle als sehr angenehm auf der Haut empfunden, nur wenige spüren das typische Wollbeissen. Und zweitens hat sie einen natürlichen antibakteriellen Schutz und «schweisselt» daher viel we­niger, als es Funktionsunterwäsche aus Kunstfasern früher typischerweise tat. Heute werden in die synthetischen Stoffe oft Silberfasern integriert, die kons­tant ­Silberionen abgeben. Diese hemmen das Wachstum der Bakterien, die für den Schweissgeruch verantwortlich sind. Egal welche Stoffart: Für Wanderungen reichen im Normalfall kurze Unterhosen und kurzärmlige Shirts aus dünnem Material.

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Die zweite Schicht muss vor allem warm halten. Dafür bietet sich ein langärmliger Pullover oder eine Jacke an. Die Jacke hat den Vorteil, dass dank dem durchgehen­den Reissverschluss der Wärmehaushalt besser reguliert werden kann und das An- und Ausziehen einfacher geht. Auch für diese Schicht eignen sich synthetische Materialien – allen voran synthetische Wolle, die hierzulande Faserpelz oder Fleece genannt wird. Aber auch Merinowolle bietet sich an. Beide sind nicht nur atmungsaktiv, sie speichern sogar in nassem Zustand die Körperwärme (im Gegensatz zu Baumwolle).

Wie warm eine Jacke ist, wird in Gramm pro Quadratmeter Stoff angegeben, die Skala reicht von 100 bis 300 – je höher die Zahl, desto wärmer das Produkt. Patrizia Bieri empfiehlt für die Wanderausrüstung ein Fleece mit 100 bis 200 Gramm oder Merinowolle mit 200 bis 260 Gramm.

Auch die vor wenigen Jahren aufgekommenen Softshell-Jacken werden als zweite Schicht verwendet. Sie funktionieren ähnlich wie ein Faserpelz und sind zusätzlich winddicht und wasserabweisend. Kommt die Bise auf oder setzt ein kurzer Sprüh­regen ein, muss man nicht gleich die ­Regenjacke überziehen. Ganz wasserdicht sind Softshells aber nicht und können ­daher die dritte Schicht nicht ersetzen.

Die äusserste Schicht der Wanderausrüstung muss verlässlich vor auskühlen­dem Wind und starkem Regen schützen. Entscheidend ist, dass auch sie atmungsaktive Eigenschaften hat – also den Schweiss von der zweiten Schicht übernimmt und nach aussen transportiert. ­Regenjacke und -hose sollten eine wasserdichte Membran haben oder beschichtet sein. Weitherum bekannt sind die Goretex-Jacken, die ihre Bezeichnung von der gleichnamigen Membran haben. Laut ­Patrizia Bieri weisen mittlerweile auch die meisten Konkurrenzprodukte eine sehr gute Qualität auf. Grundsätzlich sind Kleidungsstücke mit Membran teurer, dafür aber auch abriebfester als beschichtete. Das ist bei der Jacke vorteilhaft, deren Gewebe an den Schultern, wo die Rucksackriemen scheuern, stark belastet wird. Für die weniger beanspruchten Regenhosen hingegen reicht meist ein günstigeres Produkt mit Beschichtung.

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100 Prozent wasserdicht ist zwar kein Produkt, es gibt aber grosse Unterschiede bei der Widerstandskraft gegen das Durchdringen des Wassers. Diese wird als Wassersäule in Millimetern angegeben. «Für Outdoor-Aktivitäten liegt das absolute ­Minimum bei einer Wassersäule von 3000 Millimetern», sagt Patrizia Bieri. Das verhindere aber nicht, dass im Schulter­bereich, wo die Rucksackriemen aufliegen, nach kurzer Zeit Wasser durchdringe. Wanderern rät sie deshalb zu Produkten mit einer Wassersäule von mindestens 20'000 Millimetern.

Das Zwiebelprinzip besticht durch seine Flexibilität: Auf jede Witterungsänderung kann schnell reagiert werden. Am Morgen früh startet man in Shirt und Faserpelz. Wärmt die Sonne, verstaut man den Faserpelz im Rucksack. Und fällt dann ein warmer Regen, trägt man die Regenjacke direkt über dem Shirt. Die Füsse hingegen stecken den ganzen Tag in den Schuhen. Diese müssen unbedingt passen. Ein Wanderschuh sollte nachmittags anprobiert werden, wenn die Füsse leicht angeschwollen sind. Die Ferse darf auf keinen Fall rutschen. Als Materialien für Schaft und Futter werden meist Leder, Cordura (ein Nylongewebe) und Textilien verwendet. Viele Schuhe verfügen ausserdem über eine wasserdichte Membran.

Beim Kauf der Ausrüstung sollte man auf Gewicht und Packvolumen achten. Allerdings nimmt mit dem Gewicht irgendwann auch die Langlebigkeit der Produkte ab – angesichts der stolzen Preise ein wichtiger Punkt. Wird eine qualitativ hochstehende Ausrüstung nicht über­strapaziert und richtig gepflegt, halten die meisten Produkte aber gut und gern zehn Jahre. So lohnt sich eine gute Ausrüstung finanziell und weil sie Tragkomfort und Schutz verspricht. Und es spricht ja nichts dagegen, mit der Kleidung auch in der Bar noch den Abenteurer zu markieren – nach der Tour, mit Geschichten, die zur Auf­machung passen.

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Die Wanderausrüstung

Darauf muss man achten (PDF, 108 kb)

Unterkunft mit 1000 Sternen

Mal geht es nicht anders, mal lockt das Abenteuer: Eine Nacht unter freiem Himmel ist ein Erlebnis – und stellt ­besondere Ansprüche an die Ausrüstung.

Unterkunft mit 1000 Sternen
Weg von der Zivilisation: Wer auf einer mehrtägigen Wanderung selbst die SAC-Hütten links liegenlässt und sein Nachtlager unter dem Sternenhimmel einrichtet, muss entsprechend ausge­rüstet sein. Für eine angenehme Übernachtung empfehlen sich:

  • Zelt/Biwaksack: Wer vor Wind und Wetter gefeit sein will und trotzdem nicht auf einen ­gewissen Komfort verzichten möchte, nimmt ein klei­nes, etwa zwei Kilo schweres Zelt mit. Für die Übernachtung unter freiem Himmel bietet sich der Biwaksack an. Das ist eine Hülle, die über den Schlafsack gezogen wird und zusätzli­chen Schutz vor Kälte, Regen und Wind bietet. Der Vorteil des Biwaksacks: Er ist viel leichter als ein Zelt und braucht im Rucksack deutlich weniger Platz.

  • Matte: Eine Liegematte soll vor allem isolieren und ausserdem ­bequem sein. Es gibt dünne aufblasbare oder selbstaufblasende Liegematten sowie etwas dickere Luftmatratzen mit integrierter Pumpe.

  • Schlafsack: Wer einen möglichst leichten Schlafsack mit kleinem Packvolumen will, wählt als Füllung Daune. Bei der Wahl ist, je nach Kälteempfindlichkeit, die Wärmeleistung des Schlafsacks mit entscheidend. Um Platz zu sparen, eignet sich ein sogenannter Kompressionssack.

  • Kochmaterial: Ein warmes ­Essen am Abend oder heissen ­Kaffee am Morgen: Wer dies schätzt, nimmt einen Kocher samt Zubehör und Geschirr mit.

  • Licht: Für das Aufstellen des Zelts oder das Kochen im Dunkeln ­eignet sich eine Stirnlampe am besten. Sie kann auch im Zelt als Lichtquelle dienen, ein Kerzenlämpchen ist allerdings romantischer. Wer es heller mag, wählt eine gas- oder batteriebetriebene Campinglampe.


Natürlich ist für diese Zusatz­ausrüstung ein grösserer Rucksack nötig. Als Richtwert rechnet man für ein Zelt mit 10 bis 20 Litern Packvolumen, für einen Schlafsack mit fünf bis zehn und für ­eine Liege­matte mit etwa fünf Litern. Die Koch­utensilien benötigen rund zehn Liter.

Aber nicht nur das, was er einpackt, muss ein Wildcampierer ­beachten, sondern auch, wo er sein Zelt ­aufstellt: Die Regelungen sind von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. In Wildschutz­gebieten und vielen Naturschutzgebieten ist Campieren verboten. Ausserhalb solcher Gebiete und ohne behördliche Verbote ist das bernachten im Gebirge oberhalb der Waldgrenze meist unproblema­tisch – solange es sich um eine einzige Übernachtung einer kleinen ­Anzahl Personen handelt.

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