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Lehre:Wer rettet die Berufsmatura?

Kleinere Betriebe bilden immer seltener Berufsmaturanden aus. Das schwächt die Durchlässigkeit des schweizerischen Bildungssystems. Was tun?

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Als ich den Lehrvertrag unterschrieben habe, hiess es, ich könne nicht gleichzeitig die ­Berufsmatura machen, weil ich sonst zu oft fehlen würde», erzählt Viktor Berger (Name geändert). Dabei hätte er mit der Sek-Abschlussnote 5,6 beste Voraussetzungen gehabt. Nach dem Nein entschied sich der Aargauer, es im zweiten Lehrjahr erneut zu versuchen. Ohne seinen Lehrmeister zu informieren, machte er die Aufnahmeprüfung – und bestand sie knapp nicht.

«Wenn ich bestanden hätte, wäre ich wohl gezwungen gewesen, einen neuen Lehrbetrieb zu suchen», sagt er. Dabei gefällt ihm die Arbeit in der ­Firma. «Ich lerne hier viel Handwerk­liches, das interessiert mich am meisten», so der 18-Jährige. «Aber nach der Lehre will ich die Maturitätsschule für Erwachsene machen, um mir alle Möglichkeiten offenzuhalten.»

Berufsmatura auf dem absteigenden Ast?

Die Berufsmatura ergänzt die berufliche Grundbildung durch eine ­erweiterte Allgemeinbildung (siehe «Berufsmatura: Was ist möglich?»). Das Modell gibt es seit 20 Jahren, und es war erfolgreich, die Zahl der Absolventen stieg stetig. Doch seit einiger Zeit stagniert sie. Immer weniger Jugendliche machen die Berufs­matura während der Lehre (BM1) – sie holen sie stattdessen nach der Lehre nach (BM2). Der Fall von Viktor Berger ist für diese Entwicklung typisch: Oft kneifen die Lehrbetriebe.

Eine Initiative des Staatssekretariats für Bildung will nun die Berufsmatura fördern; vor allem das integrierte ­Modell BM1 soll wieder attraktiver werden: 18 Prozent der Stifte sollen ­eine Berufsmatura machen – drei Prozent mehr als heute.

Gefordert sind die Ausbildungs­firmen. Laut Lehrstellenbarometer ­geben 60 Prozent von ihnen an, sie bildeten Berufsmaturanden aus. Tatsäch­lich tut das nur etwa jeder fünfte Lehrbetrieb, schätzt eine grosse Mehrheit der betriebsinternen Verantwortlichen, die in der Studie «Konzept zur Stärkung der BM» befragt wurden. Als Grund nennen sie primär den zusätzlichen Schultag, den ein Berufsmaturand in der Firma fehlt.

Neue Anreize sollen Berufsmatura für Betriebe wieder verlockend machen

Im Kanton Zürich sinkt die BM1-Quote seit 2008. «Der Berufsmatura fehlt eine Lobby», sagt Marc Kummer, Chef des Zürcher Berufsbildungsamts und bis Ende 2015 Präsident der Eid­genössischen Berufsmaturitätskommission. Bis 2006 hatten die Lernenden ein Recht da­rauf, die Ausbildung mit Matura lehrbegleitend zu machen. Dieser Anspruch wurde aufgehoben – das findet Kummer als «symbolische Aufhebung der Pflicht der Betriebe» ungeschickt. Sein Amt hat ein ganzes Bündel an Massnahmen ergriffen, um den Abwärtstrend zu stoppen.

An Appellen fehlt es auch andernorts nicht. Der Schreinermeisterverband etwa will mit einem finanziellen Anreiz von 1000 Franken pro Lehrjahr mehr Firmen für die Ausbildung von Berufsmaturanden gewinnen. Im letzten Jahr nutzten das aber nur rund 90 Betriebe – bei 2300 Mitgliedern. Daher lancierte der Verband im Herbst eine vierjährige Bildungskampagne, die verständlicher machen soll, «warum und wie Aus- und Weiterbildung die Zukunft der Branche sichert», wie Marketingleiter Patrik Ettlin sagt.

Jugendliche fühlen sich überfordert

«Mehr BM1-Absolventen im gewerblich-industriellen Bereich, das ist eine Illusion», sagt der Ökonom und Berufsbildungskenner Rudolf Strahm. Denn die berufliche Grundbildung sei anspruchsvoller geworden, eine gros­se Mehrheit der Jugendlichen fühle sich überfordert von den zusätzlichen Anforderungen der Berufs­matura. In den traditionellen Branchen mit vielen KMU werden BM1-Absolventen nicht umworben. «Diese Betriebe sind gegen eine Akademisierung, sie wollen in erster Linie Berufsfachleute fördern», ist Strahm überzeugt.

Anders steht es bei Berufen mit ­hohem Bedarf an gut qualifizierten Fachkräften: Im Berufsbereich Informatik und Kommunikation (ICT) hat 2013/14 fast die Hälfte der Lernenden die Grundbildung mit Berufsmatura begonnen, bei den Mediamatikern waren es gar drei Viertel. 38 Prozent tun das allerdings nicht im Betrieb, sondern in einer Vollzeitschule.

«Die Schulen springen in die Bresche, weil es nicht genug Ausbildungsplätze in den Firmen gibt», sagt Jörg Aebischer von der ICT-Berufsbildung. Er findet, dass man nicht die Berufsmatura-Quote generell erhöhen müsse, sondern gezielt die Branchen mit vielen Hochschulabgängern fördern solle. «Ein BM-Anteil von 50 Prozent bei den ­Informatikern für Applikationsentwicklung ist sinnvoll, bei den Coiffeusen wohl eher nicht.»

Berufsmaturanden verdienen ungefähr gleich viel wie Uniabgänger

Ist die Berufsmatura im Betrieb ein Auslaufmodell? Strahm hofft es nicht. Für ihn ist klar: «Die Stärke der Berufsmatura liegt gerade darin, dass sie Allgemeinbildung, Fachunterricht und Betriebspraxis kombiniert.» Recht gibt ihm der Erfolg der «Wissens­praktiker» im Arbeitsmarkt: Mit dem Fachabschluss verdienen sie etwa gleich viel wie Uniabgänger. Erfolgreich sei die BM1 nicht nur als «Zulieferer» der Fachhochschulen, sondern auch als Basis für Weiterbildungen wie höhere Fachprüfungen und Fachschulen.

«Es ist auch eine Frage der Chancengleichheit, dass die BM1 gestärkt werden muss», sagt Carmen Frehner, Prorektorin an der Berufsmaturitätsschule Zürich. «Denn nur die lehr­begleitende Matura ist wirklich kostenlos, während man bei der BM2 ein Jahr lang nichts verdient.» In der Bevölkerung sei zu wenig bekannt, «dass die Berufsmatura und der gymnasiale Weg gleichwertig sind, einfach mit ­anderer Ausrichtung».

Absolventen stehen viele berufliche Betätigungsfelder offen

Vielleicht auch deshalb musste ­Solange Müller, Fachfrau Gesundheit mit Matura, lange gegen Widerstände kämpfen. Zuerst bei den Eltern, als sie nach vier Jahren trotz guten Noten das Gymnasium abbrach. Dann bei der Lehrstellensuche. «Einige Male hiess es: ‹Nur ohne Berufsmatura!›», erzählt sie. «Auch im Lehrbetrieb musste ich mich zuerst durchsetzen.»

Heute, nach abgeschlossener Berufsmatura, sagt die 21-Jährige: «Die Ausbildung hat mir viel gebracht, auch an persönlicher Erfahrung. Vorher war mein ­Berufsweg vorgespurt, ich wollte aber selber entscheiden.» In der Familie – ihr Vater ist Arzt – sei klar gewesen: Sie mache das Gymi und studiere danach.

Solange Müller hat nun die Maturitätsschule für Erwachsene begonnen, «weil ich in den Fachhochschulen kein passendes Studium gefunden habe». Den «Umweg» würde sie wieder machen, betont sie. Und vor dem Studium – vielleicht Medizin – will sie noch ­eine Zeitlang im Beruf arbeiten. Schon als Lernende ist sie in der ­Chirurgie, auf der Kinderabteilung und in der Psychiatrie tätig gewesen. Stolz sagt Müller: «Ich finde es super, dass ich nicht einfach die Matura habe, sondern auch einen Beruf mit viel ­Erfahrung.»

Berufsmatura: Was ist möglich?

 

  • Die Berufsmatura ist geeignet für Personen, die Berufspraxis mit einer guten Allgemeinbildung verbinden wollen. Sie können später prüfungsfrei an der Fachhochschule studieren oder mit einjähriger «Passerelle» an der Universität. Nicht Voraussetzung, aber eine gute Basis ist die Berufsmatura für höhere Fachschulen oder Fachprüfungen.
     
  • Je nach Kanton können Schulabgänger mit einem Notendurchschnitt von 4,5 oder mit einer Aufnahmeprüfung die Berufsmatura machen. Geprüft werden Deutsch, Französisch, Englisch und Mathematik.
     
  • Es sind fünf berufliche Ausrichtungen möglich: Gestaltung und Kunst; Gesundheit und Soziales; Natur, Landschaft und Lebensmittel; Technik, Architektur, Life-Sciences; Wirtschaft und Dienstleistungen.
     
  • Bei der lehrbegleitenden Berufsmatura (BM1) besucht man zwei Tage pro Woche die Berufsmaturitätsschule und schliesst mit einer Prüfung sowie einer Maturarbeit ab. Der Besuch der BM1 ist – abgesehen von den Schulmaterialkosten – kostenlos.
     
  • Bei der vierjährigen Berufsausbildung kann man (mit Aufnahmeprüfung) auch erst im zweiten Lehrjahr mit der BM1-Ausbildung beginnen.
     
  • Den Berufsmatura-Typ 2 (BM2) absolviert man erst nach Lehrabschluss. Bedingung ist ein Notenschnitt von 4,5 oder Eintritt mit Prüfung. Die BM2-Ausbildung dauert in Vollzeit ein Jahr, in Teilzeit drei bis vier Semester. An öffentlichen Schulen zahlen Absolventen aus dem Kanton kein Schulgeld.

Selbsttest

Geeignet für die Berufsmatura? Selbsttest des Schweizer Bildungsportals: www.ausbildung-weiterbildung.ch

Veröffentlicht am 17. Februar 2016