Die Welt versinkt im Wasser, und der Grüne See bei ­Tragöss in der Steiermark entsteht. Quellen tun sich unvermittelt im eben noch staub­trockenen Boden auf. Wo anfangs nur kleine Pfützen den Boden bedecken, steht man tags darauf schon knietief im Wasser, und ehe man sichs versieht, verschwindet die vertraute Umgebung unter der Ober­fläche. Das Beste daran: Das Wasser bleibt klar wie Glas. Kein Trübstoff vermag den Blick zu bremsen.

Oben wie unten reicht die Sicht bis an den Horizont. Festes Land wird zum Seegrund, die blühende Frühlingsweide zur wallenden Seegraswiese. Wo noch vor ­wenigen Tagen Wanderer einen kleinen Bach überquerten, schwimmen nun Forellen auf der Suche nach Insekten, den ­ers­ten Opfern der ungewöhnlichen Flut. Das Wasser steigt und steigt. Wege, Büsche und ganze Bäume versinken.

Am Ende eines kaum besiedelten, knapp 25 Kilometer langen Trogtals der Nördlichen Kalkalpen wiederholt sich Jahr für Jahr dieses faszinierende Schauspiel. In einer kleinen Senke rund 800 Meter über Meer entsteht und vergeht ein Bergsee.

An den tiefgrün bewaldeten Ufern des Sees ragen die steilen Berghänge in die Höhe, ganz oben thront der Gipfel des Hochschwabs auf über 2200 Metern. Das 400 Quadrat­kilo­meter grosse Gebirgsmassiv gilt als Wetterscheide und trägt im Winter grosse Schneemengen. Meist erst Anfang Mai, wenn auch in grosser Höhe der Frühling endlich Einzug hält, schmilzt die weisse Pracht. Das Wasser versickert in unzähligen Spalten, Löchern und Dolinen des porösen Kalksteinsockels. Es sammelt sich tief im Innern des Bergs in Pfützen, Rinnsalen, Bächen und sogar in unterirdischen Seen, die in teils riesigen, sagenumwobenen Höhlen liegen.

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Wie ein gigantischer Schwamm saugt der Berg das eindringende Wasser auf, speichert es und lässt es durch Karst­gestein und durch abgelagerte Schotterhalden der letzten Eiszeit sickern. Dabei werden Mineralstoffe und Spurenelemente aus dem Fels gelöst, und die wunderbare Verwandlung vom einstigen Kondenswasser der Wolken zum wertvollen Trinkwasser vollzieht sich.

Derweil tanzen tief unten im Tal längst Schmetterlinge über bunten Frühlingswiesen, und kaum jemand würde mehr mit dem Schmelz­wasser von hoch droben rechnen. Aber nun gehts los. Verborgene Schleusen öffnen sich unter der sonderbaren Talsenke. Reinstes Quellwasser sprudelt aus dem ­Boden. Wo vorhin noch eine sumpfige Wiese am Waldrand war, entspringt ein Bächlein. Innerhalb eines Tages steigt der Wasserstand um bis zu einen Meter. Die Senke füllt sich, und ein See entsteht. Zuerst nur in der Grösse eines Fussballfelds, doch bald schon ist er 500 Meter lang.

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Ende Mai hat er meist seinen Höchststand erreicht. Gute zehn Meter steht das Wasser jetzt über vormals trockenem Boden. Das ist die beste Zeit für einen Tauchgang im eisigen Nass.

In dickes Neopren gehüllt, wagen wir uns in das Gewässer. Eiskalte sechs Grad Celsius brennen im Gesicht, dem einzigen ungeschützten Körperteil. Wir streifen die Flossen über und lassen uns fast andächtig ganz langsam sinken. Mit nur einer Handbreit Wasser über dem Kopf befinden wir uns bereits in einer anderen Welt. Mitten auf einem Kiesweg hockend, der zweifelsohne für Wanderer und nicht für Taucher ­angelegt wurde. Kurzer Ausrüstungscheck. Alles dicht, alle Systeme arbeiten – es kann losgehen. Mit sanftem Flossenschlag stossen wir uns ab. Nachdem wir die Wolke aus aufgewirbelter Erde und Staub hinter uns gelassen haben, schwimmen wir hinaus ins Freiwasser. Und gleich darauf erhöht sich die Sichtweite von knappen fünf ­Metern auf gut das Zehnfache.

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Das Gebirgspanorama vom Seegrund aus bewundern

Ungläubig schweift der Blick in eine Ferne, die man unter Wasser nicht gewohnt ist. Versucht, wie an Land den Horizont abzutasten, und verliert sich doch nur in blauer Weite. Allerdings in einem Blau, wie es uns in einem Vierteljahrhundert Meerestauchen noch nicht untergekommen ist. Eine leuchtende Mischung aus Kobalt, Azur und Ultramarin, wie sie nur in reinstem Quellwasser möglich ist. Das Fehlen jeglicher Verunreinigungen, Partikel oder Planktonteilchen ermöglicht einen derart intensiven Farbeindruck.

Fasziniert schweben wir wie in einer Welt aus Glas über den sanft abfallenden Weg, heraus aus der kleinen Bucht, hinein ins eigentliche Seebecken. Handteller­grosse Kalksteinplatten kleiden die Senke aus, reflektieren das grelle ­Sonnenlicht in Richtung des tiefblauen Himmels.

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Der Blick nach oben lässt das malerische Bergmassiv zu uns herunterschimmern. Auf ein Zeichen hin halten wir den Atem an und warten, bis unsere Luftblasen auf der Wasseroberfläche keine Wellen mehr verursachen. Jetzt glättet sich der See. Wie durch ein riesiges Schaufenster betrachten wir das Gebirgspanorama vom Seegrund aus. Dieser trifft am tiefblauen Horizont auf sein eigenes Spiegelbild und vereinigt sich gleich darüber mit dem Fens­ter nach draussen – ein betörendes Trugbild.

Wir schwenken nach links, paddeln die steile Böschung hoch, erklimmen einen schmalen Pfad. Völlig mühelos und ganz ohne Schweissvergiessen geht es vorbei an Büschen und Baumstümpfen, immer höher in ein kleines Wäldchen hinein, zwischen dicken Stämmen und herabhängendem Fichtenreisig. Wir folgen dem Ufer über Stock und Stein, mal bergan, mal bergab. Da, endlich – eine Sitzbank lädt zur Rast ein! Wir verschnaufen knapp zwei Meter unter der Oberfläche, nehmen unsere Atemregler kurz aus dem Mund und wagen einen kleinen Schluck. Erfrischend und köstlich! Kein Wunder, sitzen wir doch inmitten von reinstem Trinkwasser.

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Die Zeit drängt. Langsam, aber un­aufhaltsam kriecht die Kälte durch die ­dicken Tauchanzüge. Wir beeilen uns. ­Hinter einer Biegung wird die Szenerie noch kurio­ser. Ein Holzsteg überspannt ein kleines Bächlein, damit Wanderer trockenen Fusses ans andere Ufer gelangen. Doch der See hat sich längst Ufer, Bach und Steg einverleibt – die Brücke wirkt ­unnötig, skurril und völlig deplatziert. ­Eine Forelle schwimmt über ihr und hält Ausschau nach ertrinkenden Insekten. Ein letztes Mal geniessen wir die verkehrte Welt, schweben über Steg und Fisch, ­erfreuen uns an Spiegelungen, durchbrechen schliesslich Trugbild und Barriere und klettern hinaus in die vertraute Welt, zurück in die warme Frühlingsluft.

Die folgenden Wochen und Monate wird das Schauspiel erhalten bleiben. Der Wasserstand sinkt nur langsam, schrumpft erst im Hochsommer oft auf die Hälfte zusammen und erreicht im Spätherbst die bescheidene Ein-Meter-Marke. In trockenen Wintern verkommt der kristallklare Tauchertraum zum knietiefen Tümpel, bevor er schliesslich ganz versiegt. Dann ist der Spuk verschwunden, hält Winterschlaf, bis er im nächsten Frühling wieder zu neuem Leben erwacht.

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Schweizer Tauchgewässer

Auch hierzulande gibt es viele Möglichkeiten, in verheissungsvolle Gewässer abzutauchen. Rund 100 Tauchplätze locken mit atemberaubenden Steilwänden, Felscanyons, Wracks, Höhlen und ­natürlich Fischen. Die Auswahl reicht vom Badesee über Flüsse und klare Quelltöpfe bis hin zum eiskalten Bergsee. Vielerorts bieten Tauchschulen und -klubs Schnuppertauchgänge und Kurse an, um Anfänger in die geheimnisvolle Welt unter Wasser einzuführen.

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Buchtipp

Claudia und Norbert Eisenlohr: «Dive Guide – Tauchplatzführer der Schweiz»; 450 Seiten, 69 CHF (zu bestellen unter www.dive-guide.ch)

Weitere Infos

www.tcaarau.ch (mit Sichtweitenverzeichnis)

www.swiss-divers.ch (mit Tauchplatzverzeichnis)

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