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StudiumOldies an den Unis

Hunderte von Senioren nutzen ihren Ruhestand, um an den Hochschulen zu studieren – und Jahr für Jahr werden es mehr. Warum tun sie sich das an?

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Was treibt einen 68-Jährigen dazu, nochmals die Schulbank zu drücken – und dann gleich «den Doktor» zu machen? «Die Herausforderung, ob ich dem wissenschaftlichen Anspruch noch genüge», antwortet Walter Weibel. Der silberhaarige Luzerner kann sich nun seit kurzem Doktor der Theologie nennen, abgeschlossen hat er mit der höchsten Auszeichnung «summa cum laude» (siehe Porträt).

Student Heinz Eberle-Fröhlich, 58, argumentiert ähnlich: «Der Abschluss, den ich machen will, zwingt mich, mich ernsthaft mit einem Thema auseinanderzusetzen.» Seit 2011 studiert er Umweltingenieurwesen. «Ich will das Studium auch für meine Berufstätigkeit nutzen», betont er (siehe Porträt).

«Jugendtraum erfüllen»

Interesse an einer vertieften Auseinandersetzung mit einem Wissensgebiet – zwei Drittel der studierenden Senioren nennen das als ihre Hauptmotivation, zeigt eine Umfrage der Universität Luzern. Ein Fünftel gibt an: «Ich will mir mit dem Studium einen Jugendtraum erfüllen.»

Sich einen Jugendtraum erfüllen – ist man dafür nicht einfach irgendwann zu alt? Man ist immer nur so alt, wie man sich fühlt, entgegnet der Volksmund. Oder, um es mit dem renommierten Altersforscher François Höpflinger zu sagen: «Senioren orientieren sich an den Menschen, die sie als subjektiv gleichaltrig empfinden.» Höpflinger stellte in einer Studie fest, dass nur gut ein Viertel der Befragten fand, dass man mit 60 bis 69 Jahren bereits zu einer besonderen Kategorie von «Alten» gehöre.

Sich in einem Vollzeitstudium mit den Jungen zu messen ist indes nicht immer einfach. In der erwähnten Luzerner Umfrage finden zwei Drittel der Befragten, dass sie sich von den Mitstudierenden nur teilweise akzeptiert fühlen; sie verhalten sich oft passiv, um den Jüngeren den Vortritt zu lassen. «Wer im Pensionsalter ein Studium beginnt, fällt halt auf», meint Hans Rudolf Schelling dazu, Leiter des Zentrums für Gerontologie an der Universität Zürich.

Stressresistenz ist wichtig

Eine Herausforderung für Senioren ist auch die starke Strukturierung der Studiengänge mit regelmässigen Leistungsnachweisen. «Man braucht eine hohe Leistungsbereitschaft und Stressresistenz», so Schelling. «Und vielleicht auch eine Resistenz gegen Stimmen, die knappe Studienplätze lieber Jüngeren vorbehalten möchten.»

In Zürich, der grössten Schweizer Universität, bereiten sich zurzeit 166 Personen über 65 auf einen Abschluss vor, 36 von ihnen auf das Doktorat. «Die Senioren werden nicht als Konkurrenz wahrgenommen», sagt die Medienbeauftragte Nathalie Huber. Dafür seien es in der Masse von über 26'000 ein­geschriebenen Studierenden viel zu wenige.

Anders siehts in Deutschland aus, wo rund 14'000 Rentnerinnen und Rentner ein Vollzeitstudium absolvieren. Sie wurden in den neunziger Jahren gezielt umworben, ausgehend vom Motto «Junge und Alte sollen von­einander lernen». Doch in den letzten Jahren ist ein Kampf um die Studienplätze entbrannt. So sind etwa in Nordrhein-Westfalen über 55-Jährige nur noch ausnahmsweise für ein Vollzeitstudium zugelassen.

Für die Schweiz prognostiziert Altersforscher François Höpflinger: «In Zukunft dürfte eine zwar immer noch kleine, jedoch wachsende Zahl älterer Frauen und Männer ein Studium beginnen.» Per Ende 2011 waren es an den Universitäten 452 Personen über 60 Jahren – Tendenz steigend. An den Fachhochschulen und den pädagogischen Hochschulen werden alle über 40-jährigen Studierenden zusammen erfasst; hier sind es im Moment etwa 600.

Quelle: Sally Montana

Bildung und persönliche Entwicklung

Den Senioren stehen sämtliche Studienrichtungen offen, selbst ein Medizinstu­dium ist möglich. Die grosse Mehrheit wählt indes Geisteswissenschaften, oft als Zweitstudium. «Ältere Personen entdecken ein Konzept wieder, das an den Universitäten nahezu vollständig verloren gegangen ist: das humanistische Ideal, wonach Bildung und persönliche Weiterentwicklung Hand in Hand gehen sollen», sagt Altersforscher Höpflinger dazu.

Persönliche Weiterentwicklung durch Bildung – das lässt sich in der Schweiz auch an der Senioren-Universität verwirklichen, einer selbsttragenden Weiterbildungsinstitution für Leute ab 60 Jahren. «Im Schnitt kommen 450 Personen an die Vorlesungen, bei medizinischen Themen manchmal das Doppelte», sagt Hans Elsasser, Präsident in Zürich. Für ihn erklärt sich dieser Erfolg nicht zuletzt dadurch, dass man an den Seniorenunis erst ab 60 zugelassen wird: «Das nimmt Druck weg.» Unter Gleichaltrigen fällt das Studium halt doch etwas leichter.

Fitnessprogramm fürs Hirn

Die Zürcher Vorlesungen der Senioren-Universität werden zum grössten Teil von Nichtakademikern besucht – nur 13 Prozent verfügen über einen Hochschulabschluss. Eine typische Hörerin ist die 72-jährige Ute Ulrich, die früher in der Tourismusbranche tätig war. «Die Vorlesungen sind für mich ein Fenster zur Welt», erzählt sie. Im laufenden Vorlesungsprogramm hat sie sich vorgemerkt: Hirn­forschung, den Arabischen Frühling und Rio+20.

Neugier, wie sie Ute Ulrich antreibt, ist auch ein gutes Mittel gegen den Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit im Alter. «Um das Gehirn auf Trab zu halten, müssen im Prinzip zwei Bedingungen erfüllt sein: sich selber immer wieder mit Neuem herausfordern und soziale Kontakte pflegen», sagt Mike Martin, Professor für Gerontopsychologie an der Universität Zürich. Ein Studium mitten unter jüngeren oder älteren Kommilitonen ist dazu ideal.

Quelle: Sally Montana

«Ich wollte es noch einmal wissen», sagt Heinz Eberle-Fröhlich. Seit letztem Sommer studiert er und arbeitet gleichzeitig als selbständiger Unternehmer. Als Erstausbildung hatte er Feinmechaniker gelernt und danach das Tech­nikum als Elektroingenieur abgeschlossen.

Den Gedanken an ein Zweit­studium trug der 58-Jährige seit langem mit sich. «Aber erst im letzten Jahr stimmten alle Voraussetzungen.» Die Kinder waren weitgehend selbständig, und seine Frau, Co-Leiterin in der Firma, unterstützte die Idee. «Es geht nur mit voller Rückendeckung», sagt er. Deshalb informierte Eberle auch die 28 Mitarbeitenden über seine Pläne.

Die Studienwahl Umweltinge­nieurwesen an der Fachhochschule Wädenswil lag auf der Hand: Für ihr Umweltengagement wurde die im grafischen Bereich tätige Fröhlich Info AG 2009 mit dem Solarpreis ausgezeichnet.

Um sicher zu sein, absolvierte Heinz Eberle zuerst den Vorkurs. «So konnte ich auch testen, ob ich noch vier Stunden am Stück aufnahmefähig bin.» Er schrieb sich dann für ein Vollzeitstudium ein. «Doch mit drei Tagen an der Hochschule und der Arbeit, die ja weiter­laufen musste, stiess ich an Grenzen», erzählt er. Zumal er heute anders lerne als früher: «Ich muss Gehörtes mehrmals repetieren, bis es sitzt.» Vor einem Jahr hat er ins Teilzeitstudium gewechselt.

«Hätte ich nicht Spass an der Sache, würde ich einen so vollgepackten Alltag nicht auf mich nehmen», sagt Eberle. Eigentlich sei er nie gern zur Schule gegangen. Eine grosse Bereicherung sei der Austausch mit anderen Studierenden, «und dabei fühle ich mich nicht als Senior».

Sein Ziel sei, neue Ideen für die Firma zu entwickeln. «Mit den Jahren wird der Horizont als Unternehmer enger», sagt er. «Mit dem Studium will ich ihn wieder öffnen.» Eine Offenheit, die ihm bereits sein Vater vorgelebt hat: Dieser schloss mit 74 ein Zweitstudium ab.

Quelle: Sally Montana

Dem Studium ging ein langer Prozess voran, sagt Walter Weibel. «Etwa zwei Jahre vor der Pensionierung zeichnete sich ab, dass ich nochmals studieren möchte.» Im Erstberuf hatte er als Sekundarschul­lehrer gearbeitet, danach in Pädagogik doktoriert und Lehrer ausgebildet. Dann war er Regionalsekretär der Nordwestschweizerischen Erziehungsdirektorenkonferenz. Nach der Pensionierung zog er sich drei Wochen ins Kloster Disentis zurück, um herauszufinden, ob Studieren der richtige Weg sei. Der heute 68-Jährige entschied sich für Theologie. 2011 schloss er mit dem Master ab, seit Ende November hat er nun auch den Doktortitel.

«Fürs Studium setzte ich fünf volle Wochentage ein», sagt er. Weibel gab Ämter und Hobbys auf, das soziale Leben lief auf Sparflamme. «Ohne die Unterstützung meiner Frau wäre ein so intensives Studium gar nicht möglich gewesen», sagt er. «Ich war immer motiviert, und gereizt hat mich ja auch die Herausforderung, ob ich dem wissenschaftlichen Anspruch überhaupt noch genüge.» Ein hoher Einsatz, der sich aber gelohnt habe. Doch im Alter lerne man anders als in jungen Jahren. Den Prüfungsstoff merkte er sich mit Eselsbrücken, und es war auch wichtig, Ablenkungen auszuschalten. «Das Spannendste am Studium ist, einem Thema wirklich auf den Grund gehen zu können.» Diese Neugier gab schliesslich den Ausschlag, auch noch das Doktorat anzuhängen.

Weibel betont, dass er während des Studiums ein Student unter vielen gewesen sei. «Aufs Alter wurde ich nicht angesprochen, auch einen ‹Seniorenrabatt› hat es nicht gegeben. Die Zusammenarbeit mit jungen Menschen ist ein Privileg», findet er. Doch man müsse die Grenzen kennen und dürfe sich nicht anbiedern.

Seit einem Jahr arbeitet Walter Weibel einen Tag pro Woche ehrenamtlich in der Altersseelsorge. So könne er nun auch wieder etwas zurückgeben. «Und jetzt freue ich mich, wieder mehr Zeit für die Familie zu haben.» Während des Studiums ist er Grossvater geworden.

Studieren im Rentenalter: Die Möglichkeiten


  • Studium mit offiziellem Abschluss (Bachelor, Master, Doktorat); Zulassung mit eidgenössischer Maturität, alle Studienrichtungen: www.berufsberatung.ch

  • Zuhörer/Zuhörerin (Auditoren) von Vorlesungen an den Hochschulen; zum Beispiel in Zürich: 110 Franken pro Semester: www.uzh.ch

  • Senioren-Universitäten Basel, Bern, Luzern, Zürich; Zulassung ab 60; Mitgliederbeitrag 80 bis 160 Franken pro Jahr: www.uni3.ch

  • Volkshochschulen; Zulassung altersunabhängig: www.up-vhs.ch

Veröffentlicht am 18. Januar 2013