Nebel hängt schwer über den Dächern. Die Morgendämmerung setzt gerade ein, und dennoch herrscht bereits reges Treiben. Es verrät, dass dieser Ort kein gewöhnliches Bergdorf ist. Mit Kameras bewaffnete Menschen, überwiegend Asiaten, eilen durch die Gassen. An der Brücke über die Vispa reiht sich Stativ an Stativ, man harrt aus, bis sich doch noch ein Wolkenfenster öffnet: da, das Matterhorn! Die Bildjäger sind zufrieden, ein ganz normaler Tag in Zermatt beginnt. Sobald die Bergbahnen öffnen, werden sich die meisten Gäste in die Höhe hieven lassen, auf die erschlossene Sonnenseite des Gebirgskessels.

Der Aufstieg zum Berghaus Trift ist ideal, um sich für die fünftägige Tour einzustimmen.

Quelle: Iris Kürschner

Ganz einsam steigen vis-à-vis zwei Wanderer auf. Sie wollen sich dem «Horu» über die schroffe Talseite nähern. Die Wege sind steil, das hält die Masse fern. Ein Schleichweg führt über den Chüeberg zum Berggasthaus Trift. Die Häuser von Zermatt werden kleiner und kleiner, während sich die Gletscher der Region immer mächtiger ins Bild schieben.

Jetzt taucht am Horizont ein Fels auf, der mit jedem Höhenmeter wächst, bis er einen markanten Knick offenbart. Und zu dem wird, was Edward Whymper einen «Zuckerhut, dessen Spitze schief steht», nannte. Whymper, der fünf Jahre später, 1865, eine Tragödie, aber auch den Run auf das Matterhorn auslösen sollte. Ironie des Schicksals.

Anzeige

Die kurze Etappe zum Berghaus Trift ist ideal zum Einwandern und Akklimatisieren für die Fünf-Tages-Tour durch den Zermatter Gebirgskessel, die die zwei Wanderer in Angriff nehmen. Im Bann des Matterhorns, doch in aller Stille wollen sie die Natur erleben.

Routenbeschreibung Matterhorn-Trekking


1. Tag: Zermatt – Berggasthaus Trift: 3 Std.

Gleich hinter dem Bahnhof steigt der Wanderpfad nördlich an, hält sich kurz am Rand des Luegelbachgrabens, um dann über die offenen Hänge des Chüebergs bei Traumschau das kleine Plateau von Schweifinen anzustreben. Es folgt eine Querung ins Trifttal mit kurzem Abstieg zum Berggasthaus. Etwas kürzer, aber weniger aussichtsreich (dafür mit botanischem Lehrpfad) ist der Direktweg durch die Triftschlucht über Alterhaupt.


2. Tag: Trift – Schönbielhütte: 4.30 Std.

Über den Triftbach, dann bergwärts zum Höhenweg Höhbalmen. Abstieg nach Arben und rechts die Seitenmoräne des Zmuttgletschers hinauf zur Schönbielhütte.


3. Tag: Schönbiel – Gandegghütte: 6 Std.
Zurück nach Arben und über die Stafelalp zum Schwarzsee hinauf. Von dort an den Fuss des Hirli und über den Glacier Trail zum Trockenen Steg und weiter zur Gandegghütte.

Abstecher: Wer sich einen Extra-Tag auf der Hörnlihütte gönnen möchte, kann von der Stafelalp direkt zum Hirli aufsteigen und dann dem Hüttenweg folgen.

4. Tag: Gandegg – Fluhalp: 6 Std.
Von der Gandegghütte über die Leichenbretter nach Furi. Hoch zur Riffelalp und über den Grünsee zum Grindjisee. Anstatt direkt zum Stellisee zu wandern, wählen Einsamkeitsliebhaber den Pfad über die Moräne am Findelgletscher zur Fluhalp.


5. Tag: Rückkehr nach Zermatt
Am landschaftlich reizvollsten über den Moränenweg am Findelgletscher zum Grindjisee, dann weiter zum Leisee und der Sunneggabahn (2 Std.) Am kürzesten über den Stellisee zur Gondelstation Blauherd (0.45 Std.) Wer noch einen Gipfel mitnehmen möchte, besteigt das Oberrothorn (2 Std.), Abstieg zur Bergstation an Unterrothorn (1.30 Std.)

Quelle: Iris Kürschner

Hugo und seine Frau Fabienne, das Wirtepaar, stammen beide aus alten Zermatter Familien. Peter Aufdenblatten, Fabiennes Urgrossvater, erbaute 1887 den damals einzigen Stützpunkt auf dem Weg zum Obergabelhorn und zum Zinalrothorn. Er nannte ihn lässig «Hotel du Trift». Doch schon elf Jahre später riss eine Jahrhundertlawine das Gebäude mit. Aufdenblatten liess sich nicht entmutigen. Er baute 1900 ein identisches Haus, etwas tiefer gelegen. Dort steht es heute noch in alter Schönheit samt der Aufschrift «Hotel du Trift».

Ein Bach gluckst hinter dem Haus durch den idyllischen Alpboden, der sich dann aufbäumt zu den Viertausendern. Was für eine Lage! Doch 1949 wurde die Rothornhütte gebaut, zwei Stunden näher an den Gipfelzielen. Mit dem «Trift» ging es bergab. Bis Ende der Siebziger ein Urenkel von Aufdenblatten dem Haus neues Leben einhauchte. 1995 übernahmen Hugo und Fabienne.

Anzeige

Alphornklänge im Abendrot

«Es war eine Bruchbude», verrät Hugo. Sie renovierten massvoll. Hölzerne Stube, in der ein flackernder Ofen wohlige Wärme verbreitet, schlichte Zimmer mit rot-weiss karierter Bettwäsche – man fühlt sich in die Pionierzeiten zurückversetzt, als die überwiegend englischen Herrschaften die Gipfel eroberten und den Wert von Gebirgsspaziergängen und gesunder Bergluft entdeckten. In den Abendstunden lassen sich Gämsen in Hüttennähe erspähen. Irgendwann holt dann Hugo sein Alphorn hervor, bläst sphärische Klänge in die Gebirgsarena.

Noch im Dunkeln steigen die zwei Wanderer zum Höhbalmstafel auf. Den Anblick des ersten Sonnenlichts auf dem Matterhorn wollen sie nicht verpassen. Ein magischer Augenblick, wenn die Spitze rot erglüht, das Licht den Berg langsam hinunterwandert, ihn zum Glitzern bringt. Schwarznasenschafe lümmeln im Gelände herum. Keck lugen ihre schwarzen Gesichter aus der weissen Wollpracht hervor, als wollten sie sagen: «Hier habt ihr euer Postkartenmotiv!»

Anzeige

Die Matterhorn-Nordwand wird prägnanter, je weiter man ins Zmutt-Tal vordringt. Die Gedanken kreisen um den 14. Juli 1865, als die Erstbesteiger, darunter Whymper, in die Nordwand auswichen, um eine Steilstufe zu umgehen; dann stürzten im Abstieg vier von ihnen in den Abgrund. Die sterblichen Überreste von Hudson, Hadow und Croz ruhen auf dem Zermatter Friedhof, die Leiche von Lord Douglas fand man nie. Ein Unfall, Sabotage oder gar Mord?

Im Zmutt-Tal scheint die Welt noch in Ordnung: archaische Weiler, und weiter oben thront einsam die Schönbielhütte über der Moränenlandschaft des Zmuttgletschers. Von der Aussichtsterrasse wirkt das Matterhorn so ganz anders als aus der Postkartenperspektive. Auch vom Glacier-Trail, der auf der dritten Etappe gemeistert wird. Man steht dort quasi direkt unter der bedrohlich wirkenden Matterhorn-Ostwand und kann gut den Aberglauben der Einheimischen von damals nachvollziehen. «Sie sprachen von einer in Trümmern liegenden Stadt auf dem Gipfel, die von Geistern bewohnt werde», schreibt Whymper.

Quelle: Iris Kürschner
Anzeige

Gletschersee auf dem Weg zur Gandegghütte.

Quelle: Iris Kürschner

Plötzlich ziehen Wolken auf und lassen die Mondlandschaft des Furgg- und des Theodulgletschers noch gespenstischer wirken. Schneefall setzt ein, hier im August nichts Spezielles, die Wanderer sputen sich, um noch vor dem Whiteout die Gandegghütte zu erreichen. Die Terrasse bietet einen grossartigen Gletscherblick ins Rund von 29 Viertausendern.

Der Stellisee gehört zu den Highlights der Tour.

Quelle: Iris Kürschner
Anzeige

In aller Frühe machen sich die Wanderer auf die vorletzte Etappe. Die Bergseen im Findeltal sind ein Muss. Etwa der Stellisee, in dem sich das Matterhorn spiegelt. Nicht weit davon liegt das Berghaus Fluhalp, die letzte Unterkunft der Tour. In der Gaststube hängt ein Foto von einem Ahnen der Wirtin. Er hat mit seinem Vater und Edward Whymper 1865 die Katastrophe überlebt. Whymper schrieb über den Berg: «Menschen, die gewöhnlich sachlich dachten und schrieben, gerieten bei seinem Anblick in Ekstase; sie überschlugen sich in Lobpreisungen und sprachen eine Zeitlang nur in Superlativen.»

Abends ebbt der Rummel auch am Stellisee ab. Am Ufer betrachten zur Dämmerungszeit zwei Wanderer gedankenversunken die markante Silhouette des legendären Berges, während sich der Himmel langsam mit Sternen füllt. Es ist Ruhe eingekehrt.