David Taugwalder erzählt:

«Der Gedanke ist für mich kaum fassbar: Hätte der junge Peter Taugwalder sich bei der Erstbesteigung des Matterhorns vorne angeseilt, wäre er zu Tode gestürzt. Dann gäbe es weder meinen Vater noch mich. Wir sind Taugwalders direkte Nachkommen. Exakt 150 Jahre später schlüpfen wir nun in die Rollen unserer Vorfahren: An den Zermatter Freilichtspielen «The Matterhorn Story» spiele ich Taugwalder junior, damals 22, so alt wie ich heute. Und mein Vater ist Taugwalder senior, Sohn armer Bergbauern, Bergführer und früh verwitwet mit drei Söhnen. Ein Stück Berg­geschichte – und eben auch ein Stück Familiengeschichte.

«...dann gäbe es weder mich, noch meinen Vater.»

David Taugwalder

An jenem verhängnisvollen 14. Juli 1865 standen Peter Taugwalder, sein Vater, der Engländer Edward Whymper und vier weitere Seilkameraden auf dem Matterhorn. Trunken vor Freude – der Berg hatte als unbezwingbar gegolten. Die Erstbesteigung war immer wieder Thema bei uns. Wenn sich der 14. Juli jährte, sinnierten wir darüber, was am Berg passiert sein muss.

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Das Unglück passiert beim Abstieg

Die Feierlichkeiten zum Jubiläum lassen mich noch intensiver in die Geschichte eintauchen. Mein Leben kreist um Schule, Sport und Arbeit im Treuhandbüro meines Vaters, doch ich musste nicht lange überlegen, als die Berner Regisseurin Livia Anne Richard Laienschauspieler für ihr Freilichtspiel suchte. Sie beschäftigte sich jahrelang mit dem Stoff und hat ein Stück geschrieben, das mich bei jeder Probe von neuem packt.

Das Unglück passiert beim Abstieg, 100 Höhenmeter unter dem Gipfel. Douglas Hadow, der Jüngste und Unerfahrenste, rutscht an zweitvorderster Position aus. Er reisst Bergführer Michel Croz aus Chamonix und zwei Engländer mit. Vater Taugwalder, der Fünfte in der Seilschaft, kann sich geistesgegenwärtig mit einer Schlaufe um einen Felsen sichern. Er hält die Fallenden mit ganzer Kraft – das Hanfseil schneidet sich bis auf seine Handknochen ein. Edward Whymper und Taugwalder junior sind weiter oben eingebunden und ziehen ebenfalls nach Kräften. Dann die Katastrophe: Das Seil reisst, die Vierergruppe stürzt 1000 Meter in die Tiefe. Nur die Taugwalders und Whymper überleben.

«Niemals hätte er das Seil durchgeschnitten, er war ein redlicher Mann.»

David Taugwalder

Das lokale Gericht, das den Fall später untersuchte, gab dem jungen Hadow die Schuld. Doch damit war die Sache nicht aus der Welt: Der Vorwurf, der ältere Taugwalder habe das Verbindungsseil zur fallenden Gruppe durchschnitten, hielt sich hartnäckig. Die Gerichtsszene ist ein wichtiger Part im Stück, auch für mich. Whymper redete sich laut Akten gewandt aus der Verantwortung und belastete Vater Taugwalder. Der wusste sich als introvertierter Bergler kaum zu wehren, während sein Sohn kein Zeugnis ablegen konnte – er hatte zu weit oben gestanden. Im Stück jedoch darf ich den Vater verteidigen, also meinen Ururur­urgrossvater – und werde dabei laut.

Peter Taugwalder senior war ein redlicher Mann, so ist es in unserer Familie überliefert. Ein Bergführer durch und durch, mit seinen 45 Jahren einer der besten des Landes, das belegen Quellen. Ich glaube niemals, dass er das Seil durchschnitten hat. Er hätte auch gar nicht die Zeit gehabt, in dieser Situation ein Messer hervorzuklauben. Viel wahrscheinlicher ist für mich die Variante, die sich um Whymper dreht.

Er war 25, ehrgeizig und lag im Wettstreit mit Jean-Antoine Carrel, der das Matterhorn von der italienischen Seite her bezwingen wollte. Im Stück sage ich vor Gericht, dass Whymper sich 100 Meter vor dem Ziel von der Seilschaft losbinden wollte, um als Erster oben zu sein. Das ging nicht. Und so habe er sich kurzerhand los­geschnitten und sei hochgerannt.

Er ist 22 – wie damals sein Vorfahre: David Taugwalder (ganz rechts).

Quelle: Marco Zanoni

Das Seil reicht nicht für alle

Whymper war tatsächlich der Erste auf dem Gipfel. Jahre später gestand er einem Bekannten, er habe beim Aufstieg das Partieseil durchschnitten – etwas Ungeheuerliches für einen Bergsteiger. Wenn es so war, reichte das Seil beim Abstieg nicht für alle. Daher band Taugwalder senior ein dünneres Reserveseil zwischen seine Dreier- und die vorangehende Vierergruppe, die wenig später zu Tode stürzte. Ein Stück des Reserveseils blieb erhalten. Messungen zeigen, dass Seile dieser Art ab 300 Kilogramm reissen.

Wenn ich daran denke, mit welchen Gerüchten meine Angehörigen zeit­lebens konfrontiert waren, kommt bei mir Wut auf. Ich mag Whymper nicht schlechtmachen: Er hat die Erstbesteigung des Matterhorns vorangetrieben, und ohne ihn wäre Zermatt noch länger ein verschlafenes, armes Bergdorf geblieben. Es geht mir vielmehr darum, mit dem Theaterstück eine Ver­sion der Geschichte zu zeigen, die ich für die glaubwürdigste halte. Dann können sich die Zuschauer ein eigenes Bild machen.»

Mythos Matterhorn

Das Matterhorn ist mit 4478 Metern der zwölfthöchste Berg der Alpen. Aufgrund seiner charakteristischen Form und der aufwühlenden Geschichte seiner Erstbesteigung ist das «Horu» einer der berühmtesten Gipfel der Welt.

Die Route über den Hörnligrat, die vor 150 Jahren von den Erstbesteigern begangen worden ist, ist inzwischen verhältnismässig leicht begehbar. Trotzdem bleibt der Berg gefährlich: Seit 1865 starben am Matterhorn über 450 Bergsteiger, mehr als an jedem anderen Berg der Welt.

Tatort Matterhorn

Das SRF hat die Erstbesteigung am Matterhorn in einem eindrücklichen, zweiteiligen Dokumentarfilm aufgerollt.

Sie können beide Folgen hier anschauen: