Beobachter: Rita Christen, Sie sind die erste Frau an der Spitze des Schweizer Bergführerverbands und seit Jahren auch Präsidentin der Fachgruppe Expertisen bei Bergunfällen (FEB) – was sind im Sommer die häufigsten Unfälle in den Bergen?
Rita Christen: Abstürze. Sie passieren beim Wandern, wie aus der Bergnotfallstatistik des Schweizer Alpen-Clubs hervorgeht. Die halbe Schweiz wandert, und wo viele Menschen unterwegs sind, passieren eben auch viele Fehler. Ein Beispiel: Im Frühsommer liegt auf den Bergwanderwegen stellenweise noch Schnee. Es kommt daher immer wieder vor, dass Wanderer auf Schneefeldern ausrutschen und abstürzen.


Werden die Gefahren in den Bergen unterschätzt?
Die Risiken auf Wanderrouten Wanderunfall vermeiden Tipps für eine sichere Wanderung sind nicht so offensichtlich wie jene auf Hochtouren oder beim Klettern. Es wirkt banal, einem gut angelegten Wanderweg zu folgen, die Gefahr wird deshalb von den Wanderern oft nicht richtig eingeschätzt. Bei den betroffenen Institutionen ist das Problem aber auf dem Radar. Aktuell läuft zum Beispiel die Kampagne «Bergwandern – aber sicher» der Beratungsstelle für Unfallverhütung und der Schweizer Wanderwege. Und wir vom Schweizer Bergführerverband bilden Wanderleiter und Wanderleiterinnen aus und legen sehr viel Gewicht auf ein gutes Risikomanagement.


Wie gefährlich sind Gewitter?
Nach der Bergnotfallstatistik gab es 2020 drei Notfallsituationen durch Blitzschlag. Vergleicht man dies mit den 1793 Abstürzen im Jahr 2020, so könnte man sagen, Gewitter seien kein grosses Problem. Aber meine Erfahrung ist anders. Man muss runter von exponierten Stellen bei Gewitter – das geht auf Kletter- oder Hochtouren nicht immer. Zumindest muss man die Metallteile wie Pickel und Karabiner woanders deponieren, damit sie keinen Blitz zum Körper leiten können. Dann gibt es oft einen Temperatursturz, Regen, der Fels kann vereisen. Weiterkommen kann schwierig oder unmöglich werden. Es geht also darum, die Tour früh zu beginnen und zügig zu durchsteigen. Dann sitzt man gemütlich in der Hütte, wenn das Gewitter losbricht. Oder man legt von vornherein einen Tag im Klettergarten ein.

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«Wir sollten nicht alles unterbinden, was potenziell gefährlich sein könnte.»

Rita Christen, Präsidentin Schweizer Bergführerverband

Ist man mit einem Bergführer sicherer unterwegs als ohne?
Ja, Bergführerinnen durchlaufen eine anspruchsvolle Ausbildung. Sie haben ein hohes technisches Können in allen Bergsportdisziplinen und kennen die aktuellsten Sicherungstechniken und Beurteilungsmethoden. Aber beim Bergsteigen gibt es Risiken, die auch eine Bergführerin nicht zu 100 Prozent im Griff hat. Ich kann also keine absolute Sicherheit garantieren, sondern ich versuche, die Risiken auf ein vernünftiges Mass zu reduzieren.


Das heisst, die Berge bleiben gefährlich?
Bergsteigen ist kein Pingpongspiel. Man kann dabei sterben, sogar wenn man alles richtig macht. Ich sehe es als eine meiner Aufgaben, mich dafür einzusetzen, dass die Gesellschaft ein vernünftiges Mass an Risiko toleriert. Wir Menschen stellen uns Herausforderungen, bewältigen sie – und daran wächst unsere Persönlichkeit. Es gibt deshalb aus meiner Sicht ein Recht auf Risiko. Wir sollten nicht alles unterbinden, was potenziell gefährlich sein könnte, weder beim Bergsteigen noch sonst im Leben.

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Die gefährlichsten Sportarten

Infografik: So gefährlich sind die einzelnen Sportarten
Quelle: Suva «NBU-Statistik» – Infografik: Anne Seeger

Sehen Sie diese Tendenz in der Gesellschaft?
Ja, die Risikoakzeptanz in der Gesellschaft nimmt ab. Ich sehe dies in meiner Rolle als Präsidentin der Fachgruppe Expertisen bei Bergunfällen. Wir erhalten in letzter Zeit deutlich mehr Anfragen für Gutachten zu Fällen, bei denen die Versicherungen ihre Leistungen nach einem Bergunfall kürzen. Im Unfallversicherungsrecht Krankentaggeld Abzüge vom Krankenlohn? gibt es den Begriff des Wagnisses. Wenn die Wagnisschwelle erreicht ist, dann dürfen Versicherer Taggelder und Renten kürzen.

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Wo verläuft für Sie die Grenze zur Leichtsinnigkeit?
Diese Grenze ist schwierig zu definieren. Sie hängt ganz stark von den Fähigkeiten ab, die jemand mitbringt. So kann es für einen starken Kletterer absolut in Ordnung sein, in einem Gelände, in dem Absturzgefahr besteht, seilfrei zu klettern. Und umgekehrt kann es schon leichtsinnig sein, einen exponierten Wanderweg zu begehen, wenn man unerfahren und nicht schwindelfrei ist. Entscheidend ist, ob man die Herausforderungen richtig einschätzen und gut bewältigen kann. Gerade Klettern sieht für Aussenstehende manchmal verrückt gefährlich aus – aber mit der richtigen Ausbildung kann man das sehr sicher machen.

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Mögen Sie das Risiko?
Als junge Frau habe ich das Risiko gesucht. Ich bin viel allein gereist – durch Alaska, Island, Marokko. In den Städten bin ich in den gefährlichsten Ecken allein gewesen, etwa in Harlem. Ich habe Intensität gesucht, das hätte übel enden können.


Dann kam die Familie – hat sie Ihre Einstellung zum Risiko verändert?
Für mich und meinen Mann, der auch Bergführer ist, nicht. Obwohl er mehrere schwere Unfälle hatte, haben sie bei mir überhaupt nicht das Gefühl ausgelöst, dass er nicht mehr in die Berge soll. Aber wenn es um meine Kinder geht, dann werde ich ängstlich. Es ist schizophren. Mir sind die Erlebnisse in den Bergen so wichtig; ich sehe bei meinen Gästen, wie schön es für sie ist, einen Gipfel zu besteigen. Wenn meine Kinder das Gleiche machen, kippt ein Schalter, und ich sehe all diese Gefahren überdeutlich.

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Wie alt sind Ihre Kinder?
Meine Söhne sind 17 und 18. Seit sie klein waren, haben sie mit uns Bergtouren gemacht. Sie folgen nicht unserer Passion, sondern lieben Kampfsport viel mehr als Bergsteigen. Aber der Ältere hat sich jetzt entschieden, die Rekrutenschule am Kompetenzzentrum Gebirgsdienst der Armee zu machen. Nach der Matura wird er ein Jahr Bergsteigen – halb freut mich das, und halb sehe ich ein Jahr voller Ängste vor mir.

«In den Bergen zu sein, ist mehr als nur ein Sport für mich.»

Rita Christen, Präsidentin Schweizer Bergführerverband

Hatten Sie jemals Angst, dass Ihnen als Bergführerin etwas passieren könnte und Ihre Kinder ohne Mutter zurückbleiben?
Nein, das hatte ich nie. Eher noch, dass mir bei meinem privaten Bergsteigen etwas passieren könnte, weil ich da deutlich näher an meine persönlichen Grenzen gehe als beim Führen. Aber auch das war kein Problem, denn ich wusste immer: Mein Mann könnte sich im Notfall perfekt um unsere Söhne kümmern. Es brauchte mich dazu nicht unbedingt. Die einzigen Momente, in denen ich manchmal ein ungutes Gefühl hatte, waren deshalb die, in denen mein Mann und ich gemeinsam auf anspruchsvollen Touren unterwegs waren.

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Aber auch allein sind Sie nicht mehr so risikofreudig wie in Ihrer Jugend?
Beim Führen minimiere ich natürlich die Risiken. Das hat aber nichts mit dem Älterwerden zu tun, sondern eher mit meiner Rolle und meiner Verantwortung als Bergführerin. Aber privat mag ich es nach wie vor, auch einmal an meine Grenzen zu gehen und etwas zu wagen. Ich bin auch gern allein in den Bergen unterwegs, obwohl das heikler ist als in Begleitung. In den Bergen zu sein, ist mehr als nur ein Sport für mich. Dieses Erweitern des Blicks, über den alltäglichen Problemen zu stehen, das erlebe ich deutlicher, wenn ich allein bin – schon deshalb, weil ich dann nicht in Gesprächen abgelenkt bin.


Ist Bergsport interessanter, wenn er gefährlich ist?
Nein, für mich geht es nicht um die Gefahr. Dinge sind dann interessant, wenn sie mich im richtigen Mass herausfordern. Ich denke, das ist für die allermeisten Leute so. Aber klar, etwas wagen, die Angst überwinden, das erhöht den Einsatz – und es macht uns am Ende froher, als wenn wir etwas Gewöhnliches machen. So sind wir Menschen nun mal gestrickt.

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Zur Person

Rita Christen, Präsidentin des Schweizer Bergführerverbands

Rita Christen, 54, ist seit vergangenem November Präsidentin des Schweizer Bergführerverbands. Die Juristin aus Disentis GR arbeitet zudem als Gerichtsschreiberin am kantonalen Verwaltungsgericht in Chur, ist Mutter von zwei Söhnen und Yogalehrerin.

Quelle: Riccardo Götz
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