Darf ich das Gelände nur betreten, wenn ich vorher mein Kleid ausziehe? Und wohin schaue ich, wenn einer im Schneidersitz vor mir hockt, so «ohni nüt»? Demnächst von Hunderten nackten Ärschen und baumelnden Penissen umgeben zu sein bereitet mir ein mulmiges Gefühl. An die 2000 Menschen sind an einem schönen Sommertag auf dem Campingplatz in Gampelen BE. Das grösste und bekannteste Natu­ristengelände der Schweiz liegt am Neuenburgersee. Hinter dem zwei Meter hohen Zaun wird auf Kleidung, aber auch auf den Genuss von Alkohol, Tabak und Fleisch verzichtet.

Hinter dem regenbogenfarbenen Tor mit der Aufschrift «die neue Zeit» begegne ich einer Gruppe Jugendlicher. Alle sind angezogen, was mich verwirrt. Und auch erleichtert. Mein Kleid behalte ich an. Während der Pubertät seien Shorts und Shirt erlaubt. Eine 15-Jährige sagt: «Nackt fühle ich mich so verletzlich, als könne man durch mich hindurchsehen.» Einige nicken. Weil einer damit angefangen hatte, seine Kleider anzubehalten, kamen sich die anderen in ihrer Nacktheit blöd vor. Es gebe zwei Junge, die auf dem Areal immer nackt seien, und nicht nur im See, wo Textilien aus Hygienegründen verboten sind. Die zwei seien Aussenseiter. «Die gehören nicht zu unserer Clique», stellt einer aus der Gruppe klar.

Dass die Jugendlichen vorübergehend bekleidet sein wollen, sei kein Problem, das habe es immer wieder mal gegeben, sagt der Leiter des Campingplatzes. Aber: Die junge Generation findet Nacktsein auch nach der Pubertät uninteressant. Die Organisation der Naturisten in der Schweiz (ONS) ist in den vergangenen zehn Jahren um die Hälfte auf 4000 Mitglieder geschrumpft. Setzt sich der Abwärtstrend fort, stirbt die Bewegung aus – «die neue Zeit» wäre Vergangenheit.

«Meine Schüler könnten denken, ich sei ein Glüschtler»

Der Gedanke, dass es «ihren» Campingplatz nicht mehr geben könnte, gefällt den Jugendlichen gar nicht. Viele kommen seit ihrer Kindheit hierher, haben sich mit anderen angefreundet, treffen sich jedes Jahr während der Sommerferien. Wie in einem Jugendlager «chillen» sie tagsüber, schwatzen, spielen Volleyball. «Abends sind wir beim Damm.» Der liegt ausserhalb des Campingplatzes. Dort können die Jugendlichen Alkohol trinken und rauchen. Besoffen ins Zelt zu torkeln ist aber nicht erlaubt «in Thielle», wie der Platz von den Gästen genannt wird. Obschon sich die rund 20 Jugendlichen hier alle Jahre nur für zehn, vierzehn Tage sehen, wirken sie miteinander vertraut. Als würden sie ein Geheimnis hüten. «Meine Freunde glauben, dieser Campingplatz sei ein Swingerklub im Freien», sagt ein 15-Jähriger. Keiner erzählt in der Schule, wohin er in den Ferien fährt.

Auch die meisten älteren Gäste sprechen an ihrem Arbeitsplatz nicht über Thielle. Marc, der wie alle anderen hier nur mit Vornamen genannt wird, fürchtet sich vor möglichen Reaktionen, Repressionen. Er ist Lehrer. Seine Schüler könnten denken, «ich sei ein Glüschtler». Dabei gestalte sich der Ferienalltag hier absolut unerotisch. Bei so viel nackter Haut gehe jeder Reiz verloren. Seit drei Jahren verbringt Marc mit seiner ­Familie den Sommer am Neuenburgersee. «In der heutigen übersexualisierten Zeit ist ein natürlicher Umgang mit Nacktheit wertvoll», sagt er. Er hoffe, dass seine 10 und 13 Jahre alten Söhne hier lernen, ihr Schamgefühl abzubauen und an Selbstbewusstsein zuzulegen.

Für Liebhaber das einzig Wahre: Viele Naturisten meiden die «normalen» Freibäder.

Quelle: Thinkstock Kollektion

Ganz unkompliziert waren Ferien in Thielle anfangs auch für Marc nicht. Er habe auf den Boden gestarrt, wenn er mit einer Frau gesprochen habe. «Ich wollte vermeiden, auf die unbedeckten Stellen zu schauen.» Der Umgang mit der fremden Nacktheit sei schwieriger als der mit der eigenen. «Bekleidet kommt man sich hier wahnsinnig nackt vor.»

Wie nackt man sich angezogen fühlen kann, muss ich am eigenen Leib erfahren. Vielleicht hätte ich mein Kleidchen doch besser beim Eingang deponiert? Ständig dreht sich jemand nach mir um. Paradox: Den Volleyballern wird keine Beachtung geschenkt, obwohl bei jedem Sprung ihre ganze Männlichkeit mithüpft.

«Wer nicht auf seine Kleider verzichten will, wird sofort angesprochen, gefragt, ob er am falschen Ort sei», sagt Silke, ein Thielle-Urgestein. Seit bald 43 Jahren kommt die 60-Jährige an den Neuenburgersee. Angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der sie – nur mit einem Hut bekleidet – auf ihrem Campingstuhl sitzt, ist es schlecht vorstellbar, dass sie mal Mühe hatte, sich anderen nackt zu zeigen. Sie habe als 18-Jährige in einem Hort gearbeitet. Ein Kind dort sei anders gewesen als die anderen. «Für das Mädchen war ein Hintern nicht spezieller als eine Nase.» Silke erfuhr, dass die Kleine in Gampe­len in den Ferien gewesen war, und ging auch dorthin. Anfangs hatte sie zwar Mühe, sich von den Texti­lien zu befreien. Doch bald kam sie sich blöd vor und zog ihren Bikini aus. Heute ist sie begeisterte Naturis­tin. Sie spüre sich intensiver. Fühle sich ehrlicher. «Hier kann man nichts verstecken.» Und Thielle sei einer der schönsten Orte auf der Welt.

«Ich will meinen Anblick keinem aufdrängen.»

In gewöhnliche Freibäder geht Silke kaum noch. Nicht nur, weil sie einen nassen Bikini eklig findet; sie fühlt sich unwohl. «In normalen Badis wird man als Frau immer begafft und angemacht.» Das Verdeckte sei halt spannender. Unter den Nackten sei sie stets respektvoll behandelt worden. Das Nacktsein nahm sie mit nach Hause. Ihre ganze Familie laufe daheim ohne Kleider rum, schliesse die WC-Tür nicht ab. Wenn die Enkel zu Besuch sind, dürfen sie «rumblütteln». Von Nacktwandern und anderen öffentlichen FKK-Aktivitäten hält sie aber nichts. «Ich will meinen Anblick keinem aufdrängen.» Würden die Regeln für das Gelände der Naturisten geändert, müsste sie etwas anziehen, würde sie reklamieren. «Nacktsein ist nicht das Wichtigste, aber für das Leben hier ist es die Basis.»

Genau diese Basis scheint nicht mehr vermittelbar zu sein. «Vermutlich ist das Rebellische von früher verloren gegangen», glauben Hans Schnyder und Barbara Picard, die vor fünf Jahren die Leitung «der neuen Zeit» übernommen haben. Und für Junge gebe es in der Schweiz ein Überangebot an Aktivitäten. Damit der Campingplatz mithalten könne, haben sie letztes Jahr ein Volleyballfeld vergrössert und ein zweites Beachvolleyballfeld errichtet. Sie gründeten ein Jugendforum und ergänzten das Kulturprogramm mit Angeboten speziell für Jugendliche. Dass in der heutigen Gesellschaft kein Platz für Naturisten vorhanden ist, glauben die beiden nicht. Der Gefallen an Nacktheit sei in den Menschen verankert.

Das Private bleibt privat: Die Atmosphäre auf dem Campingplatz ist nicht sexuell aufgeladen. Dennoch hat sich hier natürlich schon manche Beziehung angebahnt.

Quelle: Thinkstock Kollektion

Das fanden vor bald 100 Jahren auch Eduard und Elsa Fankhauser sowie der Lebensreformer Werner Zimmermann. Die drei Pioniere gründeten 1927 den Schweizer Lichtbund, den Vorgänger der Organisation für Naturisten in der Schweiz. Sie propagierten das Nacktbaden und lehnten den Konsum von Alkohol, Nikotin und Fleisch ab. 1936 kauften sie in Gampelen ein 200 000 Quadratmeter grosses Stück Land und eröffneten ein Jahr später den Campingplatz «die neue Zeit». Eduard Fankhauser musste seine Ideen oft verteidigen. Zwischen 1926 und 1944 sogar in zahlreichen Gerichtsprozessen. Sein jährlich publiziertes Mitgliedermagazin wurde als Schundliteratur bezeichnet und er wegen deren Verbreitung angezeigt. Er setzte sich bis vor Bundesgericht für eine Frau ein, die wegen «wiederholter Unzucht» angeklagt worden war, weil sie mit ihrem Kind das Naturistengelände besucht hatte. Fank­hauser hatte Erfolg, das oberste Gericht hob das Urteil auf. Ihre Blütezeit erlebten die Naturisten später mit der 68er-Bewegung. Damals zählte die Vereinigung rund 12 000 Mitglieder.

Im 21. Jahrhundert sorgen Nackte zwar nur für Empörung, wenn sie in Wanderschuhen stecken und Spaziergänger erschrecken. Die Vorurteile gegenüber Naturisten sind aber geblieben. «Wir werden oft gefragt, ob bei uns alle Männer mit einer Erektion durch die Gegend laufen. Und ob hinter jedem Busch ein Haufen gebrauchter Kondome liege», sagt Betriebsleiter Schnyder. Das sei doch lächerlich. Sex im Freien ist hier genauso verboten wie auf allen anderen Campingplätzen. Und sollte es doch passieren, dass ein Neuling erregt sei, «rate ich ihm, kalt duschen zu gehen». Erotik und anzügliches Verhalten gehören nicht auf ein Naturistengelände. Dass dadurch das Körperliche an Reiz verliert, sei für niemanden hier ein Problem. «Ein nackter Körper per se ist für uns nicht mehr sexuell anziehend», sagt Schnyder.

Verpönt: Steak und Bratwurst

Ist das nicht auch schade? Wird man da nicht irgendwann asexuell? Picard und Schnyder verneinen. Es gebe ja auch Mitglieder, die sich hier verlieben. Wobei die Hemmungen beim ersten Schritt, beim Aufeinanderzugehen, nicht weg seien, nur weil man nackt ist. Die Campingleiter wollten das Kennenlernen vereinfachen und haben im Restaurant – in der einzigen Nichtnacktzone – einen Singletisch hingestellt. Er ist jedoch fast nie besetzt.

Barbara Picard hat ihren Partner in Thielle kennengelernt. Würde er Naturismus ablehnen, wäre sie nicht mit ihm zusammen. Die gebürtige Deutsche ist eine eingefleischte Naturistin. Sie sei schon immer gerne nackt gewesen. Ihr Körper macht jedem Aktmodell Konkurrenz. Bevor sie Betriebsleiterin wurde, hatte sie vier Jahre lang das Restaurant Aux Philosophes auf dem Campingplatz geführt. Gesunde, vegetarische Kost stand bereits damals auf der Karte. Wer ein Steak oder eine Bratwurst will, der muss das Gelände verlassen. Früher hätten deshalb fast alle Naturisten einen Traumbody gehabt. Der Wunsch nach Natürlichkeit, nach einem gesunden Lebensstil, sei tiefer verankert gewesen.

Eins mit der Natur: Am Ufer des Neuenburger­­sees gibt es viele idyllische Plätze.

Quelle: Thinkstock Kollektion

Seinen Körper allzu offensiv zur Schau zu stellen ist in Thielle verpönt – egal, wie perfekt man aussieht. «Wir sind nicht hier, um zu zeigen, was wir haben.» Menschen mit Tattoos und Piercings sind in Thielle nicht willkommen und werden schon an der Rezeption abgewiesen. Wer sich verdächtig verhält, muss das Gelände ebenfalls verlassen. Gemeint sind Voyeure und Pädophile. Zwölf Gästen wurde letzten Sommer der Zutritt verwehrt. Um falsche Interessenten abzuschrecken, lässt man nur diejenigen aufs Gelände, die schon Mitglied in einem Naturistenverein sind oder sich gleich anmelden. Es sei aber schon vorgekommen, dass es einer auf das Gelände geschafft und dann irgendwo offen masturbiert habe. Die an­deren Gäste würden solche Verfehlungen aber sofort melden oder die Störer gleich selber vertreiben. Da seien sie nicht zimperlich.

Ich kann fast nicht glauben, dass hier auch mal Unruhe herrscht. Mir scheint, als würde das Nacktsein die Leute entspannen, sie milder stimmen, toleranter machen. «Wer die Hüllen fallen lässt, wird verletzlich», höre ich allerorts. Man gehe daher behutsamer mit­ein­ander um. Und irgendwann würde man vergessen, dass das Gegenüber und man selber nackt sei. Das bezweifle ich nicht. Schon nach wenigen Stunden in Thielle vergleiche ich nicht mehr jeden mit jedem. Schaue nicht mehr möglichst unauffällig, wer wie gebaut ist. Typisch Frau, besänftigt es mich auch, dass die Körper, die ich aus der Werbung kenne, in natura nicht existieren. Trotzdem: Ich werde auch in Zukunft mit Bikini am Strand liegen. Vielleicht gerade weil ich nicht wissen will, wie jemand drunter aussieht. Und nicht will, dass jeder weiss, wie ich gebaut bin. Ich möchte selber entscheiden, wie nahe ich jemandem komme und wie nahe er mir kommt. Stehe ich nackt da, habe ich schon viel Intimes preisgegeben, obwohl mir das Gegenüber vielleicht total unsympathisch ist.

Nudist? Naturist?

Wenn alle so denken würden, hätten die Naturisten erst recht ein Nachwuchsproblem. Für die Gäste ist es jedoch ein Glück, dass die Nacktregel Leute wie mich abschreckt. Denn ihr wahrlich traumhaft schönes ­Feriendomizil wäre sonst komplett überlaufen.

Ich will schon durch das grosse Tor in die weite Welt der tiefen Ausschnitte und kurzen Röcke verschwinden, da begegne ich noch einmal der Gruppe Jugendlicher. Ob sie noch hier seien, wenn sie erwachsen sind, frage ich. Natürlich, versichern sie mir lautstark. Dann würden sie sich auch wieder an die Regeln halten und nackt rumlaufen. Zum Beweis, dass sie es ernst meinen, ziehen sie beim Weggehen ihre Oberteile aus. Wenige Meter später fallen auch die Shorts. Ich bin perplex. So schnell haben sie das Ruder rumgerissen? Dann verstehe ich: Sie gehen schwimmen. Unter Wasser war Nacktheit nie ein Problem.

Es gibt sowohl Nudisten als auch Naturisten. Beide sind gerne nackt. Als FKKler würde sich ein richtiger Naturist aber nie bezeichnen. Für ihn steht das natürliche Leben im Vordergrund. Der Naturist propagiert ­einen rücksichtsvollen Umgang mit der Natur und will seinen Körper mit ihr in Einklang bringen – deshalb lässt er die Hüllen fallen. Er verzichtet auch auf Fleisch, Alkohol und Nikotin. Anders die Nudisten. Sie wollen vor allem eins: nackt sein. Dafür müssen sie keinem Verein beitreten. In der Schweiz gibt es eine grosse Auswahl an FKK-Stränden, -Bädern und -Plätzen. Für Naturisten existieren hier­zulande 16 geschlossene Gelände. Um Zutritt zu bekommen, muss man Mitglied in einem Naturistenverein sein. Das aktivste Zentrum ist «die neue Zeit» in Gampelen BE.

Der kleine Unterschied von Nudisten und Naturisten

Es gibt sowohl Nudisten als auch Naturisten. Beide sind gerne nackt. Als FKKler würde sich ein richtiger Naturist aber nie bezeichnen. Für ihn steht das natürliche Leben im Vordergrund. Der Naturist propagiert ­einen rücksichtsvollen Umgang mit der Natur und will seinen Körper mit ihr in Einklang bringen – deshalb lässt er die Hüllen fallen. Er verzichtet auch auf Fleisch, Alkohol und Nikotin. Anders die Nudisten. Sie wollen vor allem eins: nackt sein. Dafür müssen sie keinem Verein beitreten. In der Schweiz gibt es eine grosse Auswahl an FKK-Stränden, -Bädern und -Plätzen. Für Naturisten existieren hier­zulande 16 geschlossene Gelände. Um Zutritt zu bekommen, muss man Mitglied in einem Naturistenverein sein. Das aktivste Zentrum ist «die neue Zeit» in Gampelen BE.