Eine schmale Treppe führt hinauf in Barbara T. Kämpfers Atelier. Ein beleuchteter Schneidtisch, eine Nähmaschine, ein heisses Bügeleisen. In der Ecke ein Stofflager, im Hintergrund plätschert Jazz. «Das ist mein Reich», sagt die 70-Jährige.

Sie hat sich dem Quilten verschrieben, was man ihrer ganzen Wohnung im zürcherischen Mettmenstetten ansieht. An den Wänden hängen Quilts, alle gut ausgeleuchtet und in bunten Farben. «Die Ideen gehen mir nie aus. Ich weiss bereits, wie der nächste Quilt aussehen soll, und habe noch Ideen für zwei weitere», sagt Kämpfer.

Das englische «to quilt» bedeutet steppen, durchnähen, wattieren. Die Quilts bestehen aus drei Lagen: Patchwork, Wattierung, Unterseite. In einem ersten Schritt werden sie zusammengesteppt. «Dieses Sandwich mit einem Muster zusammenzunähen, ist das eigentliche Quilten.» An ihrer Quiltmaschine gehe ihr das Herz auf. «Ich sitze da, quilte und merke immer wieder aufs Neue, wie schön das ist», erzählt Barbara T. Kämpfer.

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Inspiration findet sie überall. In den Ferien und auf Reisen sehe sie in der Natur und in anderen Kulturen Farben und Muster, die ihr neue Ideen lieferten. In Australien etwa waren es die Bilder der Aborigines und die Billabongs, die sie inspiriert haben.

«Viele kehren zum Handwerk zurück. Quilts haben einen traditionellen Hintergrund und sind nachhaltig, das reizt.»

Andrea Krieg, Dozentin Schweizer Textilfachschule

Einige Quilts hat Barbara T. Kämpfer zuerst auf Papier gezeichnet, die meisten aber entwirft sie spontan. Dann sucht sie passende Stoffe im Lager. «Viele Stofffarben kann man so gar nicht mehr kaufen», sagt sie. So färbt sie selber, in Abstufungen von Schwarz über Dunkelgrau bis fast Weiss. Ihr Stofflager ist sorgfältig sortiert. Von Hell zu Dunkel, vom blassen Gelb zum satten Gold ist alles vorhanden. Für Ordnungsliebhaber ein Paradies. «Sonst würde ich ja nichts mehr finden», sagt Barbara Kämpfer und lacht.

Vornübergebeugt näht sie Stoffe zu einer Patchworkdecke zusammen. «Patchwork wird immer mit einer klassischen Hausfrauenbeschäftigung in Verbindung gebracht. Das ist so nicht richtig», sagt sie.

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Die Stoffsequenzen pinnt sie vor dem Nähen an die Wand und schaut sich mit dem Feldstecher das Resultat an. «Spienzle ich verkehrt da durch, entdecke ich, was nicht zusammenpasst und was mir nicht gefällt.»

Passt zum Nachhaltigkeitstrend

Dass Quilten mehr als eine spannende Freizeitbeschäftigung ist, haben auch die grossen Modelabels gemerkt. 2017 etwa nutzte Calvin Klein Quilts für seine Werbekampagne als Farbtupfer auf Schwarzweissfotos. Auch Andrea Krieg, die Fashion an der Schweizer Textilfachschule lehrt, sagt: «Viele Leute kehren zum Handwerk zurück. Quilts haben einen traditionellen Hintergrund und einen weit zurückliegenden Ursprung. Das reizt.» Hinzu kommt, dass beim Quilten Reste aufgebraucht und neu zusammengesetzt werden. Das entspreche dem Trend zur Nachhaltigkeit.

Das schwedische Label Acne designte kürzlich eine Deckenkollektion, inspiriert von Quilts. Dior und Off-White produzieren Kleider mit Stoffen, die an Steppdecken erinnern. Man könne sich so von der grossen Masse abheben. «Quilts bieten etwas Individuelles», sagt die Designerin Andrea Krieg.

Barbara T. Kämpfer

Kämpfers Lager ist ein Paradies für Ordnungsliebende: «Sonst würde ich ja nichts mehr finden.»

Quelle: Maurice K. Grünig
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Barbara T. Kämpfer hat ihre Leidenschaft in Übersee entdeckt. Ihr Mann erhielt von seiner Firma Anfang der Achtzigerjahre das Angebot, für drei Jahre in den USA zu arbeiten. Also zog die junge Familie mit zwei Kindern an die Ostküste nach Raleigh, Hauptstadt von North Carolina. Die Kinder in der Schule, der Mann bei der Arbeit – Barbara Kämpfer suchte eine Beschäftigung.

Sie besuchte Quiltkurse und entdeckte ihre Leidenschaft. «Künstlerinnen wie etwa Nancy Crow brachten mir vieles bei», sagt Barbara Kämpfer. Jahre später meldete sich die renommierte Textilkünstlerin bei ihr und fragte, ob sie innerhalb weniger Monate fünf Quilts erschaffen könne, mit einer Grösse von zwei mal zwei Metern. «Das war eine happige Zeit. Gegen Ende musste ich Nachtschichten schieben.» Crow wählte einen der fünf für eine Wanderausstellung aus.

Zurück in der Schweiz schrieb Kämpfer 1995 das Buch «Log Cabin with a Twist» über ein von ihr entwickeltes Muster. Damit revolutionierte sie das traditionelle Blockmuster. Ihr Buch wurde weltweit über 60'000-mal verkauft, inzwischen ist es vergriffen. Mit diesem Erfolg habe sie nicht gerechnet, noch heute werde sie regelmässig eingeladen, Kurse zu geben. Erst kürzlich reiste sie dafür eigens nach Israel. «Ich könnte in jede Ecke der Welt reisen, und jemand würde mich mit offenen Armen empfangen.»

In Büchern und Ausstellungen

Früher hat Barbara Kämpfer von Hand gequiltet. Heute machen ihre Hände aber nicht mehr mit. Ein grosser Quilt von vier Quadratmetern bedeutet über 200'000 Nadelstiche. Von Hand. Kein Wunder, dass die meisten sowieso mit der Maschine arbeiten.

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Barbara T. Kämpfers Werke hängen in Ausstellungen und finden sich in zahlreichen Büchern. Das mache sie stolz. «Ich habe einige Male meine Arbeiten eingereicht. Dass es dann tatsächlich klappt, macht mich sehr glücklich.» Ein Geschäft habe sich daraus aber nie entwickelt, das habe sie auch nicht gewollt. «Pro Jahr verkaufe ich vielleicht ein oder zwei Quilts. Teilweise verschenke ich sie auch an die Familie und an Freunde, wenn ich weiss, dass sie Freude daran haben.»

Quilten: Eine lange Tradition

Das Quilten gab es schon in der Antike. Die ältesten erhaltenen Exemplare sind in Kairo ausgestellt. Sie entstanden vor schätzungsweise 3000 Jahren. Die Kreuzritter brachten sie wohl im Hochmittelalter ins nördliche Europa. Die mehrlagigen Decken wurden unter der Rüstung getragen. Anfang des 17. Jahrhunderts brachten europäische Auswanderinnen und Auswanderer das Quilten in die neue Welt. Mit kleinsten Stoffstücken und Resten fertigten sie Decken an. Das gemeinsame Nähen wurde zu einem sozialen Ereignis. Je nach Region und Kultur entstanden unterschiedliche Quiltstile. Bis heute pflegen zum Beispiel die Amischen diese Kunstform. Deren Quilts gehören heute zu den Favoriten vieler Sammler. In den USA wurden Quilts zur Volkskunst, in Europa gerieten sie in Vergessenheit.

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Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

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