Das Mädchen bewegt sich schleppend, in eine Decke gehüllt, durch eine enge Gasse. Steine, nichts als Steine – unter den nackten Füssen, an den Wänden der Häuser und im Torbogen über dem Kopf. Erschöpfung in den Gliedern. Dreck im Gesicht, Tränen in den Augen. Der Wind zerzaust das verfilzte Haar und wirbelt totes Laub am Boden auf. Der Bass wummert – wird lauter, dröhnender, dramatischer. Schnitt!

Die Szene entstammt dem Trailer von «Sennentuntschi», dem Schweizer Mystery-Thriller, der Mitte Oktober in die Kinos kommt. Darin haucht Regisseur Michael Steiner («Mein Name ist Eugen» und «Grounding») der gleichnamigen Alpensage neues Leben ein. Er versetzt die Geschichte in die 1970er Jahre – und lässt das Sennentuntschi, die lebendig gewordene Sexpuppe dreier Sennen, zum Alptraum eines ganzen Dorfs werden.

Im realen Leben führt Arnold Bucher zu den Schauplätzen des Films – ins Bergell. Der 38-jährige Winterthurer ist ein sogenannter Location-Scout. Als solcher reist er durch die Schweiz und zuweilen auch ins Ausland, um Kulissen für Spiel- oder Werbefilme ausfindig zu machen. Wie so viele in seiner Branche ist er von den Turnschuhen bis zur Baseballmütze schwarz gekleidet, trägt einen Dreitagebart mit Kinnstreifen und hat müde Augen – beim Film ist niemals Feierabend.

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Bucher ist schon einige Jahre im Business, doch «Sennentuntschi» war auch für ihn eine Herausforderung: «Der Regisseur wollte unbedingt ein Dorf unterhalb einer Felswand. Nach monatelangem Suchen mussten wir dann aber einsehen, dass es das nicht gibt – der gesunde Menschenverstand verhindert, dass da jemand baut.» Neben Soglio im Bergell seien auch noch Bergün im Albulatal und Sonlerto im Val Bavona im Rennen gewesen. Für das schmucke Dorf unterhalb des Malojapasses habe man sich schliesslich entschieden, weil es die wichtigsten Kriterien erfüllte – die richtige Grösse, auf einem Sonnenbalkon gelegen und interessante Nebenschauplätze in der Umgebung.

Die Region bietet Motive zuhauf

«Ganz wichtig bei einem Bergdorf ist die Lage. Das Panorama kann noch so schön sein, wenn man die Bergspitzen nicht gemeinsam mit den Darstellern ins Bild kriegt, bringts nichts», erklärt Bucher, während er das schmiedeeiserne Tor zum Friedhof aufstösst. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen blickt er über die gepflegten Gräber auf die gegenüberliegende Talseite zur Bondasca-Gruppe mit König Piz Badile an ihrer rechten Flanke. Aus der Distanz betrachtet, wähnt man sie praktisch auf Augenhöhe, denn Soglio liegt rund 300 Meter über der Talsohle auf einer Terrasse am Südhang – der Traum eines jeden Kameramanns.

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«Sennentuntschi» ist denn auch bei weitem nicht der erste Streifen, für den man Soglio als Drehort wählte. Luis Trenker war für «Der Rebell» (1932) hier, und auch einer der «Heidi»-Filme (1965) vertraute auf die starke Kulisse. Überhaupt scheint die Filmindustrie grossen Gefallen an dem Tal zu finden; allein seit 2003 wurden fünf neue Titel im Bergell gedreht – darunter drei italienische Produktionen.

Das kommt nicht von ungefähr: Die Region zwischen Maloja und Chiavenna hat eine überaus grosse Auswahl an Motiven zu bieten. Einfache Steinhäuser und prächtige Palazzi, intakte Dorfkerne und verlassene Ruinen, gepflegte Kulturlandschaften und unberührte Natur. Und dann dieser grossartige Hintergrund, der sich von den höchsten Gipfeln bis ins Bachbett der Mera rund 3000 Meter tiefer erstreckt. Schnee, Schluchten und Schatten. Eine Welt der Kontraste: Granit und Grün. Alpine Rauheit, verbunden mit mediterraner Milde. Selbst am Talboden wechselt die Flora auf wenigen Kilometern dramatisch – aus Lärchen werden Laubbäume und schliesslich sogar Palmen.

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Quelle: Gerry Nitsch

Ein Paradies für Maler und Literaten

Diese Vielfalt hat zahlreiche Künstler inspiriert. Rainer Maria Rilke, Max Frisch und Herbert Marcuse schrieben im Bergell. Giovanni Segantini, Ferdinand Hodler und Varlin haben hier gemalt. Und natürlich Alberto Giacometti, der Mann auf der Hunderternote, in Stampa geboren und berühmtester Sohn der Region.

Auch Location-Scout Arnold Bucher fand im Val Bregaglia fast alles, was er suchte. Selbst die «verdammte Felswand». Er entdeckte sie gleich neben Bondo, wenige Meter von der Strasse entfernt und damit perfekt. «Eine Filmcrew ist keine Wandergruppe, da ist jeder Meter zu Fuss zu viel. Denn alles muss mit – Licht, Kamera, Ton und an die 50 Leute», erklärt er. Die «Wahnsinnswand» ist rund 60 Meter hoch und ein Teil der unwegsamen Schlucht, die die ungezähmte Bondasca in die Erde gefressen hat. Ein Ort ohne Licht und Schatten. Beklemmend, düster und kalt – wie geschaffen für einen tödlichen Sturz.

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«Genau. Hier stirbt natürlich jemand», verrät Bucher. Mehr will er dann aber vor dem Kinostart nicht sagen. Er musste wie die ganze Crew eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Plappert er was aus, hat das Konsequenzen – es könnte das Ende seiner Karriere beim Film bedeuten.

So spricht Bucher am nächsten Schauplatz, einem bemoosten Pfad, der durch einen dunklen Wald an einem einsamen Grotto vorbeiführt, in Rätseln: «Hinter Bäumen und Steinen kann sich einiges verbergen. Ausserdem weiss man bei einer schnellen Kamerafahrt nie genau, was Bild und was Einbildung ist – Bäume werden zu Gestalten, Felsen zu Gesichtern.» Das sei mit ein Grund, warum sich die Natur so gut für Horrorszenen eigne – und was Mystery betreffe, sei die Realität praktisch nicht zu überbieten: «Es gibt da eine Szene auf der Alp. Da steigt der Nebel morgens vom Tal hoch und legt sich wie ein Teppich vor die Hütten.» Das hätte man am Computer nie so hingekriegt.

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Apropos Alp: Die liegt nicht etwa im Bergell, sondern im Schächental im Kanton Uri. «Wir haben in der ganzen Region nach einem geeigneten Ort gesucht, sogar mit dem Helikopter, aber nichts Passendes gefunden», so Bucher. Es müsse einfach so vieles stimmen – der Zugang, die Ästhetik und das Licht. Schliesslich setzte man auf eine Location, die sich schon anno 1985 im Film «Höhenfeuer» von Fredi M. Murer bewährt habe. Und natürlich stammen alle Innenaufnahmen der Hütten aus dem Studio in Uster.

Es ist nicht alles, was es scheint

Auch nicht alle Berge, die man sieht, befinden sich im Bergell. Einige Aussenaufnahmen sind in Tirol entstanden. Das liegt nicht etwa an mangelnden Motiven in der Schweiz, sondern an der finanziellen Beteiligung von ORF und dem Österreichischen Filminstitut.

Überhaupt ist im Film nicht alles so, wie es scheint: Von aussen sieht man die Kirche von Soglio, von innen jene von Santa Croce. Dasselbe gilt für die Dorfbeiz, für die das Restaurant im Hotel Bregaglia in Promontogno herhalten musste. Dessen Ausstattung stammt wahrscheinlich tatsächlich noch aus den Siebzigern: Linoleumfussboden, Schwarzweissfotos, Hirschgeweihe, geblümte Tischdecken und die passenden Vorhänge.

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Der Kitsch hat seine eigene Ästhetik. Genauso wie der Zerfall, der sich im Bergell eingenistet hat. Unkraut, das aus den Ritzen spriesst. Verputz, der abbröckelt. Arbeit, die ruht. Der verlassene Steinbruch in Promontogno etwa hat eine faszinierende Aura. Zurückgelassen von Menschen, die hier ihren Lebensunterhalt verdienten – bevor man Granit aus China importierte.

Das Bauerndorf riecht parfümiert

In fast sämtlichen Bergeller Gemeinden haben sich die Einwohnerzahlen in den vergangenen 100 Jahren verringert. Wie der Steinbruch rentiert auch die Landwirtschaft schon lange nicht mehr. In Bondo und Promontogno ist die Bevölkerung um einen Drittel geschrumpft. In Soglio sogar um mehr als die Hälfte. Seit 2001 ist dort auch die Schule und 2003 die Post verschwunden.

Von diesem Niedergang ist in dem sonnenverwöhnten Dorf auf den ersten Blick wenig zu sehen. Gepflegte Bausubstanz und überquellende Geranientöpfe gaukeln den Besuchern ein intaktes Bauerndorf vor. Bloss riecht es hier nirgends nach Mist, sondern höchstens nach teurem Parfum. Wo einst vor allem Ziegen gehalten wurden, lebt man heute weitgehend vom Tourismus. Hübsche Motive für die Kameras hat es alleweil. Enge Gassen, antike Laternen und schiefe Holztüren mit groben Eisenbeschlägen. Dahinter oft kalte Betten oder gähnende Leere. Soglio ist seine eigene Kulisse geworden. Traurig für das Dorf, schön für die Touristen, ideal für den Film. Die Crew musste hier nur wenig kaschieren: einen Hydranten, einige metallene Dachrinnen oder eine Wand, die zu sauber verputzt war – übrigens die Stelle, an der das Sennentuntschi seinen dramatischen ersten Auftritt hat.

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Ob verputzt oder verändert: Soglio und seine Nachbargemeinden werden gross in Szene gesetzt. Dass Kinogänger bald in Scharen ins Bergell pilgern, ist zwar nicht anzunehmen – aber immerhin dürften nach dem Film alle wissen, dass das Tal unterhalb von Maloja noch einiges mehr zu bieten hat als Kastanien und Künstler.

(Klicken Sie auf die Karte, um diese vergrössert darzustellen.)

Quelle: Gerry Nitsch

Schönheit im hintersten Winkel der Schweiz

Der Wanderweg (rot) verbindet die Gemeinden und führt zu «Sennentuntschi»-Drehorten.

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Sechs Gründe für die Reise ins Bergell


  • Kastanien-Festival: Noch bis 17. Oktober finden zahlreiche Events rund um die Kastanienernte statt – kulinarisch, kulturell oder kulturhistorisch.

  • Kastanien-Lehrpfad: Viel Wissenswertes rund um das typische Bergeller Produkt lässt sich auf dem Kastanien-Lehrpfad bei Castasegna erfahren – am besten natürlich zur Reifezeit im Oktober.

  • Zuckerbäcker-Palazzi: Wer sich gern Prunk aus der Vergangenheit ansieht, sollte die zahlreichen Paläste besuchen. Im Ausland reich gewordene Zuckerbäcker haben sie gebaut – und dabei nicht gespart.

  • Bergeller Höhenweg: Den Panoramaweg von Casaccia nach Soglio muss man einmal gegangen sein. Die mittelschwere Wanderung dauert rund fünf Stunden.

  • Palazzo Salis: Hotel in Soglio mit historischer Gartenanlage aus dem 17. Jahrhundert. Zimmer mit Einrichtungen aus vier Jahrhunderten.

  • Museum Ciäsa Granda: Das «grosse Haus» in Stampa beherbergt das Talmuseum. Im Saal des Untergeschosses sind Werke der Künstler der Familie Giacometti und von Varlin ausgestellt.

www.viabregaglia.com

Buchtipp

Jürg Frischknecht u.a.: «Filmlandschaft: Engadin, Bergell, Puschlav, Münstertal»; Verlag Bündner Monatsblatt, 2003, 396 Seiten, 48 Franken

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