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Blind im Beruf «Jeder urteilt, niemand fragt»

Eine spezielle Software, seine Braille-Schriftzeile und Kopfhörer – mehr braucht Moritz Wyder nicht, um am Computer zu arbeiten. Bild: Hanna Jaray

Ein Blinder am Computer – kann das funktionieren? Sehr gut sogar! Trotzdem erhalten Sehbehinderte kaum die Chance, sich zu beweisen. Ein Betroffener über Bewerbungsfrust und Vorurteile.

von Jasmine Helblingaktualisiert am 2016 M12 19

Moritz Wyders Arbeitsweg führt an der Zürcher Langstrasse entlang zum Helvetiaplatz, wo er auf den Bus umsteigt. Das Chaos aus Gerüchen und Geräuschen mag andere stören, ihm hilft es bei der Orientierung. Rechts beim Grill-Imbiss wird das Stimmen-Wirrwarr grösser, links hupen und drängeln gestresste Autofahrer.

Einzig bei Ampeln ohne Vibrationssignal kann er sich nicht sicher sein. Da läuft er auf gut Glück, sobald es ruhig ist.

Einfacher wird es im Büro: Die Anzeige im Lift ist mit Punktschrift versehen, vom Eingang bis zum eigenen Schreibtisch orientiert er sich an einem geöffneten Büro, zwei Abzweigungen und drei Pulten, die er mit dem Blindenstock ertastet.

Aufgrund einer nicht erklärbaren Entzündung des Sehnervs ist der 27-Jährige seit seinem achten Lebensjahr blind. Auf dem rechten Auge bleibt ihm ein restliches Sehvermögen von einem Prozent, durch dessen Hilfe er grobe Umrisse erkennt.

Morgens startet er seinen Computer, koppelt die Braille-Schriftzeile mit der Tastatur und steckt seine Kopfhörer ein. «Ein Blinder am Computer – viele können sich nicht vorstellen, wie das funktionieren soll», so Moritz Wyder.

Nur wenige Hilfsmittel nötig

Dabei brauchen Sehbehinderte am Arbeitsplatz weniger, als man annehmen würde: Ist noch ein Sehvermögen vorhanden, sollte der Bildschirm genügend gross sein, ausserdem muss die Beleuchtung angepasst werden. In anderen Fällen – so auch bei Moritz Wyder – ist eine spezielle Ausrichtung des Arbeitsplatzes gar nicht nötig.

Wichtiger ist eine Software, mit welcher die benötigten Programme mittels Sprachausgabe eingelesen und über Kopfhörer widergegeben werden können. Enthält ein Text viele Zeichen oder ist die Rechtschreibung wichtig, können Sehbehinderte auf die Braille-Schriftzeile zurückgreifen, die der Tastatur unterlegt ist. Diese übersetzt den Text auf dem Bildschirm mithilfe von beweglichen Stäbchen in Blindenschrift.

Die Braillezeile wird der Tastatur unterlegt und bildet den Text mithilfe von hochschnellenden Stäbchen an.
Die Braillezeile wird der Tastatur unterlegt.
Quelle: Hanna Jaray

«Die Digitalisierung ist für mich ein Glücksfall», erklärt Moritz Wyder. Für sein Studium der Sozialen Arbeit an der Hochschule der Angewandten Wissenschaften (ZHAW) lädt er sich das Vorlesungsskript auf den Laptop, recherchiert online und füllt Prüfungen digital aus. Die Smartphone-Funktion «VoiceOver», eine Sprachausgabe, erleichtert ihm ausserdem den Kontakt zu seinen Mitstudenten, indem sie beispielsweise SMS vorliest.

Doch die Technik hat auch Grenzen: Bilder und Grafiken kann die Computer-Software nur schwer erkennen. «Ich könnte sie zwar in ein anderes Programm einlesen lassen, das ist mir dann aber meist doch zu mühsam.» Und für die Arbeit auch selten notwendig.

Trotzdem dauerte es vergleichsweise lange, bis er zwei Praktika fand, die er für sein Studium braucht.

Etliche Absagen trotz guter Qualifikationen

Ohne die Hilfe von Familien und Freunden hätte Moritz Wyder noch länger gesucht, da ist er sich sicher. «Meist reagierten die Unternehmen gar nicht erst auf meine Bewerbungen. Wenn ich nachhakte, hiess es, sie hätten jemanden mit besseren Qualifikationen gefunden», erinnert sich der Student. Sicher konnten nicht alle Absagen mit seiner Sehbehinderung begründet werden – da ist er realistisch – und doch: im Gegensatz zu seinen Mitstudenten wurde er nicht einmal zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Dabei studiert er wie sie Soziale Arbeit, schreibt gute Noten und konnte bereits erste Berufserfahrungen sammeln.

Am meisten stört Moritz Wyder, dass kaum jemand auf ihn zukommt: «Jeder bildet sich ein Urteil, aber niemand fragt nach.» Vor einiger Zeit zog eine Arbeitgeberin ihre Zusage am Telefon erst kurz vor Stellenantritt zurück. Sie gestand, dass sie sich die Zusammenarbeit mit einem Blinden doch nicht vorstellen könne und sich beim Gedanken unwohl fühle. In einem anderen Fall bewarb er sich bei einer staatlichen Organisation, eine Rückmeldung blieb aber aus. Erst später lernte er zufällig eine Mitarbeiterin des Betriebs kennen, die ihm von einer aufwändigen Abklärung erzählte. Das Unternehmen wollte so prüfen, ob die Arbeitsplätze und -strukturen für Blinde geeignet seien. «Das wäre kaum nötig gewesen, wenn man mich einfach gefragt hätte», so Moritz.

Mit Schwierigkeiten bei der Stellensuche ist Moritz Wyder als Sehbehinderter nicht allein, wie eine Untersuchung des Schweizer Blindenbundes zeigt. Diejenigen Befragten, die zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurden, hatten das Gefühl, nur aus Neugier geladen worden zu sein. Zwar staunten Arbeitgeber über die gute Ausbildung ihrer blinden Bewerber, einen «adäquaten Job» konnten sie ihnen aber dennoch nicht anbieten. Die Sehbehinderung sei ein grosses Risiko für den Betrieb, hiess es oft.

Diese Kosten übernimmt die IV

Arbeitgeber gehen beim Einstellen sehbehinderter Angestellter nur geringe finanziellen Risiken ein. Die Invalidenversicherung (IV) setzt Anreize, indem sie sowohl die Ausstattung als auch das Einrichten eines Arbeitsplatzes übernimmt und einen Einarbeitungszuschuss auszahlt. Auch das IV-Modell «Arbeitsversuch» kommt Arbeitgebern und Angestellten entgegen: «Man kann einen Arbeitsversuch als sechsmonatige Probezeit verstehen, die von der IV bezahlt wird», erklärt Daniela Aloisi von der SVA Zürich. So können Vorbehalte in den meisten Fällen ausgeräumt werden. 

«Arbeitgeber müssen Mut zeigen»

Als Moritz Wyder sich beim Beratungszentrum des Beobachters bewarb, wurde er zu einem Schnuppertag eingeladen und kurz darauf eingestellt. «Natürlich mussten wir uns anfangs etwas umorganisieren, aber jeder Betrieb sollte den Mut zeigen, auch einmal etwas auszuprobieren», so Walter Noser, sein Praxisausbildner im Beratungszentrum. Seine Entscheidung hat er nie bereut.

Zuerst war er der mit dem Blindenstock, doch schon bald wurde er zu Moritz, einem von ihnen. Der im Sommer in der Limmat schwimmt, im Winter Ski fährt, gerne durch Südamerika reist und noch lieber nach Hause kommt, wo er selbständig ist. Moritz, der gerne schwarzen Kaffee und Zürcher Bier trinkt. Der weniger schlafen und mehr lernen sollte. Der sich wie jeder Student davor fürchtet, nach dem Studium keinen Job zu finden.

Unbegründet, hoffentlich.