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SchlittenhundeUnd ewig rennen sie

Fahrten mit dem Hundeschlitten sind eine beliebte Attraktion im hohen Norden. Wie kann man dazu beitragen, dass sie für die Tiere nicht zur Tortur werden?

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Ein einziges Mal», sagt Mika Nylund, und es ist ihm anzusehen, dass er lieber von den schönen Momenten in der finnischen Winterwildnis erzählt. Ein einziges Mal hätten sie einen wirklich problematischen Gast gehabt. Es passierte auf einer mehrtägigen Schlittenhundetour, bei der die Gäste ihr Hundegespann durch die tiefverschneiten Wälder Nordlapplands navigieren und die Tiere selber betreuen.

Der Mann glaubte, sich mit Hunden auszukennen, schliesslich habe er bereits anderswo eine solche Tour mitgemacht. Wenn einer der Hunde nicht spurte, setzte es Fusstritte. So mache man das eben, behauptete der Tourist. «Aber er war wirklich ­eine Ausnahme», sagt Mika, «die meisten unserer Gäste lieben Tiere.»

Sobald sich Mika den Gehegen nähert, wird das Gebell, Geheul und Gewinsel ohrenbetäubend. Kaum öffnet er ein Gatter, springen die Hunde an ihm hoch und versuchen, sein Gesicht abzulecken. «Das hier sind Fire und Sky», stellt der 33-Jährige zwei Hunde vor.

Obwohl auf der Huskyfarm bei Ivalo und hier, in der neu gebauten Aussen­sta­tion in den Wäldern bei Saariselkä, nicht weniger als 100 Hunde leben, kennt Mika jedes Tier mit Namen. Er hat sie alle aufgezogen. Gemeinsam mit seiner Frau Sanna führt Mika die Farm Kamisak in Nordfinnland, ein tradi­tionsreiches Unternehmen.

Kamisak ist berühmt für die Zucht von Sibe­rian Huskies. Und für die tierfreundlichen Gründer, von denen das junge Ehepaar die Farm vor einigen Jahren übernahm. Seither züchten die beiden Hunde und organisieren im Sommer Exkursionen mit den urtümlichen Finnpferden. Vor allem aber bieten sie im Winter Schlittenhundetouren an, die vier Stunden dauern können oder auch fünf Tage.

Mit einem Hundegespann durch den Schnee zu gleiten, seine Kraft zu spüren, den Schlitten auszubalancieren und jeweils rechtzeitig abzubremsen, wenn es abwärtsgeht, ist ein grosser Spass. Aber eben auch ein grosses Geschäft. In jedem Wintersportort im hohen Norden gibt es Hundefarmen, und nur wenige Naturfreunde lassen sich das Erlebnis Schlittenfahrt entgehen. Doch kaum jemand fragt sich, wie tiergerecht dieses Business ist.

Ein erschreckendes Beispiel trug sich vor über drei Jahren in Kanada zu. Für die Olympischen Spiele hatten Hunde­besitzer ihre Rudel vergrössert, um die Nachfrage nach Schlittenfahrten während des Sportanlasses zu befriedigen. Danach brach das Geschäft ein. Im April 2010 bekam ein Angestellter der Firma Howling Dog Tours die Anweisung, 56 gesunde Tiere zu töten, nachdem der Tierarzt es abgelehnt hatte, sie einzuschläfern. Der Mann erschoss die Hunde, einigen schnitt ­er die Kehle durch, dann warf er die Kadaver in eine Grube.

Einen so krassen Fall wie in Kanada hält man in Lappland für undenkbar, aber: «Es gibt hier schon auch Unternehmen, denen der Profit wichtiger ist als das Tierwohl», sagt Mika. Er redet ungern schlecht über die Konkurrenz, weiss aber, worauf Touristen achten sollten.

Zuerst rät Mika, genau hinzuschauen. Denn auch ein Laie könne erkennen, ob die Hunde zufrieden, gesund und kräftig oder verängstigt und ausgezehrt wirken. Und es sei aufschlussreich, zu beobachten, wie die Mitarbeiter mit den Hunden um­gehen. «Wenn einer grob ist, die Tiere schlägt oder nach ihnen tritt, dann tut er das, weil der Besitzer es toleriert oder gar gutheisst», sagt Mika. Auf Kamisak wäre ein solcher Vorfall ein Kündigungsgrund.

Der Hundeexperte ist kein Freund der Kettenhaltung. Auf seiner Farm leben die Hunde in kleinen Gruppen in Gehegen. «Ich will, dass sie sich bewegen können und Kontakt mit ihren Artgenossen ­haben», sagt er. Die Kettenhaltung ist in Lappland jedoch weit verbreitet. Das Argument, man müsse übertrieben hohe Zäune bauen, damit die Hunde sie auch bei viel Schnee nicht überwinden, lässt Mika nicht gelten. «Wenn die Tiere an einem Ort leben, an dem sie glücklich und von ihren Hundefreunden umgeben sind, dann denken sie gar nicht daran abzuhauen.»

Mikas dritte Empfehlung richtet sich an die Touristen selbst. Sie sollten keine Kürzesttouren buchen, sondern sich auf das Erlebnis einlassen und dafür etwas mehr Zeit aufwenden. Kamisak bietet keine Mini­touren an, obwohl man viel Geld verdienen kann mit den Reisebussen voller Touristen, die alle nur für zehn Minuten auf einen Schlitten steigen wollen. «Es frus­triert die Hunde, immer dieselbe 400-Meter-Runde zu rennen», sagt Mika.

Seine eigenen Tiere würden eine solche Aufgabe verweigern. Das liegt auch an der Rasse: Siberian Huskies sind freundlich, kontaktfreudig, leicht zu dirigieren, aber eben auch intelligent und mit einem feinen Orientierungssinn ausgestattet. «Nach zwei Runden hätten sie den Trick kapiert und würden einfach liegen bleiben.»

Kreuzungen sind weniger kälteresistent

Es gibt immer mehr Halter, die Rassen einzüchten, englische Pointer etwa oder Greyhounds. Die können schneller rennen als reine Huskys. Aber Mika bleibt seinen Sibe­rian Huskies treu, auch aus Tierschutzgründen. Denn diese Rasse ist an die Kälte angepasst: «Für andere Hunde müsste man isolierte Hütten bauen, damit sie sich wohlfühlen», sagt Mika, «doch selbst dann kann es passieren, dass sie heftig frieren.»

Mika betont, dass seine Hunde Arbeitstiere seien. «Schlittenhunde wollen arbeiten, erst dann sind sie wirklich glücklich.» Obwohl die Kamisak-Hunde keine Haustiere sind, leben sie die ers­ten Monate in der Familie, sie werden gestreichelt, und die Kinder spielen mit ihnen, damit sie zutraulich werden. Auch später, wenn die Tiere in den Zwingern sind, haben sie Kontakt zu Menschen. Mit ein bis eineinhalb Jahren kommen sie in ein Gespann mit älteren, erfahrenen und ruhigen Hunden.

Was passiert mit den Hunden, wenn sie zu alt sind, um noch einen Schlitten zu ziehen? «Mit etwa zwölf Jahren gehen sie in Rente», sagt Mika. «Wir stecken sie auch dann mit Jungtieren zusammen, damit diese von ihnen lernen können. Dann ­leben sie glücklich bis an ihr natürliches Lebensende mit uns auf der Farm.»

Hunde aus Kostengründen einzuschläfern käme hier keinem in den Sinn. Und es sind nicht nur die eigenen Hunde, die auf Kamisak ein Zuhause finden. Die Nylunds führen auch ein Tierheim. «Natürlich möchten wir den Gästen ein unvergessliches Erlebnis schenken», sagt Mika, «aber die Tiere stehen an erster Stelle.»

Dass hier der Kunde nur so lange König ist, wie er sich anständig aufführt, merkte auch der Gast, der die Hunde seines Gespanns getreten hatte. Man verwarnte ihn. «Wenn es danach noch ein einziges Mal passiert wäre», sagt Mika, «hätte ihn ein Motorschlitten in der Wildnis abgeholt, und seine Tour wäre zu Ende gewesen.»

Dieser Artikel wurde von Kontiki Reisen ­unterstützt.

Veröffentlicht am 07. Oktober 2013