Die alte Frau sitzt stumm an einem Tisch im Café des Kurhotels in Flühli und isst ihr Frühstück. Bis sie mitbekommt, dass wir hinauf zu den Mooren wollen. «Wir fürchteten es damals, das Moor!», ruft sie herüber. «Vieh und Rösser hat es verschlungen…» Mit ihren Händen zieht sie eine Gerade durch die Luft, um zu zeigen, wie sich das Moor wieder schloss über den Tieren. Als wäre nichts gewesen.

Jetzt, zwei Stunden später, stehen wir mittendrin im Moor. Das Türnli ist eine Hochebene oberhalb von Sörenberg im Entlebuch, zweigeteilt durch eine Schotterstrasse. Der kalte Wind peitscht gegen die Brienzer-Rothorn-Kette. Links der Strasse eine hügelige Weide mit Rindern, rechterhand erstreckt sich ein Hochmoor. Flach, wie die in die Luft gezeichnete Gerade der alten Frau. Eingezäunt. «Es wäre schön, wenn man auf Holzstegen über das Moor spazieren könnte», sagt Pius Schnider. «Aber der Kanton bleibt hart. Jeder eingeschlagene Holzpfahl gilt als Eingriff in die Natur.» Anita Schnider klopft ihm beschwichtigend auf die Schulter. Pius und Anita, im Hauptberuf Bauern, im Nebenberuf Exkursionsleiter, sind ein gutes Team. Er ist die Leidenschaft, das junge Füllen, der Visionär, sie ist das Mass. «Das kommt schon noch», sagt sie.

Ein Schatz der Natur

Im 19. Jahrhundert gab es in der Schweiz 2500 Quadratkilometer Moorfläche. Heute sind davon noch rund 200 Quadratkilometer übrig. Die meisten Moore wurden im Lauf der Zeit trockengelegt, um die Gebiete landwirtschaftlich zu nutzen oder um Torf abzubauen, der als Brennstoff diente. Seit 1987 die Rothenthurm-Initiative angenommen wurde, stehen Moorlandschaften in der Schweiz unter besonderem Schutz.

Für die Entlebucher sei das zunächst ein Schock gewesen, sagt Pius. «Fast ein Drittel des Landes in der Region war in ihren Augen plötzlich wertlos.» Es habe viel Überzeugungsarbeit gebraucht, bis die Einheimischen ihre Moore als Naturschatz erkannten. Schliesslich, im September 2000, stimmte eine Mehrheit für die Schaffung eines Unesco-Biosphärenreservats im Entlebuch. Die Moore bilden die Kernzonen des Reservats. Hier hat die Natur Vorrang und der Mensch eigentlich nichts zu suchen. «Zutrittsverbote und Zäune sind wichtig, das Moor ist sehr trittempfindlich», sagt Pius. «Aber die Moore sollten kein Freilichtmuseum sein, in dem man nichts mehr berühren darf.» Nur was der Mensch kenne, schütze er.

Von der Hochebene machen wir uns auf, die Karstlandschaft der Schrattenfluh vor Augen, zunächst noch weit weg, im Verlauf des Tages immer näher rückend. Der Weg führt an Bergföhren und Bergfichten vorbei. Baumgreise, mehrere hundert Jahre alt, dünn und klein und ausgehungert. Jeder umgeben von einem Kranz aus Heidelbeerstauden und den dunkleren Blättern der Moorbeere. Hin und wieder eine Eberesche, der einzige Laubbaum, der sich aufs Moor hinausgetraut. Auch hier: alles eingezäunt. Zum Schutz des vom Aussterben bedrohten Auerhuhns, das die lichten Wälder am Rande der Moore bewohnt. Das Problem seien die Schneeschuhwanderer, sagt Pius. Im Winter fahre das Auerhuhn seinen Energiehaushalt auf Sparprogramm herunter, jede Störung bedeute Stress und Flucht. Nicht selten sterben die Tiere dann an Erschöpfung.

Zehn Minuten nachdem wir von der Ebene aufgebrochen sind, erreichen wir das «Zittermoor». Wir krabbeln unter dem Zaun hindurch, bleiben ganz nah am Rand, um das weiche Sumpfland mit unseren Tritten nicht zu verletzen. Viele bedrohte Pflanzenarten wachsen nur noch in Moorgebieten. Einige davon will Anita uns zeigen. Jeder Schritt auf dem mit Wasser vollgesogenen Moos ein Schmatzen und Seufzen.

Quelle: Ursula Meisser

Über Jahrtausende gewachsen

Das «Zittermoor» besteht aus einer sieben Meter hohen Torfschicht, es ist Jahrtausende alt. Wegen des wasserundurchlässigen Gesteins entstanden nach der Eiszeit in den Mulden kleine Seen. Die abgestorbenen Pflanzen, die sich auf dem Seegrund sammelten, wurden aufgrund des Sauerstoffmangels in den stehenden Gewässern kaum zersetzt und abgebaut. Mit der Zeit bildeten sie eine immer dicker werdende Torfschicht. Pro Jahr wächst Torf einen Millimeter in die Höhe. Irgendwann hat sich die Oberfläche so weit vom Grundwasserspiegel entfernt, dass die Moorpflanzen ihn nicht mehr erreichen. Sie leben nur noch vom nährstoffarmen Regenwasser. Oder von Insektenfleisch.

Der Boden zittert bei jeder Berührung, als erwache er aus tiefem Schlaf. Fragt man Anita, was sie am Moor so faszinierend findet, kniet sie sich auf den nassen Boden und sagt: «Dass man in die Knie gehen, das Gesicht tief herabsenken muss, um die Pflanzenvielfalt zu entdecken.»

Noch vor wenigen Jahren wuchs hier gar nichts mehr. Eine 1973 quer durch das Moor gelegte Erdgasleitung hatte das natürliche Abflusssystem derart durcheinandergebracht, dass das «Zittermoor» fast ganz austrocknete. Nun aber verpflichtet die Rothenthurm-Initiative die Kantone, gefährdete Moorlandschaften zu renaturieren. Vor einigen Jahren legte Luzern den Teil der Gasleitung, der durch die Moore führt, still. Mit Holzdämmen wurde das Wasser wieder gestaut.

Pflanzenvielfalt ist ein theoretischer Begriff. Anita, die wie ein Hase von Pflanze zu Pflanze hüpft, füllt ihn mit Farbe. Sie zeigt, erklärt, weiss alles: die Moorbinse, die als eine der wenigen Pflanzen sogar die Eiszeit überlebt hat; weisse Orchideen; das Moorläusekraut mit Blättern in der Form eines Läusekamms; der lila Augentrost. Und hier Pflanzen, die mehr als Regenwasser brauchen: das Fettkraut und der Sonnentau. Mit ihren Sekreten locken sie Insekten an, die an den Blättern kleben bleiben und verdaut werden. Oder die Moorbeere, die Rosmarinheide und die Preiselbeere. Ihre Wurzeln sind mit einem feinen Gespinst aus Pilzfäden umgeben, die sie mit Mineralstoffen versorgen. Nur einmal im Jahr darf der Bauer diese prachtvolle Hochmoorwiese mit der Handmähmaschine bearbeiten – erst spät im Sommer, damit die Pflanzen genügend Zeit haben, um abzusamen.

Zutritt nur in Begleitung: In Hunderttausenden von Jahren hat einsickerndes Regenwasser phantastische Höhlensysteme im Kalkgestein ausgewaschen.

Quelle: Ursula Meisser

Höhlenlabyrinth im Kalkgebirge

Stunden später, nach langem Aufstieg, stehen wir vor der Hütte der Alp Silwängen. Die Landschaft hat das Liebliche der Moore verloren. Stattdessen erhebt sich wenige Meter neben uns das zerfurchte, spitzkantige Karstgebirge der Schrattenfluh. Vor der Hütte steht ein Bergahorn. Und Lisbeth Schnider. Sie regiert über die Alp und besitzt auch die Höhle, in die wir hinuntersteigen werden. Eine Frau mit kräftigen Oberarmen, wortkarg. Nachdem wir am langen Tisch in der Stube Platz genommen haben, stellt sie uns eine riesige Schüssel dampfender Älplermagronen vor die Nase. Jetzt erzählt sie von der Entdeckung der Höhle. 1973 war das. Man wollte eine Jauchegrube ausheben. Und stiess stattdessen auf ein immenses unterirdisches Loch.

Das Kalkgebirge rund um die Schrattenfluh ist durchzogen von einem weitläufigen Höhlenlabyrinth, entstanden im Verlauf von vielen Hunderttausend Jahren. Einsickerndes kohlendioxidhaltiges Wasser nagt am Kalk. Feine Risse waschen sich allmählich zu Klüften und Höhlen aus. Rund 280 wurden in der Region bisher erforscht. Doch «es gibt noch unzählige, die bis heute kein Mensch betreten hat», sagt Anita.

Die Höhle auf der Alp Silwängen ist 130 Meter lang und 30 Meter tief. Der Eingang liegt hinter dem Alpstall, mit einem unscheinbaren Gullydeckel abgedeckt. Man darf nicht ins Grübeln kommen angesichts der Finsternis und der Kälte, die aus der Öffnung steigt. Nur einmal leer schlucken, und dann auf eisernen Sprossen den engen Schacht hinabsteigen. Bevor man es sich anders überlegt. Denn das wäre schade.

Man würde zum Beispiel nie erfahren, welch vielfältige Geräusche fliessendes Wasser erzeugen kann. Man liesse sich die Chance entgehen, ein Stück Meeresboden mit versteinerten Muscheln und Schnecken in der Hand zu halten. Auch die phantastischen Formen der Stalagmiten und Stalaktiten würde man verpassen, die Hunderttausende Jahre alten Tropfsteine, die uns Pius und Anita vorstellen wie alte Bekannte: «der Grossvater mit dem langen Bart, der Fahnenschwinger, der Zwerg»

Mitten in der Höhle bleibt Pius Schnider plötzlich stehen und beginnt zu jodeln. Wir löschen die Stirn- und Taschenlampen, die Klänge werden von den Felswänden zurückgeworfen, vermischen sich mit den Wassergeräuschen und der Kälte, schwellen an zu etwas Zeitlosem, Uraltem.

Sörenberg ist Ausgangspunkt der Wanderung und liegt rund eine Stunde entfernt südlich der Stadt Luzern.

Quelle: Ursula Meisser

Anreise: Per Zug nach Schüpfheim, im Bus weiter nach Sörenberg (1 Std.)

Route: Zu Fuss oder mit der Gondelbahn auf die Rossweid, über die Hoch­ebene Türnli zum Berggasthaus Salwideli. Das Zittermoor liegt in der Senke vor der Alp Salwiden. Weiter Richtung Waglisei­knubel, Alp Schlund zur Alp Silwängen (Einstieg in die beschriebene Höhle). Strecke: 12 Kilometer, zirka 4 Stunden.

Gesamtsteigung: 400 Höhenmeter. Abstieg: über die Alp Schlund zur Haltestelle Hirsegg (zirka 75 Minuten). Bus tal­abwärts jeweils zur vollen Stunde.
Achtung: Höhlenbesichtigung nur in Begleitung. Reservation: Anita und Pius Schnider, 041 488 21 56, info@erlebnisnatur.ch. Lisbeth Schnider, Alp Silwängen, kocht Älplermagronen nur auf Voranmeldung: 041 488 18 14.

Übernachtung: Rischli, Cristal, Bäckerstube, Berggasthaus Salwideli in Sörenberg; Kurhaus, Gasthaus Stutz in Flühli.

Verpflegung: Alp Silwängen; Berggasthaus Salwideli auf der Strecke, zirka 2,5 Stunden nach dem Start in Sörenberg.

Moor- und Höhlenführungen: Information im Internet unter www.erlebnisnatur.ch (Website von A. und P. Schnider); www.biosphäre.ch.