Die Schlagzeile schrieb sich fast von selbst: «Brutalo-Lehrer schickt Schüler auf 80-km-Marsch». Innert 24 Stunden sollten die Jugendlichen die Strecke bewältigen, die Nacht durchmarschieren, ohne Schlafpause. Die Gratisblätter berichteten angstlustig vom Vorhaben des Schaffhauser Lehrers. Besorgte Experten rieten ab, ein Armeesprecher fand die Übung für 15-Jährige «nicht zumutbar».

Dass dieses Projekt Schlagzeilen gemacht hat, ist symptomatisch für das ­Klima, in dem körperliche Leistung in der Schule stattfindet: Misstrauen und Unterschätzung. Wir misstrauen unseren Lehrern, und wir trauen unseren Jugendlichen zu wenig zu. Das führt dazu, dass Bewegung weiter aus der Schule verschwindet – selbst aus dem Turnunterricht. Denn auch im Fach, dessen Kerngeschäft einst «körperliche Ertüchtigung» hiess, ist Bewegung seit langem auf dem Rückzug.

Vom Drill zum «Spiel ohne Sieger»

Die Gründe dafür sind vielfältig. Da sind die Ideen der 68er Generation, die zwar schulisch viel Gutes bewirkt haben, der Bewegungsintensität aber abträglich waren. Im Eifer, den Turnunterricht von seinen historischen Wurzeln der militärischen Vorschulung zu befreien, hat man nicht nur den kasernenhaften Drill verbannt, sondern auch die Anforderungen heruntergeschraubt und den Leistungsgedanken verteufelt. Schliesslich galt es, zu beweisen, dass der nationalsozialistische Körperkult überwunden war, auch und gerade im Sportunterricht. Statt Leistung und Wett­bewerb stand plötzlich im Vordergrund, dass niemand wegen körperlicher Schwächen blossgestellt wird.

Alles fraglos wichtige Anliegen, aber sie hatten einen gemeinsamen Nebeneffekt: weniger Bewegung. Und oft auch weniger Spass. Beliebte Spielformen wie Völkerball und Sitzball wurden als Kriegsspiele geächtet. Stattdessen hielten «Spiele ohne Sieger» Einzug. Und im Fussball galt, dass eine Mannschaft erst ein Tor schiessen durfte, wenn jeder Spieler – auch der schlaksige Res – mindestens einmal den Ball hatte. Während Resli mehr denn je litt, weil er jeden Angriff vermasselte, schwand auch bei den andern die Freude am Spiel.

Die meisten Vertreter der 68er Lehrergeneration stehen vor der Pensionierung, aber ihre Haltung hat es sich in den Turnhallen gemütlich gemacht; zumal jahrzehntelang Sportdidaktik in diesem Geist gelehrt wurde. Inzwischen sind weitere Faktoren hinzugekommen, die die Intensität des Turnens einschränken.

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Geräteturnen ist bei Lehrern unbeliebt

Die allgemeine Schulskepsis zum Beispiel. Manche Eltern warten nur darauf, dass ­etwas passiert. Dadurch wurde Geräteturnen für viele Lehrkräfte zur Strafaufgabe: Denn geht im Geräteturnen etwas schief, sind die Verletzungen oft schwerwiegender als beim Fussball. Und bei Unfällen wird sofort die Haftungsfrage gestellt, wenn nicht durch die Eltern, dann durch die Versicherer. Es kommt vor, dass ein Lehrer selbst für böswillige Sabotageakte einzelner Schüler angeklagt wird, weil er seine Aufsichtspflicht verletzt habe.

Zudem muss die Lehrperson beim ­Geräteturnen Hilfestellung leisten, also stützen und halten. Ein weiteres heikles Thema, vor dem nicht wenige zurückschrecken; weil sie dabei Schülerinnen und Schüler anfassen müssen – vom Vorwurf der sexuellen Belästigung bleibt immer ­etwas haften; egal, wie haltlos er ist.

Warum also soll sich eine Lehrperson dem aussetzen? Ball- und Mannschaftssport ist bei den Schülern eh beliebter, weil vielen – auch mangels Training – jegliche Grund­lage fürs Geräteturnen fehlt. Ähnliches gilt für die Leichtathletik. Ballspiele ersparen dem Lehrer Aufwand, Querelen und Scherereien.

So dreht sich die Spirale weiter, bis für die gemischte Turnlektion einer neunten Klasse gerade noch Fussball, Unihockey und/oder der Lieblingssport des Turnlehrers übrig bleiben.

Wenn nur noch gespielt wird, rücken zwangsläufig Lernziele wie Sozialkompetenz und Teamfähigkeit in den Vordergrund; auch für die Beurteilung. Weil Noten für solche Soft Skills eher schwierig zu rechtfertigen sind – und um möglichst niemanden aufgrund körperlicher Unzulänglichkeiten abzustrafen –, wird gern wohlwollend bewertet; es ist ja nur das Nebenfach Turnen. Wenn dann aber selbst Resli im Zeugnis eine 5 hat, bedeutet das vor ­allem: Gute Leistungen sind hier eigentlich nichts wert.

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Was bleibt, ist eine Hülle, kein wirklicher Turn- und Sportunterricht. Das widerspricht der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Bedeutung des Fachs. Der Wert der Bewegung ist bei Eltern, Lehrern und Politikern unbestritten, die Erwartungen sind hoch: Der Turnunterricht soll auch Ethik, Gesundheit, Ernährung, Integration, Ästhetik und Verantwortung vermitteln.

Natürlich sind diese Themen wichtig, aber es sind fächerübergreifende Inhalte – nur weil man sie im Turnen vermitteln kann, dürfen sie nicht auch noch auf Kosten der schon raren Bewegungszeit gehen.

Aber was soll Turnen heute genau? Das Ziel der militärischen Wehrfähigkeit wurde richtigerweise aufgegeben; spezielle Sportarten können Vereine besser und intensiver vermitteln; Gesundheitsförderung ist lächerlich in drei Wochenlektionen.

Wohin also mit dem Körper? Wozu soll man ihn schulen? Die Antworten bleibt der Turnunterricht schuldig. Und bei anhaltender Orientierungslosigkeit schafft die Jugendkultur zuverlässig Abhilfe. Selfies und soziale Medien bieten für den Körper ­eine verlockende Einsatzmöglichkeit: als reines Repräsentationsobjekt.

Der Körper dient nur noch zur Darstellung

Das Körperideal, dem viele Jugendliche derzeit nacheifern, wurde kürzlich als «spornosexuell» gelabelt, ein Zusammenzug aus «Sport» und «Porno». Manche Kids stählen einzelne Muskelstränge, aber sie können kaum zweimal hintereinander ­einen Ball fangen. Fitnessstudios mussten Mindestalter einführen, weil sich pubertierende Schmächtlinge mit zu grossen Lasten die Muskelfasern in Fetzen rissen. Und während sie versuchen, mit Halbwissen über Ernährung und Stoffwechsel ihren Muskelaufbau zu pushen, manövrieren sie sich zwischen Proteinshakes und Low-Carb-Diät in eine Essstörung.

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Schade ist aber vor allem eines: Der Körper wird nicht zum Gebrauch oder Einsatz getrimmt, sondern ausschliesslich zur Darstellung.

Natürlich wurde Sport immer auch aus Eitelkeit betrieben, das langfristig loh­nende Ziel ist aber ein anderes: Wer leistungsfähiger ist, erweitert nicht nur seine Komfortzone, sondern erschliesst sich eine grös­sere Welt. Hindernisse werden kleiner, neue Wege und Möglichkeiten tun sich auf. Lasten werden leichter, und höher hän­gende Früchte werden erreichbar. Das lässt das Selbstvertrauen wachsen – un­abhängig vom Bizepsumfang.

Es braucht klare Leistungsanforderungen

Anders gesagt: Das Schulturnen sollte sich wieder «körperliche Ertüchtigung» auf die Fahne schreiben (so schal der Bei­geschmack des Begriffs auch ist); natürlich ohne dabei zu militärischen Übungs- und Umgangsformen zurückzukehren.

Allerdings müssten dafür Rahmen­bedingungen geschaffen werden:

1. Die tägliche Turnstunde. In einer 45-Minuten-Lektion – abzüglich Umziehen, Duschen, Organisieren, Auf- und Abbau der Geräte – schrumpft die tatsächliche Zeit intensiver Bewegung auf wenige Minuten. Da ist dreimal die Woche zu wenig.

2. Es braucht schon auf der Unterstufe spezialisierte Fachlehrer. Weil die neue Lehrerbildung für die Unterstufe keine solchen ausbildet, fehlt das Expertenwissen.

3. Es braucht klare Leistungsanforderungen – wie in allen ernstzunehmenden Schulfächern.

Bis dahin ist es ein weiter Weg. Auf absehbare Zeit obliegt es weiterhin den einzelnen Lehrpersonen, für mehr Bewegung zu sorgen. Die Lehrpläne und der fächerübergreifende Unterricht lassen das zu; aber es braucht Mut und Initiative.

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Einer der wenigen, die so etwas wagen, wurde kürzlich als «Brutalo-Lehrer» be­titelt. Die ausdauerndsten Schüler seiner Klasse marschierten eindrück­liche 50 Kilometer, bevor die Gruppe gemeinsam beschloss, die Übung zu be­enden. Der Lehrer hatte stets betont, es gehe nicht darum, die 80 Kilometer zu erreichen. Stattdessen sollten die Schüler an ihre Grenzen stossen und lernen, diese zu respektieren.

Möglich wurde diese Leistung, weil die Eltern und die Schulleitung dem Lehrer vertrauten – und dieser seinen Schülern. Damit haben er und seine Klasse uns allen eine wichtige Lek­tion erteilt.