«Wir haben ein massives Imageproblem», sagt Abraham Bernstein, Professor für Informatik an der Universität Zürich. Noch immer glaube eine Mehrheit, Informatiker seien picklige, lichtscheue Jungs, die sich im Zimmer einbunkern und Pizzaschachteln neben dem PC stapeln. Oder dass die Computerwissenschaft von komplexen Algorithmen und schwer verständlichen Programmiersprachen bestimmt sei. Dabei bestehe der Berufsalltag eines Informatikers zum grossen Teil aus Kommunikation, sagt Bernstein. Es gehe darum, mit Kunden an den Tisch zu sitzen und Lösungen zu finden, wie deren Bedürfnisse in die Welt der Einsen und Nullen zu übertragen seien.

Die Computerwissenschaften böten Frauen geradezu ideale Arbeitsbedingungen. Es gebe viele Teilzeitstellen, und oft sei die Arbeit von zu Hause aus möglich – wovon vor allem Frauen mit Kindern träumen. Und trotzdem entscheidet sich kaum ­eine Schweizerin fürs Berufsziel Informatikerin. Nur rund zehn Prozent der Informatikstudierenden an der ETH und Universität Zürich sind weiblich.

In anderen Ländern haben Frauen die Vorteile der Informatik offenbar längst begriffen. Die Schweiz hinkt im internationalen Vergleich hinterher: In Ländern wie Italien, Spanien oder Bulgarien beträgt der Anteil Frauen im Fachbereich Informatik 40 bis 50 Prozent.

Zu Besuch bei Google und Disney

Die Hochschulen bemühen sich, mehr Mädchen vor die Computer zu locken. An der ETH gibt es am Institut für Informatik seit mehreren Jahren eine Abteilung für Frauenförderung. Jeweils im September lädt das Institut Mittelschülerinnen zu einer Schnupperwoche ein. 40 Mädchen erfahren in dieser Zeit, wie vielfältig der Berufsalltag einer Informatikerin sein kann.

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Dabei stehen nicht allein Vorträge auf dem Programm. Letztes Jahr besuchten die Mädchen das Zürcher Google-Büro, das Disney-Laboratorium an der Zürcher ETH und die Forschungsabteilung von IBM in Rüschlikon, wo man am Quantencomputer arbeitet. Die Präsenz der amerikanischen Branchenriesen zeigt, dass die Schweiz ein attraktiver Standort ist.

Tausende von Informatikern fehlen

Google versuchte im Frühjahr zusammen mit der Internationalen Schule Winterthur, Mädchen mit dem «Grlbotics»-Projekt fürs Computerwesen zu begeistern. In diesem Klub programmieren 12- bis 16-Jährige Roboter und sollten so eine Faszination für die Computerwissenschaften entwickeln.

Auch Donna Informatica, ein Zusammenschluss von Informatikerinnen, will mehr Frauen fürs Computerwesen gewinnen. «Sie sollen sehen, dass die Informatik kein reiner Boys’ Club ist», sagt Sonja Hof, Vorstandsmitglied von Donna Informatica.

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Trotzdem sind diese Anstrengungen bisher nicht viel mehr als ein kurzer Regenguss in der Wüste. Schon heute gibt es in der Schweiz zu wenige IT-Fachkräfte, und der Mangel wird sich in den nächsten Jahren verschärfen. Laut einer Studie des Verbandes ICT-Berufsbildung werden in der Schweiz bis im Jahr 2020 etwa 25'000 Informatiker fehlen. Es drohten der Verlust von Know-how und das Abwandern ganzer Firmenteile ins Ausland, befürchtet der Branchenverband.

Angesichts dieser Entwicklung will niemand auf die vielen hochqualifizierten Frauen verzichten. Seit beinahe 20 Jahren machen mehr Mädchen als Jungen in der Schweiz die Matura. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, der merkt schnell, wie wenig Informatikerinnen die Schweiz hat. Die wenigen Frauen, die im IT-Bereich wichtige Stellen haben, sind für diese Jobs aus anderen Ländern hierhergekommen. ETH-Professorin Olga Sorkine aus Israel, IT-Fachfrau Sonja Hof aus Österreich, CS-Kaderfrau Gritta Wolf aus Deutschland, und die einzige Informatikprofessorin an der Uni Zürich ist US-Amerikanerin.

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Was jedoch müsste man tun, da die bisherigen Fördermassnahmen zu wenig greifen? «Wir sind zu spät dran, wenn wir uns erst um die Gymnasiastinnen bemühen», sagt Informatikerin Sorkine. Auch Professor Bernstein ist der Meinung, die Massnahmen setzten zu spät an. Man müsse die Mädchen bereits in der Primarschule für Computer, Naturwissenschaften und Mathematik begeistern. Bernstein stellt sich das spielerisch vor, wie das Projekt Alice, ein gelungenes Beispiel der Carnegie-Mellon-Universität im amerikanischen Pittsburgh. Kinder erlernen dort mit Hilfe einer Geschichte die Grundlagen des Programmierens (siehe www.alice.org).

In der Schweiz ist man noch nicht so weit. Zwar wird der Lehrplan 21, der den Unterricht in den Primarschulen der Deutschschweiz regeln soll, das Fach Informations- und Kommunikationstechnologie enthalten. Lernen werden die Kinder aber nicht das Programmieren, sondern bloss Anwenderkenntnisse. Für Fachleute ist das unverständlich: «Computer sind überall. Informatik betrifft alle. Warum ist es dann kein Pflichtfach an den Schulen?», fragt Sonja Hof von Donna Informatica. «Es ist eine Frage der Zeit, wie lange es sich die Schweiz noch leisten will oder kann, Informatik nicht als Pflichtfach zu führen», gibt Susanne Orozco, Mediensprecherin von IBM Schweiz, zu bedenken.

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Das Wort «Informatik» schreckt ab

Manchmal lassen sich Frauen einfacher gewinnen, wenn man das Kind nicht beim Namen nennt, beziehungsweise wenn das Wort Informatik fehlt. Das untermauert die Vermutung, dass das schlechte Image der Informatik tatsächlich ein wichtiger Grund ist für den Frauenmangel. Die Fachhochschule Nordwestschweiz führt seit zwei Jahren den Studiengang iCompetence. Die Informatikausbildung legt das Schwer­gewicht auf Kommunikation und Design. Schon im ersten Studienjahr lag der Frauenanteil bei 50 Prozent. Und als die Universität Kassel einen IT-Lehrgang unter dem Titel Computervisualistik ausschrieb, trugen sich 70 Prozent Frauen ein.

Gritta Wolf, 40, Leiterin IT-Sicherheit bei der Credit Suisse

Foto: Sameer Pictures/Gettyimages

Quelle: Thinkstock Kollektion
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«Ich wollte immer mit Menschen zu tun haben», sagt Gritta Wolf, wenn sie zurückdenkt, was für sie bei der Berufswahl den Ausschlag gegeben hat. Und deshalb, sagt die Kaderfrau, habe sie sich für die Informatik entschieden. Heute hat die 40-jährige Deutsche bei der Grossbank Credit Suisse eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe inne. Sie leitet die Abteilung Datensicherheit. «Ich bin den ganzen Tag in Meetings und am Telefon», sagt sie über ihren Arbeitsalltag. Studiert hat Wolf Informatik an der Universität Dresden. Nach ihrer Doktorarbeit zum Thema Computersicherheit kam sie im Jahr 2000 in die Schweiz.

Ihr Interesse an Mathematik und Computern sei früh geweckt worden. In der Mittelstufe besuchte sie einen freiwilligen Informatiklehrgang, und sie ist heute überzeugt, dass die frühe Förderung eine wichtige Rolle spielte. «Es hat mir Spass gemacht, Dinge entstehen zu lassen», beispielsweise eine Uhr zu programmieren, die am Bildschirm ticke. Auch Wolf glaubt, dass die Informatik ein positiveres Image braucht. Dann würden auch die Informatikerwitze aufhören wie jener, dass Computerfreaks grundsätzlich Kellerwohnungen mieten würden, denn sonst könnte ja zu viel Tageslicht hereinkommen.

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«Ausserdem ist es wichtig, jemanden zu haben, der an einen glaubt», sagt Wolf. Sie habe dieses Glück sowohl an der Universität wie auch bei der Credit Suisse gehabt, wo sich die Ostdeutsche von der Mitarbeiterin bei der IT-Sicherheitsarchitektur bis zur Leiterin dieses sensiblen Bereiches hocharbeitete.

Claudia Pletscher, 38, Fachbereichsleiterin bei IBM Schweiz

Foto: Christian Schnur

Quelle: Thinkstock Kollektion

Claudia Pletscher hat einen Wunsch. Sie möchte mehr Frauen einstellen. Nur bewerben sich kaum welche. Die 38-jährige Schweizerin leitet den Bereich Server & Systems Operations, Strategic Outsourcing Delivery bei IBM Schweiz in Rüschlikon und hat mehrere hundert Angestellte unter sich. Ihre Abteilung betreut unter anderem Datenbanken für externe Kunden. Zur Informatik fand Pletscher über Umwege. «Mein Vater ist ETH-Ingenieur, und die Technik war für mich deshalb nie eine fremde Welt», sagt sie. Trotzdem studierte sie zuerst Rechtswissenschaften an der Universität Bern. Vor 13 Jahren begann sie bei IBM im Bereich Strategie und Beratung, wechselte in die Verkaufsabteilung und eignete sich intern immer mehr Kenntnisse an, um schliesslich die Kaderstelle in der Informatik zu übernehmen. «Das wichtigste in meinem Job ist die Kommunikation», sagt Pletscher. Gemeinsam mit der oft internationalen Kundschaft muss sie nach Lösungen suchen. Besonders gut gefalle ihr auch die kreative Komponente, das Ausprobieren und das Austüfteln von Lösungen. Wie ihre Berufskollegen will Pletscher einen Appell an die Bildungsverantwortlichen in der Schweiz richten: Die Situation werde sich nur verbessern, wenn es gelinge, das Interesse und die Freude am Programmieren bei Mädchen im Primarschulalter zu wecken. Und dafür brauche es schon früh eine spielerische Einführung in die Informatik.

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