Gut möglich, dass die Besucher achtlos an dem kleinen Schützenhaus am Waldrand vorbeigehen. Um dann vielleicht doch zu stutzen. Was sollen denn diese Dächli unter dem Dach? Eine Funktion haben sie nicht, sie kleben einfach an den Hauswänden, sind irgendwie «zu viel» an diesem Ort. Also stehen bleiben, genauer hinschauen. Und sich wundern: Die Ziegel haben sich verformt – können Dachziegel schmelzen?

Wer so reagiert, ist Tina Z’Rotz und Markus Schwander auf den Leim gekrochen. Die beiden Kunstschaffenden aus Basel haben die vier eigenartigen Dächli-Installationen aus Polymergips kreiert, «Les suppléments». «Die Objekte, die nicht hierhergehören, sollen bei den Betrachtern Fragen aufwerfen. Aber sie müssen selber herausfinden, was sie damit anfangen wollen», sagt Tina Z’Rotz. «Kunst heisst auch Ent­decken.»

Was hängt dort oben?

Gut möglich, dass sich die Besucher zuvor schon über das gleissend weisse Holzgestell gewundert haben, das hoch oben in einem der mächtigen Bäume vorne im Dorf hängt. Was ist sein Zweck? Wie ist es dort hinaufgekommen? Wie ­haben sich die Äste durch die Wände des Objekts gebohrt?

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Wer sich diese Fragen stellt, hat sich von Sabina Lang und Daniel Baumann umgarnen lassen. Das Burgdorfer Künstlerpaar, das unter dem Label Lang/Baumann auftritt, hat «Up #2» in die Baumkrone gesetzt. «Die Frage nach dem Sinn ist elementar in der Kunst», so Sabina Lang. «Wir spielen bewusst damit, indem unsere Arbeiten isoliert betrachtet oft keinen Sinn ergeben. Erst beim genaueren Hinschauen und Mitein­beziehen der Umgebung erschliessen sich Zusammenhänge. Die Betrachter sind gefordert, selber weiterzudenken, eigene Geschichten zu erfinden.»

Fakten zu Môtiers 2015

Alle vier Jahre findet im und um das Dorf Môtiers im neuenbur­gischen Val-de-Travers ein Leckerbissen der zeitgenössischen Kunst statt: «Art en plein air», eine Objektschau unter freiem Himmel.

Dauer: bis 20. September 2015

Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 18 Uhr; Montag geschlossen.

Eintrittspreise: Erwachsene 12 Franken; Kinder von 8 bis 16 Jahren 2 Franken; Gruppen ab 8 Personen 8 Franken.

Rundgang: Ausgestellt sind Werke von über 60 Künstlerinnen und Künstlern. Die Skulpturen und Installationen können auf einem Rundgang besichtigt werden, der im Dorfkern von Môtiers beginnt und endet: entlang von Strassen, in Privat­häusern und -gärten, auf Wiesen und Feldern, im Wald, am Flüsschen Bied, auf Felsvorsprüngen. Für den Rundgang sollten vier Stunden eingeplant werden. Am Wendepunkt auf einer Waldlichtung gibt es eine Buvette, wo man sich stärken kann.

Anfahrt mit dem Zug: Via Neuchâtel mit dem Regionalzug Richtung Buttes (rund 30 Minuten bis Station Môtiers).

Anfahrt mit dem Auto: Über Neu­châtel durchs Val-de-Travers Richtung Pontarlier.

Internet:

Die Ausstellung mit bekannten Namen und Newcomern der Szene schärft bei den Betrachtern die Wahrnehmung für die Umgebung. Sie entdecken auf dem vierstündigen Rundgang Skulpturen aus Holz, Metall oder Kunststoff, die mitten auf der Wiese stehen, sich im Wald verbergen, in eine Höhle ducken. Hausfassaden liefern die Leinwand für Malereien, in Höfen, Garagen und Kellern laufen Klang- und Videoinstallationen. Dass die Dorfbevölkerung die Türen ihrer Privathäuser öffnet und damit Teil der Schau ist, gehört zum Konzept. Hier hat die Kultur Bodenhaftung. «Ein Ort, den man ohne Krawatte besuchen kann», schreiben die Ausstellungsmacher. Eine charmante Absage ans Elitäre.

Krawatte ist auch bei Tina Z'Rotz und Markus Schwander kein Thema. Ihr Dresscode: Übergwändli.

Sabina Lang und Daniel Baumann

Quelle: Stephan Rappo

Es ist Anfang Mai, «Art en plein air» ergreift von Môtiers Besitz. Das Künstlerpaar platziert mit Hilfe von Handwerkern aus dem Dorf seine Objekte am Mauerwerk, setzt letzte Pinselstriche. Entstanden sind die aus der Form gelaufenen Vordächli Wochen zuvor im Atelier. In der realen Ausstellungssituation sehen Z’Rotz und Schwander die Objekte an diesem Tag zum ersten Mal. «Passt», murmelt der männliche Teil des Duos mehr zu sich selber. Auch farblich – abgegriffenes Ziegelrot, fleckig, genau wie das richtige Dach darüber. Ein Kunstwerk hat seinen Ort gefunden.

Als Tina Z’Rotz und Markus Schwander vor einem Jahr mit den anderen eingeladenen Künstlern an der Begehung des Ausstellungsgeländes teilnahmen, hatten sie noch keine Vorstellung davon, wie ihr Beitrag aus­sehen würde. Die Eingebung kam beim ziemlich verwitterten Schützenhaus.

Lang/ Baumann, «Up#2»

Quelle: Stephan Rappo

«Es war eine Idee, die irgendwie gewartet hat», sagt Schwander. Sie hätten sich schon früher mit einem Dächli-Motiv befasst, ohne es zu rea­lisieren, doch in der Situation hier war der Moment dafür gekommen. «Wobei es nicht einfach ‹zack› ­gemacht hat», ergänzt Z’Rotz. Will heissen: Der erste Geistesblitz mündete in einen längeren kreativen Prozess. Mehrmals sind die beiden Künstler ins Val-de-Travers gefahren, haben fotografiert, vermessen, visualisiert, ehe das Schlussbild von «Les suppléments» entstanden war.

Im Schaffen von Lang/Baumann liefert ebenfalls der Ort die Inspiration. «Uns interessieren Räume, auf die wir uns einlassen», erklärt Daniel Baumann das Prinzip. «Wenn wir mit unserer Kunst in ein gewachsenes Umfeld intervenieren, kreieren wir für diesen Ort etwas Neues.» Das Berner Paar mit Renommee im In- und Ausland tut dies nicht provokativ, sondern laut Baumann «auf die freundliche Art», augenzwinkernd, witzig. Und bewusst mit einer breiten Vielfalt von Techniken. «Das lässt uns die nötige Freiheit.»

Tina Z'Rotz / Markus Schwander

Quelle: Stephan Rappo

Eindringlinge in gewohnter Umgebung

Auch Môtiers haben Lang/Baumann schon ausgiebig und mit verschiedenen Ausdrucksmitteln durchmessen – 2003 mit einer Strassenmalerei, 2007 mit einer Sprungturm-Skulptur, 2011 mit aufblasbaren Schläuchen, die einen Dachstock ausfüllten. Diesmal also die L-förmige Holzinstallation im Geäst, angebracht, ohne einen einzigen Nagel einzuschlagen.

«Up #2» ist die Weiterführung einer Serie von ähnlichen skulpturalen Konstruktionen. «Up #1» beispielsweise ist am Kulturraum Elephanthouse in Luzern angebracht, in einer urbanen Szenerie. Hier der Gegenentwurf: zwar mitten im Dorf, aber so weit oben im Baum, dass das Objekt wie ein Eindringling in eine natürliche Umgebung wirkt.

Überhaupt die Natur – ein prägendes Element bei «Art en plein air». Der Rundgang vorbei an über 60 Werken führt auf kleiner Fläche durch eine ungeahnte Vielfalt von landschaftlichen Schönheiten. «Die Konkurrenz durch diese Kulisse ist riesig», sagt Tina Z’Rotz, «die Objekte wirken komplett anders als in ­geschlossenen Räumen.» Ausdrucksformen zu finden, wie Kunst auch in diesem Rahmen funktioniert, ist für sie das Spannende an Ausstellungskonzepten im öffentlichen Raum.

Und für Sabina Lang? «Die Einmaligkeit.» Man kreiere mit der Kunst für eine Zeit lang Bilder in der Landschaft, die danach wieder verschwinden und nur als Erinnerungen nachglühen. «Das meiste ist auf Mass gemacht, lässt sich auch nicht reproduzieren. Platz für das Nächste – wunderbar!»