Beobachter: Es gibt das Schlagwort «Eltern und Lehrer sind natürliche Feinde». Ist da etwas Wahres dran?
Maya Mulle: Aus meiner Sicht als Fachfrau stimmt das überhaupt nicht. 90 Prozent ­aller Eltern haben keinerlei Probleme mit Lehrern. Aber die wenigen Problemfälle bleiben haften – bei den Eltern wie auch bei Lehrpersonen.
Bruno Rotondi: Bei uns im Quartier wohnen viele Familien in schwierigen Verhältnissen, oft auch aus fremden Kulturen, und deshalb gibt es auch viele Schulprobleme, Missverständnisse. Bei diesen Familien stimmt das Schlagwort eher, weil sie noch so geprägt sind durch ihre Kultur.
Angelita Forte: Als Mutter zweier schulpflichtiger Kinder erlebe ich die Lehrer oft als sehr zurückhaltend, weil sie die Eltern über die letzten Jahre als nervig und mühsam erlebt haben. Eltern kommen eben nur, wenn etwas negativ ist – wenns gut läuft, hört man nichts. Umgekehrt hatten viele Eltern das Gefühl: Wenn ich dem Lehrer etwas sage, geht das bei dem zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Es passiert einfach nichts. Jetzt sind wir aber in einer Situation, in der sich ­vieles verändert. Die Lehrer merken langsam, dass nicht alle Eltern partout das Haar in der Suppe suchen, sondern probieren, Hilfeleistungen zu geben. Die ­Lehrerschaft versucht nun teilweise, die Eltern­anliegen umzusetzen. Aber da bewegen wir uns noch auf dünnem Eis.

Angelita Forte, 44, zwei Kinder (13 und 10), Hausfrau, hat das Elternforum Adliswil ZH (Schulhaus Kopfholz) aufgebaut und ist seit vier Jahren dessen Präsidentin. Der Vorstand trifft sich alle sechs bis acht Wochen, die Delegiertenversammlung findet zwei- bis dreimal pro Jahr statt.

Quelle: Gerry Nitsch

Beobachter: Wie sollen sich Eltern verhalten, wenn ihr Kind nach Hause kommt und Schlechtes über den Lehrer erzählt? Tendenziell schlägt man sich ja auf die Seite seines Kindes.
Forte: Hoffentlich nicht sofort nur auf die Kinderseite…
Mulle: …das wäre nämlich total falsch.
Forte: In solchen Fällen will ich zuerst wissen, was genau passiert ist, möchte eine Schilderung des Vorfalls. So merke ich nämlich schnell, dass es nicht ganz so simpel war, und kann mit gezieltem Nachfragen bei meinem Sohn oder meiner Tochter erfahren, was tatsächlich los war.

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Beobachter: Klingt gut in der Theorie – funktioniert es aber auch in der Praxis? Wenns um die eigenen Kinder geht, sind schliesslich Emotionen im Spiel.
Forte: Einige Eltern können die weglassen, aber viele nicht. Da heisst es dann etwa: «Mein Kind musste ganz allein nach Hause, weil der Lehrer es zehn Minuten nachsitzen liess, das geht doch nicht.» Warum das Kind nachsitzen musste, spielt gar keine Rolle. Dann laufen die Telefone heiss.
Mulle: Da darf man sich nicht wundern, wenn das Verhältnis zwischen Lehrern und Eltern verkachelt ist.

Beobachter: Es ist eine Tatsache, dass Eltern zunehmend zum Belastungsfaktor für die Lehrer geworden sind. Das belegen Umfragen.
Forte: Die Eltern haben gemerkt, dass sie mitreden können. Ich merke das ganz stark in unserem Elternforum: Wir müssen jetzt aufpassen, dass die Mitwirkung nicht überbordet und zur unerwünschten Einmischung wird. Nicht alle Anliegen sind berechtigt. Am Anfang wurde über Lehrpläne, einzelne Lehrer und deren Methodik diskutiert. Das geht natürlich nicht. Es ist nicht Sache der Eltern, den Lehrern zu sagen, wie sie zu unterrichten haben. Aber wenn es Probleme gibt, müssen die auf den Tisch kommen und mit der Schulleitung diskutiert werden, das ist der Sinn der Zusammenarbeit. Allerdings tun sich viele Eltern schwer damit, ihre Anliegen dem Lehrer oder der Schulleitung klar mitzuteilen, zum Beispiel per Mail. Wenn aber die Schulleitung von nichts weiss, kann auch nichts unternommen werden.

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Beobachter: Was dürfen denn nun Eltern genau? Und was müssen sie gar?
Mulle: Was Eltern müssen, ist im Volks­schul­gesetz geregelt. Sie müssen mit der Lehrperson zusammenarbeiten, wenn es ums eigene Kind geht. Sie müssen sich für die Schule interessieren und dafür sorgen, dass das Kind aufnahmebereit und fit in die Schule kommt – ausgeschlafen, pünktlich und mit erledigten Hausaufgaben. Wir haben jetzt immer mehr Kantone, wo die Eltern an den runden Tisch eingeladen werden und die sogenannte Elternmitwirkung aufgegleist wird. Auch dort gibt es klare Regeln: Ausgenommen sind päda­gogisch-didaktische Entscheidungen, Per­sonalfragen, Einzelinteressen, Lehrmittel und ­Lehrmethoden.
Rotondi: Überall sagen die Lehrer: «Solange niemand zu mir kommt, weiss ich von nichts.» Wenn es Konflikte gibt, müssen die Betroffenen diese direkt ansprechen – es reicht nicht, wenn bloss stellvertretend für alle Eltern argumentiert wird. Bei uns haben wir aber viele Eltern, die sich nicht trauen, persönlich vorbeizugehen, weil sie Nachteile für ihr Kind befürchten. Und dann passiert eben nichts.
Forte: Zu Recht. Für mich ist ganz klar: Aufgrund von Hörensagen kann die Schule nicht handeln, das funktioniert nicht. Ein Elternforum etwa kann der Schulleitung sagen: «Hey, wisst ihr überhaupt, dass es dieses Problem an der Schule gibt, wie uns viele Eltern gesagt haben?» Dann wird die Schulleitung aber genau wissen wollen, was los ist. Und dann liegt der Ball ohnehin bei den einzelnen betroffenen Eltern.

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Bruno Rotondi, 40, drei Kinder (15, 12, 7), Hausmann. Der Informatiker hat vor einem Jahr in Zürich ein Quartierportal aufgeschaltet und vor kurzem ein «Faire Schulen»-Projektportal eröffnet. Anlass war, dass Kinder angeblich im Kochunter­richt gezwungen wurden, halbrohes Hühnerfleisch zu essen.

Quelle: Gerry Nitsch

Beobachter: Typischerweise engagieren sich Eltern in ­Schulfragen nur, wenn sie selbst betroffen sind, also in einem Krisenfall mit dem eigenen Kind.
Rotondi: Genau so ist es. Die meisten wollen in erster Linie ihre Partikularinteressen verteidigen.
Mulle: Das ist tatsächlich schwierig. Aber man muss auch die Schulseite sehen. Die Schulen unternehmen in solchen Fällen oft schon etwas, aber sie machen das intern und kommunizieren es den Eltern gegenüber nicht. Sie dürfen Personalinterna natürlich auch nicht weitergeben. Aber sie müssten den Eltern zeigen, dass sie sie ernst genommen haben und Massnahmen ergriffen haben. Viele Schulen machen das leider nicht. So können die Eltern mit dem Problem nicht abschliessen, und Gerüchte, die dann in Umlauf kommen, halten sich ewig.

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Beobachter: Sie kritisieren die Kommunikation der Schulen. Was muss sich ändern?
Mulle: Viele Probleme könnten aufgefangen werden, wenn die Schulen schneller und besser informieren würden. Oft ist das den Schulen aber gar nicht bewusst, das ist das Problem.
Forte: Die Kommunikation ist ein Problem, das habe ich auch gemerkt. Bei uns hätte schon so viel vermieden werden können, wenn die Schule allen Eltern einen Brief geschrieben hätte, in dem gestanden wäre, dass sie dran sind und nach Lösungen suchen. Geschieht das nicht, ist die Gefahr gross, dass Sachen nach aussen getragen werden, zum Beispiel über die Medien. Wenn ich dann die Schulleitung frage, wieso sie nicht informiert hat, dann höre ich: «Wir sind nicht verpflichtet, euch ­Eltern zu informieren.» Ja, verpflichtet nicht, aber es wäre viel sinnvoller, als den Sturm anwachsen zu lassen.

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Beobachter: Spricht daraus eine Art Verletztheit, weil Eltern sich einmischen?
Forte: Nein, eher unklare Zuständigkeiten. Bei uns ist etwa das Modell der Schul­leitung noch neu.
Mulle: Das ist der Punkt. Viele Schulleitungen sind erst seit wenigen Jahren eingesetzt. Die Lehrer haben sich das nicht gewünscht, da gibt es viele interne Animositäten und Streitereien. Die Teams müssen sich erst finden und zusammenwachsen. Solche Dinge, wie sie Frau Forte geschildert hat, sind aber typisch für Schulen, an denen viele gutausgebildete Eltern ihre Kinder haben. Bei Herrn Rotondi ist die Schwierigkeit wohl eher, die Eltern überhaupt einbinden zu können.

Beobachter: Heisst das: Je besser der Ausbildungsstand der Eltern ist, umso mehr mischen sie sich ins Schulgeschehen ein?
Mulle: Gutausgebildete Eltern haben klare Bildungsansprüche, kennen unser Bildungssystem und haben auch klare Vorstellungen, welche weiterführenden Schulen ihr Kind besuchen soll. Und sie können sich gut ausdrücken und kommen zu ihrem Recht. In einem solchen Milieu hat es mehr aktive Eltern. Aber: Migranten­eltern haben genau die gleichen Interessen und Fragen, doch sie gehen nicht aktiv auf die Schule zu, sondern informieren sich in ihren Kreisen. Dass das dann als Desinteresse abgetan wird, halte ich für falsch. Grundsätzlich wollen die aller­meisten Eltern mit der Schule zusammenarbeiten und nur das Beste für ihr Kind.

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Beobachter: Die Beobachter-Umfrage hat gezeigt: Eine Mehrheit der befragten Eltern erwartet von der Schule, dass sie den Kindern gute Umgangs­formen beibringt. Kann das sein?
Forte: Das ist ein Riesenproblem. Die Schu­le kann ihren Bildungsauftrag manch­mal fast nicht wahrnehmen, weil sie absorbiert ist von Dingen, die von zu Hause kommen müssten. Ich habe kürzlich meinen alten Lehrer getroffen. Er erzählte mir, dass er jeden Morgen mindestens 15 Minuten mit Erziehungs- und Anstandsfragen beschäftigt ist. Er sagte, er sei wirklich mit Leib und Seele Lehrer, stosse jetzt aber langsam an seine Grenzen. Kinder müssen gewisse Umgangsformen zu Hause lernen, das ist die Aufgabe der Eltern. Viele machen das grottenschlecht, leider. Der Respekt vor den Lehrkräften wird den Kindern daheim oft nicht beigebracht.
Mulle: In der Schweiz sind die Eltern für die Erziehung verantwortlich, und die Lehrpersonen sollen die Eltern in der Erziehung unterstützen, das steht in den meisten Schulgesetzen so. Das heisst also, die Schule hat auch einen gewissen Erzie­hungs­auf­trag. Deshalb werden in manchen Kantonen Eltern gebüsst, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Ich halte das für eine schlechte Lösung. Eine Busse wird das Verhalten kaum ändern.

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Beobachter: Gibt es denn bessere Lösungen?
Mulle: Gut finde ich, was im Kanton Solothurn läuft. Dort wird mit gegenseitigen Schulvereinbarungen versucht, dem Pro­blem gerecht zu werden. Eltern, Schüler und Lehrer verpflichten sich mit ihrer Unterschrift zu gewissen Verhaltensregeln.


Lehrpersonen sollen gute Umgangsformen vermitteln.

Frage: Sind Sie der Meinung, dass es die Aufgabe der Lehrperson ist, den Schülern gute Umgangsformen beizubringen?

Antworten von Eltern, in Prozent

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Die Mehrheit der Eltern will Tagesschulen.
Frage: Sind Sie für oder gegen die flächendeckende Einführung von Tagesschulen (ganztägige Betreuung von Schulkindern)?

* Die fehlenden Werte bis 100 Prozent fallen unter «weiss nicht».

Quelle: Repräsentative Beobachter-Umfrage, 503 Personen, Februar 2011;

Beobachter: Ob man sich im Konfliktfall daran hält, ist ja wieder eine andere Frage. Ist es zum Beispiel nicht anmassend, wenn ein Managervater einem Lehrer erklärt, wie er seinen Job zu machen hat? Niemand würde einem Piloten sagen, wie er sein Flugzeug steuern soll.
Rotondi: Es geht ja nicht darum, ihm zu sagen, wie er den Job machen soll, sondern darum, ihm zu sagen, wo etwas nicht mehr stimmt. Viele Eltern werden doch erst aktiv, wenn das Fass am Überlaufen ist.
Mulle: Bei mir ist es ja schon eine Weile her, dass ich in dieser Situation war, aber mir als Mutter ist es immer darum gegangen, der Schule eine Aussensicht zu geben. Was höre ich von meiner Tochter? Was nehme ich wahr von aussen? Ich mache mir Sorgen über diese Entwicklung! Mit solchen Fragen und Wahrnehmungen auf die Schule zuzugehen, das halte ich für den richtigen Weg. Dann bekommt man auch meist befriedigende Antworten.
Rotondi: Das sind aber zwei verschiedene Ebenen: Wenn es noch nicht brennt, dann soll man den konstruktiven Dialog suchen – einverstanden. Aber wenn das Schlamassel schon da ist? Schlimme Zustände nicht behoben wurden? Die Gesundheit meines Kindes gefährdet ist? Dann sind meiner Meinung nach auch andere Massnahmen erlaubt.

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Beobachter: Kampfmassnahmen?
Rotondi: Das klingt mir zu böse. Aber ja: Druckmittel, die deutlich machen, dass man genug geredet hat, dass jetzt endlich etwas passieren muss. Nicht erst in ein paar Wochen, sondern schnell. Die Schulbürokratie ist unendlich langsam. Das nervt viele Eltern, mich auch.

Beobachter: Haben Sie selber deshalb auch schon zu rabiateren Mitteln als dem Dialog gegriffen?
Rotondi: Ja. Bei uns gab es einen Vorfall, bei dem Kinder im Kochunterricht gezwungen wurden, halbrohes Hühnerfleisch zu essen – als Disziplinarmassnahme. Da wollte ich nicht mehr nur nett sein oder gar schweigen, obwohl mein eigenes Kind nicht betroffen war. Ich habe ein Online-Portal aufgeschaltet, die Schulleitung ­konfrontiert und auch eine Aufsichts­beschwerde eingereicht. Die Rückmeldung war lapidar. Das stimme alles nicht, was ich schreibe, sei eine Drohung… Da­raufhin habe ich die Medien informiert.

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Maya Mulle, 58, zwei Kinder (30 und 26). Die ehemalige Schulpflegerin hat die Fachstelle Eltern­mitwirkung aufgebaut und leitet sie. Ausserdem ist sie Geschäftsführerin von Elternbildung CH sowie selbständige Organisationsberaterin, Mediatorin und Coach.

Quelle: Gerry Nitsch

Beobachter: Wie beurteilen Sie als Expertin dieses ­Vorgehen, Frau Mulle?
Mulle: Horror, schlicht Horror.

Beobachter: Für wen?
Mulle: Für beide Seiten. Für mich ist es eine typische Eskalation, bei der man am Ende nur noch den Weg an die Öffentlichkeit als Lösung sieht. Dabei muss man sich aber bewusst sein, dass man, wenn man an die Presse geht, so nicht mehr tragbar ist für eine Schulleitung. Man kann keine Ansprechperson mehr sein. Sie waren nicht loyal, Herr Rotondi, jetzt ist die Eskala­tionsstufe schon zu hoch. Lohnt sich das?
Rotondi: Ich habe mich wohl nur dazu hinreissen lassen, weil halt nie ein irgendwie verständnisvolles Feedback von Seiten der Schule gekommen ist, obwohl ich schon länger ein Gespräch gesucht habe. Ob ich jetzt noch tragbar bin, ist für mich sekundär, da ich in früheren Gesprächen ja auch nichts erreicht habe und meine Kinder nicht mehr ewig an dieser Schule sind.

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Beobachter: Kann man nach einem solchen Vorfall wieder auf die Sachebene zurückfinden?
Mulle: Hier geht es doch nur noch darum, recht zu haben. Das kanns nicht sein. ­Meiner Meinung nach steht hinter diesem Konflikt ein «kleiner Fisch», nicht in Ordnung, natürlich, aber eine solche Eskala­tion deswegen, das ist doch völlig unnötig.

Beobachter: Was genau wollen Sie denn erreichen, Herr Rotondi?
Rotondi: Dass klar ist, wo die Grenzen sind. Dass es überhaupt Grenzen gibt. Ich bin wohl etwas zu schnell vorgeprescht, würde ein andermal vielleicht noch etwas länger zuwarten. Aber meine Botschaft an andere Eltern ist: Werdet aktiv, lasst euch nicht ­alles gefallen. Dass dabei Fehler passieren können, darf einen nicht hindern.