Die Stammtischrunde trinkt Bier aus Stangen. Drei Herren mit schon leicht ergrauten Schläfen philosophieren über den Deutschen. Den Deutschen an und für sich. Nach Erschöpfung des Themas, also nach einer knappen Minute, muss der Chinese herhalten. Das Wesen des Chinesen. Dann wieder Stille. Man nippt am Glas, verdaut den verzehrten Braten und die angekauten Gedanken.

Vor einer halben Stunde, über Mittag, war die Wirtsstube noch rammelvoll. Auch die Teller mit dickflüssiger Gerstensuppe und die Platten mit Trockenfleisch vom Nachbarhof waren noch gut gefüllt. An einem Werktag essen hier Arbeiter, Lehrer, Geschäftsleute, Pensionierte, an Wochenenden auch Ausflügler aus der Stadt und turtelnde Pärchen. Dabei liegt die Beiz gar nicht am Weg, ein paar Spitzkehren oberhalb Turbenthals, dem Zentrum des mittleren Tösstals. Zürcher Oberland.

Die Wirtsstube verströmt Geschichte; überhaupt der ganze Gasthof. Und das Wort Hof ist für einmal nicht übertrieben, denn manche Zimmer in diesem ehemaligen Kurhaus erinnern an Schlossgemächer. Die Stube könnte direkt dem Kopf Rudolf Steiners entsprungen sein, denn der rechte Winkel hat hier drin einen schweren Stand. Es ist aber nicht der berühmte Anthroposoph, der hier seine Spuren hinterlassen hat, sondern der Zahn der Zeit. Sogar die Holzdecke ächzt unter der Last der Jahrhunderte und hängt durch.

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Quelle: Gian Marco Castelberg

Im 19. Jahrhundert kurten hier die Städter

Monika Kunz, die Wirtin, ist in dieser Wirtsstube aufgewachsen. Bis zur Renovation 1990 war der Kachelofen die einzige Heizung im Gebäude. Das Wirten hat sie sozusagen beim Spielen nebenbei erlernt. Das Gyrenbad war seit dem Mittelalter bis 1968 ein Kurbad. Die hypochondrische städtische Gesellschaft behandelte hier ihre Gebresten und Zipperlein – mit Bade- und Molkekuren. Man stellt sich vor, wie im 19. Jahrhundert die Kurgäste auf der Terrasse sassen, ein bisschen wie in Davos, unter gespannten Tuchbahnen vor der Sonne geschützt. Das Wasser musste früher in Zubern aufgeheizt werden, Holzschlag war im Winter die Hauptbeschäftigung der Badbetreiber.

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Die Familie Kunz führt den Kasten in dritter Generation. Monika, die frühere Skilehrerin, lernte Köchin und leitet den Betrieb zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Lore. Die Familie plante schon einmal den Abriss und Neubau. Zum Glück hat sie davon abgesehen: Die Investition von acht Millionen Franken für die Renovierung, auch mit öffentlichen Beiträgen finanziert, hat sich gelohnt. Das Haus – seit dem Jahr 1985 unter Denkmalschutz – ist ein lebendiges Museum. Auf dem Dach des Durchgangs, der Haupt- und Saalbau verbindet, steht noch heute der Dachreiter mit dem Glöcklein, das die Gäste einst zum Essen rief. Man kann sogar in einem der historischen Zimmer übernachten. Allerdings musste das Bett verlängert werden. Im Mittelalter waren die Leute ein ganzes Stück kleiner.

An Sommerwochenenden spuckt das Postauto vor dem Haus scharenweise Ausflügler aus. Der nahe Schauenberg ist nämlich Winterthurs Hausberg. Nebenan verkauft der benachbarte Landwirt Produkte direkt vom Hof: Rindsmostbröckli, Buurespeck, Landrauchschinken. Wer Proviant braucht, kann sich eindecken. Oder den Ausflug mit Apfeltorte, Honig oder Zimtfladen kulinarisch nach Hause verlängern.

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Als Zürcher nimmts uns selbstverständlich wunder, ob es der Winterthurer Hausberg mit dem Üetliberg, dem Zürcher Hausberg, aufnehmen kann. Wir schnüren also unsere Wanderschuhe, fünf Minuten gehts bergwärts, und bald schon blicken wir vom Waldrand herab in die Talmulde der Töss. Wir blicken auf die geduckten Häuser von Turbenthal, die aussehen, als ob sie die eingezogenen Schultern ihrer Bewohner übernommen hätten, aus der Zeit, als hier die Textilindustrie das Gebiet zu einem der ersten industrialisierten Täler Europas machte. Tannenwipfel rauschen, der Blick auf das voralpin anmutende Oberland öffnet die Seele und lässt den Städter sentimental werden.

Führen den Familienbetrieb in ­dritter Generation: die Schwestern Lore (links) und Monika Kunz

Quelle: Gian Marco Castelberg
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Kaum ein Panorama im Kanton ist schöner

Gänse eines Bauernhofs schlagen schnatternd Alarm, doch die Hofkatze auf dem Fensterbrett lässt sich ihr Sonnenbad nicht vergällen, der Hofhund blinzelt mit einem Auge, döst weiter und lässt die Fremden vorbeihuschen. Schnell weiter, bevor es der Bless sich anders überlegt! Es geht in einen Wald und auf einem Bergkamm der Ruine entgegen. Ruine? Auf dem Schauenberg stand im Mittelalter eine Burg. Einst residierte hier Beringer von Hohenlandenberg, ein Wegelagerer und Falschmünzer. Also ein schlimmes Früchtchen. Man hat ihm dann auch die Burg geschleift. Zum Glück für die Kurgäste, muss man wohl anfügen. Kurgäste suchen Ruhe und nicht abenteuerliche Begegnungen.

Kanns der «Schaupi», wie ihn die Einheimischen nennen, mit dem Üetliberg aufnehmen? Zweifellos, zumindest was den Rundumblick betrifft. Man sagt, man könne von hier aus bei gutem Wetter alle Kantone mit Ausnahme von Genf sehen. Das ist natürlich gnadenlos übertrieben, aber das Panorama gehört ohne Zweifel zu den schönsten im Kanton Zürich. Würde nicht die Abflugschneise des Flughafens Beringers Burghügel kreuzen, man könnte glatt vergessen, wie nah man doch der Grossstadt ist.

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Quelle: Gian Marco Castelberg

Geschmortes Lammragout

Rezept für 4 Personen von Küchenchef Dirk Trademann

800 Gramm Lammvoressen (vom Gigot) gut mit Salz und frischem Pfeffer aus der Mühle würzen, in heisser Butter anbraten. 1 EL Tomatenpüree hinzu­geben und mitrösten.

Danach 1 feingehackte, grosse Zwiebel und 1 gepresse Knoblauchzehe mitanschwitzen.

2 bis 3 EL Mehl darüberstäuben und mit 2 Deziliter Appenzeller Weizenbier ablöschen. Mit 2,5 Liter ­Gemüsebouillon auffüllen und bei kleiner Hitze mit geschlossenem Deckel 60 bis 90 Minuten schmoren.

Kurz vor Ende der Garzeit frisch gehackten Majoran hinzugeben und abschmecken. Als ­Beilage empfiehlt er eine feine Bramatapolenta.

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Quelle: Gian Marco Castelberg
Quelle: Gian Marco Castelberg
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Gasthof Gyrenbad
8488 Turbenthal
Telefon 052 385 15 66
www.gyrenbad.ch

Dienstag geschlossen, sieben Zimmer

Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Dreimal täglich Postauto ab Winterthur (Linie 680, Fahrzeit rund 40 Minuten), hält unmittelbar vor dem Gasthaus. Grosser Autoparkplatz. Rundwanderweg zur Ruine Schauenberg. Verschiedene Nordic-Walking-Parcours