Punkt 7.30 Uhr trifft sich das Ärzteteam des Spitals Davos zum Morgenrapport. Zu acht sitzen sie um den Tisch, ganz in Weiss. Sieben sind eben gekommen, einer wird bald gehen: Assistenzarzt David Buchmann berichtet von der Nacht. Es war ruhig auf der Notfallstation. Nur einige stark alkoholisierte Personen brauchten Hilfe – wie immer, wenn der HC Davos sein Heimspiel gewinnt.

Heute wird ein idealer Tag. Die Luft ist klar, die sonnigen Hänge werden Tausende auf die Pisten locken. Ärzte, Pfleger und Rettungssanitäter des Spitals Davos erwarten über 50 Notfälle.

«Es liegt Neuschnee, da gibt es viele Knieverletzungen», sagt Gaby Rahm. Die Assistenzärztin betreut an diesem Sonntag die Notfallstation, die Medizinstudenten Wiebke Barth und Marc Alder helfen ihr dabei. Unterstützt werden die drei von Oberarzt Rainer Muntwyler und Chefarzt Christian Ryf. Zum Ärzteteam gehören noch ein Röntgenarzt, eine Narkoseärztin und drei weitere Assistenzärzte.

In der Tiefgarage warten die Ambulanzfahrzeuge. Noch laufen die Skilifte nicht, die zwölf Nischen der Notfallstation sind leer. In jedem Abteil stehen ein Bett, ein Stuhl und ein Schrank für einen Notfallpatienten bereit.

9.03 Uhr. Es piepst, der erste Patient kündigt sich an. Unterassistentin Barth nimmt sofort die Krankengeschichte auf. Auf Englisch, der Mann kommt aus Schweden. Wenig später rapportiert die 25-Jährige: «Verdacht auf Radiusfraktur, Hauptdruckstelle oberhalb des Handgelenks, Arm geschwollen, ist gestern beim Skifahren gestürzt und hat sich im Fallen nach hinten abgestützt.» Gaby Rahm nickt, der Fall ist klar: ab zum Röntgen.

Die Rechnung wird gleich bezahlt
Nach weiteren 30 Minuten steht fest: Der Arm von Mikael Amvegard ist gebrochen. «You see, it is broken», erklärt Gaby Rahm. Der 30-Jährige lächelt unsicher und blickt auf seinen bleichen Arm, den er mit der anderen Hand vor sich herträgt, als ob er nicht zu ihm gehören würde. Der Grafiker ist für einen viertägigen Kongress nach Davos gekommen, heute fliegt er zurück nach Stockholm. Seine Hand wird eingegipst, die Rechnung für die Behandlung muss er gleich bezahlen: 637 Franken.

Ein Abteil weiter sitzt Patrick Jendly. Der rechte Arm und das rechte Knie sind eingebunden. Seine Wollmütze behält der 28-Jährige auch im Spital auf. Er kommt zur Nachkontrolle. «Hallo, ich bin Gaby», begrüsst ihn die 31-jährige Assistenzärztin und schüttelt seine gesunde linke Hand. Sie schaut ihm ins Gesicht: «Tut etwas weh?» Jendly lacht: «Easy, alles bestens.» Er ist am Vortag auf der Piste gestürzt. Ellbogen ausgekugelt, im Knie das Kreuzband gerissen. «Schon der Pistenretter stellte die richtige Diagnose», erzählt der junge Monteur verblüfft. Und schwärmt von der speditiven Behandlung im Spital: «Um 14 Uhr rein und um 18 Uhr pünktlich zum Après-Ski wieder raus. Was will man mehr?»

«Immer dieser Papierkram»
10 Uhr. Ein Italiener mit Blasenentzündung und eine Einheimische mit Herzrasen liegen in den Kojen. Ansonsten herrscht Ruhe. Die Ärzte verbringen ihre Zeit mit administrativen Arbeiten. Jeder Handgriff wird schriftlich festgehalten – für nachbehandelnde Ärzte, für die Krankenkasse oder die Spitaladministration. Gaby Rahm stöhnt: «Immer dieser Papierkram.» Chefarzt Christian Ryf bleibt stehen und beobachtet das Geschehen auf dem nahen Jakobshorn: «Das ist die Ruhe vor dem Sturm, da kommt noch was, in 90 Minuten wird es bei uns losgehen.»

Doch eineinhalb Stunden später sind gerade einmal drei Nischen besetzt. Ein Skifahrer aus England ist gestürzt – Verdacht auf innere Verletzungen. Die Hand einer Einheimischen muss genäht werden, und ein Mann mit Spreizfuss klagt über chronische Schmerzen. Gaby Rahm versteht das nicht: «So einer kommt an einem Sonntag auf die Notfallstation, weil er gerade Zeit hat. Als ob wir am Wochenende nichts Besseres zu tun hätten.»

Wolken ziehen auf, feine Schneeflocken tanzen vor dem Fenster. Ein Pfleger schiebt ein Bett durch den Korridor, der Sanitäter heftet einen Rapport an die Magnetwand. Durch die Spitalgänge hallt Gelächter. Im leeren Wartsaal läuft der Fernseher – Skirennen.

13.03 Uhr. Erster Alarm. Ein Pistenunfall im Parsenngebiet, Verdacht auf Halswirbelverletzung. Die Rettungssanitäter rücken aus. Eine halbe Stunde später versammeln sich vier Ärzte um die Röntgenbilder der verletzten Skifahrerin, die im Zimmer nebenan unbeweglich auf dem Tisch liegt. Die Bilder zeigen Schädel- und Halswirbelknochen von allen Seiten. Auch die zwei Sanitäter und die Notfallpflegerinnen verfolgen die Diskussion gespannt. Bald sind sich die Experten einig: keine sichtbare Verletzung. Entwarnung.

Bis jetzt sind erst 13 Patienten in die Notfallstation gekommen. Ärzte und Pflegende rätseln: Wieso ist heute nicht mehr los? Die Wolken haben sich verzogen, die Sonne brennt durch die grossen Glasscheiben, die Temperatur steigt. Stille, nur das Summen der Computermonitore ist zu hören. Pfleger Gunnar Haldi dreht Kreise auf dem Bürostuhl und stellt zynisch fest: «Heute rentiere ich nicht.»

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Kollisionen auf der Piste nehmen zu
14.51 Uhr. Madleine Sigrist stapft in Skischuhen durch den Gang. Die 21-Jährige ist mit einem anderen Skifahrer zusammengestossen. «Ich flog sicher fünf Meter durch die Luft, es verschlug mir den Atem», erzählt sie. Der andere habe sich laut fluchend davongemacht, sie sei erst einmal liegen geblieben und habe sich nachher im Restaurant vom Schock erholt. Jetzt, eine Stunde später, tut ihr der Brustkorb weh. Gaby Rahm bespricht mit Wiebke Barth das Vorgehen: «Wir röntgen. Wenn wir nichts finden, gehen wir auf die inneren Organe los.»

Wenig später liegt die junge Frau mit nacktem Oberkörper auf der Liege in einem verdunkelten Nebenraum, die schweren Skischuhe lassen ihre Füsse auf die Seite kippen. Der Röntgenarzt fährt mit dem Ultraschallkopf über den Bauch, rund um das Nabelpiercing herum. Auf dem Monitor erkennt er Leber und die Nieren: «Alles in Ordnung.» Sigrist darf gehen. Sie will nicht mehr zurück auf die Piste: «Mir ist die Lust gründlich vergangen.»

Ein weiterer Fall in Christian Ryfs Kollisionsstatistik, in der jeder Skiunfall erfasst und ausgewertet wird. An Spitzentagen der letzten Jahre war etwa jeder vierte Verletzte in eine Kollision verwickelt. «Es wird schneller und aggressiver gefahren, das führt zu mehr Zusammenstössen und schwereren Verletzungen», erklärt der Chefarzt. Er schüttelt den Kopf: «Da werden Risiken eingegangen für nichts.» Das Spital Davos macht jeweils von Dezember bis Februar mehr als die Hälfte des «Jahresumsatzes». Rund 3000 Unfälle passieren pro Saison in den Skigebieten. Patienten mit schweren Kopf- und Rückenmarkverletzungen werden ins Unterland geflogen – alle anderen bleiben in Davos.

15.17 Uhr. Zwei Verletzte beim Jakobshorn. Kurz darauf ein Unfall auf der Parsenn. Peter Kupeczki, Ex-Banker und seit fünf Jahren Rettungssanitäter, klemmt sich hinter das Steuer der Ambulanz. Er fährt ohne Blaulicht und Sirene die Schlittelbahn hoch, ohne Spikes wäre hier kein Fortkommen. Pistenretter Fadri Erni wartet schon mit seinem Patienten. Hanspeter Meier ist mit dem Snowboard gestürzt, jetzt liegt er gut verpackt auf dem Schlitten. Der 57-Jährige wird gleich zusammen mit dem Schlitten ins Auto geschoben.

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Der schmerzhafteste Moment
Im Spital sind alle zur Stelle. Viele Hände helfen mit, den Snowboarder auf ein Bett umzulagern. Dann kommt der schmerzhafteste Moment für Meier: Der Skischuh muss vom Fuss. Zwei halten das Bein fest, Fadri Erni drückt den Schuh auseinander. Meier beisst die Zähne zusammen, zieht die Luft ein. Zehn Sekunden später ist der Schuh weg. Der Patient zittert am ganzen Körper. Für Assistenzärztin Susanne Liebmann ist sofort klar: «Da ist garantiert etwas kaputt. Ich spüre das, wenn ich den Fuss in die Hand nehme. Alles wackelt.»

Inzwischen sind sieben Abteile besetzt. Ärzte, Pflegende und Sanitäter stehen rund ums Desk, reden, schreiben, telefonieren, planen. Hochbetrieb. Meiers Röntgenbilder kommen auf den Bildschirm. «Hoppla», ruft Chefarzt Ryf, «das müssen wir gleich operieren, bevor das Bein anschwillt.» Waden- und Schienbein sind spiralförmig gebrochen. Er bespricht das Vorgehen mit Susanne Liebmann: «Minimal invasive Osteosynthese, je eine Platte fürs Waden- und Schienbein.» Die Assistenzärztin nickt, sie wird den Eingriff unter seiner Anleitung vornehmen.

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«Ein vergleichsweise ruhiger Tag»
17.25 Uhr. Susanne Liebmann und Christian Ryf stehen im Operationssaal. Hier dominiert die Farbe Blau. Jeder Handgriff des sechsköpfigen Operationsteams sitzt. Auf einem Tisch liegt das Material bereit. Schrauben in allen Grössen, fein säuberlich aufgereiht, Metallplatten – als wäre ein Schlosser zugange. Alles steril. Liebmann bohrt und schraubt, es fliesst kaum Blut. Patient Meier merkt von den handfesten Manipulationen an seinem Bein nichts. Er ist zwar wach, hält die Augen aber geschlossen, über Kopfhörer hört er Musik.

18 Uhr. Schichtwechsel. Assistenzarzt Buchmann ist zurück, er hat ein paar Stunden geschlafen und übernimmt wiederum die Nachtschicht. Für die anderen ist eigentlich Feierabend, doch so schnell geht hier keiner weg. Sieben Patienten liegen auf der Notfallstation. Vier kommen direkt von der Piste: eine Kopfverletzung, ein Sprunggelenkbruch, ein Kreuzbandriss und ein Armbruch. Zwei müssen die Nacht hier verbringen, sie werden morgen operiert. Ein akuter Blinddarm kommt heute noch unters Messer, Susanne Liebmann wird bis 23 Uhr im OP stehen. Und auf Gaby Rahm wartet noch der verhasste Papierkram. Chefarzt Ryf macht sich um 21 Uhr auf den Heimweg. Seine Bilanz: «38 Notfälle, davon 18 Schneesportunfälle – ein vergleichsweise ruhiger Tag.»

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